Über steigende Ozeane und die Verteilung von Land

Weil der Meeresspiegel auch in der nördlichen Adria im Lauf der Jahre angestiegen ist – was aber kaum jemand wahrhaben will –, liegt eine meterhohe Mole aus Felsblöcken bei Südwind unter Wasser. (Foto: Billo. 2015)

Das Erdklima wird wärmer, weil CO2-Konzentration der Erdatmosphäre zunimmt. Und weil die Eiskappen an den Pole schmelzen, steigen die Ozeane. Das ist das grundlegende Szenario, über welches sich Wissenschafter inzwischen einig sind. Strittig ist bestenfalls noch, wie viel und bis wann. Aber überhaupt noch nicht ernsthaft gestritten wird darüber, wo denn all die Menschen einmal hin sollen, die in Küstengebieten leben: Wer wird ihnen Platz einräumen auf einem eh schon übervölkerten Planeten? Von welchem Acker werden sie essen?


Ein, zwei, achtzig Meter?

Ein grosser Tisch voll wissenschaftlicher Beweise legt den Schluss nahe, dass das Eis über der Westantarktis und über Grönland infolge der Erderwärmung nach und nach vollständige schmelzen werden. Dadurch würden der globale Meeresspiegel um etwa 12 Meter ansteigen.
Doch das ist noch nicht alles. Um genauer zu wissen, was auf uns zukommt, graben Klimawissenschafter immer tiefer in der Erdgeschichte. Im Pliozän (vor rund drei Millionen Jahren) lag die bisher höchste natürliche CO2-Konzentration bei etwa 400 ppm  – exakt der Wert, dem sich die Menschheit in den nächsten Jahren konfrontiert sehen wird, nachdem sie zwei Jahrhunderte lang fossile Bodenschätze verbrannt hat.
Die bisherigen Annahmen über das Meeresniveau im Pliozän lagen bei 5 bis 30 Metern über dem heutigen Niveau, wobei man sich am ehesten bei 24 Metern einig war. Neuste Forschungen eines Teams um die USamerianische Paläozeanographin und Meeresgeologin Maureen E. Raymo vergleichen die Spuren der Küstenlinien im Pliozän mit den heutigen Küsten und kommen auf eine Differenz von 11 bis 34 Metern in Südafrika und gar auf 10 bis 79 Meter an der Ostküste der USA.
Wenn sich die Annahmen der neusten Forschungen bestätigen, würde das bedeuten, dass auch das Eis über der Ostantarktis schmilzt, die weltweit grösste Eiskammer, deren komplettes auftauen allein schon einen Anstieg des Meeresspiegels um 55 Meter verursachen würde.


In zwanzig, hundert, tausend Jahren?

Aber wie rasch wird das geschehen? Das Team um Raymo teilt den zunehmenden wissenschaftlichen Konsens, dass der Anstieg in diesem Jahrhundert etwa 1 Meter ausmachen wird, vielleicht auch 2. Schon dies wird Millionen von Menschen in Küstengebieten zwingen, sich eine neue Bleibe zu suchen. Auch Europas Bevölkerung wird direkt betroffen sein, ganz besonders an Adria und Nordsee.
Es gibt wissenschaftliche Voraussagen, nach welchen das Problem ab dem nächsten Jahrhundert viel schlimmer werden könnte, mit einem Anstieg des Meeresspiegels gegenüber heute um 4 Meter bis zum Jahr 2300, und dass der Anstieg des Jahrhunderte, wenn nicht Tausende von Jahren fortdauern könnte. [1]


Und wohin denn dann?

Für viele Menschen wird sich diese Frage schon in den nächsten Jahrzehnten stellen. In Monfalcone sitze ich sozusagen im Horchposten, auf Augenhöhe mit der Adria, die ohne Zweifel stärker sein wird als ich. Für die Jahre, die mir an Lebenszeit bleiben, muss ich keine Evakuation befürchten, aber meine Erben und vor allem die jüngeren Menschen, die schon lange hier leben, müssen das schon. Und ob sie anderswo in Italien einen neuen Platz finden, ist durchaus fraglich in einem Land mit derart langer und dicht bevölkerter Küstenlinie.
Schlimmer noch sieht’s für meine Freunde im Senegal aus. Wer dort die dicht bevölkerte Küste verlassen muss, wird nicht ins vertrocknete Hinterland fliehen wollen, von wo sein Eltern abwanderten. Aber nach Europa sind schon seine Brüder und Schwestern in den meisten Fällen nicht gekommen, und wenn, dann leben sie hier nicht unter Bedingungen, für welche sie die Strapazen der ungewissen Reise auf sich genommen hätten.
Das Problem ist freilich noch viel grösser. Ein Fünftel der Menschheit lebt in einem 25 km breiten Küstenstreifen. [2]
Rund 200 Millionen Küstenbewohner leben in Gebieten, die weniger  als 5 Meter über dem mittleren Meersspiegel liegen. Bis Ende dieses Jahrhunderts wird ihre Zahl auf 400 bis 500 Millionen ansteigen. Steigt das Meer um 1 Meter, sind allein in Europa 13 Millionen Menschen bedroht.
Und auf lange Sicht: Steigt der Meeresspiegel um 20 Meter, geraten acht Millionen Quadratkilometer unter Wasser. Geschähe das jetzt, wäre ein Siebtel aller sieben Milliarden Menschen gezwungen, sich anderswo niederzulassen. [3]
Die Bevölkerung in Küstengebieten wächst dreimal schneller als sonst wo auf der Welt, in manchen Gebieten hat sie sich innert der letzten zwei Generationen gar um das Zehn- bis Dreissigfache zugenommen. Auch wirtschaftlich ist die Bedeutung der Küstengebiete enorm gewachsen: hohe Industrialisierung, hohe Vermögenskonzentration.
Wo werden all diese Menschen einst leben? Wer wird sie beherbergen, wer ihnen eine Existenz ermöglichen? Die Erde ist doch schon heute zu knapp und daher zu teuer für die grosse Mehrheit der Menschen…


Die Erde gerecht teilen

Selbst wenn wir ab sofort auf die Verbrennung fossiler Ressourcen verzichten, werden die Erderwärmung und damit der Meeresspiegelanstieg noch lange zunehmen, vergleichbar dem langen Bremsweg eines grossen Schiffes. Das heisst: Wir müssen uns nicht nur überlegen, was wir gegen den Meeresanstieg tun können. Wir müssen vor allem darüber nachdenken, wie wir damit umgehen, dass der Meeresspiegel steigen wird.
Mit dem heute global vorherrschenden Bodenrecht wird diese drängende Frage nicht einmal entfernt «human» zu beantworten sein. Das private Eigentum an Boden war schon bisher die erste und wichtigste Quelle krasser Ungleichheit zwischen den Menschen. Fast alle Menschen müssen für andere arbeiten, um einer kleinen Minderheit Rente dafür zu bezahlen, dass sie überhaupt existieren. Keine Arbeit für ihre eigene Subsistenz, wohlverstanden, sondern Fronarbeit für den Reichtum anderer. Spätestens die so genannten «Finanz»krise macht deutlich, dass das System krasser Ungleichheit nur noch mit immer ungerechteren Massnahmen aufrecht erhalten werden kann. Wenn nun riesige Landflächen überflutet und Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden, so wird das System an seine Grenzen kommen – nicht ohne zu versuchen, sich mit noch weit brutaleren Massnahmen am Leben zu erhalten.
Am Ende wird alles anders sein. Besser, wir beginnen das heute selber zu gestalten, zumindest schon mal gedanklich. Wenn Land verschwindet und gleichzeitig neues Land entsteht (Grönland, Antarktis), ist das im Zeitraffer nichts anderes als das, was seit Jahrtausenden geschieht: Mehr und mehr Menschen wurde ihr Land unter den Füssen weggezogen, während eine Minderheit immer mehr Land ihr Eigen nannte. Diese Entwicklung hat mittlerweile eine Zuspitzung erreicht, die für jeden gesellschaftlichen Fortschritt nur noch negativ ist.
Es muss gelingen, das Recht auf privates und unbeschränktes Eigentum an Boden überzuführen in ein Recht jedes Menschen auf lebenslange Nutzung eines wertmässig für alle gleich grossen Stücks Erde [4]. Im Rahmen ökologischer und sozialer Regeln muss dabei jeder Mensch frei darin sein, wie er «sein» virtuelles Stück Erde nutzen will: durch Beanspruchung eines Stücks Erde in entsprechender Grösse, durch Vermietung seines Anspruchs oder durch Zumietung von Nutzungsrechten Dritter. Voilà le vrai Grundeinkommen!
Wenn nun die verfügbare Landmasse abnimmt, verändert sich der virtuelle Anteil an der Nutzung der Erde für alle Menschen genau gleich. Verliere ich meine Bleibe am Meer und muss mich anderswo niederlassen, tausche ich meinen Nutzungsanspruch ein, der ja nicht an ein konkretes Stück Boden gebunden ist.
Nur auf der Grundlage eines derartig egalitären Bodenrechts lassen sich solche Veränderungen einigermassen menschengerecht lösen. Die Bewohner von durch Gebieten, die durch Kriege, Naturkatastrophen oder Klimawandel zerstört wurden, hätten sich so ein unverlierbares Existenzrecht schon lange gewünscht – was konnten sie schon dafür, dass sie alles verloren?


Zuerst publiziert am 22.01.2013 auf Facebook


Quellen:
[1] New York Times, 22.01.2013: «How high could the tide go?»
[2] http://www.lighthouse-foundation.org/index.php?id=166
[3] World Ocean Review (2010): «Der Meeresspiegelanstieg – eine unausweichliche Bedrohung»
[4] Billo, 20.05.2015: «Über den bedingungslosen Anteil jedes Menschen an der Welt»


Diskussion auf Facebook (2013):

Christof: Ich tät halt schon gern mal wissen, was denn jetzt wirklich Sache ist: «Forscher rätseln über Stillstand bei Erderwärmung».

Billo: Wie auch immer, ceterum censeo terram esse dividendam!

Irmy: Erstens können gar nicht alle möglichen Faktoren der angeblich zunehmenden Erwärmung eindeutig festgemacht werden, da es unzählig viele sind, darunter unwahrscheinliche Geschehnisse, die ja bekanntermassen auch wieder wahrscheinlich sind.
Zweitens wohl passieren diese Veränderungen, wenn sie denn passieren, im Lauf von Generationen … die je nach geographischer Lage ihre individuellen Lösungen dafür suchen werden.
Und drittens erscheint mir die jeweilige Berechung dieses Grundeinkommens (anteilig an der jeweiligen Weltbevölkerungszahl) kaum realistisch berechenbar, da die Zahl ja nicht konstant bleibt. Du hast dann sozusagen dein ‚Stück Erde‘, das sich als unklar, veränderlich und schwammig erweist, kannst also nicht wirklich ‚drauf baun‘ oder ‚damit rechnen‘.
Ich vertrau da lieber drauf, dass sich Stück für Stück dort Lösungen ergeben, erarbeiten lassen, wo die Dinge aufeinmal vom bisher Bekannten abweichen.

Billo: Erstens sollten wir nicht klüger sein wollen als das, was Tausende von engagierten Wissenschafter/innen in Jahren intensiver Arbeit erforscht und zu Erkenntnissen verdichtet haben.
Zweitens sind zahlreiche einschneidende Veränderung erdgeschichtlicher wie menschheitsgeschichtlicher Art nicht im Lauf von Generationen, sondern ziemlich plötzlich eingetreten.
Drittens ist ein in seinem Wert zwar variables, aber durchaus (voraus)berechenbares virtuelles Nutzungsrecht auf Lebenszeit unvergleichlich sicherer als Existenzgrundlage als ein bestimmtes Stück Boden, das einem heute gehört und morgen aus vielerlei Gründen schon von jemand anderem besetzt sein kann…

Christof: Ich hatte was auf Deinen Link entgegnen wollen, mich in den vielen Unterlagen zum Thema verloren – und nun kommt dies aus der Süddeutsche Zeitung: «Erderwärmung mit Pause?»

Billo: Nun ja, wir werden sehen.Entscheidend sind jedenfalls die langfristigen Veränderungen über die Jahrhunderte hinweg und nicht kurzfristige die Aufs und Abs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, wie sie in den abwiegelnden Studien gern bemüht werden. Es ist – auch aus andern Gründen, z. B. Erschöpfung der Erdölvorräte – auf jeden Fall klüger, schon heute entschiedene Schritte hin zu einer Lebensweise mit drastisch geringerem Fremdenergiekonsum zu machen, als doof und bequem darauf zu waren, dass ja doch nicht alles so schlimm kommen werde…

Irmy: Wie man sieht, gibt es und wird es immer solche und solche und jene Studien geben, allesamt keine echte Prognose, zum Glück. Viel zu viele Faktoren, die nicht mal beim besten Willen vorzeitig zu berechnen wären.
Ja sicher lohnt es, generell und überhaupt bescheiden zu leben und da, wo es geht, zur umweltfreundlicheren Alternative zu greifen. Dafür sollt aber kein Mensch diese Drohstudien brauchen, die den Teufel an die Wand malen.

Billo: Viel zu viele Faktoren gilt für alle Wissenschafter, auch für jene, die – in wessen Sold auch immer – krampfhaft versuchen, die Prognosen auf unter 2 Grad Erwärmung zu drücken. Und die dabei so tun, als wäre eine durchschnittliche Erderwärmung um 1,5 Grad gar kein Problem.

Irmy: Das war auch so gemeint. Aber was jeweils ein Problem ist, entscheidet sich von Fall zu Fall vor Ort. Kein Nachteil, der nicht auch Vorteile hätt.

Sasha: Ich gehe auf all diese «Berichte und Statistiken» gar nicht mehr ein. Pure Verschwendung vin Zeit, die wir nicht mehr haben. Unverantwortlich vom Spiegel, solche absolut nicht neuen Erkenntnisse als das Neueste vom Neuen zu bringen. Solche Berichte dienen nur den Klimazweiflern um Herrn Morano. Richtig ist aber, dass die Nasa gravierende Fehler gemacht hat. Dennoch, mathematisch kann man eine Erderwärmung nicht festmachen. Sowas lernt man eigentlich im ersten Semester eines jeden wissenschaftlichen Studiums. Kleines Beispiel: Wir nehmen einen gezinkten Würfel (da kenne ich mich aus), welcher zu 25% (statt 16,6%) die Sechs zeigen wird. Wir können also mit ruhigem Gewissen vorhersagen, dass nach 1000 mal Würfeln die Sechs ca. 250 mal fallen wird. Wir nehmen also unseren Würfelbecher und schütteln. Das Schütteln dürfen wir als Verbildlichung der von Irmy oben aufgeführten Unwägbarkeiten (hier im Bericht als das noch unerforschte Gebiet des Ozeanwärmeschluckungspotentials dargestellt) ansehen. Es fällt die 1. Dann die 3 ,usw. Nach 16 mal Würfeln ist noch nicht einmal die 6 gefallen, hätte aber schon 4 mal fallen müssen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist 1:4,4 also gar nicht mal so gering. Mein Vorschlag: Diesen Leuten, die sich aus mir unbekannten Gründen 15 Jahre als Beobachtungszeitraum auserkoren haben, obwohl sie nicht alle Parameter kannten, mal ordentlich den Kopf durchschütteln. Ich bleibe dabei: Statistiken und Kurven sind manchmal (selten) nützlich. Wissenschaftlicher ist es aber immer gewesen, von Beobachtungen auszugehen. Zum Glück (?) beobachten seriöse Wissenschaftler zu 99% richtig.

Billo: Genau, Sasha! Wir nutzen die Zeit und unsere Kapazitäten klüger, um eine andere Lebensweise einzuüben, die viel weniger Energie braucht. Wenn die Erde dann kaum wärmer wird, der Meeresspiegel nicht so sehr steigt, das Erdöl nicht ganz ausgeht, die erneuerbaren Energiequellen doch etwas mehr hergeben: umso besser!

Sasha: Das Eigenartige ist ja, dass wir eigentlich diese «andere» Lebensweise nicht einüben müssen. Ich schätze mal, dass fast jeder deutsche (ich beobachte nur das deutsche Fernsehen, schätze mal aber, dass es bei euch nicht anders aussieht) Verbraucher durchaus bereit wäre, monatlich die 8 Euro mehr zur Förderung alternativer Energien aufzubringen, um welche jetzt so ein Gedöns gemacht wird. Solange ich aber die E-On-Reklame im TV mir ansehen muss, in welcher gerade dieser Stromanbieter sich als der Retter der Umwelt anpreist, sich aber klammheimlich hinter verschlossenen Türen bei der von der FDP-unterstützten Atomlobby anbiedert, mit der Bitte, die ach so enormen Mehrbelastungen für den Verbraucher, welche die Förderung von alternativen Energien kosten würde, zu unterstreichen – so lange sehe ich schwarz.



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