Alltag nach dem Spital #10

Zweites Frühstück auf meinem Balkon (Foto: Irmy Algader).

Seit zwei Tagen bin ich wieder zuhause, genauer: ich versuche noch, ganz zuhause und bei mir anzukommen. Es ist viel schwieriger, als ich dachte; manchmal fühle ich mich gewisser Weise zurückversetzt in die ersten Tage nach der Operation, in ein Hinundhergerissensein zwischen ich schaff das und: bloss wie? Doch damals vor einem Monat hatte mich das das viel existenzieller getroffen, eine Geschichte, die ich bis jetzt nicht einmal mir selber von Grund auf zu erzählen wagte…

Nichts fehlte bei meinem Nachhausekommen. Ich verliess das Spital zum Erstaunen des Personals, das mich einen Monat lang nur in hilfloser Rückenlage und mit einem Spitalhemd spärlich bedeckt gesehen hatte, sommerlich elegant gekleidet, so, wie ich es zu Beginn betreten hatte. Irmy holte mich ab und chauffierte mich heim, wo mich meine Katze Zizzi freudig schnurrend begrüsste, und die späte Nachmittagssonne auf meinem Balkon präsentierte Pflanzen und Blüten in herrlichem Licht. Alles war da, von Irmy während meiner langen Abwesenheit sorgsam in Ordnung gebracht und gepflegt. Ich kochte mir meinen geliebten Risotto al radicchio, das rotweisse Zichoriengewächs hatte ich am Tag von meiner Spitaleinweisung gedünstet und tiefgefroren. Zum Frühstück bereite ich mir meine nicht minder geliebte Misosuppe zu, mit gekochtem Buchweizen und Mikroalgen. Mittags brachte mir Irmy ein feines Essen aus ihrer Küche, und abends zeigte meine Waage bereits ein Kilo Gewichtszunahme, ein gutes Zeichen, nachdem ich im Spital am Ende 21 Prozent meines Normalgewichts eingebüsst hatte.

Nach einer ersten Euphorie über die wiedergewonnene Freiheit spürte ich den Preis ihres Genusses. Der geringsten Anstrengung folgt enorme Schlappheit, die mich für eine halbe Stunde aufs Bett oder Sofa zwingt. Die zwei drei unaufschiebbaren Besorgungen bisher in der nahen kleinen Stadt absolvierte ich in Irmys Begleitung mit langsamen, kraftlosen Schritten; es fehlen mir ja überall die Muskeln. Am schwersten fällt mir der aufrechte Gang, ich gehe mit eingefallener Brust vornübergebeugt wie ein Greis, und tatsächlich besteht meine wichtigste Aufgabe jetzt darin, mich wieder aufzurichten, vor allem auch innerlich.


Pflege zuhause, zum Glück

Zu meiner Erleichterung wird Irmy bis auf weiteres zweimal täglich bei mir zum Rechten schauen und Hausarbeiten verrichten, für die ich noch zu schwach bin. Sie hilft mir, stärker auf die kleinen Fortschritte zu achten und mich weniger in der Furcht vor möglichen Rückschlägen zu verlieren. Ich bin sehr, sehr dankbar dafür. Wir hatten uns ja vor ein paar Jahren getrennt, sind uns aber – und vielleicht gerade deswegen – beste Freunde geblieben und unterstützen einander solidarisch, jedes nach seinem Können und jedem nach seinem Bedürfen. Als ich unsere einstig gemeinsame Wohnung wegen umfangreicher Renovation mit Katzen und Pflanzen vorübergehend verlassen musste, folgte ich schliesslich Irmys Vorschlag und zog in ihre Nähe, widerstrebend weit weg vom Meer auf die Hochebene am Fuss der friulanischen Alpen. Nachträglich betrachtet war das ein kluger Entscheid, ich hab mich mittlerweile auch für länger hier eingerichtet. Die fast einstündige Fahrt zu meiner Wohnung an der Küste hätte unser Fiat Panda, den wir kurz vor unserer Auswanderung nach Italien vor mehr als neun Jahren gekauft hatten, auch mit inzwischen mehr als 200,000 zurückgelegten Kilometern zwar locker geschafft, doch für gegenseitige Hilfe und für fast tägliche Treffen, kurze und darum gute, schien uns die Distanz viel zu gross.

Bis auf weiteres befinde ich mich in einer Art verlängertem Spitalmodus. Meine Freunde wissen, dass ich auch jetzt, da ich zuhause bin, keine Telefongespräche führen mag, sie erschöpfen mich zu sehr und bringen wenig. Ich brauche viel Ruhe, um meine Kraft auf die paar Aufgaben konzentrieren zu können, die ich wirklich selber lösen muss, für mich und für verbleibende berufliche Verpflichtungen. Ich gebe mir viel Zeit, so viel, wie nötig sein wird, wieder vollkommen zu Kräften zu kommen. Bis dahin sind alle meine Reisepläne gestrichen, nicht nur die für mich wichtige fair-fish-Kongresswoche Ende Juni an der Algarve, auch keine Reisen in die Schweiz. Seit dem Tod meiner Mutter gibt es für mich eh keine zwingenden Gründe mehr hierfür. Mit einer einzigen Ausnahme sind alle Menschen dort, die (m)ich gerne wieder einmal treffen würde(n), jünger und, wie ihre Reisen zeigen, mobiler als ich. Nachdem ich sie zehn Jahre lang immer wieder während meiner einst monatlichen Schweizreisen besucht hatte, denke ich nun, dass die Reise in umgekehrter Richtung genau gleich aufwendig und bei Interesse zumutbar ist. Ich bin sehr wohl, da wo ich bin, und ich verlasse mein Zuhause, meine Katzen und Pflanzen und die Landschaft hier immer weniger gern. Und wozu hab ich denn ein Gästezimmer?


Zuerst publiziert am 12.06.2022 auf Facebook.
Folge #9Folge #11
Alle Folgen: Suchbegriff «Spitalalltag» eingeben.


Ausgewählte Reaktionen auf Facebook:

Irmy: Katzen wissen, wo das Leben gut ist. Nach dem Auftauchen der Premariacco-Katze nahm alles seien Lauf.

Billo: Fröhlich dreinschauen tu ich auf dem Bild, weil Irmy so lange immer wieder auf den Auslöser drückte, bis sie mich endlich ohne grimmiges Gesicht erwischte. Was eine Fotografin alles kann!

Delphine: Du solltest Physio machen. Turnen, jeden Tag.

Billo: Eh klar! Bin schon dran, erst mal sanft, eher Yoga, die Bauchmuskeln müssen zunächst wieder gut zusammen wachsen. Meine Tochter Nina hat mir ein geniales Muskelaufbautrainingsprogramm gezeigt, damit fang ich dann kommende Woche an.

Andrej: Viel Lachen mach Lachbrustmuskel!

Adriana: Con tanta pazienza ed accudito così amorevolmente, ritornerà agli antichi splendori. È bello leggerla.

Stella: Carissimo Billo, prenditi cura di te stesso con calma e pazienza; non cedere alla tentazione di voler fare le cose «come prima». A prescindere dalla tua operazione e la tua permanenza in ospedale, il tempo che scorre potrà regalarti un nuovo modo di affrontare impegni ed incombenze: uno alla volta, con piccole pause per godere momento per momento di quello che fai e… tirare il fiato.

Urs: Gute Besserung, bzw eher Erholung, lieber Billo. Der «Wiederaufbau» der Muskeln und so ist «locker“» bzw. eben mit viel Disziplin, zu schaffen. Spreche aus Erfahrung – bin vor zwei Jahren, auch wegen des Gedärms, von 71 auf 57 kg abgesackt. Lief dann eine Weile lang am Stock. Jetzt bin ich wieder gleich schwer wie alt (69) und vermutlich «fitter» als ich es als «Spätfünfziger» war. Braucht schon es bitzeli Ausdauer, aber ist zu schaffen – nur Mut!

Katharina: Und überhaupt! Das Leben ist trotz allem Gegenwärtigen schön! Und das einzige was wir haben! Bessere dich schnell gut!

Billo: Genau, Katharina: Geniessen wir die Restzeit, mehr kriegen wir nicht!

Katharina: Jep Billo. Alles geniessen was sich nur geniessen lässt, und lieben wie verrückt! Mehr hatten wir eh nie!

Reto: Ich habe es nicht gewagt, mich zu outen, nach meinem sechsmonatigen Aufenthalt im Spital und Reha-Klinik. Das Mitleid und das Erklärenmüssen wären mir zu viel gewesen. Ich konnte damals meinen Leitspruch «Glück ist bedingungslos» in die Praxis umsetzen. Kluge Sprüche machen kann jeder, umsetzen muss man sie können, und es ist mir gelungen. Ich hatte keinen Tag mit mir Mitleid und war immer glücklich. Ich denke, du lebst auch so, so empfinde ich das. Ich wünsche dir viel Kraft und Zuversicht.

Billo: So ist es Reto, danke dir! Natürlich mache ich mir schon auch so meine sorgenvollen Gedanken; aber Selbstmitleid wäre mir fremd. Ich setze alles daran, was in meiner Kraft liegt und in der Unterstützung, die ich erhalte, um die Zeit, die mir noch geschenkt sein wird, voll geniessen zu können. Handshake, Bro!

Fevziye: Der Körper, die Muskeln werden viel Zeit in Anspruch nehmen, um stärker zu werden. Schenke deinem Körper viel Geduld. Wünsche Dir viel Kraft, gute Besserung und freue mich auf deine nächste Geschichte.

Graziella: Cher Billo, je vient de lire ton récit et je suis profondément touchée par ta force et ton courage face à ton vécu si difficile sans jamais perdre ta lucidité et ton envie de continuer à croquer la vie ! Je t’embrasse.


Möchtest du über neue Artikel in diesem Blog informiert werden? Schick die Nachricht «1x pro Monat» an billo@billo.ch
Would you like to be informed about new articles on this blog? Send the message ‘once a month‘ to billo@billo.ch


Stichworte in diesem Artikel:

Kommentare, Fragen

bitte an mich senden an, samt der Angabe, ob ich den Kommentar hier unter deinem Namen veröffentlichen darf.

Suche

Übersetzen · Translate

Kategorien


Alle Stichwörter · Keyword list

Algorithmen Autofahren Automatisierung Bahnfahren Bedingungsloses Grundeinkommen Burka Bürokratie Cinque Stelle Darmverschluss democracy Demokratie Deutschland Energie EU Europa Evolution Faschismus Gewichtsverlust Gewinne Graz Iran Israel Italien Landwirtschaft Lega Linke Marokko Migration Monfalcone Mussolini NATO Politik Schweiz Populismus Salvini Schweiz Solidarität Spanien Spitalalltag Spitalkost Traum Trump USA ÖBB Österreich öffentlicher Verkehr


Artikelarchiv · Articles by date