Kategorie: Allgemein

  • The crusade against multiple regression analysis

    ’A huge range of science projects are done with multiple regression analysis. The results are often somewhere between meaningless and quite damaging’, Michigan University professor of psychology Richard Nisbett said in 2016 during a conversation on Egde [1], and added that, should his crusade succeed, ’there’ll be a kind of upfront warning in New York Times articles: These data are based on multiple regression analysis. This would be a sign that you probably shouldn’t read the article because you’re quite likely to get non-information or misinformation’.
    Nisbett is so damn right!

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  • Untergehende Imperien [1]

    November 29, 1863: the Assault on Fort Sanders. Civil War Lithograph by Kurz and Allison, restored by Adam Cuerden (Wikimedia Commons)

    Frage an die Historiker unter euch:
    Stimmt es, dass Imperien besonders heftig um sich schlagen, bevor sie untergehen, wie manche mit Seitenblick auf die USA behaupten.

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  • Too big to fail ist tot, es lebe die verkleinerte Bank

    Wenn Banken ihr Eigenkapital nicht so erhöhen wollen, dass es das von ihnen eingegangene Risiko absichert, bleibt nur die Zerschlagung von «too big to fail»-Banken.

    Bildgrundlage von Ank Kumar (Wikimedia Commons)

    Dass überbezahlte Top-Prädatoren wie der Häuptling der UBS sich gegen die Forderung nach Eine Erhöhung ihres Eigenkapitals wären und behaupten, das würde ihre Wettbewerbsfähigkeit gefährden [1], ist nicht weiter erstaunlich – solche Leute haben schon immer auf Kosten von vielen anderen gewirtschaftet und bei missglückten Hochseilakte stets nach grossen bunten Fallschirmen geschrien, die sie auch meist bekommen haben, weil ihresgleichen in der Politik dafür gesorgt hat. Das Wirtschaftssystem hat das bisher einigermassen verkraftet; doch inzwischen hat das Risiko eines Zusammenbruchs der UBS ein Ausmass erreicht, dass die ganze Schweiz existenziell treffen könnte. 

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  • Die Infantilisierung der Kommunikation — — —       #SchauHier!  #SchauHier!  #SchauHier!

    Die Menschen haben keine Zeit, Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut, die Konkurrenz darum ist enorm – also sag es kurz!

    Doch weil das Schreiben von einleuchtenden Slogans und lange nachwirkenden Aphorismen eine Kunst ist, die wenige beherrschen, gerät die Verkürzung meist zur Verflachung: Der Text bleibt an der Oberfläche, bewirtschaftet einen isolierten Aufreger, leuchtet keine Zusammenhänge aus.

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  • Wiederbevölkerung der Tundra mit grossen Grasfressern, um die globale Erwärmung einzudämmen

    Von all den gross angelegten Plänen zur Abschwächung der verrückten globalen Erwärmung überzeugen mich nur zwei: die Wiederherstellung der Fischbestände bis zu ihrem historischen Reichtum [1] und die Wiederbesiedlung der Arktis bis zu ihrer historischen Fülle. Wenn wir den Planeten nicht mit allen anderen Lebewesen teilen und uns mit dem Platz begnügen, der dem Homo sapiens gebührt, wird unsere Spezies untergehen. Es geht um uns und unsere Umwelt – die Natur und der Planet werden auch ohne uns auskommen.

    Während die Quatsch-Wissenschaft Geld verbrennt, um die dritte Kommastelle bekannter Fakten zu entdecken, müssen Forschungspioniere ausserhalb des vorherrschenden Paradigmas ihre Idee mit wenig Geld in der Hand verfolgen, zum Glück gesegnet mit ihrem Verstand. Selbst Forscher in gut entwickelten Kontexten laufen Gefahr, die Werkzeuge für ihre Experimente selber bauen zu müssen, wie ein Artikel in „Nature“ zeigt [2]. Der Homo sapiens hat ein grosses und komplexes Gehirn mit einem der höchsten Energiebedarfe im Verhältnis zum ganzen Körper [3] – wir müssen es einfach nutzen!

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  • Wölfe, Autoritäre und die Ethik

    Wolf Canis lupus (Foto: Tracy Brooks / Wikimedia Commons)

    «Deep Ecology» nannte der norwegische Philosoph Arne Næss die Haltung, aus der heraus wir Menschen allem Leben begegnen sollten, im Anerkennen, dass alle Arten in der Biosphäre grundsätzlich gleichberechtigt sind. Dieser Ansatz reicht tiefer als der Veganismus, weil das Bewusstsein der «Verbundenheit im Recht auf ein gutes Leben», wie ich es nenne [1], nicht nur (bestimmte) Tiere einschliesst, sondern alles, was lebt.

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  • Das Reden über «künstlichen Intelligenz»statt über die Logik dahinter

    Brigitta Garcia Lopez hat unlängst ihren Job als – geniale! – Illustratorin bei der «Handelszeitung verloren. Zu einem jüngst von dieser Zeitung maschinell generierten Bild schreibt sie:

    «Billige KI-generierte Bilder, die oft als unnatürlich und verstörend empfunden werden, erwecken den Eindruck, dass den Lesern nicht viel Wert beigemessen wird. Diese Bilder geben Anlass zu ernsthaften Bedenken hinsichtlich ihrer Qualität und Ästhetik und sind darüber hinaus ethisch bedenklich. Datenschutzrisiken im Zusammenhang mit dem Einsatz von KI sind ebenfalls ein Thema. Die Diskussion über den Einsatz dieser Technologie ist von grosser Bedeutung, hinzu kommt die noch nicht abschliessend geklärte Frage des Urheberrechts.
    Dieses Bild erinnert mich an Stile und Ästhetiken, die in der Vergangenheit mit dem Faschismus in Verbindung gebracht wurden. Was denkt ihr darüber? Seht ihr das auch?»

    Bild: HZMontage/Midjourney, https://www.handelszeitung.ch/politik/das-sind-die-to-dos-fur-bundesbern-sozialwerke-649602

    Ja, das war spontan auch mein Gedanke, als mich das Bild ansprang. Es gibt aber auch eine Parallele hinter dem Visuellen, und die beschäftigt mich noch mehr: Die implizite Logik der «künstlichen Intelligenz» – ein beschönigender Newspeak-Begriff, dem wir sprachlich immer entgegentreten sollten – ist jener des Faschismus verwandt und wird sich entsprechend auswirken, wenn sie nicht in demokratisch bestimmte Schranken gewiesen wird – und eben dies ist bis heute nicht in Sicht, was immer die EU und andere Staaten versuchen mögen.

    Die Macht hinter den Algorithmen ist bereits grösser und konzentrierter und ferner von gesellschaftlicher Kontrolle als es je eine Macht war, und sie kann – wie bei Facebook – auf unser Mitmachen zählen, weil alles so schön bunt und bequem ist und weil uns zunehmend gar keine Wahl mehr bleibt. Am Ende sind wir vollkommen austauschbar, bis hin zur automatischen Entsorgung, wenn das System uns nicht mehr braucht. Das ist die faschistische Perversion (oder Vollendung?) des industriellen Paradieses.
    Ist Brigitta von der Handelszeitung gefragt worden, ob sie einverstanden sei damit, als Illustratorin durch eine Maschine ersetzt zu werden? Natürlich nicht. Eben; in einer demokratischen Gesellschaft wäre es selbstverständlich, dass sie darüber mitbestimmt.

    PS:
    Mich beunruhigen nicht zuletzt einige der tröstenden Kommentare unter Brigittas Facebook-Post, die den Wandel für unausweichlich nehmen.

  • Nach dem Spital ist vor dem Spital #18

    Letzte Vorbereitungen vor dem Spitaleintritt.

    Plötzlicher Anfall von Konsumrausch nach Tagen magerer Diät – Bunkern von lange haltbaren Lebensmitteln für die Zeit nach dem Spitalbett, in der ich dann wohl auch zuhause zunächst etwas schlapp herumhänge und keine Lust auf Einkaufstouren hab.

    Für Zizzi, die schon wieder einige Tage ohne ihren Lieblingsmensch auskommen muss (was diesem fast das Herz bricht) steht jetzt ein neuer Freund in der Stube, reingeholt von der Terrasse, bevor es noch kälter wird. Den Mutterkaktus hatte Zizzis Ersatzmutter Irmy einst aus Belgrad ins Friaul gebracht; ein kleines Blatt davon steht seit diesem Frühling bei mir… ein kleines Blatt?


    Zuerst publiziert am 05.12.2022 auf Facebook.
    Folge #17Folge #19
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    Ausgewählte Kommentare auf Facebook:

    Thomas: Dann wünsche ich dir, dass du die leckeren Dinge danach auch genießen kannst.

    Irmy: So gut! Und so isses: Katzen brauchen überall Pflanzenfreunde, besonders gern Kakteen! So gewachsen das Teil, verrückt

  • Nach dem Spital ist vor dem Spital #17

    Aseem Malhotra

    Nachdem ich diverse bürokratischen Hürden überwunden und die unumgänglichen Voruntersuchungen bestanden habe, werden mir Chirurgen kommende Woche eine Vollnarkose verpassen, den Bauch von oben bis unten aufschneiden, den entzwei geschnittenen Dickdarm wieder zusammenfügen und mich so vom auf Dauer doch etwas umständlichen Alltag mit einem künstlichen Darmausgang befreien.

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  • Alltag nach dem Spital #14

    Un caffè con Irmy e Thomas in Udine (foto: Irmy Algader)

    Heute vor drei Monaten bin ich aus dem Spital in Gorizia entlassen worden. Nach einem Monat liebevoller Rundumfürsorge war ich nach der ersten Freude über das Wiedersehen mit meiner Katze, meinen Pflanzen, meiner Wohnung ziemlich unsicher, wie das nun im Alltag gehen soll, so schwach, ausgemergelt, unsicheren Schrittes und immer gleich erschöpft, immer müde…

    Ich weiss nicht, wie ich es in den ersten Wochen zuhause ohne die zweimal tägliche und nicht minder fürsorgliche Unterstützung von Irmy geschafft hätte. Genauso wichtig war es später, schrittweise auf diese Hilfe zu verzichten, um mehr und mehr Kraft und Autonomie zurückzugewinnen.

    In den letzten Wochen spürte ich mich zunehmend in meinem Leben zurück, kräftig, sicher, zuversichtlich – nur noch ruhiger als zuvor, noch mehr abwägend, was zählt, und ganz ungeniert liegen lassend, was mir grad zu viel ist.

    Wenn ich heute beim Duschen oder beim Yoga meinen Leib betrachte, die Muskeln, die sich wieder bilden, die Haut, die sich wieder mehr strafft, bewundere ich das unermüdliches Wirken der Natur noch im fortgeschrittenen Alter, nicht nur der physischen Natur, auch der geistigen und der sozialen. Im Grunde ist alles wieder gut, sogar die lange Narbe längs über meinen Bauch schreit mir nicht mehr so grell entgegen, als wär ich eben erst aufgeschnitten worden; sie wird sich wenn nicht in meine Haut, so doch immer mehr in mein Körpergefühl Integrieren. Nur das Stoma und dessen tägliche Pflege erinnern mich noch handfest an eine notfallmässige Operation, ohne die ich wohl nicht mehr hier wäre; in wenigen Monaten wird auch dieses Menetekel verschwinden, dank kundiger Medizin und unglaublicher Regenerationskraft menschlicher Physis.

    Ja, ich hab oft Glück gehabt in meinem Leben, und ich geniess es grad sehr, in grosser Dankbarkeit.


    Zuerst publiziert am 28.06.2022 auf Facebook.
    Folge #13 — Folge #15
    Alle Folgen: Suchbegriff «Spitalalltag» eingeben.


    Ausgewählte Reaktionen auf Facebook:

    Hans-Georg: Toller Text, beglückende Aussage, begeisternde Lebenskraft, strahlendes Bild. Alles Gute und weiter so, Heinzpeter!

    Roland: Du findest wieder ins pralle Leben, darauf würde ich wetten.

    Karen: So ein schöner Text. Bin froh und dankbar für dich und alle, die sich ebenfalls erleichtert fühlen. Du wirst das schaffen – stay as strong as you are.

    Sabine: Was für ein schönes Bild! Ich kenne dich ja nur von weitem bzw. von deinen Texten hier. Mag dir die Genesung so sehr gönnen und wünsche dir weiterhin alles Gute! Und danke fürs Erzählen deiner Geschichte. Ich lese hier aufrichtig gerne mit.

    Charlotte: Gute, schöne, starke Worte und ein starkes Bild, auch für das Leben: «…dank kundiger Medizin und unglaublicher Regenerationskraft menschlicher Physis“» und deines Geistes und deiner Gelassenheit, yes. Und Irmy ist auch nicht ganz ohne.

    Viola: Meine Grossmutter hat mir mal diesen Tipp gegeben:

    Wenn die Zeiten schwierig sind, gehe in kleinen Schritten weiter.
    Tu, was du tun kannst, aber tu es langsam.
    Denk nicht an die Zukunft oder was morgen passieren kann.
    Gestalte dir ein gemütliches zu Hause.
    Koche dir ein leckeres Essen.
    Schreibe einen Brief.
    Lies ein schönes Buch.
    Gehe in die Natur und genieße die Vielfalt.
    Nimm ein Bad und lass die Seele baumeln.
    Siehst du es?
    Du gehst vorwärts, Schritt für Schritt.
    Mach einen Schritt und dann Pause.
    Ruh dich aus.
    Schätze dich selbst.
    Mach den nächsten Schritt.
    Dann noch einen.
    Du wirst es kaum merken, aber deine Schritte werden länger werden.
    Bis es soweit ist, wo du wieder an die Zukunft denken kannst, ohne zu weinen.
    Elena Mikhalkova

    Thomas: Schön, wenn es wie oben beschrieben weiter aufwärts geht! Diesen Eindruck hatte ich jedenfalls auch live. Vermutlich wärst du der erste am Gipfel des Matajur gewesen, hättest du nicht den Termin gehabt.


  • Alltag im Spital #6

    Bald wieder heim zu Katze Zizzi und den Pflanzen (Foto: Irmy Algader)

    Gestern war ein besonderer Tag. Genau vor vier Wochen hatte ich das Spital betreten, mit arg gewölbten Bauch, ausgerüstet mit einer Notfalleinweisung meiner Hausärztin und Gepäck für zwei Wochen. Damals schon zu wissen, dass mein Aufenthalt viel länger dauern würde, hätte mich wohl noch mehr belastet; vielleicht wollte ich einfach nicht wahrhaben, dass die Situation nach einer Woche Darmverschluss schon eher lebensbedrohlich war. Heute bin ich froh, dass ich so lange hier bleiben muss; endlich ist es meinem Körper gelungen, meinen Kopf ganz herunterzuholen von all den Dingen, die dauernd erledigt sein müssen, und endlich bin ich soweit, die Ruhe und das Wenigtun so zu geniessen, dass ich bald nach Hause gehen kann, ohne in alte Muster zurückzufallen.

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  • Übers Vergiften und Klauen von Agrarland am Beispiel Chinas

    Die Weltbevölkerung wächst weiter. Die landwirtschaftlichen nutzbaren Flächen nehmen weiter ab. Sorgsamer Umgang mit dem Agrarland wäre angesagt. Doch reiche Länder wie China lösen ihr Nahrungsproblem im Weltsüden…

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  • Warum es in die Irre führt, über den menschgemachten Anteil am Klimawandel zu streiten [1]

    Schulstreik gegen den Klimawandel am 15. März 2019 in Bad Mergentheim (Holger Uwe Schmitt / Wikimedia)

    Wenn Kritik an den Aussagen der überwiegenden Mehrheit der Klimaforscher, dann bitte aus berufenem Mund und mit seriöser wissenschaftlicher Argumentation. Ein gutes Beispiel hierfür ist ein 2010 gehaltener Vortrag [2] des ehemaligen Leiters des Instituts für Meteorologie an der Freien Universität Berlin, Prof. Horst Malberg. Die 33 Minuten Zuhören sind gut investiert, weil sie das kritische Denken fördern.

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  • Nicht Burka oder Niqab sind das Problem; aber dieses kommt im Schlepptau

    Ein paar Dinge scheinen immer noch ungeklärt in Köpfen links der Mitte. Nochmals ein Versuch, den Dingen auf den Grund zu gehen.

    Die Volksintiative der Rechtsaussenpartei SVP für ein Burkaverbot ist ein populistischer Schwindel; dieser Partei geht es einzig darum, weiter auf dem Hass gegen alles Fremde zu reiten, um weiter eine «grosse» Partei zu bleiben. Etwas anderes hat diese Partei nie verstanden und nie zustande gebracht, sie hat im Gegenteil schon viel von dem zerstört, was die politische Schweiz einst ausgemacht hat. Meine Stimme für diese Zerstörung kriegen die sicher nie.

    Dies vorausgeschickt, bin ich klar für ein Verbot der Kopfverhüllung in Europa.

    Wir sollten ein paar Dinge nicht vorschnell vermischen und in den falschen Topf werfen. Dass «der Westen», genauer die Regierungen, noch genauer die Kapitalisten in diesem Teil der Welt, seit ein paar Jahrhunderten Chaos im weit grösseren Rest der Welt verursacht haben, ist klar. Dass die Bevölkerung «im Westen» dabei etwas mitprofitiert hat, ist auch klar – die Absicht der Oberprofiteure war ja, das «eigene» Proletariat ruhig zu halten, weil man es in den Fabriken oder auch mal als Soldaten fern der Heimat brauchte. Die ganze Geschichte wurde dann immer mehr auf die Spitze getrieben (Stichwort «Globalisierung»), bis sie zu kippen begann.
    Nun kommen, späte Rache der Geschichte (von klugen Linken schon vor ein paar Jahrzehnten angesagt als «Einbruch der Peripherie ins Zentrum»), viele Menschen aus unlebbar gewordenen Gegenden der Welt zu uns, weil sie hier auf ein besseres Leben hoffen. Was folgt daraus?

    Sind nun wir hier, die bisher nur ein wenig mitprofitiert haben (immer weniger im Vergleich zu den Superprofiteuren, etwas mehr im Vergleich zu Menschen in fernen Ländern), fraglos verpflichtet, alles hinzunehmen, was diese Menschen aus der Ferne an Gewohnheiten (um es mal neutral zu formulieren) mit sich bringen und hier ausbreiten? 
    Müssen wir, nachdem es unseren Vorfahren endlich gelungen ist, die einstige Allmacht der Kirche in die Schranken zu weisen, und nachdem es unserer Generation gelungen ist, reaktionär verkrustete Gewohnheiten (s. o.) unserer Eltern und Grosseltern aufzulösen, jetzt aus Fremdenfreundlchkeit, Internationalismus, Toleranz oder was auch immer tolerieren, dass Menschen kommen, die so leben wollen (oder unter dem Druck von reaktionären Obermachos, Tradition usw.) so leben müssen, wie es bei uns vor ziemlich langer Zeit mal üblich war?
    Will jemand von Euch das Mittelalter wirklich zurück bei uns? Ich nicht. Und darum schreib ich schon gegen die ersten Anzeichen an. Die Burka, ich wiederhole mich, ist nicht das eigentliche Problem; aber sie zeigt das Problem an. Wenn dieses Anzeichen toleriert werden, kommt das Problem ungehindert mit.

    Die europäischen Staaten haben es bisher nicht verstanden, etwas zu tun, was in klassischen Einwanderungsstaaten wie etwa den USA selbstverständlich ist: Es gibt klare Regeln für den Eintritt ins vermeintliche Paradies. Persönlich würde ich es für richtig halten, wenn den nach Europa Einreisenden eine Liste von Dingen vorgelegt wird, die unter Androhung der sofortigen Ausschaffung nicht toleriert werden. Einreisen darf, wer es gelesen, verstanden und unterschrieben hat. Lieber hier eine Stunde pro Person für ein Gespräch «verlieren» als später Jahre aufreibender (und fruchtloser) Polizei- und Sozialarbeit. 


    Debatte rund um Burka et cetera

    ▶︎ Über Burka, Beschneidung und die Durchsetzung von Frauenrechten

    ▶︎ Burka zwischen links und rechts

    ▶︎ Weitere Beiträge zum Thema unter Suche: Burka

  • KAGfreiland: Kurswechsel ins Abseits?

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    Einige langjährige, aktive KAGfreiland-Mitglieder sind besorgt über bevorstehende Weichenstellungen, die der KAG-Vorstand in die Wege leiten will:

    • Die Tierhaltungs-Richtlinien sollen gelockert werden,
    • in der Vermarktung ist Zusammenarbeit mit einem Discounter vorgesehen,
    • politische Öffentlichkeitsarbeit tritt in den Hintergrund.

    Darum haben wir Ende 2015 eine Reihe von Anträgen eingereicht, die garantieren, dass die weit reichenden Entscheide nicht vom Vorstand getroffen werden, sondern von der Generalversammlung am 16. April 2016.

    Mehr Hintergrund? Hier ein paar Überlegungen zu einer Strategie für KAGfreiland.

    Bist Du ein stimmberechtigtes Aktivmitglied  von KAGfreiland? Dann lies die Anträge hier: Anträge – und nimm dann mit uns Kontakt auf.

  • Die USA sind nicht ganz Amerika

    Hört auf, der Arroganz der USamis zu folgen und die USA zu benennen, als wären sie ganz Amerika! Weiter…

  • Schluss mit der billigen Klage über den «Label–Salat»

    Die Klage über den «Label–Salat» ist so alt wie die Label selbst. Und die Kritik an Wischi–Waschi–Ökosiegeln ist auch ein Dauerbrenner. Labels sind für Menschen geschaffen worden, die denken, bevor sie kaufen. Für die Mehrheit der Konsumoerenden sind sie völlig ungeignet, denn ohne Denken gibt’s wirklich nichts als Geiz ist geil. Weiter…

  • Über das nahende Ende der Blockherrschaften in Italien [1]

    Screenshot

    Ecco finalmente l’inizio della fine!

    Der Rechtsblock in Italien bricht auseinander. Berlusconi begräbt den Polo della Libertà und baut mit seinen «Falken» die Forza Italia wieder auf. Sein Ziehsohn Alfano, bisher Parteisekretär und seit Frühjahr Vizeministerpräsident in der Grossen Koalition, arbeitet mit seinen «Tauben» auf die Gründung eines neuen Zentrums hin. [2] Dem Linksblock besteht eine ähnliche Spaltung bevor. Nach zwanzig Jahren Lähmung dürfte Italiens Politik wieder offener werden. Wenn die Linke die Chance packt und sich für die Menschen statt für ihre eigenen Funktionäre engagiert, gibt es wieder Hoffnung für das Bel Paese.

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  • Über die helvetische EUnmöglichkeit

    Versuch einer Erklärung, warum sich die Schweiz so schwer tut mit der Vorstellung, dereinst zur EU gehören zu können. Die 2013 angestellten Überlegungen in der Auseinandersetzung mit Aussagen des österreichischen Schrifttstellers und engagierten EU-Erklärers Robert Menasse bleiben auch im Hinblick auf die bevorstehende Volksabstimmung zum neuen Rahmenvertrag zwischen der EU und der Schweiz aktuell, wenngleich es hier nur um Vereinbarungen geht, die der Schweiz den weiteren Zugang zum EU-Binnenmarkt sichern sollen.

    Lieber Robert Menasse,

    ich verfolge deine Auseinandersetzung mit der EU seit geraumer Zeit und nicht ohne – wenn auch skeptische – Sympathie, da deine und meine Anliegen nicht so weit auseinander liegen; und es könnte ja sein, dass ich mich täusche und du vielleicht doch recht hast mit dem Weg, auf welchem unsere Anliegen eher zu verwirklichen wären. Es ist nach meinem Wissen zudem eher selten, dass sich ein Intellektueller deutscher Zunge so eingehend und erkenntnisoffen auf die EU einlässt, sie auslotet und ihre Essenz zu finden versucht im Hinblick auf unseren Alltag auf diesem alten Kontinent. Dies allein verdient schon Respekt – und Dank!

    Dennoch, Widerspruch regt sich unbezähmbar, auch wenn ich viele deiner Argumente teile, und drängt mich zu so langer Schreibe, dass es den Rahmen eines comments in deiner Facebook-Notiz [1] bei weitem übersteigt und als eigene Notiz hier dagegengestellt sein will.


    Schweiz-Klischees helfen nicht verstehen

    Du referierst das Schweizer Beispiel ungenau, zu klischeehaft; als Schweizer darf ich das kritischer sehen. So freiwillig sind nicht alle Kantone zur Eidgenossenschaft gestossen. Die Waadt, der Thurgau und der Aargau waren Untertanengebiete: von anderen Kantonen eroberte (oder aus Sicht der Eroberer: von anderer fremder Herrschaft befreite) Gebiete. Und die freiwillige Vereinigung des losen Staatenbunds, der eigentlichen Eidgenossenschaft, zum Bundesstaat und zur Nation Schweiz war auch nicht nur die freie Assoziation williger Völker, sondern mindestens so sehr die Folge eines Bürgerkriegs zwischen den reformierten Industriekantonen und den im «Sonderbund» abtrünnig zusammengeschlossenen katholischen Landkantone, der nur dank besonnener Menschen auf beiden Seiten relativ unblutig verlief und 1848 mit der ersten Schweizer Bundesverfassung endete.

    Was die Mehrsprachigkeit und Multiethnizität der Schweiz betrifft: das sind beliebte Bilder in der (Selbst-) Beschreibung meines Herkunftslandes, die genauer Betrachtung freilich nicht standhalten. Die Deutschschweizerenen [2] müssen in der Schule Französisch lernen, die Westschweizerenen umgekehrt Deutsch, und in beiden Landesteilen ist das unbeliebt. Also Achtung vor Analogieschlüssen von einem so nicht gegebenen helvetischen Beispiel auf eine von den allermeisten Menschen in Europa nicht nur nicht gelebte, sondern auch gar nicht gewollte Vielsprachigkeit und Multikulturalität.

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    Warum hat das Englische in Europa auf übernationaler Ebene im Lauf von nur etwa zwei, drei Jahrzehnten alle andern Sprache abseits gedrängt, und zwar in Politik, Wirtschaft und Privatleben? Sicher nicht, weil Grossbritannien ein besonders leuchtendes Mitglied der EU war, sondern einfach aus Bequemlichkeit aller Beteiligten, die «Englisch» sprechen, weil das sowieso alle ein wenig können – und weil man sich bei diesem Allerweltsspeak auf keine andere Kultur einlassen muss.

    Wenn ich heute Französisch als eine meiner Arbeitssprachen bezeichnen darf, hab ich das sicher nicht den mühsam durchlittenen Stunden in der Mittelschule zu verdanken und schon gar nicht dem Lehrer, den seine soigniert konservative frankophile Ader nicht hinderte, bei einer fremdenfeindlichen Bewegung mitzutun (was ich freilich erst später erfuhr, als wir uns bei einer Demo gegen eben diese Bewegung gegebüberstanden). Nein, mein Französisch hab ich mir vor allem angeeignet, als ich es im beruflichen Kontakt mit dem Ausland einfach brauchte, vor allem im Senegal.


    Schweiz bewegte sich nur unter Druck von aussen

    Das ist nicht untypisch: Die Schweiz als Ganzes hat sich immer erst weiterentwickelt, wenn sie von aussen dazu gedrängt wurde. Im Innern neigt sie zur Behäbigkeit, zum Konservatismus. In der vermeintlichen Wiege der Demokratie war das Stimmrecht einst, wie überall sonst in Europa, auf jene beschränkt, die Land und einen Penis besassen. Die herrschten einer Aristokratie nicht unähnlich in ihren Städten und Landschaften. Es war Napoleon, der diese Kruste aufbrach, und als die alten  Herrschaften das Rad später wieder zurückdrehen wollten, waren es nicht zuletzt rebellische Immigrantenen, welche die demokratische Entwicklung im Land beseelten.

    Aber die Schweizerenen sind auch gelehrig. Die radikalliberale Revolution von 1848 war wohl in keinem andern europäischen Land erfolgreicher und machte das arme Auswandererland ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Industrieland mit dem nun seit Jahrzehnten höchsten Ausländeranteil Europas, das jeden zweiten Franken im Export verdient. Die Weltoffenheit der kleinen Alpenrepublik ist daher vor allem eine Offenheit aus ökonomischer Einsicht, wie einst zu Zeiten der Reisläuferei vor mehr als fünfhundert Jahren, deren Beute einige Familien reich und zu Herren gemacht hatte,

    Heute befindet sich die Schweiz – und ich sage das bedauernd, in Anhänglichkeit zum Land, in dem ich fast mein ganzes Leben verbracht habe – eher wieder in einer Phase der Verkrustung. Es dominiert dabei vielleicht, da hast du recht, weniger der Nationalismus, aber doch ein Gefühl, als «Sonderfall Schweiz» ein ganz besonderes Land zu sein, das sich von andern besser fernhält und ihnen, noch besser, Lektionen erteilt. Dieses Selbstbild hat in den letzten zwanzig Jahren allerdings noch und noch Schläge einstecken müssen, zuerst den industriellen Niedergang einst weltweit führender Konzerne wie Sulzer, dann das Grounding der Swissair und später gar jenes einer der beiden (heute abgewickelten) nationalen Weltbanken (ein begrifflicher Widersinn in sich, der leicht auch der Nation das Genick hätte brechen können), und schliesslich die Dauerangriffe aus Washington, Berlin und Brüssel auf das Schweizer Bankensystem, diese Aorta der helvetischen Volkswirtschaft. Noch liegen die Nerven nicht blank, noch schützt die relative wirtschaftliche Behaglichkeit vor stärkerem Aufbrechen vorhandener Ressentiments gegen alles Fremde.


    Gemeindeautonomie ist entscheidender

    Selbstbewusstsein? Bürgersinn? Ich glaube nicht, dass Schweizerenen mehr davon haben als Angehörige anderer europäischer Länder. Aber wir haben in der Schweiz sehr viel mehr Möglichkeiten, unser Selbstbewusstsein und unseren Bürgersinn zu manifestieren und aktiv Einfluss zu nehmen; nicht nur, weil wir sechs- bis achtmal jährlich an Volksabstimmungen über alles Mögliche teilnehmen dürfen, sondern mindestens ebenso sehr, weil die politische Kultur der Schweiz von unten her aufgebaut ist, mit einer traditionell starken Gemeindeautonomie, die es so sonst nur in Skandinavien und auf den Hebriden gibt. Jetzt, da ich zunächst in Österreich und danach in Italien lebe und aktiv beobachtend Anteil nehme, fällt mir der Unterschied der helvetischen zu zentralstaatlich geprägten Kulturen mit ihrem scheinbar unausrottbaren Bürokratismus besonders deutlich auf.

    Aus dieser gelebten Kultur heraus vor allem erklärt sich für mich die Distanz der meisten Schweizerenen zur EU. Noch ist die Mehrheit lange nicht in Sicht, welche den Beitritt zur EU beschliessen möchte, wenn denn Regierung oder Parlament den Mut hätten, die Frage zur Abstimmung zu bringen; ich selber würde vielleicht Nein stimmen wie damals 1992, als es um den Beitritt zum EWR ging, den die konservative Rechte um den national-neoliberalen Blocher und eine links-grüne Opposition knapp verhinderten.


    EU regelt oft das Falsche

    Meine helvetisch und zugleich linksautonom geprägte Welterfahrung lässt mich zweifeln an dem, was du der EU als Idee zugute hältst. Mag sein, dass ein paar alte Männer, die nun zu Gründern hochstilisiert werden, weil sie irgendwelche Papiere unterzeichnet hatten, es wirklich gut gemeint haben mit den Menschen in Europa. Und gewiss gibt es Dinge, welche die EU in einer bürgernützlichen Weise regelt, die auch Menschen in Mitgliedsländern zugute kommt, wo diese Dinge ohne Druck aus Brüssel weniger bürgerfreundlich geregelt blieben. Aber es gibt gerade in diesem Bereich noch grosse Lücken, in welchen internationale Konzerne fette Renten kassieren, ohne dafür etwas leisten zu müssen; gerade als grenzüberschreitend lebender Europäer wird mir das bewusst. So brauchst du zum Beispiel in jedem Mitgliedsland eine nationale SIM-Card, selbst wenn du in jedem Land beim selben Telecom-Konzern Kunde bist. Gleiches gilt für Versicherungspolicen. Europa der Konzerne zulasten der Bürgerenen.

    Auf der andern Seite normiert die EU Dinge, die nach dem Prinzip der Subsidiarität schlicht nicht EU-weit geregelt gehören. Während es die EU bis heute etwa nicht geschafft hat, einheitliche Elektrostecker durchzusetzen (was ja im Sinn der Personenfreizügigkeit wirklich sinnvoll wäre), schreibt sie dafür in vielen Fällen Normen vor, die keinem Bürger nützen und kein Unheil verhindern; berühmtestes Beispiel: die zulässige Krümmung von Salatgurken.

    (Dass die der EU angelasteten Fehler freilich meist die Fehler ihrer Mitgliedsstaaten sind, die noch immer nationalstaatlichem Denken verhaftet sind, habe ich, ähnlich wie Menasse, an anderer Stelle kritisiert. [3])


    EU multipliziert die Fehler des Subventionierens

    Besonders verheerend wirken sich die suprastaatlichen Anordnungen der EU dort aus, wo es um Subventionen geht, diese janusköpfigen Ungeheuer staatlicher Machtmanifestation, die stets das Gegenteil dessen zeugen, was auf ihrer Etikette steht, weshalb sie im Widerstreit politökonomischer Interessen gern auch als trojanische Pferde ins Rennen um Vorteile geschickt werden. So ist etwa die gigantische spanische Immobilienblase nicht zuletzt eine Folge der EU-Fonds für regionale Entwicklung, welche selbst hirnrissigste Tourismusprojekte im Interesse nordeuropäischer Financiers entlang Spaniens Küsten animiert und alimentiert hat.

    Ich kenne mich ein wenig mit der Landwirtschafts- und Fischereipolitik der EU aus und hab längst aufgehört, mir da noch Illusionen zu machen über den Sinn und die Wirkung von Versuchen zur Einflussnahme. Die EU-Agrarpolitik ist, zusammen mit jener der USA, ursächlich schuld an extremen Verzerrungen auf dem Weltmarkt, welche Kleinproduzenten überall auf der Welt an den Rand oder gar in den Selbstmord drängen, nicht zuletzt mit Dumpingexporten aus dem eigenen, absurd überproduzierenden Binnenmarkt. Keine Reform der «Gemeinsamen Agrarpolitik» (was für ein Euphemismus!) hat bisher den Kern dieses zerstörerischen Unsinns entfernt, der nur jenen wenigen dient, die daran viel verdienen. Nicht anders sieht es aus bei der «Gemeinsamen Fischereipolitik», auch wenn die jüngsten Reformbeschlüsse des Europaparlaments gewisse Hoffnungen aufkeimen lassen – doch das Paket ist von den Landwirtschafts- und Fischereiministern noch nicht geschnürt, und die schlafen dann am ruhigsten, wenn sie die grossen Tiere ihrer Heimindustrien gut bedient haben.

    Nicht zuletzt dank der Art der Steuerung nationaler Politiken durch die EU haben wir in Europa das Problem weitgehend überfischter Meere und haben wir viele grosse entvölkerte ländliche Gebiete, während sich die Agrarproduktion auf besonders profitablen Flächen konzentriert, deren Bodenfruchtbarkeit dadurch aufs Spiel gesetzt wird – von den sozialen Folgen mal ganz zu schweigen.


    Ausserhalb, im Kleinen gibt’s Einflussmöglichkeiten

    Von dieser Art von Problemen haben wir in der kleinen Schweiz schon mehr als genug; warum sollte ich wollen, dass sie durch einen EU-Beitritt noch potenziert würden? In der Schweiz haben wir zumindest die Möglichkeit, durch Mobilisierung der oppositionellen Kräfte manch Negatives zu verhindern und gelegentlich sogar etwa Positives in Bewegung zu setzen. Das ist ein Leitmotiv der in der Schweiz weit verbreiteten, manchmal wohl etwas reflexartigen Ablehnung eines EU-Beitritts, auf der Rechten wahlweise gemischt mit Konservatismus, Nationalismus oder Fremdenfeindlichkeit, auf der Linken mit dem Traum von einer andern Gesellschaft.

    Etwas verhindern und gelegentlich sogar etwas bewirken zu können: Das ist im «Kopf des Monsters» (Che Guevara in seiner Aufforderung an Jean Ziegler, eben gerade in der Schweiz politisch aktiv zu bleiben) immerhin nicht nichts. Bei einem EU-Beitritt verlören wir diese Möglichkeit, ohne dass wir auf EU-Ebene eine vergleichbare Bürgereinflussnahme  zurückzuerhalten würden (daran glauben nur liebe Direktdemokraten wie der Andi Gross, den ich im übrigen sehr schätze).


    Zu rasch zu gross geworden

    Ja, wenn die EU sich tatsächlich darauf beschränken würde, die Rahmenbedingungen festzulegen, innerhalb welcher in Europa zum Beispiel Land beackert, Viehzucht betrieben oder gefischt werden darf, würd ich ja fast zum EU-Fan und sähe die Schweiz, diese konservative Knacknuss, am End gar lieber heut als morgen in der EU.

    Dass solches geschieht, halt ich für eher unwahrscheinlich. Im Gegensatz zu dir bin ich überzeugt, dass die EU zu rasch gewachsen ist; weniger, was die Zahl ihrer Mitglieder betrifft, als in Bezug auf Umfang und Bedeutung dessen, was die EU heute für sie regelt – die Einführung des Euro ist nur das am schwersten wiegende Beispiel (die kriegsgeile Aufrüstung in den 2020er Jahren war da noch in weiter Ferne). Ich hab die Wirkungen der damals schon geltenden EU-Regelungen auf die Verhältnisse im Osten Deutschlands kurz vor und die ersten Jahre nach der «Wiedervereinigung» teilweise vor Ort verfolgt; auch hier ging es zu rasch und war das Tempo eine Einladung an Partikulärinteressen am Volk vorbei. Es gäbe in Europa auch ältere historische Beispiele für widerwärtige Folgen einer zu rasch und zu sehr von oben herab durchgepaukten Vereinigung zu studieren, um daraus zu lernen; so etwa die Durchsetzung der einheitlichen italienischen Republik, die eine im abgehalftert feudalen Sizilien bestehende Armut verschärft und das Entstehen und Erstarken der Mafia gefördert hat. Die Geschwindigkeit, in welcher derzeit EU-Institutionen mit dem Argument der Euro-Krise umgebaut werden sollen, halte ich für den Anfang vom Ende dessen, was einst die noble Idee der Einigung der europäischen Völker und Nationen war.

    Wenn das Schweizer Beispiel für etwas taugt, dann für die Lehre, keine Macht zu gross werden zu lassen und keine Normen zentralistisch von oben her über ganz verschiedene Köpfe zu stülpen. Leider haben die Schweizerenen selber diese Lehre mehr und mehr vergessen; andernfalls hätten sie längst dafür gesorgt, die hypertrophe Machtballung der Grossbanken aufzusplittern, notfalls gar um den Preis der Abwanderung der Cheftagen ins Ausland. Dass sie im «Kopf des Monsters» leben, ist den allermeisten Menschen in der Schweiz wohl gar nicht bewusst.


    Nachtrag am 3. März 2026

    Ob die Schweiz dem neu ausgehandelten Rahmenabkommen mit der EU zustimmen soll, werden das Parlament 2026 und die Stimmbürgerenen 2027 zu beschliessen haben. Die Debatte darüber verläuft gelegentlich, als handle es sich unterschwellig um einen Vollbeitritt zur EU, und tatsächlich kann man sich mit einem längerfristigen Blick voraus ja fragen, ob ein Beitritt nicht klüger wäre als die Umsetzung eines vordergründig auf rein wirtschaftliche Fragen beschränkten Vertragswerks.

    Was dabei leicht vergessen geht, ist der Umstand, dass sich die EU in den 13 Jahren seit der ersten Niederschrift dieser Zeilen sehr verändert hat, mit zunehmenden zentralistischen Tendenzen bei gleichzeitig abnehmender globaler Bedeutung, politisch wie wirtschaftlich, und der wachsenden Gefahr, sich selber und die Mitgliedsländer massiv zu übernehmen. Eine irgendwie geartete Zugehörigkeit zur EU erscheint heute weniger attraktiv und birgt angesichts der globalen Veränderungen auch Risiken, die bis vor kurzem nicht bestanden. Das Problem der Schweiz ist freilich, dass sie als Volkswirtschaft und als kleiner Staat nicht einmal den Ansatz einer eigenständigen Vision hat und ihr daher nichts anderes übrig bleibt, als sich in den realexistierenden europäischen Kontext einzufügen. Der lange gehätschelte helvetische Sonderfall hat längst keine Modellkraft mehr.


    Zuerst publiziert am 02.03.2013 als Facebook-Notiz, leicht redigiert/aktualisiert


    Quellen:
    [1] Menasses Facebook-Notiz, 2013 – ich empfejhle zudem die Lektüre seiner Romane «Die Hauptstadt» und «Der europäische Landbote»
    [2] MitgliederInnen – oder wie jetzt? – ein Vorschlag geschlechtsneutraler Sprache
    [3] «Über Schmutzpropaganda gegen das EU-Parlament»



    Reaktionen auf Facebook, 2013:

    Regula: Sehr spannende Zusammenfassung der Gründe gegen einen EU-Beitritt! Auch wenn ich im Herzen für eine Welt bin und es gerne so rosa wie Andi Gross sehe, finde ich die direktdemokratischen Gründe wichtig, dass nicht noch mehr am Volk oder <n meiner bescheidenen Meinung herumpolitisert wird. Das Gefühl, etwas bewegen zu können, hab ich noch. Bin sogar abstimmen gegangen.

    Irmy: Bei aller berechtigten Kritik: Die EU muss ihre Fehler ausmerzen, aus ihnen lernen und sich weiterentwickeln … den Blick nur nach hinten zu richten, was in Vergangenheit und Geschichte nicht vorteilhaft gewesen sei, lähmt jede positive Veränderung, jede Offenheit für kreative Ideen. Jetzt eine Rückwärtsdrehung, EU ein Fehlprojekt, nochmal von vorn anfangen bei den einzelnen Nationalstaaten, Wiedereinführung der alten Währungen, Grenzkontrollen, Schwachheiten? So funktioniert Entwicklung nicht. Mitnehmen, was an Ideen gut, weglassen, was schief gelaufen ist. Mittendrin weitergehn, die Augen offen halten und verbessern, verbessern, verbessern. Und die Hoffnung auf einfallsreiche Köpfe nie begraben.

    Rosi: Danke für Ihren aufschlussreichen Beitrag, vor allem für das Zurechtrücken des «Schweiz-Klischees», dem man in Österreich so gern in voller Bewunderung für das Nachbarland erliegt. Die Schweiz war schon zu Zeiten meiner Großmutter ein großes Vorbild («Schweizer Qualität – auf die konnte man zählen», die Neutralität), und heute wollen uns Politiker einreden, wenn wir nur mehr Volksabstimmungen à la Svizzera machten, wäre alles bestens. (Dabei wird gern vergessen, was uns alles von der Schweiz unterscheidet. z. B. die Konkordanzdemokratie oder dass im Bundesrat 5 Parteien vertreten sind. Oder auch die Geschichte und Rolle der Schweiz während des 2. Weltkriegs. Oder, dass das allgemeine Frauenwahlrecht erst seit 1971 besteht! …)
    Die Schweizerenen (lustige Genderform!) dagegen schauen gern ein wenig abschätzig oder mitleidig auf ihre östlichen Nachbarn. Das konnte ich am eigenen Leib erleben, als ich vor rund 40 Jahren eine Partnerschaft mit einen Schweizer einging (deshalb bin ich Basler Bürgerin), dessen Familie über den Zuwachs aus einem «Fast-Ostblock-Land» nicht gerade glücklich war. Weil ich vor allem Baslerenen kenne, habe ich von der Mehrsprachigkeit der Schweiz übrigens einen anderen Eindruck gewonnen, nämlich, dass die Westschweizerenen überhaupt nicht deutsch reden (wollen), umgekehrt die Deutschschweizerrnen aber gern französisch sprechen.
    Dass Sie nicht für einen EU-Beitritt stimmen würde, irritiert mich, ich würde an Ihrer Stelle wahrscheinlich schon aus Protest gegen die konservative Rechte mit JA stimmen. Natürlich haben Sie mit vielen Ihrer Kritikpunkte trotzdem recht! Andererseits kann die Schweiz nur «draußen» bleiben aufgrund ihrer vielen mit der EU geschlossenen Extra-Abkommen. Schließlich liegt das Land ja inmitten von Europa!
    Das Problem der EU ist, wie Robert Menasse ja immer wieder betont, das unterschiedliche, oft divergierende Interesse zwischen «Brüssel und Strassburg», also Rat und Parlament. Es sind die nationale Interessen der einzelnen Mitgliedstaaten, die durch ihre Kanzler im Europäischen Rat verfolgt und – von zu Hause aus kritisch beäugt, gefordert und kritisiert – möglichst durchgesetzt werden, damit jene ihre Posten/Macht nicht verlieren. Viele Gesetze, Erlässe oder Bedingungen wurden nicht als Idee in der EU geboren, sondern aufgrund von nationalen Interessen einzelner Länder, Konzerne und deren Lobbyisten beschlossen. Wenn dieses Tauziehen, bei dem jeder nur «das Beste für sich selber» herauszuholen versucht, einmal zu Ende ist, haben wir gewonnen!

    Billo: Als Linker kann ich ohne Widersprüchlichkeit gegen einen EU-Beitritt der Schweiz eingestellt sein. Nochmals: Den EWR-Beitritt hatten 1992 nicht Blocher und Kumpanen alleine verhindert, sondern zugleich, und dies völlig unabhängig von der Rechten, starke Kräfte von links der Mitte bis ganz links. Die EU wird ja, nicht nur in der Schweiz, nicht nur als Projekt des Friedens und der Vereinigung wahrgenommen, sondern mehr noch als Projekt des «progressiven» Kapitals, das sich dank dem grösseren Binnenmarkt und dessen im Kern undemokratischen Verfassung mehr Einfluss und mehr Profit verschafft. Eine demokratische Verfassbarkeit dieses merkwürdigen politischen Gebildes ist durchaus diskutabel, auch wenn die neuste Geschichte eine Aufwertung des frei gewählten EU-Parlaments gegenüber dem korporationistischen, bisher entscheidenden Ministerrat verzeichnet. Für Helvetenen ist die parlamentarische halt erst eine halbe Demokratie…

    Rosi: Ihre Einwände bzw. ablehnende Haltung der EU gegenüber ist mir verständlich, und auch ich bin nicht mit allem glücklich. Meine Einstellung ist jedoch eine positive und hoffnungsvolle, dass die Missstände, die es gibt, ausgemerzt werden können – jedoch nur durch die initiative engagierter Menschen in den Mitgliedsstaaten und nicht durch «von aussen zusehen und kritisieren». Das hat noch nie etwas geändert, oder?

    Billo: Autonom handeln und dadurch für sich selber wirken und andere positiv beeinflussen, das ist meine Devise – leider fehlt den meisten Schweizerenen diese aktive Sucht der Dinge, in welcher sie aus ihrem Land etwas machen könnten, das wenigstens halbwegs so stark leuchten würde als Beispiel in der Welt, wie sie es selber noch immer als gegeben annehmen…

  • Über drei österreichische Wirte

    Drei Gastwirte mit Tiroler Akzent belegen die einzigen drei Tischchen im Speisewagen des RailJet, wohl seit Wien und seit einigen Flaschen Blaufränkisch, und prahlen laut und angeheitert von ihren gastronomischen Heldentaten. Nur beste Qualität!

    Mit Müh rückt der Erste seinen Arsch ein wenig zur Seite, als ich frage, ob hier noch was frei sei. Mit noch mehr Müh rückt der Dritte zur Seite, nachdem ein Paar unschlüssig auf und ab gegangen war, sich offenkundig nach Platz umgesehen hatte und schliesslich darum bitten musste.

    Noch eine Flasche, noch mehr ungeniertes Fachwissen fliesst auf der Weiterfahrt in die Kehlen dieser drei wackeren Köche respektive aus ihren Kehlen heraus. Ich könnte daraus ein unnützes Kochbuch zusammenschreiben.

    Nützlicher erscheint es mir, die Gesichter der drei Typen in meinem Gedächtnis: damit ich ein Lokal gleich wieder verlassen könnte, würde ich einen von ihnen hinter der Theke erkennen. Man mag in der Schweiz des Lobes voll sein über den Service, pardon: das Service in österreichischen Etablissements – bei diesen drei Wirten dürft es sehr unaufmerksam sein.

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