Afrika! welches? wohin?

Zementfabrik südlich von Dakar, Senegal (Foto: Billo, 2005)

Ich habe oft gesagt, Afrika sei der einzige Kontinent, der seine Zukunft noch vor sich habe. Bloss: welche denn?

Ich habe mich zudem positiv geäussert zu Vorstellungen von Beat Stauffer [1] und Stephen Smith [2], wie die Migration von jungen Menschen aus Afrika nach Europa für beide Seiten fairer und sinnvoller gestaltet werden könnte: durch legale Einreisen für auf ein paar Jahre begrenzte Aufenthalte, während welcher die Migranten eine Berufslehre absolvieren, um ihr Wissen und ihre Fähigkeiten danach in ihre Heimat zurück und dort zur Blüte für ihr Land bringen zu können. 

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Ein Bericht in der Zeitschrift «Archipel» [3] hat mich nachdenklich werden lassen.  Zwei junge Afrikaner, die in Frankreich in Kollektiven von Migranten aktiv sind, diskutieren über die Lage in ihren beiden Heimatländern, Sudan und Kongo. Sie stellen übereinstimmend fest, dass die Kriege in ihrer Heimat mit der Gier der alten Kolonialherren nach Bodenschätzen, also mit der kapitalistischen Ausbeutung (Extraktivismus)  zusammenhängen. Ein Ausschnitt mit Bezug auf den Kongo:

«Die europäischen Staaten sind durch die militärische Unterstützung der ruandischen Armee in den Konflikt im Osten des Kongo verwickelt. Der französische Staat hat Kooperationsabkommen mit dem ruandischen Staat, sodass ein Teil der Soldaten ihre Ausbildung in Frankreich absolviert. Heute, im Hinblick auf die Ereignisse im Kongo, besteht die Schwierigkeit dieses Konflikts auch darin, dass sogar der “grüne Wandel” neu “überdacht” wurde. Man erklärt uns, dass dieser ökologische Wandel nur mit dem digitalen Fortschritt einhergehen kann. Man sagt uns, dass extreme Digitalisierung die Voraussetzung für einen echten Ausstieg aus fossilen Energien ist. Dies ist eine direkte Rechtfertigung für eine Ausweitung des Konflikts im Osten des Kongo. (…) Es muss also eine Art endgültige Lösung gefunden werden, das heisst ein Weg, sich das Gebiet dauerhaft anzueignen. (…) Deshalb ist die Situation im Kongo so besonders, weil sie wirklich die Schäden des Extraktivismus als Wirtschafts- und geostrategisches Modell aufzeigt, aber auch, weil sie uns alle betrifft. Gerade wegen der Aufrechterhaltung dieser Situation wird es auch hier in Europa schwierig sein, aus einer Welt, aus einem Modell herauszukommen, das wir zunehmend kritisieren.»

Strassenszene in Dakar (Foto: Billo, 2005)


Im Dienst eigenständiger Entwicklung

Wenn die Menschen in Afrika eine bessere Zukunft haben sollen als das, zu dem die europäischen Kolonialisten und ihre Nachkommen sie bis heute verdammt haben, fragt sich schon, was junge Afrikaner denn in Europa Nützliches lernen könnten. Werden sie nicht einfach als Kopien unseres Denkens und Tuns in ihre Lände zurückkehren und die bestehenden Zwänge der Ausbeutung noch zusätzlich verstärken? Was vielen Menschen in Afrika fehlt, sind nicht Handies (die haben sie), sondern die Befähigung, aus den vorhandenen Mitteln eine für möglichst viele funktionierende Wirtschaft zu gestalten, von der Landwirtschaft und der Fischerei über Handwerk und Dienstleistungen bis zur Industrie. Das setzt voraus, dass Europa sich politisch und wirtschaftlich in den Dienst einer eigenständigen Entwicklung in Afrika stellt, anstatt die afrikanischen Ressourcen weiterhin in den eigenen Dienst zu nehmen. Nur in einer solchen Haltung kann die Ausbildung von afrikanischen Migranten in Europa zur eigenständigen Entwicklung beitragen.

Zu fragen bleibt allerdings, ob es nicht klüger wäre, auch vor Ort dazu beizutragen und damit jenen Afrikanern, die aus Not auswandern, eine Perspektive in ihrer Heimat zu geben.

Senegalesische Fischer im Saloum im Gespräch mit dem Autor – hört er zu, erzählt er, doziert er? (Foto: Ousmane Bâ, 2007)


Wissen, zuhören, erzählen

In Europa sind wir es gewohnt, Wissen schriftlich festzuhalten. Der malische Ethnologe Amadou Hampâté Bâ beschreibt in seiner grossen Autobiografie «Jäger des Wortes. Eine Kindheit in Westafrika» eine ganz andere Art der Bewahrung des Wissens: durch dessen fortwährende, mäandernde und adaptive Erzählung in Geschichten. Wenn ein alter Mann stirbt, so Bâ, stirbt mit ihm eine ganze Bibliothek. (Dass er in diesem Zusammenhang nicht von einer alten Frau spricht, lässt durchblicken, was auch in Afrika sonst noch an Entwicklung ansteht.) Die orale Wiedergabe und Speicherung von in diesem Sinne nicht kodifiziertem Wissen ist auch in Afrika längst von (nach)kolonialer Schulbildung überlagert, bleibt aber eine uns fremde Grundlage afrikanischer Kulturen. In ihnen bleiben europäische Helfer, die auf einmal Geschriebenem bestehen, anstatt zuzuhören und zu erzählen, auch heute noch etwas unflexible Fremdlinge. 

Yuval Harari hat den letzten entscheidenden Unterschied zwischen Menschen und Tieren – wenn es denn einen gibt – darin gefunden, dass wir einander Geschichten erzählen können über Dinge, die es (noch) gar nicht gibt [4]. Warum beginnen wir nicht, einander die Geschichte zu erzählen, wie Menschen aus Afrika und Europa einander zuhören und sich gegenseitig unterstützen auf dem Weg in eine liebenswerte Zukunft?


Quellen:
[1] Beat Stauffer (2019): «Maghreb, Migration und Mittelmeer. Die Flüchtlingsbewegung als Schicksalsfrage für Europa und Nordafrika». Besprechung:
[2] Stephen Smith (2018): «Nach Europa! Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent». Besprechung
[3] Archipel, Nr. 352 und 353, November und Dezember 2025: «Kongo/Sudan: Kriege und Rohstoffabbau»
[4] Amadou Hampâté Bâ (1991): «Jäger des Wortes. Eine Kindheit in Westafrika» (Hammer Verlag, Wuppertal, 1993) nur noch antiquarisch erhältlich
[5] Yuval Harari (2011): «Eine kurze Geschichte der Menschheit». Besprechung


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