Alltag im Spital #7

Vorgestern nach dem Mittagessen waren drei Hilfspflegerinnen zu mir ins Zimmer gekommen und erklärten mir lachend, dass sie mich nun gleich in ein anderes Zimmer verlegen würden, in una camera di lusso, ganz alleine für mich! Aber ich bin ja auch hier seit Tagen alleine im Zimmer, nicht? Ja, doch die beiden Betten in diesem Zimmer brauchen wir für neue Patienten, darum. Keine Sorge, wir tragen Dir alles ins andere Zimmer, Du musst Dich um nichts kümmern.

Ich solle mich einfach auf den fahrbaren Lehnstuhl hier setzen – und schon fuhren sie mich bis zum Ende des Ganges und ins letzte Zimmer, an dessen Tür tatsächlich nur die Nummer eines einzigen Bettes angezeigt ist. Der Raum jedoch ist für zwei Betten vorgesehen, mit allen Anschlüssen an der Wand; bloss ein zweiter Spind fehlt. Weil das einzige Bett vom Fenster entfernt steht, bat ich darum, es an den Platz näher beim Fenster zu verschieben, damit ich besser in die Landschaft schauen könne. Geht nicht, sagten die drei im Chor: Da funktioniere ein elektrischer Anschluss nicht. Nun denn, ich sollte ja eh mehr am Tisch sitzen als im Bett liegen. Später fand ich heraus, dass der elektrische Anschluss problemlos funktioniert, und fragte mich, was der wahre Grund für die Einerbelegung sein mag.

Mein neues Bett trägt die Nummer 45. Beim Spaziergang anderntags mit der Physiotherapeutin durch den Gang sah ich am letzten Zimmer gegenüber die Nummern 46 und 47. Also stehen der gesamten Chirurgie in Gorizia mit Urologie, Gastroenterologie und Orthopädie grade mal fünfzig Betten zur Verfügung – ein Zwerg im Vergleich zum Spitalkolosss Cattinara oberhalb Trieste, in dem ich genau vor zwei Wochen gut sieben Stunden mit Warten hatte verbringen musste.


Langes Warten im fremden Spitalkoloss

Da ich damals schon seit einigen Tagen nachts an Fieber litt, hatten meine Ärzte beschlossen, mich zu einem Spezialisten in der Cattinara zu schicken, der die Drainage in meiner Bauchhöhle unter Computertomografie genauer positionieren würde, näher am Entzündungsherd, der sich nach der Operation entwickelt hatte. Um neun holte mich das Team der Ambulanz, half mir auf die schmale Bahre, schob mich beim Hinterausgang in den Wagenfond, und los ging die Fahrt. Durch ein paar nicht verdeckte Stellen in den Seitenfenstern konnte ich ungefähr erkennen, wo wir grad vorbeifuhren. Pünktlich um zehn trafen wir bei der Notaufnahme ein und wurden von einem Pfleger in Empfang genommen. Wieder Umsteigen in ein Spitalbett und ab durch die Korridore. Leider schien auch der Pfleger nicht wirklich zu wissen, wo ich denn erwartet würde. Längeres Hin und Her an diversen Handies; schliesslich wurde ich an einem belebten Durchgang in eine Wartekoje geschoben, kurz von einer Operationsschwester begrüsst, und weg waren sie alle. Der Termin von zehn Uhr war längst vorbei, warten, warten. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich einer internen Kommunikationspanne in diesem viel zu grossen Spital zum Opfer fiele.

Schon bald zwölf. Da mir zu jener Zeit immer wieder Blut aus dem Anus floss – der bis zur späteren Wiedervereinigung mit dem Dickdarm nutzlos gewordene Enddarm diene offenbar als eine Art Drainage für ein zweites Blutgerinnsel, meinten die Ärzte beruhigend –, trug ich seit Tagen eine Windel. Harndrang war damals nicht das Problem, da mir vor der Operation ein Stent zum Schutz des linken Harnleiters vor einem versehentlichem Chirurgenschnitt eingesetzt worden war, und aus unerfindlichen Gründen waren Stent und Blasenkatheter auch zehn Tage nach der Operation trotz meiner Bitten noch immer nicht entfernt worden. Aber ich spürte, wie sich ein Schwall Blut in die Windel ergoss, klingelte und bat darum, gewaschen und neu gewindelt zu werden. Die schon etwas ältere Schwester war sichtlich im Stress, offenbar stand mein Eingriff nun unmittelbar bevor. Sie rief vergeblich nach einem zweiten Pfleger, fasste schliesslich kurz entschlossen mein Bett und schob es alleine in einen Seitengang und dort in ein Zimmer, wo sie meinen Hintern eilig wusch und neu verpackte, um mich dann gleich in den Untersuchungsraum zu fahren. Bei all diesem geschäftigen Tun war sie freundlich, fast liebevoll; ich fühlte mich in ihrer Nähe aufgehoben.


Als teilnehmender Beobachter in der Hightech-Medizin

Die Apparaturen im Raum beeindruckten mich, ein frei beweglicher Röntgenmonitor an einem grossen Arm, der nun von einer zweiten Person versuchsweise hin und her über die für mich vorgesehene Liege gesteuert wurde, mehrere Bildschirme auf Kopfhöhe, ein langer Bestecktisch, den die Schwester einzurichten begann. Schliesslich waren wir zu sechst im Raum, als der Chirurg kam und mich mehr als bloss flüchtig begrüsste. Dann ging’s rasch; ich fühlte mich zurückversetzt in eine Situation beim Segeln, wenn plötzlich Sturm aufkommt und nur noch klare Kommandi des Käptns zählen; genau so führte der noch jüngere Chirurg sein Team durch die Schritte des Protokolls. Als alles fertig eingerichtet war, schlüpften vier in Bleiwesten und zogen ihre Operationsmänltel darüber, nur die ältere Operationsschwester nicht, die während des Eingriffs nicht im Raum bleiben würde. Weil ich bloss lokal betäubt worden war, kriegte ich alles mit. Der Arzt erklärte jeden einzelnen Schritt, wohl eher für sein Team, aber ein wenig gehörte ich jetzt ja mit dazu. Einer der Mitarbeiter konzentrierte sich ganz auf die Bilder, welche die Computertomographie Scheibe um Scheibe auf einen der Bildschirme projizierte, leider genau auf jenen, auf den ich keinen Einblick hatte. Ich spürte einen kurzen Druck in der Bauchhöhle, gleichzeitig stellte der Arzt befriedigt fest, dass der Katheter nun richtig platziert sei; er fixierte ihn mit zwei Nähten auf meiner Bauchwand. Nach weiteren Bildern auf dem Schirm beschloss er, einen zweiten Katheter durch das kleine Loch in meinem Bauch einzuführen und ihn auf der andern Seite des Entzündungsherds zu positionieren. Er rief nach einem dünneren Schlauch, führte ihn ein, nochmals ein Druck, nochmals ein Wort der Zufriedenheit, verstäten mit zwei Stichen, fertig. Der Chirurg nahm sich die Zeit für meine Fragen, grazie mille e buon pomeriggio. Dann verschwand das eingespielte Team in umgekehrter Reihenfolge, in der es dreiviertel Stunden zuvor aufgetreten war.

Die ältere Schwester blieb und kümmerte sich um mich, zuallererst darum, die Ambulanz zu informieren, dass ich zur Rückfahrt bereit sei. Das war kurz vor eins. Wieder lag ich in der Wartekoje und hatte Musse, über das eben Erlebte nachzudenken, vor allem über die Professionalität und zugleich Menschlichkeit, die mir auch hier, in diesem Moloch von Spital, zuteil geworden war. Wie gelingt es Menschen in einer unübersichtlichen, von Bürokratie durchsetzten Struktur in ihrem Beruf engagiert und gut zu bleiben? In meiner eigenen Arbeit hab ich um derartige Strukturen stets einen grossen Bogen gemacht, was für mich als Freiberufler sicher viel einfacher war als für Menschen, die sich für einen Einsatz im Spital entschieden haben. Wie machen die das, trotz der Belastung durch eine hypertrophe, nicht am menschlichen Verhalten orientierte Struktur ihr Bestes zu geben? Nach einer ganze Weile kam die Schwester mit einem Kollegen, um mich zurück in die Notaufnahme zu fahren, wo ich bald abgeholt würde. Ein Pfleger nahm mich in Empfang und schob mein Bett in ein kleines Ordinationszimmer; ein Arzt schaute vorbei, der Chefarzt hier, wie ich später erfuhr, Informierte sich beim Pfleger über die kurz zuvor erhobenen Werte, Temperatur, Blutdruck und so weiter, fragte mich nach meinem Befinden und ordnete an, mir Wasser zu bringen. Danach hörte ich, wie er am Telefon nach der Ambulanz fragte, was er in den folgenden Stunden noch viermal tun sollte. Um halb sechs endlich traf die Ambulanz ein, nun allerdings von einer anderen Gesellschaft. Krankentransporte werden nicht von den Spitalambulanzen durchgeführt, sondern von privaten Unternehmen, Rotes Kreuz, Grünes Kreuz und andere mehr. Das scheint der Kommunikation nicht eben zuträglich zu sein, nicht nur zwischen den verschiedenen Dienstleistern, sondern offenbar auch innerhalb der selben Firma, wie ich auf der Rückfahrt von der freundlichen Pflegerin erfuhr. Überhaupt sei heute wieder einmal ein ganz verrückter Tag gewesen, schon am Vormittag hätten sie erhebliche Verspätung erlitten, was sich jeweils im weiteren Verlauf des Tages nur noch verschlimmere.


Lokaler und kleiner wär doch feiner

Nach neuneinhalb Stunden war ich zurück in meinem Zimmer in meinem kleinen, übersichtlichen Spital, froh und erschöpft. Eine Frage liess mich bis in die Nacht hinein keinen Schlaf finden: Warum setzt die Politik überall in Europa bei der Spitalplanung stets am falschen Ende an, schliesst oder reduziert kleine regionale Spitäler und fördert die Zentralisierung auf wenige Mammutspitäler? Das Kostenargument scheint mir nicht wirklich stichhaltig angesichts der Reibungsverluste in Grossstrukturen. Natürlich kann nicht jedes kleinere Spital die ganze Palette an medizinischen Leistungen bieten, das wäre auf Dauer nicht zu finanzieren. Aber anstatt diese Leistungen an einem Ort zu zentralisieren, gäbe es bei etwas Fantasie ja auch die Möglichkeit, die verschiedenen Leistungen auf mehrere kleine Spitäler zu verteilen: Hier allgemeine Medizin, Gynäkologie und Urologie, dort allgemeine Medizin, Dermatologie und Gastroenterologie, an einem dritten Ort allgemeine Medizin, Orthopädie und Psychiatrie, und so weiter. Dass dann Patient X nicht unbedingt in das nächstgelegene Spital gehen kann, sondern etwas weiter reisen muss: geschenkt, in zentralistischen Strukturen muss er das eh. So aber geniesst er die Vorteile einer Struktur, die sich nicht wie eine gotische Kathedrale weit über die Menschen erhebt, ja: sie klein macht und klein hält.


Zuerst publiziert am 09.06.2022 auf Facebook.
Folge #6 – Folge #8
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Ausgewählte Kommentare auf Facebook:

Silvia: Gute Heimkehr Und gute und baldige Besserung. Und danke für deinen ausführlichen Bericht, als ehemalige Krankenschwester interessiert mich dein Bericht jedesmal. Und ja, deinen Überlegungen betreffs Zusammenlegung kleiner Spitäler teile ich deine Meinung!

Verlag: Das Gesundheitswesen ist so etwa der Bereich, in dem gerade nicht die logischsten und effizientesten Strukturen geschaffen werden. Take care…

Billo: Gesundheitspolitik ist ein Tummelfeld für Neoliberale von rechts bis links sowie für Lokalpatriotiker, die sich mit geblähter Brust vor ihr Spital stellen, dem auch nur eine Abteilung gestrichen werden soll. Logik hat da keinen Platz…

Andrea: Ich wünsche dir völlige Erholung und Heilung und dies zeitnah wie nur möglich. Nicht einfach und ziemlich anstrengend auf vielen Ebenen, was du da erlebt und ertragen musstest. Mit deinem Schreiben hast du sicher schon einiges einordnen können, ja, und danke für das Teilen. Deine Kraft spürt man in diesem Text, und genau diese Kraft begleitet dein Gesundwerden.

Marie: Ich hoffe dass wir bald die Fortsetzung lesen können: «Rückkehr nach Hause»…

Stefan: Kommunikation ist in Spitälern immer eine Herausforderung, auch in Luzern. Aber hier haben sie eine Struktur geschaffen, die vielleicht deiner Idee nahekommt: https://www.luks.ch/standorte. Ich will allerdings nicht behaupten, dass ich die Situation und ihre Vor- und Nachteile bei uns im Kanton Luzern wirklich kenne. Gutes Heimkommen und gute Genesung!


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