Monat: März 2013

  • Verzweifelter Religionslehrer

    Frage von Olivier Flechtner:

    Mit welcher naturwissenschaftlichen Aussage brachte ich meinen Religionslehrer in der ersten Klasse zur Verzweiflung?

    Hier das Ergebnis.

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  • Springbrunnen


    Frage von Martin Brasil:

    Nicht nur in Brasilien, auch in anderen lateinamerikanischen Ländern und in Europa habe ich in den vergangenen zehn Jahre mit dem Handy einige Videos gemacht.

    Frage: In welcher Stadt nahm ich dieses Video auf?

    Hier das Ergebnis.

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  • Über die helvetische EUnmöglichkeit

    Versuch einer Erklärung, warum sich die Schweiz so schwer tut mit der Vorstellung, dereinst zur EU gehören zu können. Die 2013 angestellten Überlegungen in der Auseinandersetzung mit Aussagen des österreichischen Schrifttstellers und engagierten EU-Erklärers Robert Menasse bleiben auch im Hinblick auf die bevorstehende Volksabstimmung zum neuen Rahmenvertrag zwischen der EU und der Schweiz aktuell, wenngleich es hier nur um Vereinbarungen geht, die der Schweiz den weiteren Zugang zum EU-Binnenmarkt sichern sollen.

    Lieber Robert Menasse,

    ich verfolge deine Auseinandersetzung mit der EU seit geraumer Zeit und nicht ohne – wenn auch skeptische – Sympathie, da deine und meine Anliegen nicht so weit auseinander liegen; und es könnte ja sein, dass ich mich täusche und du vielleicht doch recht hast mit dem Weg, auf welchem unsere Anliegen eher zu verwirklichen wären. Es ist nach meinem Wissen zudem eher selten, dass sich ein Intellektueller deutscher Zunge so eingehend und erkenntnisoffen auf die EU einlässt, sie auslotet und ihre Essenz zu finden versucht im Hinblick auf unseren Alltag auf diesem alten Kontinent. Dies allein verdient schon Respekt – und Dank!

    Dennoch, Widerspruch regt sich unbezähmbar, auch wenn ich viele deiner Argumente teile, und drängt mich zu so langer Schreibe, dass es den Rahmen eines comments in deiner Facebook-Notiz [1] bei weitem übersteigt und als eigene Notiz hier dagegengestellt sein will.


    Schweiz-Klischees helfen nicht verstehen

    Du referierst das Schweizer Beispiel ungenau, zu klischeehaft; als Schweizer darf ich das kritischer sehen. So freiwillig sind nicht alle Kantone zur Eidgenossenschaft gestossen. Die Waadt, der Thurgau und der Aargau waren Untertanengebiete: von anderen Kantonen eroberte (oder aus Sicht der Eroberer: von anderer fremder Herrschaft befreite) Gebiete. Und die freiwillige Vereinigung des losen Staatenbunds, der eigentlichen Eidgenossenschaft, zum Bundesstaat und zur Nation Schweiz war auch nicht nur die freie Assoziation williger Völker, sondern mindestens so sehr die Folge eines Bürgerkriegs zwischen den reformierten Industriekantonen und den im «Sonderbund» abtrünnig zusammengeschlossenen katholischen Landkantone, der nur dank besonnener Menschen auf beiden Seiten relativ unblutig verlief und 1848 mit der ersten Schweizer Bundesverfassung endete.

    Was die Mehrsprachigkeit und Multiethnizität der Schweiz betrifft: das sind beliebte Bilder in der (Selbst-) Beschreibung meines Herkunftslandes, die genauer Betrachtung freilich nicht standhalten. Die Deutschschweizerenen [2] müssen in der Schule Französisch lernen, die Westschweizerenen umgekehrt Deutsch, und in beiden Landesteilen ist das unbeliebt. Also Achtung vor Analogieschlüssen von einem so nicht gegebenen helvetischen Beispiel auf eine von den allermeisten Menschen in Europa nicht nur nicht gelebte, sondern auch gar nicht gewollte Vielsprachigkeit und Multikulturalität.

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    Warum hat das Englische in Europa auf übernationaler Ebene im Lauf von nur etwa zwei, drei Jahrzehnten alle andern Sprache abseits gedrängt, und zwar in Politik, Wirtschaft und Privatleben? Sicher nicht, weil Grossbritannien ein besonders leuchtendes Mitglied der EU war, sondern einfach aus Bequemlichkeit aller Beteiligten, die «Englisch» sprechen, weil das sowieso alle ein wenig können – und weil man sich bei diesem Allerweltsspeak auf keine andere Kultur einlassen muss.

    Wenn ich heute Französisch als eine meiner Arbeitssprachen bezeichnen darf, hab ich das sicher nicht den mühsam durchlittenen Stunden in der Mittelschule zu verdanken und schon gar nicht dem Lehrer, den seine soigniert konservative frankophile Ader nicht hinderte, bei einer fremdenfeindlichen Bewegung mitzutun (was ich freilich erst später erfuhr, als wir uns bei einer Demo gegen eben diese Bewegung gegebüberstanden). Nein, mein Französisch hab ich mir vor allem angeeignet, als ich es im beruflichen Kontakt mit dem Ausland einfach brauchte, vor allem im Senegal.


    Schweiz bewegte sich nur unter Druck von aussen

    Das ist nicht untypisch: Die Schweiz als Ganzes hat sich immer erst weiterentwickelt, wenn sie von aussen dazu gedrängt wurde. Im Innern neigt sie zur Behäbigkeit, zum Konservatismus. In der vermeintlichen Wiege der Demokratie war das Stimmrecht einst, wie überall sonst in Europa, auf jene beschränkt, die Land und einen Penis besassen. Die herrschten einer Aristokratie nicht unähnlich in ihren Städten und Landschaften. Es war Napoleon, der diese Kruste aufbrach, und als die alten  Herrschaften das Rad später wieder zurückdrehen wollten, waren es nicht zuletzt rebellische Immigrantenen, welche die demokratische Entwicklung im Land beseelten.

    Aber die Schweizerenen sind auch gelehrig. Die radikalliberale Revolution von 1848 war wohl in keinem andern europäischen Land erfolgreicher und machte das arme Auswandererland ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Industrieland mit dem nun seit Jahrzehnten höchsten Ausländeranteil Europas, das jeden zweiten Franken im Export verdient. Die Weltoffenheit der kleinen Alpenrepublik ist daher vor allem eine Offenheit aus ökonomischer Einsicht, wie einst zu Zeiten der Reisläuferei vor mehr als fünfhundert Jahren, deren Beute einige Familien reich und zu Herren gemacht hatte,

    Heute befindet sich die Schweiz – und ich sage das bedauernd, in Anhänglichkeit zum Land, in dem ich fast mein ganzes Leben verbracht habe – eher wieder in einer Phase der Verkrustung. Es dominiert dabei vielleicht, da hast du recht, weniger der Nationalismus, aber doch ein Gefühl, als «Sonderfall Schweiz» ein ganz besonderes Land zu sein, das sich von andern besser fernhält und ihnen, noch besser, Lektionen erteilt. Dieses Selbstbild hat in den letzten zwanzig Jahren allerdings noch und noch Schläge einstecken müssen, zuerst den industriellen Niedergang einst weltweit führender Konzerne wie Sulzer, dann das Grounding der Swissair und später gar jenes einer der beiden (heute abgewickelten) nationalen Weltbanken (ein begrifflicher Widersinn in sich, der leicht auch der Nation das Genick hätte brechen können), und schliesslich die Dauerangriffe aus Washington, Berlin und Brüssel auf das Schweizer Bankensystem, diese Aorta der helvetischen Volkswirtschaft. Noch liegen die Nerven nicht blank, noch schützt die relative wirtschaftliche Behaglichkeit vor stärkerem Aufbrechen vorhandener Ressentiments gegen alles Fremde.


    Gemeindeautonomie ist entscheidender

    Selbstbewusstsein? Bürgersinn? Ich glaube nicht, dass Schweizerenen mehr davon haben als Angehörige anderer europäischer Länder. Aber wir haben in der Schweiz sehr viel mehr Möglichkeiten, unser Selbstbewusstsein und unseren Bürgersinn zu manifestieren und aktiv Einfluss zu nehmen; nicht nur, weil wir sechs- bis achtmal jährlich an Volksabstimmungen über alles Mögliche teilnehmen dürfen, sondern mindestens ebenso sehr, weil die politische Kultur der Schweiz von unten her aufgebaut ist, mit einer traditionell starken Gemeindeautonomie, die es so sonst nur in Skandinavien und auf den Hebriden gibt. Jetzt, da ich zunächst in Österreich und danach in Italien lebe und aktiv beobachtend Anteil nehme, fällt mir der Unterschied der helvetischen zu zentralstaatlich geprägten Kulturen mit ihrem scheinbar unausrottbaren Bürokratismus besonders deutlich auf.

    Aus dieser gelebten Kultur heraus vor allem erklärt sich für mich die Distanz der meisten Schweizerenen zur EU. Noch ist die Mehrheit lange nicht in Sicht, welche den Beitritt zur EU beschliessen möchte, wenn denn Regierung oder Parlament den Mut hätten, die Frage zur Abstimmung zu bringen; ich selber würde vielleicht Nein stimmen wie damals 1992, als es um den Beitritt zum EWR ging, den die konservative Rechte um den national-neoliberalen Blocher und eine links-grüne Opposition knapp verhinderten.


    EU regelt oft das Falsche

    Meine helvetisch und zugleich linksautonom geprägte Welterfahrung lässt mich zweifeln an dem, was du der EU als Idee zugute hältst. Mag sein, dass ein paar alte Männer, die nun zu Gründern hochstilisiert werden, weil sie irgendwelche Papiere unterzeichnet hatten, es wirklich gut gemeint haben mit den Menschen in Europa. Und gewiss gibt es Dinge, welche die EU in einer bürgernützlichen Weise regelt, die auch Menschen in Mitgliedsländern zugute kommt, wo diese Dinge ohne Druck aus Brüssel weniger bürgerfreundlich geregelt blieben. Aber es gibt gerade in diesem Bereich noch grosse Lücken, in welchen internationale Konzerne fette Renten kassieren, ohne dafür etwas leisten zu müssen; gerade als grenzüberschreitend lebender Europäer wird mir das bewusst. So brauchst du zum Beispiel in jedem Mitgliedsland eine nationale SIM-Card, selbst wenn du in jedem Land beim selben Telecom-Konzern Kunde bist. Gleiches gilt für Versicherungspolicen. Europa der Konzerne zulasten der Bürgerenen.

    Auf der andern Seite normiert die EU Dinge, die nach dem Prinzip der Subsidiarität schlicht nicht EU-weit geregelt gehören. Während es die EU bis heute etwa nicht geschafft hat, einheitliche Elektrostecker durchzusetzen (was ja im Sinn der Personenfreizügigkeit wirklich sinnvoll wäre), schreibt sie dafür in vielen Fällen Normen vor, die keinem Bürger nützen und kein Unheil verhindern; berühmtestes Beispiel: die zulässige Krümmung von Salatgurken.

    (Dass die der EU angelasteten Fehler freilich meist die Fehler ihrer Mitgliedsstaaten sind, die noch immer nationalstaatlichem Denken verhaftet sind, habe ich, ähnlich wie Menasse, an anderer Stelle kritisiert. [3])


    EU multipliziert die Fehler des Subventionierens

    Besonders verheerend wirken sich die suprastaatlichen Anordnungen der EU dort aus, wo es um Subventionen geht, diese janusköpfigen Ungeheuer staatlicher Machtmanifestation, die stets das Gegenteil dessen zeugen, was auf ihrer Etikette steht, weshalb sie im Widerstreit politökonomischer Interessen gern auch als trojanische Pferde ins Rennen um Vorteile geschickt werden. So ist etwa die gigantische spanische Immobilienblase nicht zuletzt eine Folge der EU-Fonds für regionale Entwicklung, welche selbst hirnrissigste Tourismusprojekte im Interesse nordeuropäischer Financiers entlang Spaniens Küsten animiert und alimentiert hat.

    Ich kenne mich ein wenig mit der Landwirtschafts- und Fischereipolitik der EU aus und hab längst aufgehört, mir da noch Illusionen zu machen über den Sinn und die Wirkung von Versuchen zur Einflussnahme. Die EU-Agrarpolitik ist, zusammen mit jener der USA, ursächlich schuld an extremen Verzerrungen auf dem Weltmarkt, welche Kleinproduzenten überall auf der Welt an den Rand oder gar in den Selbstmord drängen, nicht zuletzt mit Dumpingexporten aus dem eigenen, absurd überproduzierenden Binnenmarkt. Keine Reform der «Gemeinsamen Agrarpolitik» (was für ein Euphemismus!) hat bisher den Kern dieses zerstörerischen Unsinns entfernt, der nur jenen wenigen dient, die daran viel verdienen. Nicht anders sieht es aus bei der «Gemeinsamen Fischereipolitik», auch wenn die jüngsten Reformbeschlüsse des Europaparlaments gewisse Hoffnungen aufkeimen lassen – doch das Paket ist von den Landwirtschafts- und Fischereiministern noch nicht geschnürt, und die schlafen dann am ruhigsten, wenn sie die grossen Tiere ihrer Heimindustrien gut bedient haben.

    Nicht zuletzt dank der Art der Steuerung nationaler Politiken durch die EU haben wir in Europa das Problem weitgehend überfischter Meere und haben wir viele grosse entvölkerte ländliche Gebiete, während sich die Agrarproduktion auf besonders profitablen Flächen konzentriert, deren Bodenfruchtbarkeit dadurch aufs Spiel gesetzt wird – von den sozialen Folgen mal ganz zu schweigen.


    Ausserhalb, im Kleinen gibt’s Einflussmöglichkeiten

    Von dieser Art von Problemen haben wir in der kleinen Schweiz schon mehr als genug; warum sollte ich wollen, dass sie durch einen EU-Beitritt noch potenziert würden? In der Schweiz haben wir zumindest die Möglichkeit, durch Mobilisierung der oppositionellen Kräfte manch Negatives zu verhindern und gelegentlich sogar etwa Positives in Bewegung zu setzen. Das ist ein Leitmotiv der in der Schweiz weit verbreiteten, manchmal wohl etwas reflexartigen Ablehnung eines EU-Beitritts, auf der Rechten wahlweise gemischt mit Konservatismus, Nationalismus oder Fremdenfeindlichkeit, auf der Linken mit dem Traum von einer andern Gesellschaft.

    Etwas verhindern und gelegentlich sogar etwas bewirken zu können: Das ist im «Kopf des Monsters» (Che Guevara in seiner Aufforderung an Jean Ziegler, eben gerade in der Schweiz politisch aktiv zu bleiben) immerhin nicht nichts. Bei einem EU-Beitritt verlören wir diese Möglichkeit, ohne dass wir auf EU-Ebene eine vergleichbare Bürgereinflussnahme  zurückzuerhalten würden (daran glauben nur liebe Direktdemokraten wie der Andi Gross, den ich im übrigen sehr schätze).


    Zu rasch zu gross geworden

    Ja, wenn die EU sich tatsächlich darauf beschränken würde, die Rahmenbedingungen festzulegen, innerhalb welcher in Europa zum Beispiel Land beackert, Viehzucht betrieben oder gefischt werden darf, würd ich ja fast zum EU-Fan und sähe die Schweiz, diese konservative Knacknuss, am End gar lieber heut als morgen in der EU.

    Dass solches geschieht, halt ich für eher unwahrscheinlich. Im Gegensatz zu dir bin ich überzeugt, dass die EU zu rasch gewachsen ist; weniger, was die Zahl ihrer Mitglieder betrifft, als in Bezug auf Umfang und Bedeutung dessen, was die EU heute für sie regelt – die Einführung des Euro ist nur das am schwersten wiegende Beispiel (die kriegsgeile Aufrüstung in den 2020er Jahren war da noch in weiter Ferne). Ich hab die Wirkungen der damals schon geltenden EU-Regelungen auf die Verhältnisse im Osten Deutschlands kurz vor und die ersten Jahre nach der «Wiedervereinigung» teilweise vor Ort verfolgt; auch hier ging es zu rasch und war das Tempo eine Einladung an Partikulärinteressen am Volk vorbei. Es gäbe in Europa auch ältere historische Beispiele für widerwärtige Folgen einer zu rasch und zu sehr von oben herab durchgepaukten Vereinigung zu studieren, um daraus zu lernen; so etwa die Durchsetzung der einheitlichen italienischen Republik, die eine im abgehalftert feudalen Sizilien bestehende Armut verschärft und das Entstehen und Erstarken der Mafia gefördert hat. Die Geschwindigkeit, in welcher derzeit EU-Institutionen mit dem Argument der Euro-Krise umgebaut werden sollen, halte ich für den Anfang vom Ende dessen, was einst die noble Idee der Einigung der europäischen Völker und Nationen war.

    Wenn das Schweizer Beispiel für etwas taugt, dann für die Lehre, keine Macht zu gross werden zu lassen und keine Normen zentralistisch von oben her über ganz verschiedene Köpfe zu stülpen. Leider haben die Schweizerenen selber diese Lehre mehr und mehr vergessen; andernfalls hätten sie längst dafür gesorgt, die hypertrophe Machtballung der Grossbanken aufzusplittern, notfalls gar um den Preis der Abwanderung der Cheftagen ins Ausland. Dass sie im «Kopf des Monsters» leben, ist den allermeisten Menschen in der Schweiz wohl gar nicht bewusst.


    Nachtrag am 3. März 2026

    Ob die Schweiz dem neu ausgehandelten Rahmenabkommen mit der EU zustimmen soll, werden das Parlament 2026 und die Stimmbürgerenen 2027 zu beschliessen haben. Die Debatte darüber verläuft gelegentlich, als handle es sich unterschwellig um einen Vollbeitritt zur EU, und tatsächlich kann man sich mit einem längerfristigen Blick voraus ja fragen, ob ein Beitritt nicht klüger wäre als die Umsetzung eines vordergründig auf rein wirtschaftliche Fragen beschränkten Vertragswerks.

    Was dabei leicht vergessen geht, ist der Umstand, dass sich die EU in den 13 Jahren seit der ersten Niederschrift dieser Zeilen sehr verändert hat, mit zunehmenden zentralistischen Tendenzen bei gleichzeitig abnehmender globaler Bedeutung, politisch wie wirtschaftlich, und der wachsenden Gefahr, sich selber und die Mitgliedsländer massiv zu übernehmen. Eine irgendwie geartete Zugehörigkeit zur EU erscheint heute weniger attraktiv und birgt angesichts der globalen Veränderungen auch Risiken, die bis vor kurzem nicht bestanden. Das Problem der Schweiz ist freilich, dass sie als Volkswirtschaft und als kleiner Staat nicht einmal den Ansatz einer eigenständigen Vision hat und ihr daher nichts anderes übrig bleibt, als sich in den realexistierenden europäischen Kontext einzufügen. Der lange gehätschelte helvetische Sonderfall hat längst keine Modellkraft mehr.


    Zuerst publiziert am 02.03.2013 als Facebook-Notiz, leicht redigiert/aktualisiert


    Quellen:
    [1] Menasses Facebook-Notiz, 2013 – ich empfejhle zudem die Lektüre seiner Romane «Die Hauptstadt» und «Der europäische Landbote»
    [2] MitgliederInnen – oder wie jetzt? – ein Vorschlag geschlechtsneutraler Sprache
    [3] «Über Schmutzpropaganda gegen das EU-Parlament»



    Reaktionen auf Facebook, 2013:

    Regula: Sehr spannende Zusammenfassung der Gründe gegen einen EU-Beitritt! Auch wenn ich im Herzen für eine Welt bin und es gerne so rosa wie Andi Gross sehe, finde ich die direktdemokratischen Gründe wichtig, dass nicht noch mehr am Volk oder <n meiner bescheidenen Meinung herumpolitisert wird. Das Gefühl, etwas bewegen zu können, hab ich noch. Bin sogar abstimmen gegangen.

    Irmy: Bei aller berechtigten Kritik: Die EU muss ihre Fehler ausmerzen, aus ihnen lernen und sich weiterentwickeln … den Blick nur nach hinten zu richten, was in Vergangenheit und Geschichte nicht vorteilhaft gewesen sei, lähmt jede positive Veränderung, jede Offenheit für kreative Ideen. Jetzt eine Rückwärtsdrehung, EU ein Fehlprojekt, nochmal von vorn anfangen bei den einzelnen Nationalstaaten, Wiedereinführung der alten Währungen, Grenzkontrollen, Schwachheiten? So funktioniert Entwicklung nicht. Mitnehmen, was an Ideen gut, weglassen, was schief gelaufen ist. Mittendrin weitergehn, die Augen offen halten und verbessern, verbessern, verbessern. Und die Hoffnung auf einfallsreiche Köpfe nie begraben.

    Rosi: Danke für Ihren aufschlussreichen Beitrag, vor allem für das Zurechtrücken des «Schweiz-Klischees», dem man in Österreich so gern in voller Bewunderung für das Nachbarland erliegt. Die Schweiz war schon zu Zeiten meiner Großmutter ein großes Vorbild («Schweizer Qualität – auf die konnte man zählen», die Neutralität), und heute wollen uns Politiker einreden, wenn wir nur mehr Volksabstimmungen à la Svizzera machten, wäre alles bestens. (Dabei wird gern vergessen, was uns alles von der Schweiz unterscheidet. z. B. die Konkordanzdemokratie oder dass im Bundesrat 5 Parteien vertreten sind. Oder auch die Geschichte und Rolle der Schweiz während des 2. Weltkriegs. Oder, dass das allgemeine Frauenwahlrecht erst seit 1971 besteht! …)
    Die Schweizerenen (lustige Genderform!) dagegen schauen gern ein wenig abschätzig oder mitleidig auf ihre östlichen Nachbarn. Das konnte ich am eigenen Leib erleben, als ich vor rund 40 Jahren eine Partnerschaft mit einen Schweizer einging (deshalb bin ich Basler Bürgerin), dessen Familie über den Zuwachs aus einem «Fast-Ostblock-Land» nicht gerade glücklich war. Weil ich vor allem Baslerenen kenne, habe ich von der Mehrsprachigkeit der Schweiz übrigens einen anderen Eindruck gewonnen, nämlich, dass die Westschweizerenen überhaupt nicht deutsch reden (wollen), umgekehrt die Deutschschweizerrnen aber gern französisch sprechen.
    Dass Sie nicht für einen EU-Beitritt stimmen würde, irritiert mich, ich würde an Ihrer Stelle wahrscheinlich schon aus Protest gegen die konservative Rechte mit JA stimmen. Natürlich haben Sie mit vielen Ihrer Kritikpunkte trotzdem recht! Andererseits kann die Schweiz nur «draußen» bleiben aufgrund ihrer vielen mit der EU geschlossenen Extra-Abkommen. Schließlich liegt das Land ja inmitten von Europa!
    Das Problem der EU ist, wie Robert Menasse ja immer wieder betont, das unterschiedliche, oft divergierende Interesse zwischen «Brüssel und Strassburg», also Rat und Parlament. Es sind die nationale Interessen der einzelnen Mitgliedstaaten, die durch ihre Kanzler im Europäischen Rat verfolgt und – von zu Hause aus kritisch beäugt, gefordert und kritisiert – möglichst durchgesetzt werden, damit jene ihre Posten/Macht nicht verlieren. Viele Gesetze, Erlässe oder Bedingungen wurden nicht als Idee in der EU geboren, sondern aufgrund von nationalen Interessen einzelner Länder, Konzerne und deren Lobbyisten beschlossen. Wenn dieses Tauziehen, bei dem jeder nur «das Beste für sich selber» herauszuholen versucht, einmal zu Ende ist, haben wir gewonnen!

    Billo: Als Linker kann ich ohne Widersprüchlichkeit gegen einen EU-Beitritt der Schweiz eingestellt sein. Nochmals: Den EWR-Beitritt hatten 1992 nicht Blocher und Kumpanen alleine verhindert, sondern zugleich, und dies völlig unabhängig von der Rechten, starke Kräfte von links der Mitte bis ganz links. Die EU wird ja, nicht nur in der Schweiz, nicht nur als Projekt des Friedens und der Vereinigung wahrgenommen, sondern mehr noch als Projekt des «progressiven» Kapitals, das sich dank dem grösseren Binnenmarkt und dessen im Kern undemokratischen Verfassung mehr Einfluss und mehr Profit verschafft. Eine demokratische Verfassbarkeit dieses merkwürdigen politischen Gebildes ist durchaus diskutabel, auch wenn die neuste Geschichte eine Aufwertung des frei gewählten EU-Parlaments gegenüber dem korporationistischen, bisher entscheidenden Ministerrat verzeichnet. Für Helvetenen ist die parlamentarische halt erst eine halbe Demokratie…

    Rosi: Ihre Einwände bzw. ablehnende Haltung der EU gegenüber ist mir verständlich, und auch ich bin nicht mit allem glücklich. Meine Einstellung ist jedoch eine positive und hoffnungsvolle, dass die Missstände, die es gibt, ausgemerzt werden können – jedoch nur durch die initiative engagierter Menschen in den Mitgliedsstaaten und nicht durch «von aussen zusehen und kritisieren». Das hat noch nie etwas geändert, oder?

    Billo: Autonom handeln und dadurch für sich selber wirken und andere positiv beeinflussen, das ist meine Devise – leider fehlt den meisten Schweizerenen diese aktive Sucht der Dinge, in welcher sie aus ihrem Land etwas machen könnten, das wenigstens halbwegs so stark leuchten würde als Beispiel in der Welt, wie sie es selber noch immer als gegeben annehmen…

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