Alltag im Spital #3

Ob ich mir denn nicht von Freunden Mahlzeiten ins Spital bringen lassen könnte? Auch mein Lieblingsarzt hier hat mir das vorgeschlagen, als ich vor sechs Tagen endlich Normalkost essen durfte. Abgesehen davon, dass dem in meinem Fall ein paar Hindernisse entgegenstehen: Ich zweifle, dass dies der richtige Weg wäre. Denn so würde die Dreiklassenmedizin nur noch gefördert: Oben die vermögenden Privatversicherten, hier der grosse Rest und darunter jene, die noch nicht ganz durch das soziale Netz gefallen sind und keine Freunde haben, die es auf sich nähmen, was Feines herzubringen, oder sich ein Catering nicht leisten könnten. Auch darum gehört genesungsfördernde Kost zu den Kernaufgaben eines Spitals.

Ich erinnere mich an den alten Witwer im Viererzimmer letzten Dezember hier in Gorizia, der tags und vor allem nachts seinen Gott mal verfluchte, dann wieder inständig um Hilfe bat, in tiefster existenzieller Sorge um den kleinen Rest an Autonomie, den zu verlieren er sich höllisch ängstigte. Einen Monat zuvor hatte ihn ein Autofahrer vor seinem Haus mitsamt seinem Fahrrad zu Schrott gefahren, und da lag er jetzt hilflos in Gipsen und Verbänden, wie ein Käfer auf dem Rücken. Nachdem die beiden Blasenpatienten schon nachhause entlassen worden waren, war ich einen halben Tag allein mit dem einstigen Werftarbeiter, dem nach dem Tod seiner Frau nichts geblieben war als seine kleine Wohnung, eine kleine Rente und die kleinen Freuden seines Alltags. Er erzählte mir, dass er jeden Morgen nach dem Frühstück die Wohnung reinige, dann die Ingredienzien für das Mittagessen vorbereite, um dann auf dem Rad in die Bar zu fahren und seine alten Kumpels auf einen Schluck zu treffen, bevor er sich zuhause gemächlich seinen pranzo zubereite. Eine kleine, für ihn heile Welt, die ihm nun unter den Füssen wegzurutschen drohte, sollten die Ärzte das Grundstück nicht fertig bringen, dass er wieder selbstständig würde gehen können. Wer hätte ihm denn Essen bringen sollen, um ihn wenigstens gastronomisch aufzuheitern? Seine ganze Verwandtschaft war schon lange ausgewandert, und die Kumpels im 20 km oder eine Bahnstunde entfernten Monfalcone sind kaum mehr so mobil und flüssig wie einst.

Da Patientenkost zu den Kernaufgaben eines Spitals gehört, müsste dessen Leitung externe Verpflegungslieferanten eng kontrollieren, wenn die Spitalküche nicht zu liefern imstande ist. So würde etwa auffallen, dass der übliche Zwieback, der wochenlang mit Kamillentee mein Schonkostfrühstück bildete, plötzlich durch eine Bio-Vollkorn-Sorte ersetzt worden ist, die derart nach Karton aussieht, riecht und schmeckt, dass sie auf dem Markt wohl fallierte und darum billigst an die uns beliefernde Cooperativa verhökert worden ist. Unessbar, desgleichen die mir seit ein paar Tagen zustehende Alternative Brot, bestehend aus einem Panino vom Vortag, dass nur noch aus Bröseln und trockenen Fasern besteht; denn solche Brötchen sind für sofortigen Verzehr gebacken, wie jede Italienerin weiss. Doch die Cooperativa kauft die Brötchen am Vortag ein, zusammen mit dem Brot für Mittag- und Abendessen, und schafft es offensichtlich nicht, frühmorgens in einer lokalen Bäckerei frisch einzukaufen. Jene, die über die Vergabe des Mahlzeitenauftrags entscheiden, sitzen wohl ziemlich weit weg von jenen die mir das Tablett herbeitragen und sich beim Abräumen anhören müssen, was ich zum Frass meine. Wie eben, als ich das Putenschnitzel angeschnitten liegen liess, weil es zäh wie Schuhsohle ist. Da hier sowieso alle essen müssen, was zur Auswahl steht: Warum enthält die Ausschreibung der Spitalleitung nicht die Pflicht, jeweils eine tierqualfreie Alternative mit hochwertigem und leicht verfügbarem Protein anzubieten? Und wenn es ums Verrecken wie Fleisch oder Fisch aussehen muss: Warum nicht mit Forschungsanstalten und Unternehmen in dieser sehr innovativen Ecke Italiens zusammen nach einer Lösung suchen? Die Patienten werden es lieben, wenn das Schnitzel nicht so zäh ist!


Zuerst publiziert am 01.06.2022 auf Facebook.
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Ausgewählte Kommentare auf Facebook:

Monika: Es geht da wohl wie überall um Zehntelcents an Einsparung, um Gewinne zu maximieren.

Morgana: Der Spitaldirektor soll doch mal ein paar Wochen ausschliesslich in der allgemeinen Abteilung verpflegt werden.

Andrej: Bei uns hier gibt’s Lebensmittelversender. Bestell Dir jeden Tag Brot und Brötchen und Vegane Paste. Oder soll ich Dir ein Paket schicken? So geht das ja nicht. Der Fischschützer auf dem Trockenen.

Billo: Wie gesagt, Andrej: Das kann ja nicht die Lösung sein, dass jene, die es sich leisten können, fein raus sind und die andern fressen müssen, was sie halt kriegen. Es geht hier nicht um mich.

Andrej: Ist klar. Aber du sollst dafür nicht über die Wupper gehen. Gründe wie ich in Schwaben, wo ich nix Essbares im KH bekam, eine Patientengewerkschaft.

Billo: Keine Sorge, über die Wupper (beziehungsweise über den Isonzo) gehe ich nicht, dafür bin ich hier zu gut umsorgt.

Eva: Das muss ich nun doch auch noch loswerden: Im Spital is(s)t man zumindest nur eine gewisse Zeit; im Pflegeheim den Rest seines Lebens solche wie von Ihnen geschilderten «Delikatessen».

Linda: Brot und Salat in Italien mag ich nicht, da fad und keine Auswahl. Was ich nicht verstehe sind die von dir beschriebenen Klassenunterschiede. In Italien ist das doch staatlich geregelt und man braucht keine Krankenkasse, da die Kosten vom Staat übernommen werden, und da du ja residente bist, hast du das doch auch. Deine Anteilnahme gegenüber benachteiligten Mitpatienten bewundere ich. Hoffentlich kommst du da bald raus.

Billo: Salat ist wunderbar als Starter, Linda, für mich unverzichtbar, auch in Italien und alles andere als fad. Und natürlich zahlen italienische Staatsbürger keine Krankenkasse (ich als nur residente aber schon, wenn auch wenig); aber wenn du dafür nur das Minimum kriegst und mit anschauen musst, wie sich andere von auswärts Mahlzeiten herbeischaffen lassen können, ist das halt nicht so lustig…

Linda: Nein, Salat finde ich überall besser als in Italien, wo es null Abwechslung gibt und nur Aceto, Olio und Sale, ist halt meine Meinung. Natürlich ist das nicht lustig, das habe ich auch nicht behauptet, und bei den anderen Sachen bin ich voll bei dir. Es ist ohnehin nicht schön, im Spital sein zu müssen.

Agnes: Stimme all dem zu. Ich bin regelmäßig im Krankenhaus in Paris, je nur für 1 Tag, aber das erlaubt mir schon einen Einblick in die Spitalkost, und das ist wirklich extrem ernüchternd (und ich bin wirklich nicht anspruchsvoll).

Claudia: Toll, dass du es wagst zu kämpfen! Ich kusche hier in meinem Auslandwohnort eher… bekomme keine österreichische e-card und bin verdächtig.

Irmgard: Da ist noch viel zu ändern, nicht nur bei der Krankenhauskost, auch in Kindergärten und Pflegeeinrichtungen gibt’s noch gruseliges Essen. Dir gute Besserung!

Georgi: Spitalkost… ein verbreitetes Thema… hier muss ich das Triemli loben, das sich diesbezüglich vor ein paar Jahren wohltuend aus der Landschaft heraushob. Unter Sparzwang wurde die Küche dann etwas schlechter, ist aber immer noch um Welten besser, als das im Uni. Deshalb ist es wohl gang und gäbe (vor allem in der ausländischen Bevölkerung) den Angehörigen reichhaltige Menüs mitzubringen. Solange das Pflegewesen nicht insgesamt aufgewertet wird, wird sich daran wohl kaum was ändern. Deine Kampfeslust jedoch zeigt, dass du auf gutem Weg zur Genesung bist. Weiter so.

Maria: Mi dispiace, da sempre il cibo ospedaliero è scadente in Italia. E come giustamente commenti, dovrebbe essere garantita una certa qualità, anche per favorire il buon umore e il processo di guarigione. Qui a Winterthur il cibo in ospedale è molto buono e c’è anche la scelta fra tre menù. Lo trovo molto consolatorio. Buona guarigione, ti auguro di tornare presto a casa.

Thomas: Danke für deinen Alltagsbericht aus der Klinik, der wunderbar humorvoll geschrieben ist aber Ernstes, Trauriges oder Erschreckendes in launiger Art und Weise transportiert. Ich finde immer wieder Denkanstöße hinsichtlich den Umständen/Zuständen in der Einrichtung, in der ich arbeite, die zwar kein Krankenhaus, sondern sogar ein (meist endgültiges) Zuhause für kranke Menschen ist. Und mein Fazit für uns: Es wird mit den knappen Mitteln meist gut gekocht, aufbereitet, weiter verwurstelt etc., so dass ich guten Gewissens sagen kann; in diesem Bereich tun wir alles, was wir können, mit den Möglichkeiten, die wir haben, so dass jeder am Abend etwas findet, was er mag. Auch wenn die Lieferung aus der Küche vielleicht nur einen Becher Grießbrei vorsah. Dir weiterhin gute Besserung und gerne weiter scharfsinnige Beobachtungen aus dem Klinikalltag.

Susann: Sofort mit der nonna des Pflegers Kontakt aufnehmen. Sie weiss, was du brauchst ,und es wird wunderbar schmecken.


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