Schluss mit Religion im öffentlichen Raum!

Eruv-Markierung in Kew Gardens, London (Foto: Tdorante10 / Wikimdedia Commons)

In Zürich haben strenggläubige Juden einen «Eruv» abgesteckt, eine Zone im öffentlichen Raum, in dem sie sich etwas freier bewegen können als es ihre strengen Schabbat-Regeln vorschreiben. Wann endlich wird die Trennung von Kirche und Staat ernst genommen? Kreuze, Kirchengeläut, Prozessionen, Verschleierung und andere Demonstrationen des privaten Glaubens haben im öffentlichen Raum einer aufgeklärten Gesellschaft nichts zu suchen.

Strenggläubige Juden dürfen am Schabbat keine Arbeit verrichten. Wenn sie an ihrem Sonntag ausser Haus gehen, etwa in die Synagoge oder für einen Spaziergang, dürften sich streng genommen nicht mal einen Schlüsselbund, ein Fahrrad oder einen Kinderwagen dabei haben. In einer als «Eruv» bezeichneten Zone aber ist ihnen das erlaubt. [1] [2]

Niemandem kann verboten werden, sich an die Vorschriften seiner Religion zu halten, solange er niemanden damit belästigt. Und wenn es die Religion erlaubt, die Regeln dennoch etwas zu lockern, wie etwa mit der Bezeichnung eines Stadtgebiets als «Eruv», dann ist das allein Sache der Gläubigen, aber nicht der Öffentlichkeit.

Unter welchem Titel müssen sich Nicht- oder Andersgläubige im Raum, der von allen Menschen beansprucht wird, die Demonstration von Glaubensbekenntnissen gefallen lassen? Wegen der Menschlichkeit? Für die haben sich die verschiedenen Religionen gerade nicht verdient gemacht. Das Glockengeläut von katholischen und reformierten Kirchen etwa ist im Kern eine akustische, das Verschleiern von Frauen eine optische Machtdemonstration: hört, seht, wir sind die Besseren!

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Die Welt wäre friedlicher, wenn die diversen privaten Religionen im privaten Raum gelebt würden. Und es wäre leichter für Nicht- und Andersgläubige, solidarisch zu handeln für Menschen, die ihres Glaubens wegen unter Diskriminierung leiden.


Quellen:
[1] Tsüri, 16.01.2026: «Ein Eruv für Zürich: Wie ein Nylonfaden den jüdischen Alltag verändert»
[2] Radio SRF, 17.01.2026: «Der erste Eruv der Schweiz»


Reaktionen auf Facebook:

Agnes: Ich bin sehr für Trennung von Staat und Kirche, aber grad der Eruv ist nicht das praktischste Zielobjekt. Der Eruv (und auch anderswo) ist just keine «Demonstration» (und das Foto oben ist übrigens nicht aus Zürich), denn es handelt sich um ein paar Schnüre, die zusätzlich gespannt wurden; wenn man nix vom Eruv weiss, sieht man sie gar nicht. (Hier sind Beispiele.) h). Der Eruv erlaubt es u. a. Frauen mit Kindern und alten Menschen mit Rollator, am Samstag überhaupt aus dem Haus zu gehen. Der Text oben suggeriert auch, der Zürcher Eruv sei etwas Besonderes oder etwas Neues; tatsächlich haben und hatten viele Städte einen Eruv, der m. W. noch nirgends ein Problem ergeben hat – wie gesagt, meist weiss mensch davon gar nix.

Joachim: Genau, wir diskutieren über Kopftücher im öffentlichen Raum, aber es ist eine super Sache, wenn Frauen mit Kindern und Behinderte am Samstag das Haus verlassen dürfen.

Urs: Sorry, aber sowas ist doch nur noch krank. «Bescheuerte» religiöse Gesetze; okay, wer sowas glaubt, darf sich daran halten. Aber wenn sie dann alles daran setzen, diese Vorgaben, an die sie glaube. zu umgehen…. sowas muss man nicht mehr verstehen, tolerieren, akzeptieren, das ist krank und ich befürchte unheilbar.

Irmy: So isses, Urs. Was das mit Kindern macht, denen man sowas vorlebt… da gehts nicht nur um den öffentlichen Raum.

Billo: Als «krank» würd ich es nicht bezeichnen, Urs. Jeder Mensch seine eigenen (Wahn-) Vorstellungen von der Welt und was er darin tun muss. Problematisch wird es aus meiner Sicht dann, wenn diese Vorstellungen oder vor allem deren Ausführungen andere Menschen belästigen oder gar beeinträchtigen, und hier ist für mich der öffentliche Raum und dessen Nutzung entscheidend. Über das Zurschautragen der eigenen Ideologie hab ich schon an anderer Stelle geschrieben: «Heut ist es mir sehr fremd, hinter Transparenten zu marschieren, egal, wie richtig das Anliegen sein mag.»
Eine andere Frage ist natürlich, was strenge religiöse Regeln sollen, wenn gleichzeitig Wege erfunden werden, sie nicht so ernst nehmen zu müssen – aber das müssen die Gläubigen unter sich ausmachen. Warum dieser Widerspruch im öffentlichen Raum ausgetragen werden muss, erschliesst sich mir allerdings nicht, Agnes. Im Tsüri-Artikel, auf den ich in meinem Blog verweise, heisst es: «In Zusammenarbeit mit der Stadt Zürich spannten sie Schnüre über die Strasse, ergänzten Geländer oder verlängerten Verkehrsschilder.» Mit anderen Worten ist hier über die Nutzung des öffentlichen Raums verhandelt worden. Auch wenn diese Schnüre und andere Zeichen vielleicht nicht so sichtbar sind wie das von mir ausgewählte Bild vom Eruv in Kew Gardens, ändert das nichts an der Inanspruchnahme des öffentlichen Raums für ein partikuläres Anliegen – das stört mich ja längst nicht nur in diesem speziellen Fall, den ich heute als Anlass nahm, sondern grundsätzlich, insbesondere auch in der zunehmenden Beanspruchung öffentlichen Raum für kommerzielle Partikularinteressen.

Urs: Krank ist vielleicht nicht ganz treffend, aber ich finde es doch mehr als sonderbar, wenn der «Staat» einer religiösen Gruppierung, welche ihre eigenen Regeln akzeptiert, Hand bieten soll, diese Regeln umgehen zu können.

Meia: Orthodoxer Glaube, wohin das führt, sehen alle im Iran und in Israel.

Billo: Es sind sowohl in Israel wie im Iran meines Wissens nicht die streng orthodox Gläubigen, die Menschen unterdrücken, sondern Leute, welche die Religion als Argument für ihre menschenfeindliche Politik missbrauchen.
Dass die jeweils «heilige Schrift» sich so brachial gegen «Falschgläubige» auslegen lässt, zum Beispiel einst auch von den katholischen Inquisitoren, ist allerdings ein inhärentes Problem jeder Religion oder Ideologie, die für sich herausnimmt, «gut» von «böse» zu scheiden.
Ich korrigiere: Es sind nicht die streng orthodox Gläubigen, die Menschen unterdrücken, es sei denn die eigenen Frauen…


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