
Erst drei Monaten sind vergangen, seitdem ich aus dem Spital nachhause gekommen war, schwach und froh um jede Hilfe. Heute morgen fragte mich ein Freund am Telefon nach meinem Befinden. Gut, sagte ich, sehr gut sogar, und gleichzeitig wurde mir der Kontrast bewusst zwischen meinen Worten, meinem Zustand noch vor kurzem und der Tatsache, dass ja noch nicht alles wie zuvor ist, und ich füge bei:
Es ist eigentlich schon fast wie früher, ich kann wieder alles tun, ich gönne mir nur mehr Ruhe dabei – einzig mein Darm muss noch von künstlichen Ausgang in den ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden, in einer Operation noch dieses Jahr.
Längst hab ich den kleinen Beutel an meinem Bauch und dessen zwei- bis dreimal täglichen Austausch in meinen Alltag integriert; aber ich werde die anfangs ungewohnten Handgriffe nicht vermissen und bald wieder vergessen, wenn ich von deren Notwendigkeit wieder befreit bin. Bis dahin dauert es noch. Vor einer Besprechung des Eingriffs mit den Chirurgen muss ich mich zwei Untersuchungen unterziehen.
Darm entleert für nichts
Eine erste Untersuchung hab ich vor wenigen Tagen hinter mich gebracht, unter der Röhre im Spitalkoloss Cattinara über Trieste, im gleichen Röntgenzimmer wie bereits Ende Mai. Damals hatte ich vor und nach der Untersuchung stundenlang warten müssen und mich danach an dieser Stelle über die Bürokratie in grossen Strukturen ausgelassen. Diesmal werde ich zu meinem Erstaunen pünktlich aufgerufen, und ich stünde wohl nach einer Viertelstunde schon wieder im Freien, wenn die Bürokratie nicht doch noch dazwischen gefunkt hätte. Ich hatte für die Vorbereitung ein Formular mit der Anweisung erhalten, zwei Tage lang praktisch nichts mehr zu mir zu nehmen und am Vortag eines dieser grässlichen Abführmittel zu trinken, die bei mir eher gegenteilig wirken. Laut Verschreibung schien sich die Untersuchung aber auf den derzeit funktionslosen Enddarm zu beschränken. Ich hatte daher bei der verschreibenden chirurgischen Abteilung des Spitals in Gorizia angerufen, um mich zu erkundigen, ob denn diese Standardentleerungsprozedur in meinem speziellen Fall überhaupt nötig sei; nach zweimaligem Nachfragen beschied mir eine Krankenschwester, eine Ärztin habe ihr gesagt: Doch doch, machen!
Als ich nun aber auf der Röntgenliege gewahr werde, dass mir das Kontrastmittel mittels Katheter in den Enddarm eingeführt werden soll, mach ich die Ärztin darauf aufmerksam, dass ich ausdrücklich angewiesen worden sei, den Darm zu entleeren, was ja bedeuten würde, dass der ganze Darm zu untersuchen sei. Sie stutzt, lässt sich mit den Kollegen in Gorizia verbinden und kehrt zurück mit dem Bescheid, dass man mir die Übelkeit erregende Vorbereitung aus Versehen auferlegt habe.
Vorsintflutliche Bürokratie
Danach geht alles ruhig, professionell und rasch. Viel Zeit verlier ich erst hinterher, erneut wegen Bürokratie: Das schriftliche Untersuchungsergebnis kann ich zwar wie üblich in meinem Online-Patientendossier einsehen, nicht aber die Röntgenbilder – die werden noch immer auf CD gebrannt, auch wenn die kaum mehr jemand lesen kann; nur die Ärzte in der Region können die Bilder online einsehen. Als Patient dagegen müsste ich später unter Androhung einer Strafe im Unterlassungsfall erneut zum Spital fahren, um die nutzlose CD am Schalter abzuholen – oder ich muss nach der Untersuchung bei eben diesem Schalter ziemlich lange anstehen, um mir die Erlaubnis zu holen, mir die CD nachhause schicken zu lassen.
Ärzte und Personal können nichts dafür, beziehungsweise nicht mehr als alle Patienten, die sich ebensowenig auflehnen gegen den hirnverbrannten Unsinn, den sich unterbeschäftigte Bürokraten ausdenken.
Ceterum censeo: Alle Bürokraten entlassen, wieder eingestellt wird nur, wer nachweisen kann, dass seine Tätigkeit mehr genützt als gekostet hat. Keine Regierung von rechts bis links, schon gar nicht Grossmaul Renzi, hat sich je auch nur entfernt Derartiges getraut. Die Wahlen vom kommenden 25. September werden nichts daran ändern.
Zuerst publiziert am 10.09.2022 auf Facebook.
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Ausgewählte Kommentare auf Facebook:
Thomas: Nur wer einmal wie du schwerer erkrankt war, nimmt eine überflüssige, unangenehme Darmentleerung mittels endloser Flüssigkeitsmengen samt Abführmittel so klaglos hin. Jetzt sind wenigstens die Bilder hoffentlich wie erwünscht!
Charlotte: Das macht mich wütend und traurig. Aber vor allem wütend, Billo. Es ist die Bürokratie, nicht nur der Bürokraten, sondern von vielen Menschen, die irgendwelche vorgeschriebene Prozesse gedankenlos und kritiklos befolgen. Du hast sogar nachgefragt, aber ne, es steht so da, also wird es schon seine Richtigkeit haben. Bürokratie an sich ist ja nichts Schlechtes. Sie ist eine grosse Hilfe bei vielen Prozessen. Allein das stumpfe, gedankenlose Anwenden ist Grund für viel Leid, kleines, aber auch grosses Leid, nicht nur in den Spitälern und nicht nur in Italien, oder?
Wenn jemand „Aber?“ sagt, müssten alle Prozesse angehalten und eine Sachlage neu beurteilt werden. Vor allem aber: Ich finde es grossartig, wie du hier einerseits deine Empfindungen, deinen gesundheitlichen Zustand und gleichzeitig diesen Dschungel reflektierst, in den wir alle geraten, wenn der Körper nicht mehr ganz reibungslos funktioniert. Ich hoffe, viele lesen hier mit und ich hoffe, wir alle lernen dabei, «Aber?» zu sagen und «Warum?» zu fragen. Immer wieder.
Billo: Danke dir, Charlotte, genau das ist es! Es kommt demnächst noch etwas mehr zum Thema Bürokratie in diesem Kanal…
Claudia: Und ich bin schon die dritte Woche krank im ebenso fremden Spital in Salzburg, wurde zuerst bei den BARMHERZIGEN BRÜDERN am erzkatholischen Ort in Salzburg durchgecheckt, da ich plötzlich immer schwächer wurde und nichts bei mir behalten konnte! Besuchen durfte man mich wegen Corona nicht, ich war aber gut betreut, hatte ein schönes Zimmer und die Ärzte waren kompetent. Alexander durfte nur kurz in Corona-Schutzmontur unter die Türe kommen. Dann haben die mich nach zwei Wochen künstlicher Ernährung an die Christian-Dopplerklinik überwiesen, wo ich nun auch schon eine Woche liege.
Was du zur Bürokratie schreibst, kommt hier milder auch vor. Z. B. hat man mir offenbart, da ich im Zweierzimmer – statt Viererzimmer – liege, müsse ich «Tausende Euro bar zahlen». Bis jetzt aber nix. Auch wurde ich schon 24 Std. nüchtern gelassen, dann kein Untersuch… Schlimm finde ich die Wegwerfmanie. Jede Betteinlage, Erbrech-Schale, Milchpackung ist Einweg und wird weggeworfen, meist Plasticabfall. Corona hat dazu noch beigetragen. Drück die Daumen, dass sich endlich ein Befund zeigt!
(Auch Affenpocken nähme ich in Kauf, um endlich geheilt zu werden und nicht wie ein Schneeflöckli in der Sonne zu verschwinden). Und der grosse Leidtragende wachte am Kruzifix zu meinen Füssen. Untersuchungen laufen viele. (Bis zum 10. August war ich aber gesund und munter!)
Billo: Oh, Claudia… Wir leben in umwölkten Zeiten… Klar drück ich dir die Daumen, und die grossen Zeh dazu! Auf dass sich rasch herausstelle, woran du erkrankt bist, und ebenso rasche Genesung folge! Alles Gute dir!
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