Alltag im Spital #6

Bald wieder heim zu Katze Zizzi und den Pflanzen (Foto: Irmy Algader)

Gestern war ein besonderer Tag. Genau vor vier Wochen hatte ich das Spital betreten, mit arg gewölbten Bauch, ausgerüstet mit einer Notfalleinweisung meiner Hausärztin und Gepäck für zwei Wochen. Damals schon zu wissen, dass mein Aufenthalt viel länger dauern würde, hätte mich wohl noch mehr belastet; vielleicht wollte ich einfach nicht wahrhaben, dass die Situation nach einer Woche Darmverschluss schon eher lebensbedrohlich war. Heute bin ich froh, dass ich so lange hier bleiben muss; endlich ist es meinem Körper gelungen, meinen Kopf ganz herunterzuholen von all den Dingen, die dauernd erledigt sein müssen, und endlich bin ich soweit, die Ruhe und das Wenigtun so zu geniessen, dass ich bald nach Hause gehen kann, ohne in alte Muster zurückzufallen.

Zum Glück war es mir noch vor der Erkrankung gelungen, Kandidaten für die Übernahme meiner operativen Tätigkeiten bei fair-fish international zu finden; vier Tage nach der schweren Operation konnte ich online an der Vorstandssitzung teilnehmen, welche meinem Vorschlag folgte und gleich zwei Bewerber wählte. Die Menschen, die sich hier um mich hier kümmern und ungefähr wussten, was ich beruflich mache, nahmen rege Anteil an diesem Vorgang und freuten sich mit mir über das Ergebnis, das sie wohl als wichtigen Beitrag zu kommender Heilung verstanden; ich selber fühlte eine Last von mir weichen, endlich, nachdem sich eine im Jahr zuvor gewählte interne Nachfolgelösung leider als nicht tragfähig erwiesen hatte.


Von Schläuchen befreit

Besonders war der gestrige Tag aber auch, weil er die Perspektive des Nachhausegehens mit einem Schlag näher rückte, genauer: mit entschiedenen Zügen der Chirurgin an den beiden Kathetern aus meinem Bauch, die ich zusehends als körperliche Behinderung bei jeder kleinen Bewegung empfand. Aus einer erneuten Computertomographie tags zuvor hatten die Ärzte geschlossen, dass der Entzündungsherd in der Bauchhöhle behoben sei. Endlich bin ich die Schläuche los und mit ihnen die Vakuumflaschen, in denen sie endeten. Endlich kann ich aus dem Bett steigen und ins Bad oder zum Tisch am Fenster gehen, ohne mich zu ängstigen, auf einen Schlauch zu treten oder mich damit irgendwo zu verfangen; einmal war es geschehen, es tat ziemlich weh. Doch ich hatte mich während der vergangenen zwei Wochen so an das Handicap gewöhnt, dass ich einen Tag lang weiterhin übervorsichtig nach den Schläuchen und Flaschen suchte, bevor ich aus dem Bett stieg – unglaublich, wie rasch man sich an etwas gewöhnt, was man gar nicht will…

Ärztinnen und Pfleger freuten sich mit mir an meiner sichtlichen Freude über die zurückgewonnene Freiheit. Abends kam sogar extra mein Lieblingsarzt; in seinem freundlichem Gesicht, das er kurz von der Maske befreite, spiegelte sich meine Erleichterung über den guten Schritt voran. Bald heim, zu meiner Katze Zizzi, die mich seit Wochen nur am Telefon hört und dabei schnurrt, dass es eine Art hat, und heim zu all meinen Pflanzen. Auch aufs Kochen nach meiner Art freu ich mich; viel tiefgekühltes Gemüse, das ich so vor dem Spitaleintritt vorm Verfaulen bewahrte, wartet nur darauf.


Zutode gekochte Makrele und Kalb vom Schwein

Wo wir schon davon sprechen: Gestern war auch kulinarisch ein besonderer Tag. Mittags gab’s Makrele vom Grill; bei der Bestellung am Vormittag nahm’s mich vor allem wunder, wie die das hinkriegen in einer externen Küche für zig Patienten zugleich. Ich liebe Makrelen, schlanke pfeilschnelle kleine Verwandte der Thunfische, ein Wunder an Eleganz und Kraft und Koordination im weithin davonjagenden Schwarm. Seit dem fair-fish-Projekt im Senegal mag ich auch deren Fleisch, vor allem jenes vom Gestreiften Stöker (Chinchard, Caranx rhonchus), schöne Tiere mit Seitenlinie und Schwanzflosse in hellem Gelb, die wir damals als Filets mit Haut importierten und roh für zwei drei Tage im Kühlschrank marinierten – ein Traum! Weil wir die gesamte Lieferkette und die Temperatur unter Kontrolle hatten, war der Rohrverzehr problemlos, einmal wir so sogar das Entrée für ein Galadiner mit mehr als hundert Gästen.

Meine inzwischen seltenen Fischmahlzeiten beschränken sich auf Makrelenfilets aus der Dose einer mir bekannten Firma, die es versteht, die Makrele nicht in Öl zu ertränken, eine sonst weitverbreitete Zumutung der meisten Anbieter von Fischkonserven. Für Makrelen spricht schliesslich auch, dass sie im Vergleich zum Gesamtkörperfett den höchsten Omega-3-Fettsäureanteil aller Fischarten aufweisen. Wenn es denn wirklich stimmen sollte, dass häufiger Fischkonsum dank Omega-3 das Herzinfarktrisiko reduziere, die Hirnentwicklung kleiner Kinder fördere und derlei Wundertaten mehr, dann müsste die Menschheit vor allem Makrelen essen. Nein, lieber nicht! Sonst würden auch die Makrelenbestände bald überfischt. Wer denn an Wunder glaubt, hole sich das Omega-3 genau wie die Fische aus Mikroalgen, für Menschen erhältlich in Form von Öl in Kapseln, ähnlich wie Fischöl, aber eben nicht aus Fisch.

Kurzum: Was ich gestern mittag auf meinem Teller vorfand, hatte nie einen Grill gesehen, sondern stammte aus dem Rauch. Hätte mich auch gewundert. Der Fisch war beinah kalt, voller Gräten, triefte vor Fett und war zäh. Schade, irgendjemand muss der Meinung sein, dass der Fisch beim Kochen ein zweitesmal totgemacht werden muss. Vielleicht schreib ich doch mal für Köche in der Gemeinschaftsverpflegung ein Handbuch mit Tips, was man mit Fischen machen darf und was ganz sicher nicht.

Gestern abend hingehen war ich echt verblüfft: Der angekündigte vitello tonato erwies sich als köstlich in jeder Hinsicht; dass anstelle von Kalbfleisch eine Lende vom Schwein verwendet worden war, hätte ich nicht gewusst, wär’s nicht beim Menü deklariert gewesen. Aber ich werde noch lange leben müssen, um mich für Tiere so einzusetzen, dass es als Abbitte reichen mag für alles, was ich ihnen hier im Spital essend angetan hab.


Zuerst publiziert am 08.06.2022 auf Facebook.
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Ausgewählte Reaktionen auf Facebook:

Findus: Zizzi wird sich auf deine Rückkehr freuen. Ich hoffe, du bist beweglich genug, die Futterdosen zu öffnen und an gewohnter Stelle zu platzieren. Werd‘ gesund!

Urs: Dir weiter gute Besserung, lieber Billo! Da haben wir also neben schweren, aber erfolgreich überstandenen Operationen in «fremdländischen» Spitälern offenbar noch eine weitere Gemeinsamkeit, hahaha –die Vorliebe für gut gegrillte Makrelen, etwas vom Besten, was es so zu essen gibt. Zumindest so meine unbescheidene Überzeugung. Auf noch viele Makrelen und halt Dir Sorge!

Billo: Für mich sind wie gesag roh marinierte Makrelen das Feinste aus dem Meer; aber da ich aus eigener Erfahrung weiss, was es braucht, um Fisch im permanent kontrollierten Temperaturbereich von 0-2° zu transportieren und zu lagern, und weil meine Erfahrung zeigt, dass dies im üblichen Fischhandel nicht wirklich garantiert ist, muss ich seit dem Scheitern unseres Projekts Senegal eben drauf verzichten. Das fällt mir umso leichter, als ich eh höchstens einmal Fisch esse, und dann ist es halt besagte feine Makrelendose, von der meine Katze auch ihren Anteil kriegt.

Anja: «Unglaublich,wie schnell man sich an etwas gewöhnt, das man gar nicht will» – dieser Satz bleibt mir aus deinem Spitalbericht Nr. 6 am stärksten hängen. Und wie gut,dass du nun genau weisst, was du nicht mehr willst! Auf baldige Entlassung!

Anna: Da cour tuot il bun inavant!

Ulla: Billo, als eine Finnin habe ich in meinen ersten 22 Lebensjahren immer ganz frischen echten Fisch bekommen, alles auch, die Quappen fischte ich mit meinem Vater. Ich weiss, wie ein Fisch schmeckt. Bald bin ich in meiner Hütte dort wieder und hole aus der Räuse die grossen Barsche.

Herta: Gute Heimkehr und take it easy! Es dauert meist ein Weilchen, bis die Kraft wieder übernimmt, also mal schonen, geniessen und sich am «neuen» Leben freuen! 

Markus: …la luna…nur für dich…




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