
Vor einer Woche bin ich nachhause zurückgekehrt, voller Optimismus und Vorfreude auf die Lebewesen, die ich einen Monat lang hatte vermissen müssen. Schwäche nach der ersten Euphorie; ich musste mich erschöpft hinlegen, froh darum, dass Irmy noch eine Weile in der Nähe blieb und sich auch weiterhin um Dinge kümmern wird, die mich noch zu sehr anstrengen. Und so verbrachte ich die ersten Tage in meiner Wohnung, zum Glück von sommerlichem Licht und Luft durchströmt: erschöpft nach jeder kleinen Anstrengung, körperlich wie geistig.
Zwar ess ich seit dem ersten Tage mit grossem Appetit und Hunger und lege täglich an Gewicht zu wie ein Mastschwein, eine Beschreibung, die ein paar Tage später die Ärztin bei der Nachkontrolle im Spital erst erstaunte und dann schmunzeln liess. Zudem werden meine Hände immer geschickter in der Befolgung dessen, was ich von der Spezialistin im Spital über die Pflege meines künstlichen Darmausgangs auf meinem Bauch gelernt hab, und ich lerne dabei auch, besser mit der Sorge um die eine Stelle umzugehen, an welcher sich schon früh eine Naht zwischen Haut und Darmende gelöst hatte; die besondere Versorgung dieser kleinen Wunde gibt mir zunehmend Sicherheit, dass alles gut kommt, ja: Dass in einigen Monaten das Darmende wieder mit dem Enddarm verbunden werden kann, wie es mir die Ärzte schon versicherten.
Erschöpfung springt mich an
Die Erschöpfung aber bleibt, hartnäckig, als würde sie hinter der Tür auf der Lauer liegen und hervorschnellen, kaum dass ich etwas tu. Und tun muss ich doch, wie sonst soll ich Leib und Seele kräftigen? Ich war bereit, zu akzeptieren, dass ich mit den Übungen zum Muskelaufbau wohl noch etwas warten musste; aber die eine oder andere Verrichtung im Haushalt, die eine oder andere kleine Besorgung ausser Haus, die eine oder andere rasch erledigte berufliche Aufgabe im Hinblick auf die baldige Ablösung durch Nachfolger ist doch auch nötig, um wieder in die Gänge zu kommen!
In den ersten Tagen machte mir die Erschöpfung mental zu schaffen; ich hatte mir die Rückkehr ins Leben zuhause wohl ein wenig leichter vorgestellt. Erst jetzt, nach einer Woche und bescheidenen, aber spürbaren Fortschritten kann ich mir eingestehen, dass ich anfangs doch etwas verzweifelt war. Und erst jetzt wage ich die Auseinandersetzung mit der weit grösseren Verzweiflung in den ersten Tagen nach der Operation, genauer: in den ersten drei Nächten. Die Tage verbrachte ich damals vorwiegend vor mich hindösend, in die mir vertraute hügelige Landschaft vor dem Fenster hineindösend, hinauf zum Berg, auf dem jemand jenseits der slowenischen Landesgrenze vor Jahren die Buchstaben TITO weithin sichtbar in Fels geritzt hatte, um die Italiener, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg gegen weitere jugoslawische Gebietsansprüche durchgesetzt hatten, nachhaltig zu ärgern; und hinunter zum Fuss des Bergs, wo sich der Isonzo sein tiefes Bett schuf, überquert von der ganz aus Stein gefügten Eisenbahnbrücke bei Solkan, mit der grössten Spannweite ihrer Art weltweit, ein Wunderwerk der Bauingenieurkunst, an dem ich Enkel eines Brückenbauers mich Mal für Mal nicht satt sehen kann, und doch bin ich bisher immer davor zurückgeschreckt, die Brücke zu begehen, so hoch über der Schlucht, dass nicht lange leiden müsste, wer von ihr spränge…
Träume der Verzweiflung
Schlimm waren die ersten drei Nächte im Spital gewesen, in denen ich schlaflos lag, in verschwitzten Laken und dunkeln Gedanken, hin und her gerissen zwischen der Zuversicht, dass die Operation mein Leben gerettet habe für eine Zukunft, und der Verzweiflung, dass ich es nicht schaffen könnte, der Erwartung an mich selber gerecht zu werden, ja: Dass die Fixierung zuerst auf den noch im Anfangsstadium entdeckten und entfernten Blasenkrebs und danach auf den Darmverschluss meinen Ärzten verborgen haben könnte, dass da noch was Drittes in meinem Leib wüte, was ich jetzt in der Magengegend deutlich spürte und was mich erst recht den Schlaf nicht finden liess… im Verein mit dem Bild, das sich in meiner Seele vor Jahren festgesetzt hatte als Erzählung über einen Freund meiner Eltern, der seine demente Frau bis zu deren Tod gepflegt hatte und der sich danach im hohen Alter abmühte, sich wieder mit Stöcken statt im Rollstuhl fortzubewegen, nur damit er eines nachts das Altersheim verlassen und sich bis auf eine Brücke zu schleppen vermöchte, von der er sprang, seiner abgrundtiefen Einsamkeit entfliehend…
Erst in der vierten Nacht hab ich den Durchbruch geschafft, auch dank der Hilfe meines Freundes Zoran, der mich vom Gedanken an ein unerkanntes drittes Übel in meinem Leib befreite. Ich erwachte anderntags in zuversichtlicher Stimmung und spürte auch aus den Blicken der Menschen, die mich betreuten, dass ich am anderen Ufer angekommen war. Nur Dora, meine Lieblingshilfspflegerin, eine fröhliche und resolute Frau, sprach mich direkt darauf an, weil sie wohl spürte, was in mir vorgegangen sein musste. Ich erwähnte bloss, dass ich hin und her gerissen gewesen sei. Aber wozu hätten wir uns alle denn so sehr eingesetzt für dich?!, sagte sie rasch und sah mich streng und lachend zugleich an. Jetzt ist es gut, sagte ich und hielt meinen Daumen hoch. Sie tat es mir gleich, und mit einem «speriamo bene!» verliess sie mein Zimmer.
Ich war mein Leben lang von schweren Operationen verschont geblieben und hatte darum keine Vorstellung davon, wie schwierig und langwierig der Weg zurück ins Leben sein kann. Heute weiss ich mehr und habe grossen Respekt davor. Und ich bin allen sehr dankbar, die mich auf diesem Weg in irgendeiner Weise begleitet haben oder noch begleiten und so meine Selbstheilungskraft stimulieren. Ci vediamo!
Zuerst publiziert am 17.06.2022 auf Facebook.
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Ausgewählte Reaktionen auf Facebook:
Jacqueline: Sehr eindrücklich, Deine Schilderung, lieber Billo, ich wünsche Dir weiterhin Vertrauen, Zuversicht und gute Genesung.
João: Billo, you are an inspiration. The frontal way you describe your ordeal is nothing short of beautiful, even upon a crude automatic translation by Facebook. I know that you will overcome this.
Franziska: Ich wünsch Dir weiterhin gute Genesung. Drei Tage können einem vielleicht schon sehr lang vorkommen, aber eigentlich ist es nach so einer OP wirklich keine Zeit. Daher wünsch ich Dir nebst der Zuversicht auch Geduld und Nachsicht, der Körper will halt seine Zeit. (Bin schon seit 3 Wochen durch Covid lädiert, nicht wirklich schlimm, nur halt mühsam).
Charlotte: «Den Dingen die Zeit lassen, die sie brauchen», Billo, diese Worte hörte ich vor mehr als 20 Jahren aus dem Mund eines Mönchs auf Radio SRF, keine Ahnung mehr, wer das war. Den Satz aber habe ich nie vergessen. Leider immer wieder nicht wirklich angewendet auf mein Leben.– Heute aber weiss ich: Lass dir und deinem Körper die Zeit, die ihr braucht. Die Energie kommt zurück.– Und mach dir Gedanken darüber, diese deine Texte in ein Büchlein zu giessen. Es sind wertvolle Gedanken. Krank sein. Verwundet sein. Ausgeliefert sein. Unser Gesundheitssystem. Unser Umgang mit dem eigenen Körper. Unser Wissen über den eigenen Körper. Es sind wertvolle Gedanken. Und schön geschrieben.
Raffaele: Es wird wohl viel Zeit und Geduld brauchen, aber deine positive Einstellung ist sicher eine wichtige Hilfe. Eindrücklich deine Darstellung. Alles Gute !
Dominik: Es ist eindrucksvoll und berührend, was du schreibst, und ich erkenne in den Schilderungen immer wieder auch mich – auch ich hatte eine grosse OP und danach noch 35 Bestrahlungen. Zwei Dinge habe ich gelernt: Der Körper braucht Zeit, um sich nach einer solchen OP zu erholen – und die Nächte sind schwierig, manchmal ist es besser, aufzustehen und einen Tee zu trinken, als dem Klopfen, Hämmern und Ziehen des Schmerzes nachzusinnen und die Verzweiflung darüber zu fühlen. Ich habe für solche Momente auch Reserve-Medikamente, es sind Opiate, sie helfen, und das Wissen, dass es allmählich besser werden wird, lässt auch die Angst vor einer Abhängigkeit vergessen. Alles Gute.
Georgi: Es ist berührend in welcher Offenheit du deinen Prozess hier mit uns teilst, dazu noch in solch schriftstellerischer Eleganz. Ich wünschte, mein Mann, ein Blogger, hätte sich die Last des Erlebten von der Seele schreiben und damit verarbeiten können. Dass du es kannst, ist eine wertvolle Ressource in all den Aufs uns Abs des Genesungsweges. Auch wünschte ich, ich selbst als Begleitperson, hätte mich schreibend mit dem Thema auseinandergesetzt, statt nur zu funktionieren und möglichst eine Art Normalität als stabilen Rahmen zu gewährleisten, die lauernden Ängste vermeidend wie der Teufel das Weihwasser. Danke für deine Geschichten, an denen wir teilhaben dürfen. Mögen sie auch dir die nötige Kraft geben, geduldig weiterzugehen.
Diether: In unsern Leben blieb es immer ein Fremdwort: die Demut. Und ich meine jetzt nicht die kirchliche Variante. Wir sind ja am Schluss auch nur wie die Fische, die wir essen. Wir waren immer mutig und blickten nach vorne. Drum dann wohl auch die Phantasie des Sprungs von der Brücke. Einer eher männlichen letzten «Heldentat», bei der uns die Demut nicht stören würde. Vielleicht aber müssen wir sie von Zeit zu Zeit zulassen. Als Einkehr, als innere Ruhe zum Kraftschöpfen für weitere «Schandtaten».
Philippe: Es ist berührend, wie du schreibst und von deinen unmittelbaren Ängsten, Abgründen, aber auch Hoffnungen und Zuversicht uns näher bringst. Ich wünsche, dass deine Heilungswünsche in Erfüllung gehen.
Mónica: Sehr ergreifende Erzählung. Ich wünsche dir eine gute Genessung, Geduld, Beharrlichkeit und die Fähigkeit, dich über die kleinen Schritte auf dem Weg zurück zu freuen.
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