
Heute vor 24 Tagen wurde mein Dickdarm in einer grösseren Operation wiederhergestellt. Nachdem ich in der Zwischenzeit alle 24 Türchen der Rekonvaleszenz geöffnet hab und mirakulöserweise alles wieder einigermassen so funktioniert wie von der Natur vorgesehen, wag ich mich an den hoffentlich letzten Rückblick dieser Art; mein persönlicher Jahresabschluss, sozusagen.
Ich wache in einem eigenartigen Raum auf, weit und offen wie ein Grossraumbüro, die einzelnen Abteile voneinander andeutungsweise abgetrennt durch Gestelle voller Racks mit blinkenden Lämpchen und allerlei medizinischen Materials. Ich taste mit der linken Hand vorsichtig über meinen Bauch; tatsächlich, der Scheissbeutel links ist weg, über die Mitte spannt sich ein ellenlanges Pflaster, aber rechts ist noch was, eine Öffnung – verdammt, mussten sie also doch ein provisorisches Stoma einrichten, um die frische Naht im Darm zu entlasten? Die Ärztin hatte mich bei der Vorbereitung auf diese Eventualität aufmerksam gemacht. Nein, ich spüre nur einen dünnen Schlauch, eine Drainage wohl, alles gut.
Intensiv von der Rasur bis zur Beobachtung
Nun bin ich ganz wach. Ich schau mich genauer im Raum um. Rechts von mir ein riesiges Pult mit Bildschirmen, um das ein paar Personen versammelt sind. Gegenüber drei Abteile mit je einem belegten Bett, links davon eine mir unbekannte Zahl weiterer Abteile. Links von mir offenbar ein Durchgang. Den Raum füllt ein steter, nicht lauter Betrieb. Am Pult führt eine energische Chirurgin Mitte Vierzig das Zepter beim Zusammentragen der Patientendaten. Die nahe Präsenz einer kompetenten Person lindert meine akute Ungewissheit in diesem Raum, in dem was genau auf mich wartet? Wie ein Aufwachraum sieht das hier jedenfalls nicht aus. Ein Pfleger, der sich nach meinem Befinden erkundigt, klärt mich schliesslich auf: Ich bin in der Intensivstation, zur Beobachtung. Das klingt viel beängstigender als das, was ich sehe. Zumindest stelle ich mir eine Intensivstation anders vor: hermetisch voneinander abgetrennte Räume, Schläuche in und aus jeder Körperöffnung, grössere Überwachungsapparaturen… Dagegen nimmt sich das Dasein hier geradezu gemütlich aus.
Ich versuche es mir so bequem wie möglich zu machen in diesem Bett und verändere dazu meine Position ein wenig. Dabei fällt mir unangenehm auf, dass mein Gemächt an den Oberschenkeln festklebt – was zum Teufel ist da los? Da fällt mir ein, dass ich gestern nach der Aufnahme in der Bettenabteilung von einer Pflegerin und einem Pfleger angelegentlich rasiert worden war, und weit radikaler als vor dem ersten Eingriff im Mai; diesmal blieb zwischen Bauchnabel und Knien kein Haar unentfernt. Auf einen Schlag erkenne ich zwei Dinge zugleich: Die Behaarung der Hoden verhindert deren Klebenbleiben, und die seit einiger Zeit grassierenden Werbespots für die Hodenrasur können wohl nur von Firmen in Auftrag gegeben worden sein, die unter nachlassender Nachfrage nach Lady-Shave-Geräten leiden… Jedenfalls weiss ich jetzt, warum ich nie darauf reingefallen bin.
Unglaubliche Heiterkeit
Im Bett mir gegenüber jenseits des Mittelgangs meldet sich jemand mit Schmerzen. Ich erkenne die Stimme von A., meinem Zimmernachbarn, den ich gestern kennengelernt hatte. Er war gleichentags wie ich aufgenommen worden, lag aber schon im Zimmer, als ich es betrat, und fragte mich, kaum hatte ich mich eingerichtet, wie ist denn so sei hier im Spital von Gorizia? Es stellte sich heraus, dass er wegen einer nicht gut verlaufenen Knieoperation vier verschiedene Spitäler unserer Region bereits kannte, bloss dieses hier nicht, in dem er nun wegen eines Nierenkrebs operiert werden sollte. Was konnte ich ihm anderes sagen als: dass ich mich hier einen Monat lang sehr gut aufgehoben gefühlt habe. Das schien ihn zu beruhigen. Und nun liegt der gegenüber und klagt über Schmerzen. Ich ruf ihm heiter zu: «Ciao A.! Come stiamo? La vita è bella!» Er winkt zurück und äussert ein nicht sehr überzeugendes «sì, vero…». Als er später erneut jammert, ruft ihm die energische Chirurgin vom Pult aus zu, er soll sich mal ein Beispiel an mir nehmen, der so fröhlich sei.
Wirklich? Natürlich bin ich zufrieden, die Operation überstanden zu haben, und ich fühle mich momentan tatsächlich gut, geradezu leicht. Ob ich noch high bin von der Vollnarkose? Es fällt mir auf, dass ich immer wieder lache, wir haben es lustig hier, die Chirurgin, die Pfleger und ich. Die Situation in diesem Raum scheint mich anzuregen.
Im Bett schräg gegenüber sitzt ein alter Mann, genau genommen kaum älter als ich selber, aber wie er so in sich zusammengesunken im Bett sitzt, wirkt er sehr alt. Das scheint auch den Pflegern aufgefallen zu sein; sie schieben einen Apparat an sein Bett, der sich als Kran entpuppt, legen Sitzgurten um den Unterleib des Alten, hieven ihn langsam empor und lassen ihn eine Weile über dem Bett schwebend hängen, während sie einen Sessel neben dem Bett für ihn vorbereiten. Wie er so dahängt, zusammengefallen über seinem runden Bauch, mit schlaff hängenden Gesichtszügen, erinnert er mich unwillkürlich an den uralten König der Elefanten im Buch Babar. Ich geb mir Mühe, nur leise zu lachen, und verklemme mir den Impuls, die Szene zu fotografieren…–
Und schon wieder an meinen Geräten
Geht ja eh nicht! Mein iPhone ist im Zimmer oben, genau so wie mein Laptop und alles; ich hatte nicht gewusst, dass ich nicht – wie nach der ersten, viel schwereren Operation – gleich ins Zimmer zurückgebracht würde. Als eine Pflegerin mich fragt, ob ich denn keine Angehörige benachrichtigen möchte, damit sie mich besuchen, was durchaus möglich wäre, bitte ich sie, dafür zu sorgen, dass mir meine Elektronik hierher gebracht werde, wo ich noch die ganze Nacht verbringen soll. Als eine Stunde später der Primario an meinem Bett steht, meint er zu den ihn begleitenden Ärztinnen scherzhaft, er werde im Jänner einen Kurs mit mir organisieren, da könnten sie lernen, wie man selbst in rekonvaleszenter Lage effizient am Computer arbeite, und dabei lacht er mich genauso an wie vor acht Monaten, als er schon einmal darüber gestaunt hatte, dass ich im Spitalbett arbeite. In Wahrheit habe ich mir bloss einen Film angeschaut…
Die ersten drei Nächte zurück im Spitalbett sind allerdings weniger zum Lachen. Ich brauche Mittel gegen starke Schmerzen, vor allem aber falle ich in ein ähnliches Loch wie nach der ersten Operation, heftig daran zweifelnd, ob ich je wieder hochkomme. Doch tagsüber sieht die Welt für mich etwa heiterer aus, die fürsorgliche Pflege trägt wohl mit dazu bei, und ab der vierten Nacht schlaf ich sorgenlos und wache zuversichtlich auf, meist eine halbe Stunde vor Betriebsbeginn. Das kommt schon gut, Billo!
Der Rest ist rasch erzählt. Drei Wochen nach dem Eingriff war ich nochmals zur Kontrolle im Spital, wo man mich von den letzten Fäden befreite. Alles paletti. Drei Tage zuvor hatte ich erstmals wieder so eine Art richtige Scheisse zustande gebracht, zur Erbauung der Ärztin und danach vor allem auch meiner Lieblingsärztin, die mich beim zufälligen Treffen im Korridor nach meinem Befinden fragte und mir einem strahlenden Blick über die Maske hinweg schenkte, kaum hatte ich «tutto a posto» durch meine Maske gehaucht. Die sind einfach alle so lieb hier. Und damit das so bleibt, mit meinem Befinden, mein ich, werd ich noch eine Weile lang eine ganz ungesunde Diät einhalten müssen, hochgradig unvegan, kein Gemüse, kein Obst, nur hochraffiniertes Getreide, viel tierisches Eiweiss, kein Rotwein oder Ähnliches, wenig Kaffee. (Warnung: Nein, ich brauche keine Tips, von keiner Seite.)
Vorgestern eine Kontrolle anderer Art, Untersuchung des Unterleibs mit Ultraschall als eine der Vorbereitungen für die nächste Blasenspiegelung. Ein wenig ramponiert sei meine Blase, meinte der freundliche junge Arzt, so ähnlich wie ein einmal zu stark aufgeblasener Ballon im Leerzustand; aber Anzeichen für Krebs habe er keine entdecken können. Vielleicht rezidiviert das kleine junge Karzinom, das mir just vor einem Jahr entfernt worden ist, tatsächlich nicht mehr; man wird sehen. Zum Glück ist der Darm schon mal auf der sicheren Seite.
Zuerst publiziert am 31.12.2022 auf Facebook
Folge #22 — Folge #24
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Agnes: Euphorie nach einer OP (Vollnarkose) kenne ich gut. Entweder geben sie einem da was oder aber das Narkosemittel hat so eine Wirkung. Und natürlich auch die Erleichterung, noch am Leben zu sein und die meisten Gliedmaßen scheinbar noch zu besitzen.
Susanna: Sieht so aus, als bräuchtest du einen Blog.
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