Wenn Biobauern sich ins eigene Knie schiessen

Die ökonomischen Argumente des Schweizer Biobauern-Verbands «Bio Suisse» gegen die Trinkwasser-Initiative haben einen wahren Kern: Der vorwiegend industriell organisierte Absatzmarkt würde gerne Bio in grösserer Menge und Vielfalt anbieten, aber bei tendenziell sinkenden Produzentenpreisen, während die Margen für Migros, Coop usw. tendenziell weiter steigen.

Dass Bio Suisse befürchtet, bei einer Ausweitung der Bio-Produktion würden die bisherigen Biobauern an Einkommen verlieren [1], ist nachvollziehbar. Kopflos hingegen ist die Strategie, die der Bioverband vorschlägt. Seine Nein-Parole zur Trinkwasser-Initiative ändert überhaupt nichts an den Tendenzen auf dem Markt; sie bestehen mindestens seitdem Bio Suisse mit Migros, Coop usw. zusammenarbeitet. Was Bio Suisse fehlt, ist eine offensive, lustvolle und selbstbewusste Politik nach vorn, zum langfristigen Ziel 100 Prozent Biolandbau. Diie Trinkwasser-Initiative ist ein logischer Schritt dorthin.

Das Ziel wird nicht ohne die Konsument/innen zu erreichen sein, da hat der Bioverbandspräsident schon recht – nur: Wo sind denn diese Konsument/innen, wenn der Bioverband seine Beschlüsse fasst? Da sind die Biobauern unter sich, und darum beschliessen sie manchmal auch Schüsse ins eigene Knie.

Wenn Bio Suisse wirklich mehr sein will als eine Lobby der Biobauern, dann muss sie ihre Strukturen ändern und den Konsument/innen die Mehrheit in ihren Gremien geben – so etwa, wie das bei der kleinen Bio-Schwester KAGfreiland seit jeher gilt. Wer als Bauernverband nur dann an die Kundschaft appelliert, wenn’s um die Einkünfte geht, steht am Ende politisch nicht besser da als die konventionelle Landwirtschaft, mit dem Unterschied, das Letztere im Parlament noch immer weit erfolgreicher ist.


Zuerst publiziert am 15.04.2021 auf Facebook


[1] Beatrix Mühlethaler: «Erst kommt die Kasse, dann die Natur – auch bei Bio Suisse», Infosperber, 15.04.2021


Kommentare auf Facebook

Paul: Alle Gesetze (und damit auch alle Volksinitiativen) haben immer auch eine unbabsichtigte Wirkung – das wird so bleiben, solange die einen gleicher sind als die andern. Die Welt kann auf diesem Weg nur stückchenweise verbessert werden, im besten Fall zwei Schritte voran und einen zur Seite oder gar zurück. Immer noch besser, als keinen Schritt zu wagen.

Billo: Lieber den Spatz in der Hand haben wir seit zwei Jahrzehnten, das Gros der Bauern hat sich in dieser Zeit jedoch kaum bewegt, drum muss das Ziel schon etwas kühner sein.
Ja, schlauer wär gewesen, beide Initiativen in 1 zu packen; aber da sind halt Jungspunde am Werl, die das mit den zwei Atominitiativen damals nicht mitbekommen haben… 
Die Pestizid-Initiative wird so um die 50% machen, vielleicht mehr, vielleicht weniger. Die Trinkwasser-Initiative käm etwa gleich weit, wenn nicht gewisse Ökoleute die zwei Initiativen auseinander dividieren würden – wie damals bei den zwei Atom-Initiativen, was schon damals sehr hirnrissig war. Als alter Politsack schaut man da schon etwas ratlos zu und fragt sich: Was wollten die eigentlich? Mehr Öko in der Landwirtschaft, oder? Das gelingt aber nur, wenn alle, die das wollen, an beiden Stricken ziehen, so wie das zum Glück viele Organisationen tun. Hough!

Regula: Guter Artikel im Infosperber von Beatrix Mühletaler und vielen Dank für Deine Analyse dazu! Absolut stimmig für mich.


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