
Die schrittweisen Enthüllungen über das unerwartet enge Verhältnis zwischen dem führenden anarchistischen Intellektuellen Noam Chomsky und dem Investmentbanker, Networker und Massenvergewaltiger Jeffrey Epstein haben in der jüngsten Phase der Aktenöffnung besondere Aufmerksamkeit erregt, sowohl in rechten wie in linken Kreisen. Nach dem ersten Pulverdampf und diversen Ablenkungsmanövern versuche ich, die Dinge für mich zu ordnen.
1. Das ethische Axiom
Auf der ersten Ebene steht das ethische Axiom, niemand dürfe ein Verbrechen aufkosten einer anderen Person begehen, unterstützen oder billigen. Aus diesem Grund soll ich auf Mittel oder Beziehungen verzichten, die mir jemand zur Vertfügung stellt, der sie sich selber auf eine Weise angeeignet hat, die ich für verwerflich halte – selbst dann, wenn mir diese Mittel und Beziehungen helfen könnten, die Verhältnisse auf der Welt ein wenig zu verbessern.
Rückblickend ist klar, dass Noam Chomsky sich niemals auf Jeffrey Epstein hätte einlassen sollen; er hätte weder Geld von ihm annehmen noch sich von ihm anderen Personen vorstellen lassen noch ihm einen Gefallen tun dürfen.
In der Praxis waren Wissenschafter und Künstler immer abhängig von Mitteln und Beziehungen, die ihnen von Reichen und Mächtigen und deren Institutionen zur Verfügung gestellt oder verweigert wurden, von Kirchen, Fürsten, Staat und Stiftungen. In der Moderne wurde die konkrete Herkunft der Mittel für ein Projekt zunehmend unklar, insbesondere bei grossen Stiftungen, die sich aus verschiedenen Quellen speisen. Der grösste Teil meines lebenslangen Einkommens und jenes meiner jeweiligen Teams bestand aus Projektbeiträgen von Stiftungen; wie die Stiftungen zum Geld gekommen waren, blieb mir in der Regel verborgen. Hätte ich die Beiträge deswegen zurückweisen sollen, bis die Herkunft jedes Frankens, Euros oder Dollars geklärt würde? Und welche Herkunft hätte ich denn akzeptiert, welche abgelehnt? Kein Geld, das mit Waffen verdient worden war – aber Geld aus dem Geschäft mit Lebensmitteln, das mit dem Töten von zwei Billionen Tieren jährlich in Zusammenhang stehen könnte? Kein Geld von der Autoindustrie – aber aus dem weltweiten Handel, der zu neunzig Prozent per Schiff abgewicklet wird und das Leben in den Meeren beeinträchtigt? Kein Geld, das dank Missachtung von Arbeitsrechten angehäuft wurde – aber aus Geschäften, die mit der Ausbeutung von Tieren, Pflanzen und Menschen in fernen Ländern verknüpft sein könnten?
Es geht mir nicht darum, das Verhalten von Chomsky oder irgendwem gegenüber jemandem wie Epstein zu relativieren; ich mache einzig auf die objektive Schwierigkeit aufmerksam, das ethische Axion in der Praxis einzuhalten, wenn man für seine Projekte auf Geld und Beziehungen anderer angewiesen ist. Und je mehr man sich darauf angewiesen sein lässt, desto schwieriger wird es, erst recht dann, wenn man dazu neigt, sogenannt wichtigen Personen auf den Leim zu gehen. Ich wäre auf einen Epstein wohl nicht hereingefallen, weil mich Leitfiguren und deren Zirkel nie interessiert haben und weil ich lieber kleine Brötchen backe, um möglichst unabhängig zu bleiben – aber wie viel Epsteinartiges mag sich irgendwo in einer Leitung befunden haben, aus der Geld für meine Projekte floss?
2. Die moralische Beurteilung
Die zweite Ebene befasst sich mit der Frage, was als moralisch vertretbar anzusehen ist. Im Fall der öffentlichen Wahrnehmung von Noam Chomsky war die Sache ziemlich schnell klar, noch bevor der Inhalt seiner Kontakte zu Epstein vollständig bekannt wurde: Chomsky hätte den Kontakt mit Epstein spätestens nach dessen erster Verurteilung wegen Pädophilie (2008) abbrechen müssen – die Behauptung von Chomskys Frau [1], dass sie nichts davon gewusst hätten, weil der Prozess auf staatlicher Ebene in Florida stattgefunden habe, wird von vielen Beobachtern zu Recht in Frage gestellt [2] [3], da Chomsky seit jeher ein gut vernetzter und informierter Intellektueller war.
Aber was hat Chomsky tatsächlich getan? Er begann, Geld und Beziehungen von Epstein zu einer Zeit anzunehmen, als er von dessen krimineller Seite noch nichts wissen konnte. Aber auch nachdem er Kenntnis davon haben musste, blieb er offen für finanzielle und vernetzende Unterstützung von seinem «besten Freund» Epstein und war sogar bereit, für ihn mit Rat einzuspringen. Er äusserte sogar wiederholt den Wunsch, Epsteins Insel zu besuchen, auf die der Milliardär so viele Mädchen und junge Frauen gelockt hatte, um sie ungestört zu missbrauchen [4]. Chomsky hat sich, wie viele andere, von einer offensichtlich sehr gewinnenden Seite Epsteins verführen [5] und in elitäre Kreise hineinziehen [6] lassen
Ich beobachte mit Erstaunen, dass viele Menschen, die Chomskys Stellungnahmen zu wichtigen politischen Themen einst nicht genug loben und zitieren konnten, sich nun öffentlich von ihm distanzieren und sogar seine Aussagen in Frage stellen, die sie so geschätzt hatten. Ich könnte das nachvollziehen, wenn Chomsky Kinder missbraucht und junge Frauen vergewaltigt hätte. Persönlich trenne ich niemals das Werk von der Persönlichkeit des Autors und lehne es aus diesem Grund ab, die Gedichte eines Faschistenführers wie D’Annunzio zu lesen, um ein Beispiel zu nennen. Im Vergleich dazu war Chomsky ein Verschweiger, ein Mitläufer, was allerdings ein Licht des Zweifels auf sein wissenschaftliches und politisches Werk wirft, das künftig auch unter diesem Aspekt gelesen werden muss; aber ist deswegen gleich alles wertlos, was er sagte und schrieb?
Der Grund für die harte Verurteilung Chomskys liegt auch in der Persönlichkeit der Urteilenden selbst. Der Verlust eines persönlichen Denkhelden kann eine erschreckende Herausforderung für das Selbstwertgefühl sein. Je weniger man Chomskys Aussagen hinterfragt hat, desto größer ist die Neigung, die unerwartete kognitive Dissonanz dadurch aufzulösen, dass man sich von der Person distanziert, die dafür verantwortlich gemacht wird. Es ist die alte Geschichte vom gefallenen Engel, der zum Teufel wird. Ich habe aus Erfahrung gelernt, mich vor Menschen zu hüten, die einen ständig loben; denn sie werden die ersten sein, die einen verdammen.
Das Verlangen nach grossen Persönlichkeiten – meist Männern – auch unter Linken hat mich immer erstaunt [11]. Da ich mein Handeln nie von meiner Person getrennt habe, oder umgekehrt, bin ich mir meiner guten und schlechten Seiten wohl bewusst. Ich habe nie geglaubt, dass es Menschen mit ausschliesslich guten Seiten gebe. Daher ist es nicht so leicht, mich zu enttäuschen. Chomsky weckte in mir schon Widerstand, als ich einer seine späteren wissenschaftlichen Publikationen entnahm, dass seine vielgepriesene Sprachforschung auf der apodiktischen Behauptung basiert, nur der Homo sapiens seri in der Lage, eine Sprache zu entwickeln [7] – was leicht zu «beweisen» ist, wenn der Begriff Sprache anthropozentrisch definiert wird. Unabhängig davon sah ich keinen Grund, Chomskys politische Äusserungen für mehr zu halten als für wertvolle Denkanstösse, was ja bereits ein Geschenk ist. Und das Gleiche gilt für Äusserungen aller klugen Köpfe: Seien wir froh, dass sie uns ihre Gedanken mitteilen, aber heben wir sie nicht auf ein Podest.
3. Die politische Instrumentalisierung
Die politische Rechte hat die Enthüllungen über Chomskys Nähe zu Epstein genüsslich ausgeschlachtet. Zum einen gilt die Häme einem Säulenheiligen des politischen Feinds, den man noch so gerne krachend vom Sockel reisst, als wäre damit die grundsätzliche Verkommenheit der Linken samt deren Irrtum bewiesen. Diese Reaktion liegt auf der Hand; die Linke nutzt Skandale um Leitfiguren der Rechten nicht weniger schonungslos.
Die Schlammlawine von rechts hat freilich eine zweite, wichtigere Funktion im Rahmen einer «flood the zone with culprits»-Strategie: flute die veröffentlichte Meinung mit immer neuen Beschuldigten. Wenn es eine kaum mehr überschaubare Zahl an Personen gibt, die laut den bisher veröffentlichten Akten in irgendeiner Verbindung zu Epstein standen, dann wird es leichter, jene Personen zu schonen, die vermutlich im Zentrum [8] [9] des Epstein-Zirkels standen und über deren Tun aus den noch immer nicht veröffentlichten Akten mehr zu erfahren wäre.
Die Art, in der bisher Millionen von Akten zugänglich gemacht wurden, ist derart chaotisch, dass Rechercheteams und Journalisten vollauf damit beschäftig sind, die wesentlichen Erkenntnisse herauszuarbeiten [10] – wer hätte da noch Kapazitäten frei, um all den unveröffentlichten Akten nachzugehen? Der Umgang der Administration Trump mit den Epstein-Files ist eine erklassige Verarschung von Trumps Anhängerschaft, der im Wahlkampf schonungslose Offenheit versprochen worden war. Es genügt, der Öffentlichkeit einen gigantischen Wust von Dokumenten ohne jede Einordnung entgegenzuschleudern, um Fragen ins Leere laufen zu lassen. Wenn die linken Hunde zudem mit dem Knochen Chomsky abgelenkt werden können, umso besser.
4. Die Opfer vergessen machen
Wieder einmal haben die Opfer wenig zu sagen. Bei der Veröffentlichung der Akten wurden zwar die Namen vieler Täter geschwärzt, die Namen etlicher Opfer aber nicht; sie werden dadurch straflos ein zweites Mal vor aller Augen vergewaltigt, einzig, weil sie Frauen sind und keine Macht haben. Die Gleichberechtigung der Geschlechter erfährt im 21. Jahrhundert einen Backlash, passend dazu, dass dieses Jahrhundert zur Ära der entfesselten Macht der Wenigen zu werden droht, der wenigen Männer natürlich.
Die helle, zum Teil geschickt orchestrierte Aufregung über die Epstein-Files hat auch den wohl nicht unbeabsichtigten Nebeneffekt, die vorherrschende Herabsetzung von Frauen in fast allen Gesellschaften der Welt zu verstärken. Dass Frauen von Epsteins kriminellem Netzwerk betroffen waren, wird zudem damit verschleiert, dass die Diskussion auf den Missbrauch von Minderjährigen fokussiert wird, als wären Epstein, Trump und Kumpanen nicht auch junge Frauen zum Opfer gefallen. Das ist alles, was ich als Mann dazu sagen möchte; may the women speak out.
Quellen:
[1] Aaron Maté, 08.02.2026: «Noam Chomsky’s wife responds to Epstein controversy»
[2] Novara Media, 04.02.2026:«What Was Chomsky Thinking?»
[3] Alan MacLeod, 07.02.2026: «Unraveling a web of connections»
[4] Alan MacLeod, 05.02.2026: «Chomsky fantasized about Epstein’s Island»
[5] Chris Hedges, 09.02.2026: «Noam Chomsky, Jeffrey Epstein and the Politics of Betrayal»
[6] Virginia Heffernan, 13.02.2026: «How Epstein infiltrated Harvard»
[7] Noam Chomsky (2015): «What Kind of Creatures Are We?»
[8] New York Times, 18.12.2025: «’Don’s Best Friend’: How Epstein and Trump Bonded Over the Pursuit of Women»
[9] Rainer Hofmann, 16.02.2026: «Wie Aktenzeichen, Schwärzungen und ein alter Deal viele Fragen zu Trump und Epstein aufwerfen»
[10] Daniela Janser, 12.02.2026: «Sicher versorgt im grossen Chaos»
[11] Billo, 07.11.2025: «Das Heldenproblem»
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