Über ein ganz unerwartetes Geschenk

Mir träumte, ein Sozialforschungsinstitut habe sich bei fair-fish (das ich gegründet und damals geleitet hatte, Anm. d. Red., 25.12.2025) vorgestellt mit der Idee einer Studie über die Änderung des Konsumentenverhaltens beim Fischkauf.

Die Präsentation war total spannend (ich komme ja aus dieser Branche), denn die Studienidee zielte nicht nur darauf ab, die Repräsentativität der Meinung der Befragten für die Konsumentenschaft allgemein zu belegen, sondern darüber hinaus die Ergebnisse sozusagen als Axiome zu ankern, so dass sie zu Bausteinen absoluten Wissens würden, die in jeder erdenklichen Situation als gegeben vorausgesetzt werden könnten. Das käme etwa der Lösung eines uralten Beweisproblems in der Mathematik gleich, und das ist natürlich schon enorm aufregend. Nachdem der Institutsleiter meine Fragen beantwortet hatte, nahm er die letzte selber voraus: «Sie werden jetzt wissen wollen, was Sie das Ganze kostet – nichts! Wir haben seit geraumer Zeit keine Aufträge mehr, aber ich will meine Leute nicht entlassen, sie sind die besten, die ich je hatte. Wir wollen mit dieser Studie beweisen, dass wir die Besten sind, und wie könnten wir das mit mehr Aufsehen tun, als wenn wir zeigen, dass fair-fish mit seiner radikalen Forderung «maximal einmal pro Monat Fisch» die Konsument/innen stärker zu Veränderung anreget als jede andere Massnahme bisher. Uns werden danach Aufträge zufliegen – und Ihnen die Mittel, Ihre Kampagne gross aufzuziehen.»

Natürlich war mir sogleich klar, dass ich geträumt hatte. Aber da war noch was, was mich im Traum so sehr gefangen hielt, dass ich ihn schwer von der Realität unterscheiden konnte. Der Institutsleiter hatte mich eingeladen, Teil der Forschungsgruppe zu werden und so zu meinen Wurzeln in der Sozialpsychologie zurückzukehren. Mich reizte das ungemein, aber ich wies es vehement zurück, und umso vehementer, je stärker auch die andern auf mich einredeten, ich solle doch zusagen. Es ist vollkommen unmöglich, sagte ich: «An den Resultaten dieser Forschung hab ich ein bestimmtes inhaltliches Interesse, bin also alles andere als neutral in Bezug auf die Formulierung der Hypothese, der Fragen und der Interpretationen.»

«Willst Du damit sagen, dass Du nicht unabhängig genug wärst, das eine vom andern zu trennen? Wie soll das denn eine andere an der Forschung beteiligte Person können?», fragte mich Irmi mit durchdringendem Blick. Ich fühlte mich herausgefordert: «Eine andere Person, die mit dem Forschungsgegenstand nicht durch inhaltliche Interessen verbunden ist, kann das leichter, und vor allem sieht sie sich nicht der Vermutung ausgesetzt, mit dem Forschungsgegenstand verbunden zu sein. Natürlich weiss ich, dass ich mein Erkenntnisinteressen und mein Interesse an wissenschaftlicher Arbeit auseinander halten kann, aber ich bin selbstkritisch genug, zu wissen, dass ich nicht immer weiss, ob es mir wirklich gelingt. Vor allem aber kann niemand anders wissen, ob es mir gelungen ist und ob ich mir oder ihnen nicht was vormache. Es geht nicht, es ist eine Frage, die sich nicht ankern lässt.» 


Zuerst publiziert am 21.12.2012


Nachtrag am 25.12.2015

Bemerkenswert, was ich heute vor drei Jahren geträumt hab.
Und in gewisser Weise ist der Traum ja sogar in Erfüllung gegangen! Die Wissenschaft hat mich wieder, wenn auch an einer andern Ecke des Netzes, statt an der sozialpychologischen jetzt an der ethologischen Datenbank FishEthoBase (heisst inzwischen fair-fish-database.net)
Es hängt am Ende ja doch alles zusammen, und es kommt nur draufan, irgendwo am Netz kräftig zu ziehen, um es in Bewegung zu versetzen – ; dieses starke Bild eines russischen Sozialpsychologen, der vor etwa vierzig Jahren in einer Seminarstunde bei Professor Schmidtchen zu Gast war, hat mein Denken tief geprägt.


Ausgewählte Reaktionen auf Facebook:

Irmy: Hahaha, die Katz beisst sich in den Schwanz, vermutlich, weil du weder das freundliche Angebot mit Füssen treten… noch es wirklich annehmen möchtest. Pattsituation. Ergebnis: Gut, hast du die Sozialpsychologie hinter dir gelassen.

Billo: Meinst Du? Sicher nicht die Faszination der Wissenschaft. Und Sozialpsychologie ist für mich eine zentrale Wissenschaft vom Menschen, nach wie vor.

Sasha: Ich bin da ja jetzt in dieser Thematik nicht ganz so firm. Die Idee mit dem «einmal im Monat Fisch» ist eigentlich gar nicht so schlecht. Aber dann wirklich auch Fisch. Diese blödsinnige Konservenindustrie und natürlich in diesem Zusammenhang auch Gefrierfisch à la Stäbchen oder auch «Fastfoodfisch»-Ketten sind die Wurzeln allen Übels. Andererseits frage ich mich, wie der senegalesische Fischer seinen «Frischen Fisch» an den Mann bringen will. Das geht ja wohl nur über die Flugroute, womit wieder das Problem der Umweltverschmutzung durch Transport aufgeworfen wird. Werde mich mal ein wenig mehr mit dieser Sache beschäftigen müssen. Meinen wöchentlichen Fisch lasse ich mir aber nicht nehmen. Auch wenn die Preise für frischen Fisch gigantisch geworden sind. Unsere Küstenregion ist nahezu leer gefischt. Diese dämlichen kroatischen Fischer haben den Thunfisch nahezu vernichtet.
Naja – aber dieser Thunfisch in Dosen z. B. als Massenkonsumware à la Soylent Green verändert doch nicht die Nahrungsgewohnheiten des Konsumenten zum Positiven. Folgendes hört man doch oft: «Mein Arzt hat gesagt, ich soll mehr Fisch essen. Im Aldi sind die Thunfische in Konserven jetzt im Angebot“» Und du weisst ja, wie dieser Fisch gefangen wird.

Billo: Dosenthun in rauhen Mengen ist natürlich Schwachsinn, ökologisch wie gesundheitlich. Wer meint, er müsse viel Fisch essen, weil ein intellektuell etwas kurzsichtiger Arzt ihm das empfohlen hat, der soll sich mal schlau machen, was er sich und andern damit antun würde.

Sasha: Sehr guter Artikel. Ich will ja jetzt hier keine Reklame machen… aber in dem Fischrestaurant, in welchem ihr im Sommer hier bei mir wart, ist deswegen der Fisch so teuer. Der Besitzer legt Wert darauf, den Fischer, bei welchem er den Fisch bezieht persönlich zu kennen. Falls er mal selber mit mir auf dem Wasser nicht so erfolgreich war. So kann es zB. sein, dass ein Gast eine Dorade bestellt und zu hören kriegt, dass Diese heute nicht im Angebot wäre. Empörte Gäste gehen dann zu dem Konkurrenten nach Ulcinj, welcher seine Doraden aus den Zuchtbecken in der Bucht von Kotor bezieht. Diese Fische sind zwar keineswegs schlechter im Geschmack (das Gegenteil ist leider der Fall) aber gerade wegen des angesprochenen Füttern mit Fischmehls-und wir wissen, wie dieses Mehl und wo und unter welchen Umständen produziert wird, bleibt nach dem Verzehr dieser Exemplare ein «bitterer Nachgeschmack».

Billo: So ist es (und Wildfische schmecken mir besser als Zuchtfische, immer, vermutlich, weil ich zu viel über die Haltung von Letzteren nachgedacht hab…)


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