
Der österreichische Unternehmer und politische Autor Klaus Woltron schrieb am 22. November 2013 in seinem Posting «Mich wundert, dass ich so fröhlich bin» über «die Selbsthemmung der Demokratie und die Arroganz des Westens» ein paar bedenkenswerte Dinge, freilich aus einer fast etwas griesgrämigen Perspektive der Art, dass die Dinge sich eh nur vorwärts bewegen, wenn das ein paar beherzte Unternehmer (wie er) und Staatsmänner für die Masse tun, die ihrerseits eh nichts zustande bringt.
Zum Schluss seiner längeren Ausführungen [1] zitiert Woltron das Gedicht «Der Hecht» von Christian Morgenstern mit der Bemerkung, «niemandem noch ist es gelungen, dies alles zusammen knapper darzustellen».
Ein Hecht, vom heiligen Anton
Bekehrt, beschloss, samt Frau und Sohn
Am vegetarischen Gedanken
Moralisch sich emporzuranken.Er aß seit jenem nur noch dies:
Seegras, Seerose und Seegrieß.
Doch Gries, Gras Rose floss, o Graus
Entsetzlich wieder hinten aus.Der ganze Teich ward angesteckt
Fünfhundert Fische sind verreckt.
Doch Sankt Anton, gerufen eilig
Sprach nichts als «Heilig! Heilig! Heilig!»
Eine gebildete kulturpessimistische Sicht der Dinge ist nicht uninteressant, erst recht nicht, wenn sie mit dem leisen Ruf nach grossen Männern (oder Frauen, einerlei) den Widerspruch herausfordert. Sie sollte freilich auf ihr Fundament bedacht sein und nicht auf die vermeintliche Strahlkraft leicht zerpflückbare Bilder bauen.
Christian Morgenstern gehört zu meinen liebsten Dichtern, weil er es versteht, komplexe Dinge in einer eleganten Leichtigkeit zur überraschenden Pointe zu bringen, sei’s nach Afri– od- Ameriko. Doch die Fabel vom Hecht ist aus zwei Gründen nichts als enttäuschend billig, und zwar für Vegetarier gleichermassen wie für Karnivoren (ich darf das sagen, weil ich beides war/bin).
Zum einen ist, selbst wenn ein Hecht sich so verhielte, vollkommen ausgeschlossen, dass der Teich darob aus dem Lot geriete. Das ist als Bild nicht nur übertrieben, es ist schlicht falsch, erstunken und erlogen.
Zum zweiten hat ein Tier ein umschriebenes Verhaltensrepertoir, aus dem es nicht grundsätzlich ausbrechen kann. Der Mensch hingegen, und auf den zielt ja Morgenstern, kann eben dies, und zwar vor allem, weil er ein Wesen ist, das sich über eine flexible, reiche Sprache sozial organisiert, was kein anderes Wesen tut. Dem Menschen ist es möglich, heute in einer Diktatur zu überleben, sie zu überwinden und morgen in einer halbdirekten Demokratie, zum Beispiel. Das heisst, der Mensch kann sich sehr verschieden vergesellschaften – keine andere Art hat diese Möglichkeit.
Es dürfte nicht zufällig sein, dass ein Kulturpessimist Gefallen und vermeintliche Stütze an Morgensterns Fabel findet, welche den Menschen als unveränderlich beschränktes Wesen darstellt, welchem das Verhältnis von Hecht und Karpfen, sprich: Herr und Knecht unveränderlich, sozusagen genetisch eingeschrieben wäre. Dass es mit uns Menschen ganz anders ist, viel freier, zeigt etwa der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem wunderbaren Buch «Eine kurze Geschichte der Menschheit» [2].
Zuerst publiziert am 26.12.2013 auf Facebook.
Kommentare auf Facebook:
Klaus Woltron schrieb zu meinem Kommentar unter seinem Facebook-Posting:
Der Mensch ist freier als alle anderen Wesen, und diese Freiheit nutzt er zu Besseren und auch zum Schlechteren, bewusst oder unbewusst. Bin gespannt, was überwiegt. Fest steht, dass er bei weitem nicht, wie die gänzlich unfreien Bienen, 20 Millionen Jahre fröhlich überleben wird. Trotz aller Freiheit. Er hat es geschafft, binnen einer knappen Million die Welt schon fast zum Kippen zu bringen.
Ich bin wie gesagt kein Kulturpessimist. Mutmasslich wird die Erde mitsamt dem Sonnensystem in ein paar Jahrmilliarden Vergangenheit sein. Ich bin gespannt, was die Menschheit bis dahin noch alles vollbringen wird; die Geschichte hat genau genommen ja erst angefangen.
Billo: Schon richtig, dass der Wille zum Guten Verhehrendes anrichten kann; doch dies anzumahnen ist Morgensterns Fabel allzu hirnrissig.
Nachtrag 26.12.2025
Meine obenstehende Behauptung vor zwölf Jahren, ein Tier hätte «ein umschriebenes Verhaltensrepertoir, aus dem es nicht grundsätzlich ausbrechen kann», würde ich heute so nicht wiederholen, schon gar nicht im Essay «Tier. Art. Individuum», an dem ich derzeit arbeite.
Quellen:
[1] Klaus Woltron: «Mich wundert, dass ich so fröhlich bin» – der Link auf Facebook funktioniert leider nicht mehr, oder nur für Freudne von Woltron,. und der Text ist auch auf seinem Blog nicht zu finden.
[2] Besprechung des Buchs von Yuval Harari
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