Alltag nach dem Spital #13

An der Strandpromenade von Thessaloniki

Schon vier Wochen wieder zuhause? Ich war doch erst noch im Spital… Die Zeit scheint mir im Rückblick viel kürzer; dabei ist so viel passiert, dass ich meinen müsste, vier Wochen reichten gar nicht hin dafür.

Schritt um Schritt hab ich mir meinen selbständigen Alltag wieder erobert. Selber kochen, selber abwaschen, selber Katzenklo putzen, die Wäsche selber machen, mit der Katze in den Garten gehen, wieder alleine einkaufen, die Pflanzen wieder selber giessen. Anfangs war ich einfach froh und dankbar, dass Irmy zweimal täglich vorbeikam und alles erledigte, wozu ich noch die Kraft nicht hatte. Vor etwa einer Woche meinte ich zu ihr, einmal täglich werde nun genügen, ich käme soweit klar. Gestern beim caffè in der Stadt erwähnte sie eine spontane Lust, für ein paar Tage zu verreisen, ob das denn überhaupt möglich wär? Ja, klar, mach das – es ist ja jetzt eh schon Juli, der Monat, in dem wir so oft zu unseren Reisen aufbrachen, durch ganz Italien oder quer über den Balkan… Mach das, für ein paar Tage bis zum nächsten Kontrolltermin im Spital komm ich alleine gut zurecht.

Nachdem wir vor zehn Jahren nach Italien gezogen waren, waren wir jedes Jahr ausgerechnet im heissesten Monat für gut zehn Tage, oder solang das Geld eben reichte, zu einer Reise aufgebrochen. Die Hitze war leichter zu ertragen unterwegs auf schneller Fahrt bei offenen Fenstern in unserem Panda. Einen Augenblick lang verlockt es mich: ich könnt ja mitfahren? Ja, warum nicht, komm doch mit, unsere beiden Katzen werden sich schon irgendwie vertragen.


Einfach los und reisen…

Dass irmy und ich je mit einer Katze leben, Mutter und Tochter, die miteinander nicht mehr gut auskommen, war zum offensichtlichsten Grund geworden, warum Schluss war mit gemeinsam Reisen. Doch es war auf diesen Reisen nie einfach gewesen, wir hatten oft Streit, weil wir unterschiedliche Vorstellungen vom Unterwegssein haben, einen anderen Rhythmus, weil uns oft nicht das Gleiche interessiert und verweilen lässt; aber im Grunde gerieten wir oft in Streit, weil es auf Reisen in einem kleinen Auto schwieriger ist, einander auszuweichen als im Alltag zuhause. Und auch in unseren vier Wänden ging es uns miteinander besser, nachdem wir beschlossen hatten, uns zu trennen, aber halt noch warten mussten, bis eine zweite Wohnung zur Verfügung stand. Jetzt, auf Distanz und jedes für sich, fällt es leicht, einander fast täglich zu sehen, für ein zwei Stunden und gut ist. Aber gemeinsam ein paar Tage auf Reise? Die Katzenfrage erledigt eine nähere Erörterung, ganz abgesehen von meinem noch nicht wirklich reisefähigen Zustand…

Es waren bei allem Streit und dank Übung im Versöhnen ganz besondere Reisen, voller prägender Eindrücke, skurriler Begebenheiten und gemeinsam gemeisterter Hindernisse; ein ganzes Buch liesse sich darüber schreiben und bebildern, in meinem Kopf hat es schon lang Gestalt, und vermutlich genügt das ja so. Ich denk grad an unsere Fahrt vor sieben Jahren nach Griechenland, aus Zorn über die finanzpolitische Diktatur, die dem Land damals angetan wurde, und aus Solidarität. Weiter als bis Thessaloniki waren wir allerdings nicht gekommen nach einer langen Fahrt durch Slowenien, Kroatien, Serbien und Bulgarien und mit Rücksicht auf die Zeit für den Heimweg via Albanien (oh là là!) und Montenegro. Aber in Thessaloniki waren wir gewesen, und an allen anderen Orten, unvergessen. So viele Erinnerungen; muss ich noch reisen?


Zuerst publiziert am 28.06.2022 auf Facebook.
Folge #12 — Folge #14
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Ausgewählte Kommentare auf Facebook:

Marline: Nein, reisen musst nicht mehr – aber dieses Buch schreiben!

Irmy: Sehr spezielle Koinzidenz: Sprach grad mit Thomas beim Italiener in Vaterstetten über diese Griechenlandreise und insbesondere die Vorkommnisse in Albanien.

Regula: Sehr schönes Foto – gefällt mir ausserordentlich auch wenn es vielleicht nicht in den Textkontext passt. Hab nicht alles gelesen. Hat irgendwie eine starke Symbolkraft.

Fritz: Saloniki kenne ich gut. Und das Wahrzeichen mit den Schirmen gefällt mir. Auch mein FB-Freunde in Griechenland verwenden es gern.
Beim Reisen ging es mit meinen Partnerinnen immer am besten. Streit kannten wir nicht und es war anregend für beide. Zuhause aber gab es die Probleme. Ich war aber auch oft alleine unterwegs, so fast zwei Jahren durch den amerikanischen Kontinent, vielleicht 85% alleine, dabei habe ich mich immer nach einer Begleitung gesehnt. Ich bin wohl anders. Ich bewundere Menschen, die glücklich allein leben und reisen könnnen!

Dagmar: Wie spannend. Da hatte ich gerade beim Reisen eher Glück, weniger im Zusammenleben, da konnte ich weniger ausweichen. Und ich bin ein Kind der Freiheit…
Eine wunderbare Reise mit meiner Studienfreundin – wir trampten nach Salamanca, la cuna de la lengua castellana, zum Studienaufenthalt. Wir klapperten en route alle Museen und Kirchen ab, wollten in Paris ins Henri IV auf der Ile, das war aber ausgebucht, landeten in einem Hotel, das Ellen kannte, wo wir die Nacht lang im Stundentakt die Türen auf- und zugehen hörten… Dann, als wir dort ankamen, wo ich unbedingt hinwollte, in den Pyrenäen, schliefen wir ohne Zelt auf einem Camping, den ich kannte. Wenn Ellen mit der Kamera kam, wusste ich, dass sie jetzt für paar Stunden weg ist, Katzen fotografieren. Wir mussten kein Wort sagen, uns nicht absprechen, ich wusste, sie fotografiert und ich konnte im Wildwasser schwimmen und über die Felsen klettern. Ich hatte das oft. Keine Erklärung nötig, jede macht ihr Ding, und irgendwann sind wir wieder am selben Ort, essen etwas und setzen den Weg fort.
Oder: die erste Reise, wo mich meine Eltern mit dem Studenten losziehen ließen, der bei uns ein Zimmer gemietet hatte. Walter musste meinem Papa versichern, dass ich heil wieder nach Hause komme. Die Jungs hatten einen roten VW-Bus, wir waren 4 Jungs und ich mit zwei Mitschülerinnen. Im Bus neben den Schlafsäcken waren diverse Gallons Jim Beam – ein Zeugs, das ich nie angerührt hatte, aber mit dem unser Student sich ein wenig finanzierte, die bekam er aus dem PX von den Amis, und auch das Rauchzeugs… Es ging los auf der Fahrt: die Jungs grölten: «Olé, wir fahren in den P*ff von Barcelona». Ich braves Mädchen hatte so im Kopf: Pont du Gard, Kathedrale von Albi, Pyrenäen (für meinen liebsten Ort mache ich keine Werbung, sorry), Donostia (San Sebastián), Zarautz, Santander, Picos de Europa, Asturias, Santiago de Compostela, Porto, Algarve, etc. pp., Andalucía, Extremadura – nicht den Puff von Barcelona.
Wir fuhren nach Dieu-le-fit. Wunderbar dort am Campingplatz. Unser zarter, rothaariger Junge, der schwer verliebt war und von der Dame seines Herzens kalt liegen gelassen wurde, bekam direkt zu Beginn eine Sonnenallergie, die ihm bräunlich gefüllte Blasen auf den Beinen aufwarf. Er war arm dran.
Dann wollten die Jungs sich eine Attraktion ansehen, die es zu sehen galt: La grande Motte – ein Horror der 70er Jahre Architektur. Wir fuhren durch, unter sengender Sonne, diese Ausgeburt des Tourismus offerierte zum Glück keine Parkplätze. Nächste Station, wo sie hinwollten: Sète. Auch keine Parkplätze, wir gurkten mal durch und kamen kaum zum Anhalten. Ich murmelte etwas vom Pont du Gard. Da fuhr der Fahrer dann zähneknirschend hin. Ruhe, toller Anblick. In einer Nektarinenplantage campten wir wild, Wasser gab’s am Gard und geklaute Nektarinen. Wir zahlten dafür mit unzähligen Insektenstichen. Tags drauf: Besuch von Avignon. Die Jungs wollten Bier. Setzten sich auf eine einladende Terrasse, direkt am Papstpalast (oder Kathedrale?) und staunten nicht schlecht, dass sie für ihre Biere jeweils ein Äquivalent von 12 DM abgeknöpft bekamen.
Man fing an, auf mich zu hören, und dann ging es halt auf die Strecke, die ich oben angerissen habe, alles und genau so, wie ich es vorschlug. Albi, Pyrenäen, auf meinen geliebten Traumcampingplatz dort. Am Fuße der Pyrenäen wurden an der Grenze unsere Koffer gefilzt (ich nehme an, dass die Whiskybottles da schon leer waren, ich hatte damals kein Auge dafür…). Die spanischen Grenzer waren zufrieden, als sie grinsend bei den großzügigen BHs meiner Schulfreundinnen ankamen, und ließen uns fahren. An der ersten Steigung Richtung Paso de Roncesvalles ging dem VW-Bus die Luft aus, er blieb stehen. Der Fahrer fluchte, dass er auf mich gehört habe. Unser schmächtiger Physikstudent konnte mithilfe meiner Strickutensilien aber den Motor wieder flottmachen, und wir fuhren über den Paso. Im Morgengrauen dann mit atemberaubendem Blick runter ins Baskenland.
Und dann halt die Strecke, die ich wie zufällig insinuierend einflüsterte…. Die Ärmsten mussten also all die Kulturdenkmäler und atemberaubenden Landschaften auf der von nun an von mir vorgegebenen Route kennenlernen und kamen in keinen einzigen Puff.  Sie haben noch jahrelang davon erzählt, und das war der Anfang, da ich meine freundlich-subversive Ader trainiert habe.
Papa erfuhr nie etwas von all dem, was sonst noch so auf der Reise passiert war (viel!), aber bekam mich wohlbehalten zurück.
Ich reise nun auch viel seltener, aber ich reise täglich über den Anblick des Himmels, wenn es hell wird (ab 4 Uhr) und wenn die Sonne sich senkt. Und über Hundenacken. Diese Grazie.

Billo: Dagmar, Dieu-le-fit, überhaupt das ganze Tal dort! Und Andalucia! Und überhaupt…!

Dagmar: Ach, ich muss schreiben. Macht aber Spass, es einfach nur anzureißen, z. B. bei dir.
Langfristig war ich in der Welt immer alleine unterwegs. Die einzige Art, wirklich in die jeweiligen Länder einzutauchen. Schon als Paar ist man ein bisschen eine Reisegruppe – man sollte sich da nichts vormachen. Nur alleine hat man diese Exponiertheit.

Billo: Ist so; aber als Nichtautofahrer hätte ich diese Reisen so gar nicht erleben können, und zudem gibt es Dinge auf Reisen, die man nur als Paar so erlebt – ja, auch das Streiten und das gute Umgehen damit, wenn sich die Wogen wieder zu glätten beginnen.

Dagmar: Oh, als Alleinreisende habe ich natürlich auch bei manchem Sonnenuntergang dagesessen und gedacht, wenn ich jetzt nur ihm das Gedicht von Machado vortragen könnte. Oder mein eigenes. Man ist da ins Existenzielle zurückgeworfen. Spürt Eros und Tanatos. Gleichermaßen oder auch abwechselnd.

Erich: Bereits im wilden Westen waren Städte nicht gross genug für zwei.


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