
Noch ein Versuch, die «Burka-Diskussion» aus dem engen Blickwinkel vermeintlicher Toleranz zu rücken. Warnung: Es könnte einigen, die sich wie ich zur Linken zählen, nicht gefallen, wenn auch aus andern Gründen, als sie nun vermuten.
Worum geht es eigentlich?
– Es geht nur an der Oberfläche darum, ob eine Frau ihr Gesicht verhüllt.
– Es geht auch nicht um Kleidervorschriften an sich.
– Es geht darum, jenen in den Arm zu fallen, die meinen, sie müssten ihre herrische Ideologie vor sich hertragen: Schaut her, wir sind die Guten! Ihr seid die Schlechten!
Und das soll man verbieten? Das ist doch reaktionär…!
Ah, ist es das?
Und wär es also liberal, Reaktionäre einfach machen zu lassen, bis sie uns sagen, was wir zu tun haben?
Bis man uns die Offenheit und Freiheit verbietet, welche Generationen in Europa schwer genug erkämpft haben?Reines laisser faire ist eine miese Karikatur von Liberalität, Offenheit und Freiheit; es führt in der Konsequenz zu deren Zerfall.
Ich verstehe mich als Anarchist: Ich strebe eine herrschaftsfreie Gesellschaft an. In der Praxis heisst das: Ich unterstütze alle Schritte, welche Herrschaft abbauen, und wehre mich gegen alles, was Herrschaft verstärkt – auch gegen Symbole von Herrschaft.
Katholische Prozessionen haben mich schon immer abgeschreckt. An Demonstrationen hingegen habe ich einst selber teilgenommen, in einer weniger reifen Lebensphase, und hab mitgeschrien: Mitmarschiere, solidarisiere, et cetera. Heut ist es mir sehr fremd, hinter Transparenten zu marschieren, egal, wie richtig das Anliegen sein mag. Schon gar nicht hinter einem anarchistischen Transparent – was für eine contradictio in adiecto, welch Widerspruch in sich selbst!
Prozessionen wie Demonstrationen tragen Ideologie vor sich her, mit dem herrischen Anspruch: Wir sind die Richtigen! Wer sich uns nicht anschliesst, gehört zu den Falschen! Das passt in eine aufgeklärte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts mit ihren mannigfaltigen Möglichkeiten zum Austausch von Informationen und zur Diskussion von Ideen und Plänen etwa so schlecht wie ein Faustkeil zur Bedienung einer Tastatur.
Du sollst dir kein Bildnis machen
Dieses Gebot jüdischer, muslimischer und teils christlicher Tradition kann auch als Aufforderung verstanden werden, deinen Gott (deine Ideologie) nicht vor dir herzutragen, um andere Menschen nicht vor den Kopf zu stossen oder sie gar gegen dich aufzubringen.
Ich trete anderen nicht gegenüber mit der Aufschrift: Hey, ich bin imfall Anarchist – was für ein Trottel bist denn du?! Ich will als freier Mensch frei mit andern Menschen ins Gespräch kommen, auch mit solchen, die ganz anders denken und ganz woanders stehen als ich. Wie sonst sollen wir aus dem Elend autoritärer Verhältnisse je herauskommen?
Ich würde ohne Zögern teilnehmen an einer Demonstration von Menschen, die ständig überhört werden und sich ihrer nackten Haut wehren, wie etwa Ureinwohner, deren Dörfer für einen fragwürdigen Staudamm geflutet werden sollen und die den Versprechungen der Regierung für eine bessere Zukunft nicht trauen.
Schon lange jedoch bleib ich den rituellen Veranstaltungen fern, die sich mit Transparenten einer Prozession gleich durch die Strassen schleppen. So wie ich in der Regel Gespräche meide, in denen reflexartig nur die private Ideologie bedient wird, und sei sie noch so engstirnig. Wehe, ein Linker weicht in einer Frage von der Parteilinie ab (wie man sie gerade verstanden zu haben meint): an den Pranger mit ihm!
In einer freien und offenen Gesellschaft werden die Menschen zunehmend ohne Zeichen von Herrschaft auskommen: ohne Fahnen, Transparente, Markenzeichen und Logos, ohne Werbung, Mission und Slogans. Wir können heute schon dazu beitragen, derartige Uniformierungen abzubauen. Ein wichtiger Schritt dabei besteht darin, neue Zeichen der Herrschaft gar nicht aufkommen zu lassen, damit sie die alten nicht zum Widerstand provozieren und dadurch wieder verstärken.
Denn wenn Zeichen das Feld beherrschen, werden wir die tiefer liegenden Probleme nicht lösen. Die lösen wir nur gemeinsam, und dazu müssen wir erst die Zeichen ablegen.
Und darum ist es eben alles andere als «nebensächlich» oder «oberflächlich», über den Umgang mit Zeichen zu diskutieren.
Zuerst publiziert auf Facebook am 21.08.2016
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