Alltag nach dem Spital #16

Durch diese Hohle Gasse muss er kommen (Foto: Nikater/Wikimedia

Gestern bin ich zur Abwechslung einmal zu einem Opfer der Spitalpolitik und -Bürokratie geworden. Nachdem vor einem Jahr (2021) ein geübter Ultraschallspezialist in meiner Blase einen kleinen Krebs im Anfangsstadium entdeckt hatte, den ein nicht minder geübtes Team vor Ende Jahr während eines kleinen Eingriffs vollkommen entfernt hatte, verschrieb man mir als vorsorgliche Nachbehandlung eine Chemotherapie, der ich mich in den ersten Monaten dieses Jahres unerfreut, aber brav unterzog.

Acht Wochen lang jeden Montagmorgen Chemotherapie, ein routinemässiger kleiner Eingriff, bei dem zwei Krankenschwestern einen Katheter durch die Harnröhre bis in die entleerte Blase einführen, um so eine kurz zuvor im Spitallabor hergestellte Chemikalienlösung in die Blase fliessen zu lassen. Das ganze Procedere dauert keine 10 Minuten, arrivederci, der nächste – wenn alles gut läuft.

Es kann aber nicht immer gut laufen. Wer zum ersten Mal zur Chemotherapie kommt, muss erst informiert werden und sich daran gewöhnen, was er zu tun hat und was mit ihm getan wird. Das dauert dann 15 oder 20 Minuten. Und selbst wenn der Patient zum Routinier geworden ist, kann es zu unerwarteten Komplikationen kommen, so etwa bei mir, wenn einmal die Harnröhre beim Eingang in die Blase enger ist als üblich und die Pflegerinnen mit einem dünneren Katheter einen zweiten Anlauf nehmen müssen. Oder wenn, wie ich es ein andermal erlebt hatte, ein alter Dauerpatient sich für immer verabschiedete, weil die ihn betreuende Tochter mit ihm in eine andere Region zu ihrer Schwester zog.


Gift für die Blase

An den ersten paar Montagen schien alles wie am Schnürchen zu laufen, ich kam stets ziemlich genau zur bestellten Zeit an die Reihe. Doch dann begannen die Wartezeiten lang zu werden. Fragte ich nach dem Grund, erfuhr ich, dass die chemische Lösung noch nicht bereit gewesen sei. Ich machte mir meine eigenen Reim darauf: Wer ohne direkten Kontakt zu Patienten arbeitet, kann es locker nehmen, ausfressen müssen den Ärger die Krankenschwestern, die schon am eigenen Ärger genug zu kauen haben. Aber gut, ich verstand mich mit Ihnen und überstand die Behandlung ohne spürbare Nebenwirkungen, ausgenommen nach den ersten zwei Malen eine angenehme Müdigkeit. So nahm ich eine gewisse Schlamperei in Kauf.

Während der Darmoperation im Mai 2022 wurde auch eine Blasenspiegelung vorgenommen; das Resultat war negativ. Dennoch bestand der Urologe auf einer zweiten Serie Chemotherapie, einmal im Monat, sechs Monate lang. Ich fragte ihn, ob das angesichts des günstigen Befundes wirklich nötig sei, was er mit Verweis auf das erprobte Protokoll bejahte. Widerwillig lenkte ich ein; immerhin handelt es sich um eine Chemikalie, die so giftig ist, das man während der ersten sechs Stunden seit der Behandlung nach dem Pinkeln nicht einfach die WC-Spülung betätigen darf – man muss eine gehörige Portion Javellauge zur Flüssigkeit im WC geben und bis zum Spülen mindestens 20 Minuten wirken lassen. Warum soll ich meine Blase vergiften, wenn der Krebs sich nicht mehr zeigt? Doch ich war zu sehr beschäftigt mit meinem künstlichen Darmausgang und der Ungewissheit, wie ich in den kommenden Monaten damit zurecht kommen würde; so gab ich eben nach.

Ich hätte freilich nicht nur ans Gift denken sollen, sondern auch an den mechanischen Eingriff in einen engen und leicht verletzlichen Teil meines Leibs. Dass das immer gut ausgeht, ist gar nicht so selbstverständlich; jedenfalls setzt es viel Wissen und Können beim Personal voraus und eine stressfreie Situation, in der der Patient sich entspannen und vertrauen kann. Als ich bei der dritten monatlichen Behandlung in einem überfüllten Wartezimmer dreiviertel Stunden auf meinen Aufruf warten musste, war ich schon etwas sauer auf das hauseigene Labor, das wohl wieder mal nicht zu rechten Zeit geliefert hatte. Kaum im Behandlungszimmer angekommen, fragte ich die beiden Krankenschwestern, warum denn heute so viele Leute so lange warten müssten. Die eine der beiden fasste meine Frage offenbar als persönlichen Angriff auf, brach fast in Tränen aus und hielt mir vor, sie seien seit dem frühen Morgen pausenlos am Arbeiten, sie habe kaum Zeit fürs Pinkeln gehabt, geschweige denn für einen Kaffee. Vergeblich versuchte ich, sie zu beruhigen und ihr verstehen zu geben, dass ich auf der Seite des Personals stünde; sie assistierte ihre Kollegin und verschwand gleich nach der Behandlung.


Spitalpersonal muss Stress selber programmieren

Von ihrer Kollegin erfuhr ich dann, dass sich Warteschlangen nicht vermeiden liessen, wenn eine Behandlung länger als 10 Minuten daure, und nein, die Planung mache nicht irgendein Bürokrat, sondern sie selber. Aber die Vorgaben, denke ich bei mir selber nach der Verabschiedung, machen Politiker mit ständigen Reformen und Gegenreformen, die am Umstand einer zunehmend älter werden Bevölkerung und entsprechenden Kosten gar nichts ändern, und Chefbürokraten, die Ihnen dies und jenes eingeflüstert haben und und das angerichtete Chaos dann so organisieren müssen, dass es nicht als solches erkennbar wird, und darum müssen die Krankenschwestern stur alle 10 Minuten einen neuen Patient einplanen, egal ob er zum ersten Mal kommt oder weiss, wie der Hase läuft, egal, ob er fit ist oder behindert. Und je mehr sich das Wartezimmer mit Frustrierten füllt, desto mehr steht das Personal unter Druck.

Gestern war ich zur vierten monatlichen Behandlung im Spital. Die behandelnde Krankenschwester war jene, die bei der letzten Behandlung den Tränen nahe gewesen war, liess sich aber nichts anmerken. Während ich auf dem Bett lag, plauderte sie über meinen Kopf hinweg mit ihrer Kollegin, als wäre ich nicht da, klar unprofessionell, nur: Wann soll sie denn mit ihrer Kollegin austauschen, wenn das Fliessband alle 10 Minuten einen neuen Patient ins Zimmer bringt? Kurz: Die Situation war diesmal nicht gut, es war keine Ruhe da, ich war nicht entspannt. Der Katheter ging nicht rein, sie packten einen dünneren aus, wieder nichts. Die Krankenschwester bat ihre Kollegin, es selber zu versuchen, sie habe vielleicht die ruhigere Hand; wieder ohne Erfolg. Sie riefen einen Urologen herbei, der sich einen noch spezielleren Katheter geben liess; aber er auch er schaffte es nicht bis in die Blase und brach die Behandlung schliesslich ab aus Sorge, die Harnröhre zu verletzen. Er diagnostizierte eine Stenosis (Verengung) und verschrieb mir eine erneute Blasenspiegelung zwecks genauer Bestandesaufnahme. Eine Harnröhrenverengung, recherchiere ich zuhause, ist meist die Folge einer vernarbten Verletzung, und Blasenkatheter und Blasenspiegelungen sind häufig die Ursache. Ich muss unwillkürlich an die Geschichte vom Glaser denken, der durch die Strassen geht und Fenster einschlägt, oder vom Feuerwehrmann, der Brände legt… und ich schimpfe mit mir selbst, dass ich der zweiten Chemotherapieserie zugestimmt hatte. Seit den wiederholten Blasenspiegelungen und Kathetereinführungen hatte ich schon eine gewisse Veränderung beim Pinkeln wahrgenommen, aber sie blieb lebbar; seit gestern aber ist es mühsam und tut echt weh, und selbst wenn Mühsal und Schmerz sich allmählich legen sollten, wie ich hoffe, bleibt doch die Aussicht auf die möglichen Behandlungen einer Stenosis wenig verlockend.


Zuerst publiziert am 10.09.2022 auf Facebook.
Folge #15
Folge #17
Alle Folgen: Suchbegriff «Spitalalltag» eingeben.


Ausgewählte Kommentare auf Facebook:

Thomas: Ich kann dich sehr gut verstehen. Bei mir wurde letztes Jahr nach einem Eingriff in der Blase ebenfalls ein Tumor festgestellt, der Befund war glücklicherweise negativ. Zuvor litt ich unter furchtbaren Blutungen. Ich denke fest an dich, dass es bei dir wieder gut kommt, auch mit der Stenose.

Peter: Das tut mir leid und ich hoffe, es wird wieder gut. Da sind wir nun mal auf das angewiesen, was uns Ärzte erzählen, ob es stimmt oder es nur um Profit geht. Und wir lassen vieles geschehen, aus Angst vor dem, was ein Nichtbehandeln bewirken könnte.

Sabine: Ach Billo… tut mir in der Seele weh, das zu lesen – für die Schwestern, für das perfide System, ich bin eh kein Freund der Chemotherapie, aber kann Dich völlig nachvollziehen. Nun drücke ich beide Daumen für rasche Heilung der Folgeschäden!

Fee: Ich mag wie du aus dem Leben schreibst! Gutes Weiterschreiten!

Charlotte: Das macht wütend. Und traurig. Und wütend… auch diese Machtlosigkeit, dieses Ausgeliefertsein… Und es bleibt dir nichts als Durchatmen… und daran festhalten, dass dein Körper, deine Zellen arbeiten wie die Deppen, um wieder klar zu kommen. Ich weiss, klingt etwas esoterroristisch, aber in meiner Wahrnehmung ist es so. Darum weiterhin viel Schnauf und trotz allem: viel Gelassenheit.

Teresa: Piano piano va lontano! Ist kein Trost, ich weiss. Aber Geduld ist ein wertvolles Gut & je mehr sie uns abverlangt wird, desto schwerer wird es, sie uns zu bewahren.– Zuversicht hilft (half mir) ebenfalls & immer öfter (Aus-) Gelassenheit.– Get well soon & thx for sharing.

Claudia: Nach einem Monat Spital und drei ambulanten Kontrolltagen in Salzburg bis vor Weihnachten werde ich mich niiiiiieeeee mehr dort melden und alles, was sie mir vorschlagen, was noch dringend zu tun wäre, ablehnen…. Kopf hoch, Billo! 

Billo: Ja, man gerät leicht in eine Mühle, wenn man sich aus guten Gründen der Medizin anvertraut und sich nicht getraut, sich für das eigene Körpermpfinden zu wehren. Alles Gute und Mutige dir, Claudia!


Möchtest du über neue Artikel in diesem Blog informiert werden? Schick die Nachricht «1x pro Monat» an billo@billo.ch
Would you like to be informed about new articles on this blog? Send the message ‘once a month‘ to billo@billo.ch


Stichworte in diesem Artikel:

Kommentare, Fragen

bitte an mich senden an, samt der Angabe, ob ich den Kommentar hier unter deinem Namen veröffentlichen darf.

Suche

Übersetzen · Translate

Kategorien


Alle Stichwörter · Keyword list

Algorithmen Autofahren Automatisierung Bahnfahren Bedingungsloses Grundeinkommen Burka Bürokratie Cinque Stelle Darmverschluss democracy Demokratie Deutschland Energie EU Europa Evolution Faschismus Gewichtsverlust Gewinne Graz Iran Israel Italien Landwirtschaft Lega Linke Marokko Migration Monfalcone Mussolini NATO Politik Schweiz Populismus Salvini Schweiz Solidarität Spanien Spitalalltag Spitalkost Traum Trump USA ÖBB Österreich öffentlicher Verkehr


Artikelarchiv · Articles by date