Warum Billo? Why Billo?

Warum wählt sich jemand einen neuen Vornamen und lässt ihn sogar behördlich anerkennen?
Why would someone choose a new first name and even have it officially recognised?

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Billo ist der Name einer nach Süddeutschland ausgewanderten hugenottischen Familie, deren einer Zweig später in die Nordwestschweiz gezogen war. Mein Urgrossvater Theodor Studer, ein engagierter junger Arzt in Aarau, hatte eine Marie Billo aus diesem Zweig geheiratet. Nachdem er sich um Typhuskranke gekümmerte hatte, raffte ihn der Typhus 1876 selbst dahin; seine Frau hatte die Krankheit überlebt, nun stand sie mit vier Söhnen und einem gewissen Lebensstandard plötzlich alleine da. Als neuer Partner bot sich ein Cousin zweiten Grades an, ein Billo auch er. 

Zwei Generation später wurden die Nachkommen der drei Söhne aus dieser zweiten Ehe ebenfalls zu den Studertagen eingeladen; ihr Tisch war für mich der lustigste und schrägste. Als Bub hätt ich etwas dafür gegeben, Billo statt so langweilig Studer zu heissen! Aber ich wusste natürlich und bedauerte, dass ein Namenswechsel unmöglich war…

Noch schlimmer gestraft fühlte ich mich mit meinem Vornamen. Als Kind. stand ich oft vorm Spiegel, hab mich angeguckt und das Maul zu Grimassen verrissen, während ich hervorstiess: Heinz-Pe-Ter…! Natürlich kannte ich die Geschichte meines Namens, doch das half mir nicht über den Umstand hinweg, dass ausgerechnet ich mit einem – damals wie heute in der Schweiz sehr ungewöhnlichen – Vornamen geschlagen war, den mindestens die Hälfte der Menschen partout falsch versteht. Meine Eltern waren sich zunächst uneinig gewesen, wie denn ihr Erstgeborener nun heissen soll. Natürlich Heinz, meinte mein Vater, denn so hiess er selber. Peter wär schön, fand meine Mutter; aber das fand Vater nicht lustig, denn so hatte sein Vorgänger geheissen. Schliesslich einigten sie sich gut eidgenössisch auf den Kompromiss. Der sass also auf meinen Schultern und konfrontierte mich, als ob ich das verdient hätte, immer wieder hart mit der unglaublichen Unaufmerksamkeit vieler Menschen, die mich, kaum hatte ich mich vorgestellt, fortan einfach «Hanspeter» nannten, selbst wenn ich auf Korrektur bestand – oh, wie ich sie hasste dafür! Irgendwann war ich es satt, so rasch und scharf einen möglicherweise falschen Eindruck von andern Menschen präsentiert zu bekommen.

Gegen mein 50. Altersjahr hin musste ich notfallmässig zu einer Therapeutin in Wollishofen/Zürich, um einen eingeklemmten Nerv in einem Rückenwirbel zu befreien. Erleichtert ging ich danach zurück zur Tramhaltestelle, schritt freudig aus und summte im Takt meiner Schritte den Namen des Strässchens vor mich hin, auf dem ich ging: Bil-lo-weg, Bil-lo-weg… und mit einem Mal war mir klar: Ich kann mir diesen Namen ja einfach als Übernamen zulegen und ihn statt des Vornamens führen! 

Den Rest besorgte mein damals siebenjähriger Sohn, der mich pausenlos Papa dies, Papa jenes fragte. Ach hör doch mal auf mit diesem Papa, Papa! Als er geltend machte, er könne Heinzpeter nicht so gut sagen, bot ich ihm Billo als Alternative an, worauf er sogleich einging. Fortan war er der Herold meines neuen Namens, der bald von Freunden übernommen wurde. Seither führ ich Billo immer als Teil meines ganzen Namens, auch in der Unterschrift, ausser in amtlichen Belangen – bis jetzt! 

Und «Billo» geht deutlich leichter über die Lippen, zumal im Senegal, wo ich ein paar Jahre für ein Projekt tätig war und wo Billo, ein weiblicher Peulh-Vorname, auch von Männer als Zweitname geführt werden kann – ähnlich wie einst Kombinationen à la Carl Maria in Deutschland gebräuchlich waren –, und in Italien, wo ich jetzt lebe. Ciao, signor Billo!

Also ersuchte ich die zuständige Behörde in der Schweiz im Herbst 2025 um Anerkennung dieses zusätzlichen Vornamens, dessen jahrzehntelangen aktiven und passiven Gebrauch ich umfangreich belegen konnte. Das Gesuch wurde in in erstaunlicher kurzer Frist bewilligt, und wenig später erhielt ich einen neuen Pass [1] und in der Folge eine neue italienische Identitätskarte und Steuernummer. So geht das.

[1] https://blog.billo.ch/archiv/4134


Why Billo?

Billo is the name of a Huguenot family who had emigrated to southern Germany from where an arm later immigrated to Switzerland. When my great-grandfather Theodor Studer was a young and committed doctor in Aarau, he married a Marie Billo. After he had cared for typhoid patients, he died of typhus himself, in 1876. His wife survived the disease but was left alone with four boys and a certain living standard. To keep up with it she married a distantly related Billo with whom she had another three boys. 

So when the arms of Studer family had their reunions two generations later, they used to invite also the Billo-Billo descendants, and as a youngster, I was far more interested in what happened at the Billos’ table. I was also more attracted by their family name whereas my own family name sounded rather boring in my ears. I knew of course — and I regretted — that changing a family name would be quite impossible…

I felt even more punished with my first name. As a child, I often stood in front of the mirror, looked at myself and made faces, while I exclaimed: Heinz-Pe-Ter…! Of course I knew the story of my name, but that didn’t help me to get over the fact that I, of all people, was struck with a first name — which was then as now very unusual in Switzerland—that at least half of the persons understand wrong at all costs. My parents had initially disagreed about the name of their firstborn. Heinz, of course, my father said, because that was his own name. Peter would be nice, my mother replied; but father didn’t find that funny, because that was the name of his predecessor. In the end, they agreed on a compromise which henceforth sat on my shoulders and confronted me, as if I deserved it, again and again hard with the unbelievable inattention of many people who, as soon as I had introduced myself, simply called me „Hanspeter“ an continued in that way even when I insisted on correction — oh, how I hated them for it! At some point I was tired of being presented so quickly and sharply a possibly wrong impression of other people.

Towards the end of my 40s I had to go to a therapist in Wollishofen/Zurich who helped me out of lumbago attack. Walking back to the tramway station, I passed along the Billoweg and, being very relieved and in good humour, I began to murmur in the rhythm of my paths: Bi-lo-weg, Bi-lo-weg… and was suddenly struck by the idea to make Billo my new forename. 

The rest was done by my young son who bored me with his never ending questions, each of which beginning with «papa! papa!». Stop this papa, papa, please! When he argued that Heinzpeter was too complicated for him, I offered Billo as an alternative. He assimilated this idea on the spot and became the herald of my new name. Soon my friends became familiar with my new name which I have been using ever since as part of my full name, also in my signature, except when corresponding with authorities — thus far! 

And „Billo“ is much easier to say, especially in Senegal where I worked for a project for a few years and where Billo, a female Peulh first name, can also be used by men as a middle name — similar to the way combinations à la Carl Maria were once common in Germany — and in Italy, where I live now. Ciao, signor Billo!

So, in autumn 2025, I applied to the relevant authority in Switzerland for recognition of this additional first name, for which I was able to provide extensive evidence of decades of active and passive use. The application was approved in an astonishingly short time, and shortly afterwards I received a new passport and, subsequently, a new Italian identity card and tax number. That’s how it works.


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