Menschen zum Widerstand gegen Konformität ermuntern

Ein Gruppe von Friedensaktivisten 2006 in Colorado (Foto: Phil Weinstein, Colorado Communities for Justice and Peace / Wikimedia Commons)

Als Student der Sozialpsychologie war ich fasziniert von experimenteller Forschung, und Stanley Milgram [1] war für mich ein Vorbild. Leider ist sein berühmtestes Elektrofolter-Experiment oft missbraucht worden als Beleg für die Schlechtigkeit des Menschen, und es ist wohl nicht so zufällig, dass seine Fortsetzung mit einer dritten, widerständigen Person nie so bekannt geworden ist – schliesslich hat ja irgend jemand seine Forschung finanziert, und wer genügend Geld hat, mag Widerständige nicht so sehr…

Ein anderes Experiment in Milgrams Nachfolge wurde von Jonah Berger [2] durchgeführt, der an der Wharton School an der Universität von Pennsylvania forscht und lehrt.
Ort: Wartezimmer einer Augenklinik. Eine Gruppe von angeblich wartenden Patienten wird instruiert, sich jedesmal vom Sessel zu erheben. wenn ein Signalton ertönt. Eine ahnungslos hinzukommende echte Patientin, violett gekleidet, bleibt zunächst sitzen, folgt dann aber dem Beispiel der Gruppe, als zum dritten Mal ein Signalton zu hören ist. Danach werden die gespielten Patienten der Reihe nach aus dem Wartezimmer gerufen, bis die Dame in Violett ganz alleine im Raum sitzt; sie erhebt sich dennoch bei jedem weiteren Ton. Dann kommt ein weiterer echter Patient hinzu, der erst staunt, als sich die Damen beim Signalton erhebt, doch beim dritten Mal fragt, warum sie das tue. Sie habe das halt so in der Gruppe der zuvor Wartenden erlebt und mitgemacht, erklärt sie. Weitere echte Patienten kommen hinzu, alle übernehmen sie das Verhalten, ein einziger mit sichtbarem Widerwillen, dann aber doch.

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Nach Abschluss Experiments erklärte die inzwischen aufgeklärte Dame in Violett, da alle Wartenden sich beim Signalton erhoben, habe sie gedacht, sie müsse dsas auch tun, um nicht ausgeschlossen zu werden; sie habe sich so wohler gefühlt.

Screenshot aus dem Video zum Experiment: https://www.youtube.com/watch?v=2oLfqjf-LWU

Ich teile die nachfolgende Vermutung, von Charlotte Heer Grau, dass im eben vorgestellten stand-up-Experiment eine obstruktiv sitzenbleibende Person zu deutlich anderen Resultaten führen würde.

«Ein spannendes Experiment, nicht so spektakulär und verstörend, wie die Experimente von Stanley Milgram in den 60ger Jahren, aber wohl genau so aussagekräftig.
Unsere Sozialiserung formt uns, macht uns zu den Menschen, die wir sind. Wir wissen es eigentlich, spätestens seit Milgram. Zur Kenntnis nehmen will es doch kaum jemand. Milgram hat eines seiner Experimente ausgeweitet, damals. Aber über diese Versuchsanordnung wird nie gesprochen. Er führte einen dritten Schauspieler ein. Dieser widersetzte sich und wurde so zu einem Modell für die weiteren Versuchspersonen. Es waren in der Folge weniger Versuchpersonen bereit, so zu agieren, wie von ihnen verlangt.
Ich behaupte: Würde man diesen Versuch hier mit einer Person ergänzen, die nicht nur nicht aufsteht, sondern die Situation auch zu diskutieren beginnt, es würden sich weitere Testpersonen „wehren“.
Der Mensch ist ein lernendes Wesen. Hat er sich allerdings daran gewöhnt, dass „Autoritäten“ sagen, was Sache ist, ist es für sie ungleich schwerer, aus hergebrachten Mustern auszubrechen. Würden sie von Kind an lernen, dass man Dinge in Frage stellen kann, hätten sie es sehr viel einfacher, sich gegen unmenschliche, dumme, sinnlose Anordnungen, (Gebräuche, Verhaltensmuster, Denkweisen, Rollenklischees und weiteres mehr) zu wehren.
Hier, meine ich, ist die Rolle der Medien so immens von Bedeutung. Eine Bedeutung, deren sich viele JournalistInnen nach wie vor nicht bewusst sind. – Und ja, ich habe hier alles in allem enorm verkürzt. Die Thematik ist komplex. Aber hier lohnt es sich, weiter zu denken!»

Für die politische Praxis lässt sich ableiten: Es ist entscheidend, in Erziehung und Schule und peer groups Menschen darauf vorzubereiten, in Situationen kollektiven Drucks der eigenen Überzeugung treu zu handeln. Wir brauchen solche «Kristallisationskerne», um die herum sich Widerstand formieren kann. Und wir brauchen viele Menschen, die fähig sind, den Anfang zu machen, denn das sollte nicht immer den gleichen Wenigen überlassen bleiben, schon aus demokratietheoretischen Überlegungen nicht. [2]

PS:
Übrigens sind Linke nach meiner Erfahrung genau so anfällig auf Konformitätsdruck und haben eine Ertüchtigung zum selbständigen Denken und zum Widerstand nicht weniger nötig als andere. Ich sage das hier nur der Vollständigkeit halber. Es soll nämlich nachher niemand kommen und sich damit herausreden, er/sie habe es nicht gewusst, weil ich es nicht speziell erwähnt hätte… Und nein, es gibt kein automatisches Widerständigkeits-Zertifikat für Linke.


Zuerst publiziert am 28.08.2016 auf Facebook, letzte Bearbeitung am 24.01.2026


Nachtrag 24.01.2026

In einem lesenswerten Artikel [3] geht Marie-José Kolly der Frage nach, warum Bullies so leichtes Spiel haben, sei es ein kleiner Tyrann auf dem Schulhof oder Trump in der grossen Politik. Ein Bully ist dann erfolgreich, wenn er einen Anhänger nach Belieben aus seiner Gruppe ausschliessen und wieder aufnehmen kann und die Gruppe das widerstandslos hinnimmt. Die Angst der andern, nicht mehr dazu zu gehören, ist der disziplinierende Faktor, mit dem ein Bully seine Macht sichert und mehrt.
Kolly bezieht sich ebenfalls auf Milgrams Experiment, doch vor allem auf dessen spätere Wiederholung durch andere Forscher und unter einer veränderten Rahmenbedingung, die zu einem differenzierten Resultat führt: Versuchspersonen bestrafen abweichendes Verhalten dann besonders hat, wenn sie glauben, dass der Versuchsleiter auf ihrer Seite steht. Übersetzt heisst das: Die Macht eines Tyrannen beruht zuerst einmal nicht auf Mitläufern und Schweigenden, sondern auf engagierten Anhängern, die im Interesse der vom Tyrannen vorgegebenen Ziele bereit sind, alles zu tun, auch Übelstes, was ihre Identifikation mit dem Tyrannen und dessen Zielen verstärkt.
Gleichzeitig gibt uns das einen Hinweis darauf, wo Widerstand ansetzen kann: nicht beim harten Kern, sondern bei Mitläufern und Schweigenden, deren Identifikation mit dem Tyrannen nicht durch eigenes aktives Tun verankert ist. Wenn es gelingt, mit verständlichen Botschaften und Aktionen Augen zu öffnen und bestehende Identifikationen als Illusionen erleben zu lassen, wird der Widerstand aus der betroffenen Bevölkerung wachsen.
«No outside force is coming to give oppressed people the freedom they so much want», sagte der von Kolly zitierte USamerikanische Politologe und Experte für gewaltfreien Widerstand Gene Sharp [5]. So ähnlich wie in Bert Brechts Einheitsfrontlied: «Es kann die Befreiung der Arbeiter nur das Werk der Arbeiter sein.» Wenn Widerstand zur Veränderung der bedrückenden Verhältnisse führen soll, muss er verständlich sein und von vielen geteilt werden. Die ersten, die Widerstand leisten, tragen eine grosse Verantwortung dafür, dass ihr Beispiel nachgeahmt werden kann.

Widerstand braucht keine Helden (die ihrerseits zu Bullies werden können), sondern viele Menschen mit etwas Mut und Selbstsicherheit. Um zum Experiment im Wartezimmer und damit zu einer undramatisch alltäglichen Situation zurückzukehren: beim Signalton entgegen der seltsamen Anweisung einfach sitzen zu bleiben erfordert weniger Mut als eine reflexartig sich aktivierende Selbstsicherheit: Mit mir doch nicht! Bei kritischer Achtsamkeit lässt sich diese Fähigkeit im Alltag trainieren. Und so wird, um im Beispiel zu bleiben, ein stilles Sitzenbleiben von den anderen Personen im Raum als zwar der Anordnung widersprechendes, aber selbstverständliches Verhalten wahrgenommen und schon ab dem nächsten Signalton ganz selbstverständlich nachgeahmt. Und je sicherer sich Menschen in banalen Situationen fühlen, wenn sie sich anders als vorgegeben verhalten, desto grösser wird das Widerstandspotential in einer Gesellschaft.


Quellen:
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Stanley_Milgram
[2] https://jonahberger.com
[3] siehe auch: «Wölfe, Autoritäre und die Ethik»
[4] Marie-José Kolly, 24.01.2026: «Du gehörst nicht dazu»
[5] Gene Sharp: «From Dictatorship to Democracy»


Ausgewählte Reaktionen auf Facebook (2016):

Charlotte: Oh ja, das «Du sollst nicht» ist ganz schön tief verankert, bei vielen Linken, ganz schön tief.

Billo: Die sind wohl alle streng christlich erzogen worden…

Walter: Die Einführung der Aufsteh-Regel erinnert mich an die gegenwärtige Händedruckdebatte. Ich bin in mittelständischem Milieu einer kleineren Schweizer Grossstadt sozialisiert worden und habe bisher nicht mitbekommen, dass die für eine respektvolle Begrüssung nötige Ritualform eindeutig kodifiziert wäre. Dann trat eine Lehrperson aus dem Luzerner Hinterland auf den Plan, um uns mit säuerlicher Miene an unser angebliches Gewohnheitsrecht zu erinnern – und niemand wagt es, den Bullshit lachend als das zu entlarven, was er ist. Und plötzlich wird der Händedruck zur todernsten Glaubensfrage.

Eckart: Ohjeh. Danke für den Link. Schon schwierig. Dauernd muss bei uns der eine den anderen zu was zwingen…. Könnt man mit etwas Humor vielleicht auch auf bessere Art lösen. Und immer wieder komme ich zu der Erkenntnis dass ich solche Konfliktsituationen besser verstehen kann seit ich «Gott 9.0» gelesen habe. Empfehlenswertes Buch.

Walter: Könnte man sicher. Aber der «Fall», der ja anfänglich schulintern geregelt und erst nachträglich skandalisiert wurde, scheint sich als willkommene Gelegenheit anzubieten, mal so richtig einen Pflock einzuschlagen.

Georgi: Das Video ist ziemlich ernüchternd, fast mehr als Milgrams ursprüngliches Experiment… Und ein guter Hinweis, darauf zu achten, wo wir im Alltag diesem Druck erliegen.

Billo: Genau so war’s gemeint, Georgi – und nicht als Thread, der von Leuten missbraucht wird, die ein Problem mit dem Händedruck haben und meinen, die Verweigerung des Grusses sei ein Akt des zivilen Widerstands…

Irmy: Unglaublich. Ich hätt schon beim ersten Aufstehn nachgefragt, was das denn soll. Und dann wär ich wirklich gespannt drauf gewesen, wie man das überhaupt begründen kann. Es sei denn, es wär in China gewesen und ich hätt mich nicht verständigen können. Das ist dann schwieriger.

Linda: Dieses Experiment versetzte mich zurück in die 1. Klasse. Nach einschüchterndem Drill durch den Lehrdrachen hatten wir uns montags unaufgefordert zu erheben und unser sauberes Taschentuch in die Höhe zu halten. Ich weiss nicht, warum mir gerade diese Szene als Erstes in den Sinn kam. Im Teenageralter erlaubte ich mir das eine oder andere Mal offenen Widerstand gegen die Norm. Dieses Experiment hat mir wieder mal vor Augen geführt, wie sehr wir uns von den Massen beeinflussen lassen, Automatismen übernehmen, ohne deren Grund zu kennen und auch ohne gross darüber nachzudenken, alles, um nur nicht aufzufallen. Man tut es, weil alle anderen es auch tun. Bringt mich gerade etwas ins Grübeln, wann ich mich das letzte Mal so übertölpeln liess… 



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