
Heute vor drei Monaten bin ich aus dem Spital in Gorizia entlassen worden. Nach einem Monat liebevoller Rundumfürsorge war ich nach der ersten Freude über das Wiedersehen mit meiner Katze, meinen Pflanzen, meiner Wohnung ziemlich unsicher, wie das nun im Alltag gehen soll, so schwach, ausgemergelt, unsicheren Schrittes und immer gleich erschöpft, immer müde…
Ich weiss nicht, wie ich es in den ersten Wochen zuhause ohne die zweimal tägliche und nicht minder fürsorgliche Unterstützung von Irmy geschafft hätte. Genauso wichtig war es später, schrittweise auf diese Hilfe zu verzichten, um mehr und mehr Kraft und Autonomie zurückzugewinnen.
In den letzten Wochen spürte ich mich zunehmend in meinem Leben zurück, kräftig, sicher, zuversichtlich – nur noch ruhiger als zuvor, noch mehr abwägend, was zählt, und ganz ungeniert liegen lassend, was mir grad zu viel ist.
Wenn ich heute beim Duschen oder beim Yoga meinen Leib betrachte, die Muskeln, die sich wieder bilden, die Haut, die sich wieder mehr strafft, bewundere ich das unermüdliches Wirken der Natur noch im fortgeschrittenen Alter, nicht nur der physischen Natur, auch der geistigen und der sozialen. Im Grunde ist alles wieder gut, sogar die lange Narbe längs über meinen Bauch schreit mir nicht mehr so grell entgegen, als wär ich eben erst aufgeschnitten worden; sie wird sich wenn nicht in meine Haut, so doch immer mehr in mein Körpergefühl Integrieren. Nur das Stoma und dessen tägliche Pflege erinnern mich noch handfest an eine notfallmässige Operation, ohne die ich wohl nicht mehr hier wäre; in wenigen Monaten wird auch dieses Menetekel verschwinden, dank kundiger Medizin und unglaublicher Regenerationskraft menschlicher Physis.
Ja, ich hab oft Glück gehabt in meinem Leben, und ich geniess es grad sehr, in grosser Dankbarkeit.
Zuerst publiziert am 28.06.2022 auf Facebook.
Folge #13 — Folge #15
Alle Folgen: Suchbegriff «Spitalalltag» eingeben.
Ausgewählte Reaktionen auf Facebook:
Hans-Georg: Toller Text, beglückende Aussage, begeisternde Lebenskraft, strahlendes Bild. Alles Gute und weiter so, Heinzpeter!
Roland: Du findest wieder ins pralle Leben, darauf würde ich wetten.
Karen: So ein schöner Text. Bin froh und dankbar für dich und alle, die sich ebenfalls erleichtert fühlen. Du wirst das schaffen – stay as strong as you are.
Sabine: Was für ein schönes Bild! Ich kenne dich ja nur von weitem bzw. von deinen Texten hier. Mag dir die Genesung so sehr gönnen und wünsche dir weiterhin alles Gute! Und danke fürs Erzählen deiner Geschichte. Ich lese hier aufrichtig gerne mit.
Charlotte: Gute, schöne, starke Worte und ein starkes Bild, auch für das Leben: «…dank kundiger Medizin und unglaublicher Regenerationskraft menschlicher Physis“» und deines Geistes und deiner Gelassenheit, yes. Und Irmy ist auch nicht ganz ohne.
Viola: Meine Grossmutter hat mir mal diesen Tipp gegeben:
Wenn die Zeiten schwierig sind, gehe in kleinen Schritten weiter.
Tu, was du tun kannst, aber tu es langsam.
Denk nicht an die Zukunft oder was morgen passieren kann.
Gestalte dir ein gemütliches zu Hause.
Koche dir ein leckeres Essen.
Schreibe einen Brief.
Lies ein schönes Buch.
Gehe in die Natur und genieße die Vielfalt.
Nimm ein Bad und lass die Seele baumeln.
Siehst du es?
Du gehst vorwärts, Schritt für Schritt.
Mach einen Schritt und dann Pause.
Ruh dich aus.
Schätze dich selbst.
Mach den nächsten Schritt.
Dann noch einen.
Du wirst es kaum merken, aber deine Schritte werden länger werden.
Bis es soweit ist, wo du wieder an die Zukunft denken kannst, ohne zu weinen.
Elena Mikhalkova
Thomas: Schön, wenn es wie oben beschrieben weiter aufwärts geht! Diesen Eindruck hatte ich jedenfalls auch live. Vermutlich wärst du der erste am Gipfel des Matajur gewesen, hättest du nicht den Termin gehabt.