Die Zeit im Spital nach einer Operation geht zäh vorüber, während der Körper sich durch Liegen und Dösen nur langsam erholt. Und da jedes Spital eine Maschine ist mit Ihren eigenen industriellen Abläufen, ist an konzentrierte Ruhe bestenfalls nachts zu denken, nicht vor zehn Uhr abends und nicht nach sechs Uhr früh, vor allem nicht hier, wo alle Zimmertüren immer offen stehen.
Tagsüber hängt das Glück der Musse nicht zuletzt vom Zimmernachbarn ab. Die vergangene Woche war für mich eine Prüfung: A. verwickelte jeden Pfleger, jede Krankenschwester und jede Ärztin sofort in ein Gespräch, auch wenn die gar nicht seinetwegen ins Zimmer gekommen waren, und schaffte es, die meisten von ihnen trotz Personalunterbestand für erstaunlich lange Zeit festzuhalten; in der übrigen Zeit telefonierte er oft oder hatte Besuch; und immer mit lauter Stimme. Es fällt A. offensichtlich schwer, sich in Ruhe mit sich alleine zu beschäftigen. Schwierig für einen wie ich, der genau das schätzt, und in einer solchen Situation noch lieber bei mir selbst bliebe. Erst kommt Ranküne auf, was für ein Simpel, was für ein Laberer, die Italiener halt, die so gerne und viel reden…
Aber das half ja nicht weiter. Dann bat ich versuchsweise um eine etwas leisere Stimme, mit sofortigem, doch nicht sehr nachhaltigen Erfolg. Schliesslich behalf ich mir mit tagefüllendem Schauen von Filmen und dem Hören von Musik, wobei ich die kleinen Ohrstöpsel mit grösstmöglichem Volumen beschallte.
Und manchmal versuchte ich, ihn zu etwas ernsthafterem Austausch zu gewinnen, was leider meist rasch im Sand verlief, wenn jemand das Zimmer betrat oder sein Telefon klingelte.
Heute durfte A., der gleichentags wie ich gekommen war, überraschend nachhause gehen. Nun bin ich alleine im Zimmer und hab Ruhe, und schon vermisse ich ihn fast ein wenig. Er ist ja doch ein netter Kerl, nur absichtslos etwas ohne Rücksicht, wie viele Menschen heute. Ich hätt es auch schlimmer treffen können…
Zwischendurch schaffte ich es, mich innerlich soweit abzugrenzen, dass ich den einen oder andern längeren Gedankengang zu formulieren vermochte, bevor ich mich erschöpft zurücklehnen musste. Nun habe ich Ruhe, diesen einen Gedanken fertig zu spinnen.

Fokussiert und flexibel bleiben
In einer ruhigeren halben Stunde ging mir durch den Kopf, dass ich vor 26 Jahren begonnen hatte, mich mit der Lage der Fische in Aquakultur und Fischerei und möglichen Verbesserungen auseinanderzusetzen, gedacht als kleines Projekt im Nebenerwerb. Vier Jahre später hatte das einen Umfang angenommen, der mich vor die Wahl stellte, meinen damaligen Haupterwerb im landwirtschaftlichen Tierschutz aufzugeben und mich fortan ganz fair-fish zu widmen, wie ich das Projekt inzwischen genannt hatte. Ich entschied mich gegen die bisherige Tätigkeit und für fair-fish, erlitt Schiffbruch beim Versuch, mit ein paar Berufsfischern und Fischzüchtern in der Schweiz ein Label für sorgsam gewonnenen Fisch aufzubauen, und ergriff 2004 die Chance, das Label zusammen mit artisanalen Fischern im Senegal zu entwickeln. 2010 mussten wir dieses Projekt leider einstellen, weil kein Markpartner in Europa aktiv mithelfen mochte, «faire Fische» in die Geschäfte zu bringen.
Als ich mich 2012 offiziell pensioniert und meinen Wohnort ans Meer verlegt hatte, erfand ich mir eine neue Nebenbeschäftigung mit dem Aufbau einer fischethologischen Datenbank, was anderthalb Jahre später schon wieder zu einer Vollstelle tendierte, erst recht ab 2016, als sich die Möglichkeit bot, eine Forschungsgruppe zu bilden, die sich nicht nur der FishEthoBase annahm, sondern auch zunehmend eigene wissenschaftliche Erkenntnisse produzierte. Heute ist fair-fish in Fachkreisen international bekannt und anerkannt, und ich darf meine operative Arbeit endlich in jüngere Hände übergeben.
Zwei Gedanken gehen mir bei dieser Revue durch den Kopf. Ich war ein Vierteljahrhundert lang ganz fokussiert auf das Fischwohl, blieb dabei aber flexibel für sich verändernde äussere Rahmenbedingungen. Und: Ich hab mich dabei zu wenig um mich und meine persönlichen Bedürfnisse gekümmert und hab die Zeichen meines Körpers viel zu lange missachtet. Es ist gut, dass ich nun zunehmend auf mein Wohl fokussieren kann, flexibel für die Umstände, die sich für mich künftig auftun.
Zuerst publiziert am 14.12.2022 auf Facebook.
Folge #19 – Folge #21
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