
Heute bin ich schon drei Wochen im Spital. Und ich bin sehr froh, hatte ich bei meiner Hausärztin darauf bestanden, im Spital von Gorizia aufgenommen zu werden, und nicht etwa in Monfalcone, war noch immer mein steuerlicher Wohnsitz liegt. Das menschliche Klima in Gorizia sei einfach deutlich angenehmer, sagte ich, vielleicht, weil die Struktur nicht zu gross und unübersichtlich sei. Monfalcone ist eben eine Industriestadt, sagte sie. Verdienen denn verletzte oder erkrankte Arbeiter weniger Zuwendung? Vielleicht vor allem jene, die aus mehr oder weniger fernen Ländern stammen? Bei 20 Prozent liegt der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung, fast so hoch wie in der Schweiz, dreimal so hoch wie im italienischen Durchschnitt, und die lokale Politik tut sich schwer damit, populistisch geifernd die Rechte, Probleme negierend die Linke.
Warum auch immer: Ende letzten Jahres hatte ich bei einem kürzeren Spitalaufenthalt nach einer Blasenoperation bereits erlebt, dass die Stimmung in Gorizia anders ist, entspannter, geduldiger, solidarischer, ja: liebevoll, vom Hilfspfleger bis zur Chefärztin, vom Chirurgen bis zur Krankenschwester. Selbst aufsässigen, nervigen Patienten begegnet das Personal mit einer bewundernswerten Ruhe. Und wenn ein Patient wie ich längere Zeit hier verbringt, entwickelt sich ein fast freundschaftliches Verhältnis; beiderseits Freude, wenn man sich am nächsten Tag wieder sieht, ernsthaftes Interesse am Wohlergehen und auch am Leben des anderen. Werde ich für eine Nachuntersuchung auf eine andere Station gefahren, wünschen mein Zimmernachbar und ich einander Auguri, und wenn mein Bett wieder an seinem Platz steht bei den zwei grossen Fenstern mit dem Blick über die friaulischen Voralpen, bin ich zuhause. Es ist hier eine heilsame Atmosphäre, für die ich ausserordentlich dankbar bin.
Umso mehr erstaunt mich, dass das Essen, eine andere entscheidende Genesungshilfe, nicht im Spital zubereitet wird, sondern von Unternehmen gebracht wird, offenbar vor allem von Kooperativen, die auch Arbeitslose beschäftigen. Das Problem dabei: Das Spital muss den Auftrag öffentlich ausschreiben, den Zuschlag erhält in der Regel, wer die geforderten Mengen und Nährwerte zum tiefsten Preis offeriert. Was am Vortag bei der individuellen Bestellung ganz verlockend klang, Primo und Secondo mit je ein bis zwei Varianten und Standards als Alternative, erweist sich anderntags auf dem herbeigetragenen Tablett meist als fader, fahler und verkochter Abklatsch dessen, was auf dem beigelegten Speisezettel wie zum Hohn nochmals in Erinnerung gerufen wird. Das wenige an Fantasie dieser Küche war beim Schreiben des Menüs bereits erschöpft, die liebevolle Hingabe an die schöne Arbeit des Kochens für andere erstickt im Schälen und Schneiden im Akkord. Wer im Spital arbeitet, hat wenigstens den Schutz von Gewerkschaft und Tarifvertrag; Arbeitslose müssen mit weniger froh sein. Und mit wenig froh sein müssen die Patienten ausgerechnet in einem Land, das so gerne gut isst! Mittlerweile hab ich gelernt, unter allem das für mich Beste zu finden, frischen Salat, im Dampf halb gegartes Gemüse und in Ermangelung anderer Proteinquellen zum Muskelaufbau mal Fisch, mal Huhn, mal Calamari und oft Joghurt. Irgendwie geht’s.
Zuerst publiziert am 31.05.2022 auf Facebook.
Folge #1 – Folge #3
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Ausgewählte Reaktionen auf Facebook:
Ulla: Lieber Billo, das Essen im Spital ist meistens so gut wie die Leitung, die Ärzte, Pflegepersonal die Reinigungskräfte. Bei meinem letzten OP in Köln war ich wirklich zufrieden und habe weiter empfohlen. Gute Genesung dir, und ruf doch mal Freunde an, die kommen Dich besuchen und bitte Dir Dein Wunschessen zu bringen.
Ulrike: Ihre klugen Gedanken und Ihre Lage berühren mich sehr.
Angela: Oh jeh, dabei ist gutes Essen wichtig fürs Gemüt, gutes Durchhalten dir.
Ralf: Danke für den Erfahrungsbericht. Ja, Solidarität und menschenwürdige Beschäftigung geht in unserem System unter. Und nun mit der Inflation wird es nicht besser. Aber du bessere dich weiter!
Eva: Ach, Billo, das tut mir alles so leid!
Seit Jahren begleite ich meine Eltern immer wieder während Spitalaufenthalten und seit einigen Jahren besuche ich sie fast täglich im Pflegeheim. Was Sie betreffend des Essens schreiben ist Usus (auch in der Schweiz!) gar im Pflegeheim, wöchentlich wiederholend! Unvorstellbar, was sonst noch so abgeht, wenn man das Glück hat, es nicht (mit)erleben zu müssen!
Abfertigung oder gleich einfach ruhig gestellt liegen gelassen, falsche Medikamenten-Verabreichung, über Tage das eine oder andere gar nicht (weil vergessen zu bestellen), für einen Arztbesuch muss gebettelt werden …. Das sind nur einige der noch harmloseren Fakten. Ich könnte Bücher schreiben! Ich muss(te) vor allem auch lernen, mich nicht zu sorgen, wie es den Menschen geht, die keine aufmerksamen, umsorgenden Angehörigen haben, und vor allem darf ich nicht daran denken, wie es mir einmal (vielleicht schon morgen?) ergehen wird!
Paola: Ciao Billo, intanto tanti auguri di pronta guarigione e poi volevo dirti che anche io sono tornata a lavorare a Gorizia dopo 10 anni di trasferta triestina e ti confermo che anche nel mio caso c’è un altro clima rispetto a quello di Trieste purtroppo disumanizzato come quello che descrivi dell’ospedale di Monfalcone. Per il resto quando esci spero di vederci per parlare un poco di ambiente e di natura temi che appassionano assieme a Claudio. Ciao e ancora tante belle cose.
Claudia: Du machst das gut! Was nicht gut ist oder gut läuft, darf man ruhig feststellen und anmerken, was gut ist und gut läuft lobend erwähnen. Und sich ab allem möglichst nicht irre machen lassen. Coraggio Billo!
Urs: Danke für den interessanten Bericht. Schade das mit dem miesen Frass. Dir trotzdem weiterhin buona guarigione, lieber Billo! Durehebe, chunnt scho guet!
Andrea: Eine gute Genesung wünsche ich Dir, lieber Billo und weiterhin Geduld mit einer schönen Portion heiterer Gelassenheit obenauf. Die Geschichten sind dafür umso würziger.
Thomas: Lieber Billo, ich wusste gar nicht, dass du so lange im Spital bleiben musstest. In der Schweiz schmeissen sie einen raus, ehe man‘s gesehen hat. Aber die Hauptsache ist, du wirst wirklich wieder gesund und du darfst dein Leben wieder geniessen. Was machen wohl deine Katzen. Ich hoffe, dass wir bald wieder hübsche Katzengeschichten von dir hören dürfen. Tanti auguri.
Linda: Ich drück Dir ganz fest die Daumen, dass es mit Deiner Genesung rasch vorangeht und Du bald wieder zuhause sein kannst, wo Du dann wieder gutes Essen auf dem Teller hast. Es ist einerseits löblich, dass dort auch Arbeitslosen eine Beschäftigung angeboten wird, andererseits sollte schon eine Person für die Kontrolle zuständig sein, damit das Essen auch ansprechend und gesund zubereitet wird, denn die Esskultur in Italien ist enorm gross und auch sehr wichtig. Das schockt mich jetzt grad es bezeli.
Birgit: Vielleicht beruhigt es dich ja, dass auch bei uns am LKH Graz das Essen zum Davonlaufen schmeckt Dafür schmeckt es im Anschluss – wenn du zu Hause bist – umso besser.
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