
Bild: Beweisstück 1 auf Beweisstück 2: Patienten-ID auf dem Print einer stark vergrösserten Nahaufnahme eines postoperativen Hämatoms an einem hinlänglich nicht mehr lokalisierbarem Ort.
Man gönnt sich ja nichts, also muss auch ein Leistenbruch operiert werden, zumal ein Stück Darm darin verklemmt ist. Weh tut’s zwar nicht, aber auf Dauer ist’s doch etwas hinderlich, also besser im fortgeschrittenen Alter reparieren als irgendwann noch später in noch höherem Alter.
Als ich zehn Jahre alt war, verbrachten mich meine Eltern auf dringenden Rat des Hausarztes für drei Monate an die Höhenluft, nach Flims, wo ich mich vom wiederholten Krankheiten erholen sollte. Die ersten vier Wochen waren als gemeinsame Winterferien geplant, die ich allerdings weitgehend im Bett verbrachte, da ich am Tag vor der Hinreise heftigst an Scharlach erkrankt war. Ich gesundete gerade rechtzeitig, um den Rest in einem Flimser Kinderheim zu verbringen – eine tolle Zeit mit ein paar gleichaltrigen Jungen im selben Schlafzimmer, in dem wir Streiche für den nächsten Tag ausheckten, zur nicht gerade überschwenglichen Freude der Belegschaft. Zu dieser gehörte auch eine junge deutsche Skilehrerin, die sich damit abmühte, uns eine völlig neue Fahrstil beizubringen, irgendwas zwischen Christiania und Telemark und doch komplett anders, um nicht zu sagen: hirnverbrannt. Wir sollten in aufrechter Stellung und mit waagrecht ausgestreckten Armen fahren und darauf vertrauen, dass sich Kurven links und rechts einzig aus der Stellung der Arme ergäben. Ich habe seit damals nie mehr von diesem seltsamen Stil reden gehört; vielleicht liegt es daran, dass auch andern passiert ist, was mir widerfuhr. Da ich eigentlich ein braver Bub war und auch etwas ehrgeizig, wollte ich zeigen, dass ich kann, was die Lehrerin vorführte. Ich landete nach kurzer Fahrt auf dem Gesicht, mit einem höllischen Schmerz im Knie jenes Beins, das sich samt Ski um 180 Grad verdreht hatte und von der Lehrerin nur unter grossem Aufwand in die gewohnte Lage zurückgedreht werden konnte. Wieder zurück zuhause, aber mit bedingtem Dispens in der Turnstunde, musste ich meinen Kassenkameraden erzählen, was passiert sei; sie fanden es lustig und nannten mich fortan Häuptling Gumichnüü (Gummiknie).
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Christiana-Schwünge war ich leidenschaftlich gefahren, bis ich mit 25 die Skis für immer in die Ecke stellte, weil ich unter der Woche arbeitshalber nicht mehr auf die Piste kam, es dort an Wochenenden ungemütlich voll war, die Zeit aber zu kurz für richtige Skitouren abseits der Piste. Schlitteln war ja auch fein, zumal mit kleinen Kindern, und später verlor der Winter eh seinen Reiz für mich. Erst mit 50 versuchte ich’s nochmals, als ich meinen Sohn zu einer Woche Snowboard-Schule begleitete; nun aber sollte es Telemark sein. Ich begegnete einem enorm sympathischen Lehrer, der bereit war, mir die Technik beizubringen, nachdem er erfahren hatte, dass ich seit 25 Jahren nie mehr Ski gefahren sei. Ah, gut, dann hast du alles verlernt! Er gab sich wirklich jede Mühe mit mir; aber die gewohnten Christiana-Abläufe waren derart fest in der Erinnerung meines Körpers, dass jeder Schwung zu einem Murks wurde, immer im letzten Moment von meinem Hirn Abläufe umkorrigiert in den komplett anderen Telemark-Bewegungsablauf. Nach einem Tag war ich von Muskelkater geplagt und gab auf.
Und nun, fast siebzig Jahre nach dem Unfall im Kinderheim und nach 40 Minuten OP, erwach ich allmählich auf dem OP-Bett – und muss lachen: jetzt bin ich Häuptling Bleifuess; denn ich kann mich noch so anstrengen, meine Füsse scheinen in Beton festgegossen, so ähnlich wie die Füsse von Verrätern, bevor die Mafia sie ins Meer wirft. Ich spüre nichts von den Hüften abwärts, und es dauert zurück im Spitalzimmer noch eine ganze Weile, bis die Wirkung der Periduralanästhesie nachlässt. Es kommt mir sehr unheimlich vor, die eigenen Beine und Füsse nicht zu spüren, geschweige denn bewegen zu können. Dagegen waren der Schmerz des verdrehten Knies und die noch gut ein Jahr lang anhaltenden Folgen davon viel fassbarer. Das völlige Wegbleiben des Empfindens eines Teils meines Körpers war nur darum nicht erschreckend, weil ich darauf vertraute, dass die Betäubung von beschränkter Dauer sei.
Die Pflegerinnen drängten mich, zu pinkeln, das sie ganz wichtig. Da ich mit ungefühlten Beinen das Bett nicht verlassen konnte, bat ich im Hinblick auf eventuellen Harndrang um einen pappagallo, wie hierzulande die Bettpfannen mit Schnabel heissen, und schob mir das Ding aufs Gratewohl zwischen die Beine. Aber da war nichts; vielleicht befand sich ja auch die Blase noch im Tiefschlaf. Hin und wieder erkundigte sich jemand, ob’s geklappt habe; nein. Hingegen hätte ich Hunger, nach 20 Stunden Fasten. Ich zeige auf das Tablett, das für mich auf dem Tisch im Raum bereit steht. Essen gibt’s erst, wenn Sie pinkeln konnten! So geht das zwei Stunden hin und her. Schliesslich sind meine Bein wieder da, mit fürsorglicher Hilfe werd ich zum Klo begleitet und nach einer Weile von draussen gefragt, ob’s geklappt habe. Zwei drei Tropfen, mehr nicht. Also zurück zum Bett, papagallo einschieben, warten. Ich bitte nach einer weiteren Flasche Wasser, die mir rundweg verweigert wird: mein Körper erhalte ja bereits Flüssigkeit über die Transfusion. Ich wage, behutsam die Menschenrechte zu erwähnen, was allerdings nicht auf Verständnis stösst. Wann werd ich eigentlich entlassen? Erst, wenn Sie pinkeln konnten! Ich kann aber nicht nachhause, ohne was gegessen zu haben, sonst klapp ich doch zusammen. Erst Pinkeln, dann Essen, dann Doktorvisite, dann Entlassungspapiere!
Zum Glück kommt der Arzt eh, weil andere in meinem Mehrbettzimmer der Tagesklinik schon gehen dürfen. Als er mich sieht, fragt er, wie’s denn stehe? Ich kriege kein Wasser, kein Essen! Er konnte noch nicht pinkeln, sagt eine Pflegerin. Doch, ein paar Tropfen, sag ich. Der Arzt schaut erst mich an, dann die Pflegerin: Nun, wenn ein paar Tropfen gekommen sind, ist ja der Reflex da, also kriegt er jetzt Wasser und Essen! Er beschaut sich das Pflaster auf meiner Wunde, fragt nach meinem Befinden und verkündet: nach dem Essen kriegen Sie den Entlassungsbescheid und dürfen gehen, in etwa einer Stunde, rufen Sie jetzt die Person an, die Sie abholen wird.
Uff, noch mal gut gegangen. Es sind ja alle sehr nett hier und hilfreich, nur das Protokoll nicht, an das sie sich halten müssen, bis ein Halbgott in Weiss sagt, was Sache ist. Übrigens hatte ich schon in bei der Vorbereitung zur Operation mit Vergnügen festgestellt, dass mein unlängst offiziell gewordener zusätzlicher Vorname [1] für das Personal sehr praktisch ist. Bei früheren Spitalaufenthalten war nie klar, ob ich nun als signor Heinz oder signor Peter oder gar als signor Studer angesprochen werden soll. Auf die fast im Minutentakt von irgendwem wiederholte Kontrollfrage nach meinem Namen – um ja jeder Verwechslung vorzubeugen – konnte ich jetzt einfach sagen: Billo; das geht hier in Italien einfach flüssig von der Zunge. Billo hier, Billo da, Achtung Billo, das tut kurz weh, kannst du dich selber aufs andere Bett rüberschieben, Billo?, grazie, Billo.
Ich bin aber schon froh, als ich wieder zuhause bin. Das Schwierige kommt erst und zwingt mich drei Tage lang zu untätiger Ruhe auf dem Sofa; Schmerzen und grosse Schlappheit lassen nichts anderes zu. Das nach Anordnung tägliche Auswechseln des Pflasters nehm ich erst am zweiten Tag vor, mit klammen Fingern in Erwartung eines schrecklichen Anblicks; es ist dann nicht ganz so schlimm, ein Schnitt, von ein paar Klammern zusammengehalten, kaum Blut ausser jenem unter der dunkelrot verfärbten Haut untenrum. Das Hämatom soll nach ein paar Wochen verschwunden sein, les ich im OP-Beipackzettel. Die Schmerzen halt ich mit ein paar Paracetamölchen in Schach, inzwischen sind sie weitgehend verschwunden. Auf meine täglichen Leibesübungen muss ich vorerst verzichten, und das Bücken beim Katzenfüttern und Schuhbinden wird mir noch eine Weile akrobatische Verrenkungen abverlangen, um einem plötzlichen Schmerz auszuweichen. Aber sonst ist alles okay.
[1] Warum Billo? und Ein neuer Pass auf Umwegen
Folge #24
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