
Im Januar 2018 warf der Leiter des theologischen Sekretariats der reformierten Schweizer Landeskirche dem damaligen Papst «Populismus» vor. Der Anlass: Franziskus überlegte sich, ob das Vaterunser nicht umzuschreiben sei. «Und führe uns nicht in Versuchung» spiegle nicht die Haltung eines Vaters; stattdessen müsste gebetet werden: «Und lass uns nicht in Versuchung geraten».
Im Interview mit dem Zentralorgan der reformierten Schweizer Landeskirche [1] argumentierte der Cheftheologe Matthias Krieg, das Gebet sei zweitausend Jahre alt und man dürfe alte Texte nicht einfach umschreiben, nur weil uns eine Aussage nicht (mehr) passe.
Wo kommt denn die Passage her, welche der Papst ändern möchte? Wer hat sie erfunden, wer alles hat sie übersetzt? Hat Gott selber sie einem Religionsstifter einst diktiert? Wer ist Gott? Wer hat Gott erfunden?
Der Papst rücke sich Gott zurecht, kritisierte Krieg. Gott sei nicht einfach gut und der Teufel böse, das spiele direkt den populistischen Fundamentalisten in die Hände; denn Gott sei unergründlich.
Angenommen, es gibt einen Ursprungstext mit der Aussage «und führe uns nicht in Versuchung»: Wer hat ihn erstmals gesagt, wer hat ihn erstmals aufgeschrieben, und in welcher Absicht?
Ein Theologe, der das Zentrum des organisierten Glaubens als unergründlich bezeichnet, macht sich notwendig. Er bietet sich an, die Not des Nichtverstehens und der Sinnfrage von Gläubigen zum Guten zu wenden: Kommt her und hört, ich bin näher bei Gott, ich kann euch ins Geheimnis einführen. Aus diesem künstlichen Gefälle sind Priestergesellschaften entstanden, nicht zuletzt die mächtige katholische Kirche mit ihren Herrschaftsinstrumenten Katechismus, Beichte, Inquisition, du musst das glauben, weil ich dir sage, dass es so ist, und wehe, du weichst vom Pfad des rechten Glaubens ab! Das ist nicht Erklärung von Sinn, sondern schlicht Unsinn.
Glaube, Wissen, verordnete Religion
Ob das Gebet nun so oder anders «richtig» sei, ist reine Glaubenssache. Also meine eigene Sache. Wenn ich Zuflucht dazu nehme, etwas zu glauben, weil ich es nicht weiss, ist das meine Entscheidung, so unbewusst sie auch sein mag. Wenn mir aber jemand sagt, ich hätte so oder so zu glauben, ich hätte diesen oder jenen Sinn in etwas zu finden, masst er sich an, mein Nichtwissen für seine Zwecke zu missbrauchen – zum Beispiel, um sich als kompetenter in Glaubensfragen zu geben als ich. Doch wie kann irgendjemand besser wissen als ich, was ich glauben soll?
Wenn der Papst inskünftig «Und lass mich nicht in Versuchung geraten» betet, mag das für ihn richtig sein, und wenn der reformierte Cheftheologe am alten Text festhält, mag das für ihn so stimmen. Sie sollen es nur nicht verordnen, so wenig irgendjemand mir zu sagen braucht, wie ich mit dem Grossen, Unerklärlichen, das ich in mir ahne, ins Gespräch komme und Sinn finde. Denn das Verordnete ist nicht Glauben, sondern organisierte Religion, eine Nachbeterei – das Gegenteil von Philosophie, von Wissenschaft überhaupt, die um Wahrheit streitet, ohne mit dem Anspruch aufzutreten, im Besitz der allein richtigen Wahrheit zu sein.
Zuerst publiziert am 28.01.2018 auf Facebook
Quelle:
[1] https://reformiert.info/admin/data/files/asset_file/file/790/171229_reformzh.pdf?lm=1585575640
Ausgewählte Reaktionen auf Facebook (2018):
Urs: Lieber Billo, ich wundere mich, dass Du Dich in diesen Glaubens-Disput genervt(?) einbringst.
Tja… Gebete. Die Vorstellung einer vermeintlichen Pflicht, Gott Gedichte zu rezitieren, um ihn damit zu erfreuen, zu bitten oder gar gnädig zu stimmen… ist schon eine eher naive Idee, insbesondere, wenn dies anderen Leute in ihrem spirituellen Bemühen von Unbeteiligten unterstellt wird.
Spirituelle Übungen, seien es Gebete oder Meditation, haben wohl Wirkung auf den Menschen selbst in seiner Öffnung, Erhebung oder auch Erniedrigung.
Ob Religion an sich Unsinn ist, wage ich nicht zu beurteilen. Dass aber Im Gebet der Christen Gott gebeten werden soll, er möge doch die Betenden nicht in Versuchung führen, empfinde ich durchaus als Unsinn. Genauer, eine (organisierte) Unterstellung, Gott hätte diese angebliche Verführung im Sinne.
Endlich nimmt sich der Pintifex diesem Unsinn an!
Im Netz gibt es den Urtext dieses Gebetes in der Sprache, die damals Jesus gesprochen hatte: Aramäisch. Ob der Text dann authentisch ist, weiss ich nicht…
Zu Deinem Herrschaftsinstrument Katechismus» (meine Frau hatte mir den Römischen Katechismus geschenkt, weil ich genau darüber gelästert hatte…) – nun kann ich selektiv nachlesen, was denn wirklich die offizielle Lehrmeinung der RK ist. Vorweg, es gibt viel sowohl-als-auch in diesem «Schunken“». Zum Gewissen des Menschen steht bei Nr: 1776: «Im Innersten seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muß und dessen Stimme ihn immer anruft, das Gute zu lieben und zu tun und das Böse zu meiden und so, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt… Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist… Und das Gewissen ist der verborgenste Kern und das Heiligtum des Menschen, in dem er allein ist mit Gott, dessen Stimme in seinem Innersten widerhallt.» (GS 16).
Ich denke, Du musst Deine Vorstellung von kirchlicher Herrschaft und Folgsamkeit leicht revidieren. Seit dem 2. Vatikanum ist offizielle Lehrmeinung der RK, dass es verschiedene Heilswege gibt, das ist auch im römischen Katechismus nachzulesen, es klingt nicht nach Herrschaftsanspruch… Sachverhalte, die viele Katholiken selbst nicht wissen und noch weniger ihre Kritiker. Leider steht auch drin, dass das AT göttliche Offenbarung sei, das glaube ich nicht, ich kann mich dabei auf meine RK-anerkannte Gewissensfreiheit berufen (falls nötig, um der Inquisition zu entkommen ;-)).
Billo: «Pintifex» sagt eigentlich alles, Urs! Was die im 2. oder wievielten Konzil ausbaldovert haben, ficht mich eher wenig an – ich erlaube mir immerhin den Hinweis darauf, dass das Konzil in Konstanz für die Beteiligte vermutlich das lustvollste gewesen ist, immerhin das – ob es für die Lustdienenden auch so war, würd ich mal bezweifeln. Inwiefern das nun ein «genervtes» Einbringen sein soll entzieht sich meiner Wahrnehmung; meines Erachtens ist die Feststellung, dass Glauben Unsinn ist, keine Angelegenheit der Nerven.
Urs: Ah, Du hast meinen Tippfehler gesehen – sagt Dir alles, sagst Du, ja dann, alles Gute!
Billo: Das Problem besteht, wie eingangs ausgeführt, doch darin, dass jemand vorgeben will, wie andere zu beten hätten. Der Streit um die richtige Wortwahl ist vollkommen lächerlich, es sind so oder anders nicht die Worte, die du oder ich wählen würden, bäten wir denn.
Irmy: Es gibt doch einen gewaltigen Unterschied zwischen Religionszugehörigen und denen, die für sich selbst diesen oder jenen «Draht» zum Unbekannten gefunden haben oder ihm auf der Spur sind. Religionen sind Machtinstrumente und haben mit echtem Interesse an übersinnlichen Themen nix zu tun – aber sowas von gar nix.
Heinz: Religion ist Verwaltung des Unsinns. Von da her machen solche kleine Änderungen eben wieder Sinn. Es geht wie immer um Schuld und Sühne als Machtmittel. Wer da wie verzeiht ist dann schon wichtig.
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