Kategorie: Ein&Zufälle

  • Wie die Grossen sich gross und die Kleinen klein halten

    Die Vorstellung, dass wenige herausragende Köpfe schon wissen, was gut für alle anderen sei, war mir immer sehr fremd. Vielleicht verdanke ich das auch meinem Vater, der bei aller Liebe und allem Freiheitsdrang manchmal recht autoritär sein konnte.

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  • Das Oppurtunistlein und die Linke

    Cartoon: Markusszy / Wikimedia Commons

    Die Arbeiterbewegung und die aus ihr hervorgegangenen linken Organisationen haben es leider nie verstanden, sich dem zweifelhaften Charme von Obergenossen zu entziehen. Immer wieder heben sie Figuren auf den Schild, deren Programm vor allem aus ihnen selber besteht. Der Fall Jositsch ist bloss der bisher letzte einer langen Reihe.

    Grad ereifert sich die halbe Schweiz über einen Parlamentarier, den die sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich nach fünf Amtsperioden, die letzten drei davon im Ständerat, nicht mehr für eine Wiederwahl portieren wollte, weil er zu oft von zentralen Werten der Partei abwich. Stattdessen unterstützt die Partei die Kandidatur einer Frau mit sozialem Biss und nationaler Ausstrahlung. Der offenbar Beleidigte könnte seine politische Karriere mit Anstand beenden und sich künftig auf seinen nicht schlecht bezahlten Beruf als Professor für Strafrecht an der Universität Zürich konzentrieren; er zog es vor, aus der Partei auszutreten vor den Medien zu verkünden, er werde als Unabhängiger erneut kandidieren und sich im Falle einer Wahl einer bürgerlichen Fraktion anschliessen, um wieder in Kommissionen Einsitz nehmen zu können. Das ganze Theater verbrämt mit der Klage, Leute wie er hätten in der SP keinen Platz mehr, was freilich von anderen, die wie er im weniger linken Spektrum der Partei politisieren, vehement bestritten wird. Soweit die Fakten. 

    Nun wird der Abtrünnige von Leuten gefeiert, die ihn zuvor wohl eher nie gewählt hatten. Und Journalisten, die sich lieber einfachen Stories als mühsamen Analysen widmen, greifen begeistert zu, machen den Abgehalfterten zum Star des Tages und überschütten dessen ehemalige Partei mit Häme. Selbst eine einst intelligente Radiosendung wie das «Echo der Zeit» stellt das Geschichtlein gross an allererste Stelle der Abendausgabe, als wäre nichts Wichtigeres in der Schweiz, geschweige denn in der Welt passiert.


    Immer wieder Obergenossen

    Nicht nur die jüngere Geschichte der Sozialdemokratie ist voll von derartigen Ereignissen; immer wieder machen sich Personen, die dank der Partei in öffentliche Ämter gewählt worden sind, nach ein paar Jahren selbständig, weil ihnen das Parteihemd angeblich zu eng geworden sei und weil sie glauben, dank ihrer inzwischen gewonnenen ungeheuren persönlichen Bedeutung allein oder im Verein mit einer anderen Partei noch besser zur Geltung kommen zu können. 

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    Nicht nur in der Schweiz; ich erlebe das hier in Italien ebenso, wo der einst (vielleicht zu) breite Partito Democratico (PD), ein Zusammenschluss von ehemaligen Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten und Christlichsozialen die fatale Ära Berlusconi zu beenden vermochte, nur um dann an ihrem egomanen Chef Renzi zu scheitern. Er selber gründete später mit einem kleinen Grüppchen von PD-Abgeordneten eine kleine Splitterpartei, ein Gleiches tat einer seiner damaligen Minister; beide Gruppierungen sind unbedeutend, schaffen es aber dank einfallsloser Journalisten immer wieder, sich als Zünglein an der Waage zwischen links und rechts aufzuspielen, und bezeugen damit nichts weiter als ihre eigene Unfruchtbarkeit für das Land, das ihre Diäten bezahlt.


    Als Studierter auf dem Rücken der anderen

    In der Geschichte der Arbeiterbewegung und der aus ihr hervorgegangen Organisationen gab es immer wieder Figuren, die es verstanden, sich auf den Schild heben zu lassen und ihn dann als Sprungbrett für die eigene Karriere zu nutzen. Opportunisten, in einem Wort. Ich erinnere mich gut an meinen Besuch Anfang der Siebzigerjahre beim Präsidenten der sozialdemokratischen Ortspartei meines damaligen Wohnorts Wallisellen, ich ein junger Student, er von Beruf Oberrichter und ein Sozialdemokrat, der seine Parteifreunde in aller Selbstverständlichkeit als Genossen ansprach. Sein Erstaunen über mein Beitrittsgesuch werde ich nie vergessen: In seiner mehr als zwanzigjährigen Präsidentschaft sei ich der erste, der von sich aus Parteimitglied werden wolle, sagte er mir, alle andern habe man angeworben, Agitation hiess das damals (und zum Agitationsobmann gewählt wurde ich dann auch schon an meiner ersten Parteiversammlung, nachdem ich das Ansinnen des Präsidenten zurückgewiesen hatte, gleich seine eigene Funktion zu übernehmen, die er schon seit Jahren gerne los geworden wäre). 

    Ob ich denn eine politische Karriere machen möchte, hatte mich der Präsident bei meinem Besuch gefragt. Es gebe eben immer wieder Studierte, die sich bei der SP eine einfachere Karriere versprächen als in einer bürgerlichen Partei mit höherer Akademikerdichte. Nein, sowas hatte ich wirklich nicht im Sinn gehabt, ich wollte einfach aktiv werden. Wie berechtigt seine Frage war, verstand ich erst ein paar Jahre später; tatsächlich hätte ich schon als einfacher Student unter Werktätigen bessere Chancen für eine Laufbahn gehabt, die öffentliche Aufmerksamkeit und einen gut bezahlten Job beim Staat versprach. Er selber war vielleicht einst aus eben diesem Grund der Partei beigetreten, schien aber mit seinem Richteramt, dass er der Partei verdankte, bereits zufrieden.


    Bürgerliche Demokratie zieht Karrieristen an

    Die bürgerliche Demokratie war schon immer ein Spielfeld für opportunistische Karrieristen, sie zieht Personen solchen Charakters förmlich an, während die meisten Menschen gerade deswegen nicht zu einer Kandidatur bereit sind – und leider auch nicht zu aktivem politischen Tun. Die Arbeiterbewegung und die aus ihr hervorgegangenen linken Bewegungen und Organisationen – vielleicht mit Ausnahme der anarchisch orientierten – haben es leider nie verstanden, sich dem zweifelhaften Charme von Obergenossen zu entziehen. Immer wieder lassen sie Figuren an die Spitze gelangen, deren Programm vor allem aus ihnen selber besteht; einer wie Matteo Renzi ist nur ein besonders krasses Beispiel dafür.

  • Agricoltura biologica e la qualità

    Coop Italia è stata la prima catena di supermercati in Europa a inserire i prodotti biologici nel proprio assortimento. Sembra tuttavia che non abbia ancora pieno controllo della filiera dall’agricoltore al consumatore (almeno non nel caso di Coop Alleanza 3.0, la più grande cooperativa del sistema Coop Italia).

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  • Planspiele um Geld, Macht und Disziplinierung

    Foto: Simon Mannweiler / Wikimedia Commons

    Stell dir vor, es gibt einige Menschen, die unermesslich reich geworden sind, als Financiers, Private Equity raiders oder sogar mit seriöser Arbeit wie mit Software, die auf der halben Welt fast unerlässlich geworden ist. (Falls dir beim Lesen dieser Geschichte der eine oder andere Name in den Sinn kommt, ist das wenn nicht unbeabsichtigt, so doch deine eigene Leistung.) Diese Menschen sind so reich geworden, dass sie gar nicht mehr anders können, als den Hals noch voller kriegen zu wollen: noch mehr Geld, noch mehr Einfluss, noch mehr Macht. Und darum haben sie drei Probleme: die Konkurrenz von Nachahmern, die Begehrlichkeit von Steuerbehörden und Neid der übrigen Menschheit. 

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  • Weniger Energie, mehr lokale Nähe, mehr Wohlbefinden

    Heizt, kocht und bringt Menschen zusammen (Foto: Babi Hijau / Wikimedia)

    Genau das, wofür ich schon lange plädiere: runter mit dem Energiekonsum, aber nicht als individueller Verzicht von Personen, die sich das leisten können, sondern als gemeinsame staatliche Anstrengung, zum Beispiel, um die Wege zu öffentlichen Dienstleistungen kurz zu machen.

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  • Playing with eggs at Easter

    Eggs boiled with various vegetables and herbs

    ’You don’t play with your food!’ — that’s what I was told time and time again as a child. Strangely enough, there was one seasonal exception to this rule.

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  • Spitalalltag #25: Häuptling Bleifuess


    Bild: Beweisstück 1 auf Beweisstück 2: Patienten-ID auf dem Print einer stark vergrösserten Nahaufnahme eines postoperativen Hämatoms an einem hinlänglich nicht mehr lokalisierbarem Ort.

    Man gönnt sich ja nichts, also muss auch ein Leistenbruch operiert werden, zumal ein Stück Darm darin verklemmt ist. Weh tut’s zwar nicht, aber auf Dauer ist’s doch etwas hinderlich, also besser im fortgeschrittenen Alter reparieren als irgendwann noch später in noch höherem Alter.

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  • Warum Billo? Why Billo?

    Warum wählt sich jemand einen neuen Vornamen und lässt ihn sogar behördlich anerkennen?
    Why would someone choose a new first name and even have it officially recognised?

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  • Afrika! welches? wohin?

    Zementfabrik südlich von Dakar, Senegal (Foto: Billo, 2005)

    Ich habe oft gesagt, Afrika sei der einzige Kontinent, der seine Zukunft noch vor sich habe. Bloss: welche denn?

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  • Wann findet das Leben statt?

    Selbstportrait des Autors, 2019

    Sonntag! Endlich frei… Und was machst Du daraus? «Das Leben findet während der Arbeitszeit statt», sagt ein Psychologe. Das hat schon was – unter Umständen.

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  • Nach dem Spitalalltag #24

    Ma a che cosa serve sto sgabello?
    What is the purpose of this footstool?

    Wozu ist ein Schemel gut?

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  • De bescht Panetone wos je häz giz

    Nöd würkli en Panetone, sondern es Pandoro mit ooni ales, eini vo de vilen Abarte vom Panetone wo t’Induschtry erfunde hät.

    Weisch, was das isch, gäl?
    En Panetone, genau.
    Weisch, weren erfunde hät?
    Nei, nöd t’Italiener und scho gar nöd die alte Römer.

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  • Pinkeln mitten in der Nacht

    Überschwemmung in Küsnacht, 1878 (Bild: Zentralbibliothek Zürich / Wikimedia Commons)

    Ich muss in die Stadt, letzte Vorbereitungen für eine Veranstaltung, an der ich referieren werde. Mit viel Material beladen, aber gemütlich schlendere ich von zuhause in meine kleine alte Stadt; ich bin eh vor der Zeit. Als ich im Zentrum der Stadt ankomme, das mir immer fremder erscheint, einige ungewohnt hohe Häuser erinnern mich eher an meine Verirrungen jüngst in Milano [1], fällt mir ein, dass ich noch einen Würfel kaufen müsste für das Spiel, das ich am Ende eingeplant hab, um zu ermitteln, wer den Preis gewinnt. Also kleiner Umweg zum Spielzeugladen, dort die kleine Gasse hinab. Unversehens steh ich vor einer Menge Wasser, die sich unten angesammelt hat; keine Chance, da durchzukommen, alles überschwemmt. Hm, ich suche einen anderem Weg ums Zentrum herum; aber es führt keine begehbare Strasse mehr auf die andere Seite der Stadt. 

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  • Mutter ist nicht mehr da

    Meine Mutter mit ihrem Erstgeborenen, 1947

    28.10.2025 
    Heute vor vier Jahren ist meine Mutter gestorben. Es kommt noch manchmal vor, dass ich spontan denke: Ich ruf sie an, das muss ich ihr jetzt gleich erzählen; doch das passiert mir viel seltener, als hätte ich mich daran gewöhnt, dass sie nicht mehr da ist, fern zwar schon, seitdem ich ausgewandert war und wir uns nur einmal monatlich sahen, wenn ich sie und Freunde in Zürich besuchte. Auch solche Reisen sind seit ihrem Tod selten geworden.
    Nein, ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass ein Mensch nicht mehr da ist, der so wichtig war in meinem Leben. Der Tod bleibt eine Zumutung, aber nicht der eigene, gegen den Elias Canetti anschrieb. Es gäbe so viel zu erzählen, und ich weiss ja, wie sehr sie das interessiert. Ob sie es wortlos erfährt? Hoffentlich nicht alles. Wegen meiner gelegentlichen gesundheitlichen Probleme hätte sie ich wie immer furchtbare Sorgen gemacht…

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  • Ein neuer Pass auf Umwegen

    Die zuständige Behörde des Kantons Zürich hat auf mein umfangreich begründetes Gesuch hin fast umgehend bewilligt, dass ich fortan offiziell so heisse, wie ich mich schon lange nenne [1]. Damit sind mein Schweizer Pass und meine ID ab sofort ungültig. Also fährt das Landei aus dem hintersten Friaul sechs Stunden lang mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Schweizer Konsulat in Milano, in eine Stadt, die schon seit je viel zu gross ist für mich, so sehr, dass ich mich jedesmal in den Häuserschluchten verliere.

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  • Schildkröten können nichts dafür

    Zeichnung aus «Letters From the Beasts to Dina» (Pamela Colman Smith, 1905 / Wikimedia Commons)

    Den ganzen Vormittag hatte ich vergeudet mit Verkehrsproblemen, bis ich endlich am Treffpunkt ankam. Es hatte damit begonnen, dass ich vergeblich versuchte, mit meinem Handy ein Billett zu lösen; schliesslich schaffte ich es in letzter Minute mit meiner Kreditkarte an einem Automat. Im fahrenden Zug fragte ich mich dann allerdings, ob die vorbeiziehenden Häuser wirklich zu der Strecke nach Zürich gehören. Als ich etliche Passagiere wahrnahm, die üblicherweise in der selben Richtung wie ich unterwegs waren, entspannte ich mich. Drei von ihnen erkannten mich, setzten sich in meine Nähe und begonnen herumzualbern und zu singen; einer klimperte dazu auf einer Gitarre, die er unversehens in der Hand hatte.

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  • Das Sprengstoffexperiment

    Bild: Explodierende Glühlampe (Stefan Krause / Wikimedia Commons)

    Ich hatte mich bereit erklärt, als psychologisch ausgebildeter Verhaltensforscher beobachtend an einem Experiment zum Umgang mit Extremgefahren teilzunehmen. Die übrigen etwa zwanzig Personen, mit denen ich gemeinsam in einen grossen unterirdischen Raum geführt wurde, waren nach Alter und Geschlecht gut gemischt. Vier von ihnen führten etwas Material mit, das sie auf einem Tisch an einer Seite des Raums aufbauten, während sie uns erklärten, sie seien Chemiker und Gefahrenexperten und würden nun das Experiment starten. 

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  • WaldLeben? Eine Reise in meine Vergangenheit

    Kürzlich wurde ich unerwartet in meine eigene Vergangenheit entführt. Eine Historikerin und ein Historiker aus dem Kanton Zürich recherchierten Quellen zum Thema Waldsterben und waren dabei auch auf den Verein «WaldLeben» gestossen, den ich zusammen mit ein paar Freunden 1983 gegründet hatte – für die Erhaltung des Waldes überall auf der Welt.

    Wir hatten nicht einfach auf dem plötzlichen Medienhype mitreiten und die üblichen Forderungen aus ökologischer Sicht stellen wollen, sondern eigenverantwortliches Handeln fördern und damit Glaubwürdigkeit und Machbarkeit solcher Forderungen an Politik und Wirtschaft beweisen. Unser Ziel war es gewesen, mindestens 100’000 Menschen in der Schweiz zu finden, die sich freiwillig bereit erklärten, ihre Autofahrten auf ein Minimum zu beschränken, ihre Wohnung bis höchstens 19 °C zu heizen – und von den Behörden auf allen Ebenen Taten zu fordern. 

    Ob ich Zeit für ein paar Fragen hätte? Ja, sicher; aber ich musste mich erst einmal in meinem Archiv wieder in unsere damaligen Aktivitäten einlesen, es war so viel geschehen für mich seither. Was ich auf Anhieb fand, war ein Ordner mit den Ausgaben der Zeitschrift «Luftpost», die wir von 1984 bis 1990 herausbrachten und die ich redigiert und gestaltet hatte. Und während ich durch die 32 Ausgaben blätterte, staunte ich immer wieder, was wir damals alles getan und geschrieben hatten. Es ging längst nicht nur ums Auto, auch wenn dessen Gebrauch im Zentrum stand. Einzelne Aktionen hatte ich vergessen, auch deren Zahl und Vielfalt. Waldbegehungen zusammen mit Förstern, Tourneen zu Fuss oder mit Ross und Wagen durch die Dörfer, kulturelle Veranstaltungen im öffentlichen Raum, Sternwanderung aus allen Regionen der Deutschschweiz aufs Rütli, Demonstration für saubere Luft in St. Gallen mit 4000 Menschen, kurze Besetzung der Quaibrücke oder von Parkplätzen in Zürich, Vorstösse an Krankenkassen wegen der Folgen der Luftverschmutzung, und so weiter. Grössere Aktionen hatten wir jeweils zusammen mit verschiedenen nationalen und regionalen Organisationen geplant und umgesetzt.

    Aus den Wurzeln verschiedenster Gräser

    Die Art unseres Tuns hingegen war mir sogleich wieder vertraut. Der Verein «WaldLeben» zählte nur wenige Mitglieder, personell viel wichtiger waren die Menschen in den verschiedenen Regionen der Deutschschweiz, die sich autonom unter dem Motto «WaldLeben» zusammenfanden und aktiv wurden, graswurzelartig und ohne Direktiven von einer Zentrale. Meine Aufgabe als Initiant beschränkte sich auf die Redaktion der Zeitschrift als Mittel der Kommunikation untereinander und gegenüber einer interessierten Öffentlichkeit, auf Koordination soweit gewünscht und auf Gedankenanstösse. Die lose organisierten Gruppen in den verschiedenen Regionen bestanden aus Menschen, die sich aus anderen Zusammenhängen bereits kannten; einige von ihnen hatte ich zu Beginn kontaktiert, weil ich sie von früheren gemeinsamen Tätigkeiten kannte, beim Förderverein für Umweltschutzpapier und Selbstverwaltung, bei der Leser Zeitung, beim M-Frühling und ähnlichen Gelegenheiten.

    Trainingslager für die Erderwärmung?

    Das anderthalbstündige Gespräch mit meinen beiden Interviewern war auch für mich selber sehr aufschlussreich, weil ihre Fragen wie Scheinwerfer in eine Zeit meines Lebens leuchteten, die längst vergangen schien. Mir wurde etwa bewusst, dass die damals heftige Diskussion um das Waldsterben und die damit verbundenen Aktionen beider Lager (Autoverzicht versus «Mein Auto fährt auch ohne Wald») rückblickend betrachtet als Trainingslager für die weit bedeutendere und heftigere Debatte um die Erderwärmung hätte dienen können. Wir hätten nur am Thema dran bleiben brauchen, als der Hype in den Medien vorüber war. Reportagen über den Zustand des Waldes in der Schweiz und in anderen Ländern wären auch zehn, zwanzig, dreissig Jahre später nötig und interessant geblieben; denn nur weil inzwischen Autos mit Katalysatoren und Industrieanlagen mit Abgasfiltern ausgerüstet werden mussten, waren die Ursachen der Luftverschmutzung und des Waldsterbens ja nicht an der Wurzel behoben worden. Die zunehmende Erderwärmung war für einigermassen informierte Zeitgenossen zwar schon damals als drohendes Hintergrundrauschen wahrnehmbar; aber es schien noch so fern, dass der thematische Bogen vom Waldsterben bis dorthin wohl zu weitgespannt schien, zumal damals die Kräfte schon zur Bekämpfung des sauren Regens sehr beschränkt waren. Hätten wir in unserem damaligen Aktivismus so langfristig gedacht, wie wir es von den Förstern bei den Waldbegehungen eigentlich gelernt hatten, dann hätten wir nicht nochmals von vorne beginnen müssen, als der Streit um die Erderwärmung begann.

    Rationierung der Brennstoffe?

    Der Verein WaldLeben hatte sich nach ein paar Jahren nicht aufgelöst, weil das Problem in den Medien kaum mehr präsent war, und auch nicht wegen steter Geldknappheit. Wir gaben aus inhaltlichen Gründen auf. 1988 hatten wir die Idee für eine Volksinitiative zur Rationierung von Treibstoffen lanciert und zahlreiche Organisationen zur Stellungnahme und Mitarbeit eingeladen. Bei den Umweltorganisationen stiessen wir allerdings auf schroffe Ablehnung, einzig Greenpeace und die Schweizerische Energie-Stiftung begrüssten unseren Vorschlag. In einer Luftpost-Leserumfrage sprach sich eine knappe Mehrheit für die Idee aus. Auch die Mitgliederversammlung stand mehrheitlich hinter der Idee, beschloss aber, sie mangels Partnern fallen zu lassen. Gleichzeitig beschlossen wir die Auflösung des Vereins, da wir dessen Anliegen inzwischen wenigstens teilweise von anderen Organisationen wahrgenommen sahen. Der Name WaldLeben ging an die seit Jahren aktive Gruppe in Zürich über, die Luftpost wurde als unabhängige Zeitschrift weitergeführt und diente als Organ für den 1986 gegründeten Verein freund/innen/der/erde (Schweizer Mitglied im des Internationalen Verbands Friends of the Earth International), bis sich dieser sich Ende 1990 auflöste. (Später wurde Pro Natura zum Schweizer Mitglied von FOEI).

    Brückenschlag von links-grün bis bürgerlich-konservativ

    Meine Interviewer fragten, warum für uns das Auto im Zentrum unserer Argumentation gestanden hatte. Ich bin nicht sicher, ob wir uns das damals explizit überlegt hatten; vielleicht hatten wir das einfach intuitiv so entschieden. Jedenfalls ist das Auto, gerade in einem Land der Wohnungsmieter wie der Schweiz, für viele der einzige private Raum, über dessen Gebrauch sie einigermassen frei entscheiden können. Also war das Auto der beste Ansatzpunkt für die freiwillige Selbstbeschränkung, auf der wir aufbauen wollten. Mieter dagegen können bestenfalls ihren individuellen Konsum einer bestehenden Heizung beeinflussen; Werktätige haben so gut wie keinen Einfluss auf den Verbrauch fossiler Energie an ihrem Arbeitsort. 

    Weiter wollten sie wissen, ob denn WaldLeben vor allem Menschen links der Mitte angesprochen habe. Nein, ich erinnere mich an gute Begegnungen auf unseren Wanderungen von Dorf zu Dorf und, unter Führung lokaler Förster, durch die Wälder, mit bürgerlich, konservativ eingestellten Menschen, nicht zuletzt die Förster selbst, die schon für ihren Beruf eine konservative Haltung mitbringen müssen, um Bäume mit einer Lebensdauer von fünf oder mehr Menschengenerationen zu hegen und zu schützen. Und ich erinnere mich an ein Treffen mit dem damaligen, oft als stockkonservativ belächelten Bundesrat Alphons Egli, der eine Abordnung von uns empfing, während unsere bunte Truppe mit Ross und Wagen vor dem Bundeshaus wartete. Nach Ablauf der geplanten Viertelstunde wurde Eglis Sekretär nervös und zeigte immer wieder auf die Uhr; doch Egli wischte protokollarische und terminliche Bedenken beiseite: Ich will jetzt mit diesen jungen Menschen reden, denn das ist wichtig, was sie tun – und er entliess uns erst nach einer Dreiviertelstunde. Auch wenn dieser intensive persönliche Austausch hernach in der Politik kaum Folgen zeigte, vielleicht auch, weil Egli nach einer Amtsperiode schon wieder zurücktrat, zeigten diese und viele andere Begegnungen, dass das Waldsterben Menschen in allen Schichten und politischen Lagern betroffen machte, auch einen Freund, der damals der Autopartei nahestand, und auch meinen Vater, der mit den links-grünen Überzeugungen seiner Kinder grosse Mühe hatte, die persönliche Erklärung zur Reduktion seines Autogebrauchs aber unterzeichnete und ernst nahm.

    Ja, wenn es uns gelungen wäre, diesen Brückenschlag mit Schwung weiterzutragen, auch über die Sprach- und Landesgrenzen hinaus, dann wäre die Gesellschaft vielleicht besser vorbereitet gewesen für die viel grösseren Herausforderungen durch die Erderwärmung, die heute immer mehr Menschen bewusst werden, viele aber auch hilflos machen. Kann sein, dass wir zu uns zu sehr dagegen sträubten, feste Strukturen für unser Tun zu schaffen. Allerdings glaube ich bis heute nicht daran, dass klar strukturierte und zentral geführte Bewegungen wirklich jene Veränderung bewirken, die notwendig ist, damit immer mehr Menschen lernen, anders miteinander und mit der Welt umzugehen.

    PS: 
    Menschen anregen und befähigen, selber Schritte zu machen, hat mich immer besonders interessiert, auch später. Bei WaldLeben die «Persönliche Erklärung», in der M-Frühling-Zeitschrift Tips für Alternativen zum üblichen Konsum, bei KAGfreiland die Drehscheibe, über die sich Konsumenten und Bauern leichter finden konnten, bei fair-fish die leicht merkbare Formel «Fisch max. 1x im Monat» und für jene, die es genauer wissen möchten, den Fischtest.
    Die Veränderung im Grossen wird nicht nachhaltig sein, wenn sie nicht im Kleinen gelebt wird.

  • Entzwei.

    Was haben wir im Deutschen doch für ein schönes, klares Wort dafür! En deux, a pezzi, en dos, em dois – nein: entzwei und gut ist. Oder meinetwegen atwain oder asunder, doch gilt beides als etwas veraltet.

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  • Dieser Familie verdanke ich mein  Leben

    Schon in meinem ersten Lebensjahr bin ich gefeiert worden, vor 76 Jahren. Die Foto ohne Datum aus dem Familienfundus muss von meinem Vater wohl nach meiner Taufe geknipst worden sein – ein Anlass, der mich aber nicht kirchlich zu prägen vermochte.

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