Preludio zu: Alltag im Spital

(Foto: Gronk / Wikimedia) Commons)
So also sah das aus in meiner Blase, wie ein kleines rosafarbenes Algenbällchen. So zeigte es mir der Urologe, den ich im November für eine Zweitmeinung in Zürich konsultiert hatte, bevor ich dem Eingriff in Italien zustimmen mochte, während der Blasenspiegelung und meinte dann trocken: Es handelt sich um Krebs; aber Sie haben Glück, dass er so früh erkannt wurde.
So früh? Den ersten heftigen Schmerz über dem Schambein hatte ich 21 Monate zuvor verspürt, doch da war grad Corona-Hochbetrieb im italienischen Gesundheitssystem, der Schmerz liess bald nach, es blieben leichte Beschwerden, wie sie bald auch in der Fachliteratur als weniger typische Symptome für Covid-19 beschrieben wurden, also verschrieb ich mir Ruhe und Faulsein und war froh, mich unter pandemischen Vorzeichen abschirmen zu dürfen.
Lange Dauer der frühen Entdeckung
Es wurde Juli 2021, bis ich endlich einen Termin bei einer Urologin bekam (in Italien ist die Urologie auch eine Frauendomäne). Befund nach kurzer Untersuchung: soweit alles okay. Fortan konzentrierte sich meine Ärztin auf den Dickdarm, was mir vor einem Jahr eine Darmspiegelung samt Entdeckung und Entfernung eines Polyps bescherte, samt Befund zahlreicher Divertikel, deren Entzündung im vergangenen Sommer mir beinah einen Darmverschluss bescherte. Okay, behoben; aber das gelegentliche Stechen überm Schambein blieb. Endlich gelang es mir, eine Ultraschalluntersuchung des gesamten Unterleibs zu erwirken, und siehe da: Polyp in der Blase. Bis zu dessen Entfernung im Rahmen einer Blasenspiegelung dauerte es im bürokratisch verkrusteten sistema sanitario freilich fast zwei Monate. Drei weitere Wochen nach dem Eingriff das Resultat: «Ich hab eine gute Nachricht für Sie», so begann der junge Urologe das Gespräch mit mir; es handle sich um eine Wucherung von geringer Aggressivität, die dank früher Entdeckung komplett habe entfernt werden können. Aber es handelt sich dennoch um Krebs, nicht wahr? Ja, sagte er, und darum verschreibe er mir eine Chemotherapie, um einem Rückfall vorzubeugen.
Heute beginnt mein zweites Leben
Jetzt hab ich also zwei Leben: eines vor dem Krebs und eines danach. Da sitzt er nun in meinem Leib, und niemand weiss, was er er im Schilde führt. Weil ich noch Glück hatte, werde ich voraussichtlich dereinst nicht an, sondern mit Blasenkrebs sterben; wir haben uns ja dank Corona an diese tröstliche Formel schon gewöhnt. Die Art der Erkrankung lässt mir die Chance, meine Lebensgewohnheiten, die sie mitverursacht hatten, noch zu verändern. Rauchen ist seit letztem Sommer kein Problem mehr; die Lust am Glimmstengel wär mir vielleicht schon früher vergangen, hätte mich eine Packung vor Darm- oder Blasenkrebs gewarnt (falls Du das noch nicht gewusst hast: jetzt aber!). Arbeitslast und Stress hab ich schon vor einer Weile abgebaut; da geht noch mehr. Und im übrigen freu ich mich auf jeden neuen Tag.
Dem kleinen Krebslein hab ich noch etwas zu verdanken: einen tieferen Einblick in die italienische Gesellschaft. Ich weiche Spitälern so weit es geht aus, egal in welchem Land; ich mag die hierarchische Atmosphäre nicht, die mir dort entgegenschlägt, kaum hab ich den Haupteingang passiert. Und ich mag nicht in einem Vierbettzimmer mit Menschen liegen, die ich gar nicht kenne. Jetzt war es nicht zu ändern.
Erst einmal war viel Fremdheit
Meine drei Mitschläfer sind Männer in meinem Alter, zwei von ihnen Blasenpatienten wie ich, offenkundig mit mehr Erfahrung, was die bevorstehende Prozedur anbelangt. Der vierte im Raum scheint einen schlimmen Unfall hinter sich zu haben, er liegt unruhig, flüstert vor sich hin, stöhnt. Ich warte, bis man mich in den OP fährt, döse vor mich. Nach dem Eingriff wird meine langsam erwachende Aufmerksamkeit vorwiegend von einem Schmerz in Anspruch genommen, der sich bei der kleinsten Bewegung vervielfacht wie die Kringel auf dem Wasser, in das ein Stein geworfen wurde. Nachts find ich keinen Schlaf, auch nicht, nachdem ich etwas gegen die Schmerzen erhalten hab. Der Verunfallte flucht und betet in einem fort, flüsternd zwar, doch es ist ein heischendes Flüstern, das selbst durch verschlossene Ohren dränge. Im Nebenzimmer, dessen Tür wie die unsere stets offen steht, dröhnt die Stimme eines weiteren fluchenden und betenden Patienten, der sich nicht einmal mehr die Zurückhaltung des Flüsterns auferlegt. Niemand scheint sich daran zu stören, das Personal nicht und auch meine Bettnachbarn nicht, die zeitweise ebenfalls eher schlaflos zu liegen scheinen. Ich ertappe mich beim Gedanken, kurz nur und gleich verworfen, eine Pflegerin zu rufen; ich kann mir vorstellen, dass in einem Schweizer Spital, wenn es denn dort noch Vierbettzimmer gäbe, mindestens ein Patient reklamieren und verlangen würde, die Lärmquelle irgendwie abzustellen… Ich schäme mich ein wenig und versuche, anders mit dem umzugehen, was mich stört.
Mitten in meinem morgendlichen Schlummer erscheint der primario, der Chefarzt mit seinem Gefolge, stolz voran, als hätte er uns eigenhändig operiert und wollte seinen Untergebenen bedeuten: Guardate, e pur sono vivi – seht, und dennoch leben sie noch! Und an meinem Bett verkündet er, alles hätten sie entfernen können, wohltönend, als wär das Problem damit gelöst, und entschwand.
Etwas mehr Solidarität im Umgang miteinander
Tagsüber erfahr ich dies und jenes aus den Gesprächen meiner beiden Leidensgenossen, auch wenn ich ihres Dialekts wegen vieles nur erahnen kann: Wo man gut isst in unserer Region, was sie selber zuhause mit welchen ausgesuchten Zutaten Feines zubereiten, wo besonders schöne Orte im Friaul zu finden sind, und derlei mehr. Wenn der Vorletzte sich meldet, beziehen sie ihn ein, ansonsten lassen sie in fluchen, beten und stöhnen, wie er mag. Dass er in der Nähe seines Hauses auf dem Fahrrad von einem Auto erfasst worden sei, entnehm ich seinen Schilderungen, dass er schon seit zwei Wochen hier liege, dass er seit dem Tod seiner Frau alleine lebe und nun fürchte, seinen bescheidenen, aber autonomen Rentneralltag nicht mehr leben zu können, dio cane und dio bono…!
Das Pflegepersonal ist erstaunlich präsent und hilfsbereit, im krassen Kontrast zur kalten und patientenfernen Bürokratie des Systems, in dem es tätig ist. Man kümmert sich geradezu reizend um den Verletzten, vertraut und längst per Du mit ihm. Kein unliebes Wort, auch wenn er schon zum drittenmal in einem Tag sein Bett verpinkelt hat. Wo nehmen sie bloss die Kraft und Geduld her?
Auch in der zweiten Nacht Unruhe, der Verletzte und der Patient im andern Zimmer fluchen und beten um die Wette, und allmählich beginn ich zu verstehen: Arme Teufel, denen es weit schlechter geht, haben wenigstens ein Recht darauf, ihrem Leiden Ausdruck zu verschaffen; die Geduld im Umgang damit ist gelebte Solidarität, ähnlich der Münze, die man in eines Bettlers Mütze fallen lässt, ein Akt zudem, der das Unerträgliche des andern leichter aushalten lässt. Auch wenn sie an der Oberfläche bleiben mag, ist es doch ein Solidarität, die ich in der Schweiz nicht gekannt hab – schon gar nicht mit Italienern, die ja «nur zum Arbeiten» im Land geduldet waren, was ich schon als Bub nicht verstehen konnte.
Nach dem Arzttermin gestern haben sich gleich drei Pflegerinnen um mich und meine nächsten Termine gekümmert, fast liebevoll, und wie zum Trost erwähnten sie, sie seien bei den Therapieterminen dann voraussichtlich auch dabei. Ci vediamo, buone feste, auguri, a presto – ich fühl mich fast schon so zuhause hier wie ein Stammkunde…
Zuerst publiziert am 25.12.2021 auf Facebook
Zur Serie Alltag im Spital: Folge #1 – oder Suche: Spitalalltag
Ausgewählte Reaktionen auf Facebook:
Dominik: Das kommt mir ein wenig bekannt vor. Courage ! Gute Besserung- schöner und kluger Text. So ist das Leben als Pensionär- ganz anders als wir gedacht haben, anders als unsere Kollegen es sich ausmalen.
Marcy: Vielen Dank, dass du diese Erfahrungen mit uns teilst. Die eigenen Schmerzen & Beschwerden werden von Aussenstehenden erstaunlich rasch verharmlost, auch von Mediziner:innen. Ich wünsch dir ein langes und gesundes zweites Leben.
Sabine: Alles Gute! Und danke für diese berührende Schilderung.
Stefan: Alles Gute, hey. Und so lange man es aufschreiben kann, ist es nicht vergebens.
Peter: Ergreifend erzählt. Passt auch zu meinen eigenen Erfahrungen hier in Bolivien. Gute Besserung und noch viele schöne Momente in deinem Leben.
Ernst: Auch bei uns in der Schweiz nicht viel besser. Ich werde seit 2 Jahren damit vertröstet das mein Leiden psychisch sei. Aber nach einem Aufenthalt im Unispital dann doch die Diagnose Mastzellenkrankheit. Nicht heilbar; aber man kann die Nebenwirkungen behandeln. Cool, und jetzt ? Den wohlverdienten Ruhestand habe ich mir ein wenig anders vorgestellt. Aber der nächste Sommer kommt bestimmt und das Motorrad ist bereit. Lieben Gruss und Kopf hoch!
Maria: Complimenti per questo reportage e per lo spirito d’avventura dimostrato nell’affidarti agli ospedali locali. Se ti può consolare anch’io sono stata ricoverata in una stanza a quattro letti all’ospedale di Bülach e ho passato due notti in bianco per via delle degenti anziane che si lamentavano e le infermiere che entravano e uscivano. Il chirurgo che mi ha operato era il babbo Natale che veniva nella scuola dove lavoro, quindi mi sono fidata di lui. Tutto sommato è andata bene. Tanti auguri di buona guarigione!
Billo: Maria, davvero non pensavo che sempre possano esistere stanze a 4 letti in un ospedale svizzero – una ragione in più per stare in Italia.
Francesca: Ich wünsche dir alles Gute und noch viel Kraft. Ich habe deinen Bericht mit Interesse gelesen, vielleicht auch weil ich seit 6 Jahren auf Sardinien lebe und eigentlich aus Zürich komme. Du beschreibst das gut mit der Solidarität im Spital. Meine Erfahrungen mit der Sanità sind bis jetzt bestens (war aber bis jetzt noch nie Patient im Spital); alles, was ich hatte, wurde mit grosser Sorgfalt, Können und Respekt behandelt und geheilt. Ich kann nur loben, ich sage das, weil mich manche Leute erstaunt fragen, ob ich keine Angst vor der italienischen Sanità hätte. Nein ich habe keine Angst. Es stimmt zwar, die Wartezeiten sind lang, aber die Behandlung ist gut. Was ich hier erlebe ist eine Grundsolidarität, auf sehr vielen Ebenen, die ich in der Schweiz nicht erlebe. Die prekären Situationen sind in iItalien Alltag, deshalb das Wir-Gefühl, und wenn einer vor Schmerzen stöhnt, leidet man mit und würde sich in Grund und Boden schämen, sich darüber zu beschweren ! Also viel Mut und danke für Deinen Bericht e anche buone feste!
Billo: Francesca: Ja, so erleb ich das auch; das Problem im italienischen Gesundheitssystem sind nicht die (kompetenten!) Ärztinnen und Ärzte und nicht das (engagierte!) Pflegepersonal, sondern die Politiker und Bürokraten, die ja auch sonst alles in diesem schönen Land fast zum Erliegen bringen…
Nick: Vor zehn Jahren gabs im Bruderholzspital bei Basel auch noch das Sechsbettzimmer. Ich glaube, das gibt es immer noch.
Ralf: Dir alles Gute, Billo! Und toll, dass das Personal so engagiert ist. Das hilft beim Genesen ungemein und wurde in manchen Ländern völlig vergessen, weil das Geld ganz oben steht.
Ruth: Die Solidarität und die Empathie sind es, warum ich die Menschen in Italien so sehr mag. Und deine Geschichte bestätigt meinen Eindruck wieder. Ich wünsche dir eine rasche Genesung!
Ulrike: Ich wünsche Ihnen von Herzen eine rasche Erholung. Es wird bestimmt alles wieder gut! So gut wie Ihre liebenswerte und kluge Schilderung der augenblicklichen Umstände, die einen umgehend ganz demütig machen. Lassense sich aus der Ferne mal übers Köppken streicheln!
Urs: Gute Besserung. Vieles im Text kommt mir nur allzu bekannt vor. Und yep, es sind glaub’s weltweit die Politici und die Bürokraten, nicht die Ärzte und Pflegende, die das «malessere» zu verantworten hätten.
Doris: Alle Gute, Billo. Mein Mann lebt damit bereits seit sieben Jahren. Die gute Nachricht ist die Früherkennung.
Bruno: Danke für den schönen Text. Es gibt auch in der Schweiz Vierbettzimmer und weit schlimmere Bettnachbar/innen, die nächtelang furzen, fluchen und niemanden schlafen lassen, wie meine Frau nach einem kleinen Eingriff erfahren musste.
Peter: Gute Besserung, Billo. Nun ja, geniess das Leben. Solange wir noch geistig auf der Höhe sind, ist das Leben lebenswert. Wir wollen und können die Zukunft mitgestalten – und tun es oft auch.
Cornelia: Gut zu lesen, schwer vorzustellen was einer durchmacht, der mit dieser Diagnose konfrontiert ist, obwohl es wirklich gut geschrieben ist, vor allem der Einblick ins Gesundheitssystem eines europäischen Nachbarn. Baldige Erholung!
Claudia: Eine einfühlsame, eindrückliche Beschreibung! Ähnliches können wir nun auch vom österreichischen Gesundheitssystem erzählen. Wir hätten 11 Monate auf eine Krebsoperation gezittert, sind dann doch in die Schweiz geflohen, wo die OP innert einem Monat privat stattfand und das ganze Gesparte auffrass, dafür keine Chemo und keine Bestrahlung notwendig war.
Rubel: So ungern ich dies schreibe!… danke für deine eindrücklichen Worte der Situation im italienischen Spital und wie es dazu kam. Für diese Käfer und diese Geschwüre und Zeugs in dir, welches gar nicht dort hingehört, wünsche ich baldig schnelleres Verschwindibus und dir ganz gute, beste Genesung.
Martina: Lieber Billo, das sind schlimme Nachrichten, aber gleichzeitig auch gute innerhalb der schlechten. Daher hoffe ich mit dir auf gute Genesung und ein noch langes Leben, und dass dereinst die Frage an oder mit gar nicht relevant sein wird, weil gar nicht mehr aktuell
Cécile: Lieber Billo, da bist du ein paarmal durch die Hölle gegangen, auch wenn du es so dezent beschreibst. Allein die Zimmersituation (4er und 6er gibt es auch in Saintcity). Deine Offenheit nötigt mir Respekt ab. Aus tiefem Herzen wünsche ich Dir Heilung und dass du niemals den Mut verlierst.
Billo: Die Hölle stelle ich mir weit grauslicher vor, Cécile; so gesehen bin ich ganz okay.
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