Geschafft von der Vollnarkose und dem chirurgischen Eingriff fühlte ich mich die ersten Tage im Spital unfähig, irgendetwas aus eigener Anstrengung zu tun. Das mitgebrachte Buch blieb ungelesen, eingehende E-Mails mocht ich kaum beantworten. So diente mein Laptop auf dem Krankentischchen als Konsole für Musik und Filme, die mir ohne eigenes Zutun die Zeit vertrieben, in der mir sogar zum Dösen oder Schlafen zu fad war, und die mich zudem, Stöpsel im Ohr, vor der steten Geräuschkulisse im und vor dem Zimmer abschirmten.
Ich bin ein Fan von Krimiserien, in denen sich ähnlich wie bei Telenovelas die Beziehungen in einer Gruppe von Menschen entwickeln und verändern. Die SOKO-Serien verschiedener ZDF-Studios etwa, Morden im Norden der ARD und andere mehr, denen überdies gemeinsam ist, dass sie die Story der jeweiligen Folge nicht wie beim Tatort auf Spielfilmlänge aufblasen müssen. Wenn mir nach 45 Minuten die Lust noch nicht vergangen ist, hänge ich einfach eine nächste Folge an.

Ich suche also nach noch ungesehenen Folgen von «Ein Fall für zwei», die Serie mit einem Anwalt und einem Privatdetektiv als erfolgreiches Duo. Stattdessen stosse ich auf Folgen einer Serie mit gleichem Namen aus den achtziger Jahren mit Dr. Renz und Matula in den Hauptrollen; ich hatte gar nicht gewusst, dass diese Serie uralt ist, 2013 vom ZDF eingestellt und 2014 neu gestartet worden ist. Alt wie neu: mehr oder weniger spannende Fälle.
Auf der Suche nach weiteren Folgen blieb ich beim Vierteiler «Mordsschwestern» hängen, einer neuen norddeutschen Geschichte zweier unzertrennlich streitender Schwestern, die als Kommissarin und als Kriminaltechnikerin Fälle gemeinsam aufklären müssen. Witzig erzählt.

Richtig gepackt hat mich ein ganz anderer Film. Ich hatte mich eines abends mit A. kurz über zeitgenössische italienische Musik ausgetauscht. Der Name von Ennio Morricone drehte noch eine Weile in meinem Kopf herum, ich hörte mich durch ein paar Links auf YouTube und stiess so auf den Film «Cinema Paradiso», den ich damals verpasst hatte. Wer schon neben mir im Kino sass, weiss, dass ich bei Szenen, in denen sich Menschen in Schwierigkeiten befinden, ein ganzes Leintuch statt Taschentüchern benötige. Dieser Film gab mir reichlich Gelegenheit, zumal ich die fast dreistündige Fassung erwischt hatte. Doch die Tränen kamen gerade recht, nachdem die Aircondition im Spitalzimmer meine Augen ausgetrocknet hatte…Der Film erzählt vom Leben nach dem Zweiten Weltkrieg in Italien am Beispiel einer kleinen Stadt in Sizilien, von der Bedeutung des Films gerade in einem von der Kultur wenig verwöhnten Ort, von der Zensur durch die katholische Kirche und von der Geschichte des italienischen Films jener Jahre. Den roten Faden bildet die Geschichte eines Jungen, der als Ministrant in der Kirche und als Helfer des Filmoperateurs im selben, jeweils zum Kino umfunktionierten Gebäude tätig ist, selber mit dem Filmen zu experimentieren beginnt, sich unsterblich in ein Mädchen seines Alters verliebt, deren Eltern ihr den Umgang mit dem Jungen verbieten und deswegen nach Mittelitalien ziehen. Erst Jahrzehnte später findet der inzwischen gefeierte Regisseur die Frau wieder und erfährt, dass nur ein Missverständnis sie auseinander gebracht hatte; doch nun ist es zu spät, sie hat längst Familie, und er muss lernen, nicht länger von Beziehung zu Beziehung zu wechseln in der Suche nach seiner grossen Liebe. Die drei Rollen dieser Figur, die Rolle seines Mentors, des Filmoperateurs, und die beiden Rollen der Mutter sind eindrücklich gespielt, die Szenen im Kino zum Schiessen. Echt grosses cinema all’italiana. Falls es dir über die Festtage mal an Wärme mangelt…
Übrigens geht es mit meiner Darmperistaltik allmählich voran; gut zwei Wochen nach der Rückoperation kann ich schon wieder fast wie ein Grosser! Nur mit der Energie hapert es noch ein wenig; aber das kommt schon noch.
Zuerst publiziert am 22.12.2022 auf Facebook.
Folge #21 – Folge 23
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Kommentare auf Facebook:
Marcel: Ich «durfte» jeden Dienstagabend die Krimis im Fernsehen zusammen mit meiner Mutter anschauen, was mir dann mit der Zeit aber weniger und weniger gefiel (immerhin besser als unzählige Samstagabend-Shows). «Ein Fall für zwei» (die alte Fassung) war jeweils einer der spannendsten Krimis für mich.
Ralf: Hahaha, da schauen wir ja oft den gleichen «Müll». Manche Sokos finde ich nicht gut, andere schaue ich, um nach der Arbeit und vor dem Bett etwas abzuschalten. Soko Wien vermisse ich. Weiterhin gute Besserung, Billo!
Zora: «Cinema Paradiso» lieb ich auch sehr. Zu «Ein Fall für zwei» pflegte mein verstorbener Vater zu sagen: der ist nur gut, wenn Matula in eine Schlägerei gerät. Gueti Besserig und Buon Natale!
Christina: Ja, Sokos für 45 Minuten! Manches Mal spannend für nicht zu lange. «Ich kann schon wie ein Grosser» – weiter so und Frohe Weihnachten.
Urs: Ja, «Cinema Paradiso» zählt zu den Film-Klassikern und ist als solcher (für mich) unsterblich.
Reto: Ich habe heute entdeckt, dass sSRF neue Folen von «Tschugger» hat. War unglaublich enttäuscht, dass man sie nur in der Schweiz sieht. Hast du schon mal ne Folge gesehen? Es tötelt weniger, aber menschelt mehr.
Billo: Lieber Reto, nein, nur Gutes davon gehört. Da ich mir kein VPN antu, weil ich sonst überhaupt nur noch Filme schaue, muss ich mir den Tschugger halt dann mal geben, wenn ich wieder mal kurz in der Schweiz bin…
Urs: Auguri, lieber Billo, weiter so mit der guten Besserung. Und yep, «Cinema Paradiso» ist ein extrem guter Film!
Silvia: Gute und baldige Erholung! «Cinema Paradiso» war lange mein Lieblingsfilm!
Renato: Claus Theo Gärtner alias Matula «erlebte» in 33 Jahren der Folge insgesamt vier Rechtsanwälte bzw. es waren sogar fünf, da in einer Folge ein Ersatz einspringen musste. «Tschugger» kann ich nur empfehlen. Ich habe gestern alle fünf Folgen der zweiten Reihe angesehn…
Billo: Eine Tschugger-Folge konnte ich inzwischen auf YouTube finden; recht schräg im gewohnten helvetischen Kontext. Aber offenbar ein Erfolg.
Delphine: «Mordsschwestern» ist witzig. Den Krimi mit dem Bestatter, der Gras im Keller züchtet, die Serie «Friesland» mag ich auch. Bisschen schräg.
Billo: Auch gut, ja.
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