
Nicht angesichts der Zerstörung des Gazastreifens, sondern heute vor vierzehn Jahren tobte auf meiner Facebook-Wall ein heftiges Wortgefecht über die Kritik an der Politik Israels. Es scheint mir als Zeitzeugnis interessant genug, hier dokumentiert zu werden. Und es macht deutlich, dass Frieden im Nahen Osten nicht zuletzt voraussetzt, dass auch wir uns fern vom Geschehen um Verständigung untereinander bemühen.
Am 21.01.2012 hatte ich auf Facebook geschrieben:
Ich bin wieder einmal überrascht, wie wenig Kritik selbst linke kritische Juden an Israel ertragen. Eben zufällig sah ich, dass ein FB-Freund sich von mir verabschiedet hat und das auf seiner Wall wie folgt verarbeitet:
«Edis Wall muss sich nach dem antisemitischen Humbug über das zionistische Regime, Gross-Israel und die Arroganz des auserwählten Volkes, den er heute, am 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz, von Facebook-Mitgliedern lesen durfte, heftig dagegen sträuben, dass er nicht zum Befürworter einer Internet-Zensur wird.»
Edi bezog sich auf einen Thread tags zuvor auf meiner Wall, der mit meiner Kritik an Cohn-Bendits Unfähigkeit, einen Orban von einem Chavez zu unterscheiden, begann, und sich dann unversehens um einen «Antisemtismus»-Vorwurf zu drehen begann.
Dazu kann ich nur sagen:
Lieber Edi, wenn ich im Ausland bin und als Schweizer wegen der Schweizer Raffgier und Rosinenpickerei angegriffen werde, stelle ich mich nicht vor die Schweizer Banken, sondern sage, dass die Kritik vollkommen berechtigt ist, dass ich mich selber auch dagegen wehre, so gut ich kann, aber dass es auch gute Dinge gibt, für die ich die Schweiz mag.
Warum ist das bei manchen linken Juden anders, wenn es um Israel geht? Für die Gründung von Israel wurden Araber vertrieben, und Israel verfolgt eine zunehmend schrecklichere Apartheidpolitik in den besetzten arabischen Gebieten – aber ihr wollt das nicht hören und reagiert genau so wie du eben und kommt mit Moral: ausgerechnet an dem oder jenem Gedenktag darf man das erst recht nicht sagen.
Schade, Edi, ich hab ch für wacher gehalten. Und schade, hast du die FB-Freundschaft aufgelöst. Ich hätte lieber weiter mit dir gestritten, über diese und viele andere Fragen, wie wir das nun sei zwei Jahren getan haben.
Reaktionen auf Facebook:
Miklós: Ja, Billo. Wobei dann doch gesagt werden muss, dass du da gestern ziemlich daneben gehauen hast. Das erklärt einiges, entschuldigt aber nichts. Dein Vergleich mit der Schweiz ist dann aber schon sehr gewagt. Da du die Existenz Israels in Frage stellst, die der Schweiz nimmst aber explizit in Schutz…
Stefan: Und nicht vergessen: Vor der Gründung Israels wurden zuerst einmal 6 Millionen Juden umgebracht von Europäern und vor den Augen der Väter und Grossväter von uns heute so kritischen Schweizerinnen und Schweizer.
Walter: Stefan: Das stimmt – doch was folgt daraus? Wie weit sollen wir Israel Rabatt gewähren in elementarsten Menschenrechtsfragen, weil wir selber ein schlechtes Gewissen haben? Manchmal denke ich, die sauberste Lösung wäre, Israel auf die Grenzen von 1948 (oder sogar noch engere) zurückzustutzen und dafür mit Gebieten in Europa zu entschädigen, die logischerweise jenen Staaten entzogen werden müssten, die sich damals schuldig gemacht haben (inkl. Schweiz).
Miklós: Hört doch auf mit dem Schwachsinn! Walter und andere. Ihr habt ja wirklich jeglichen Realitätsbezug verloren. Wie wärs mit einer auch nur annähernd kritischen Grundhaltung gegenüber anderen Ländern? (Insbesonders der Nachbarländern Israels!) Und sich dann über den Antisemitismus-Vorwurf wundern, oder was?
Pawel: Walter, wir müssen Israel gar keinen «Rabatt» gewähren. Es genügt schon, mit den gleichen Ellen zu messen, wie bei den Nachbarstaaten.
Walter: Stellt das denn für euch überhaupt kein Problem dar, dass die Schuld der Europäer praktisch mit palästinensischem Land abgetragen wurde?
Miklós: Walter, vertief dich mal in einige Geschichtsbücher…kann ganz nützlich sein.
Walter: Danke – das dürfte aber meine Einschätzung der Lage kaum entscheidend verändern.
Mich hat Edi übrigens auch entfreundet, keine Ahnung wann und warum…
Roman: Natürlich hat die Schweiz, allen voran die Bankenwelt, am Holocaust schön mitverdient, aber darum existiert dieses friedliche Plätzchen ja, nicht wegen seiner Neutralität, sondern weil so eine Insel einfach praktisch ist, für diverse «Reinwaschungen». Über die Politik der Schweiz gegenüber den Jenischen und den sogenannten Zigeunern bis in die 70er-Jahre weiss man bei uns in Österreich leider nur sehr sehr wenig. Aber wie man an Israel sieht, ist kein Mensch vor solchen Mechanismen gefeit. Auch die Juden nicht, die eben die Araber zu Menschen zweiter Klasse erklären, die nicht in der Armee dienen dürfen, da sie unter Generalverdacht stehen.
Natürlich besteht ein Qualitätsunterschied zwischen all diesen Dingen, aber Apartheid-Politik muss nicht immer gleich stark ausgeprägt sein. Sässe Israel nicht auf einem derartigen Waffenarsenal, und frässen die Player der Region wie Ägypten und Saudi-Arabien dem grossen Gönner überm Grossen Teich nicht aus der Hand, die Existenz dieses Staates wäre stark gefährdet. Man kann nicht auf alle Ewigkeit erwarten, dass mit dem Verbrechen des Holocaust der Staat Israel einen Freibrief erhält, andere zu knechten und zu unterdrücken, und im Falle der leisesten Kritik mit dem Finger nach Europa zu zeigen und zu sagen: Aber die haben uns damals ausrotten wollen! So kann es nicht sein. Ein Staat, der sich als Musterdemokratie der Region bezeichnet, was er angesichts der umliegenden Demokraturen natürlich ist, sollte seine Moralvorstellungen und Handlungen nicht auf einen Fluchtpunkt beziehen müssen, der nur Leid und Tod beinhaltet hat, denn das ist keine Basis für eine stabile Zukunft. Israel muss auf die Araber zugehen, und umgekehrt, sonst wird diese Region immer ein Pulverfass bleiben, in der sich eine Trutzburg wie Israel hinter den Mauern verschanzt.
Und wenn du, lieber Billo, dann von jemandem so schön neudeutsch «entfreundet» wirst, solltest du dir keine Gedanken machen, denn wer denkt, dass er die Moral gepachtet hat, weil er ein Sohn des Landes Israel ist, der ist auf dem falschen Dampfer. Auch Juden können morden, unterdrücken, ungerecht sein. Und es ist sicher kein Antisemitismus, wenn man den Staat Israel kritisiert.
Was die vorgeschlagenen Gebietsabtretungen betrifft, muss ich schon schmunzeln. Bitte den Kalender umblättern, wir schreiben 2012, nicht 1946. Israel hat jedes Existenzrecht, aber, wie andere Staaten auch, nicht das Recht, andere zu knechten.
Weiters ist es ja so, dass kein Mensch sich auf Dinge berufen sollte, die 3 Generationen vor ihm passierten. So wie kaum einer der heute lebenden Deutschen und Österreicher noch persönlich im 2. WK Schuld auf sich geladen hat, kann auch kein Urenkel der Verfolgten sich darauf berufen. Vielmehr sollte man in die Zukunft blicken, das Verharren in der Vergangenheit ist schlichtweg tragisch.
Walter: Du darfst schon schmunzeln von mir aus – was aber, wenn sie’s einfach nicht gebacken kriegen (weil der Wurm vielleicht in einem grundlegenden Konstruktionsfehler steckt)? Was, wenn Israels Landbedarf mit den legitimen Interessen der Palästinenser schlicht nicht unter einen Hut zu bringen ist?
Roman: Das werden sie bald müssen, wenn Ägypten wirklich ins (moderat) islamistische Kippen sollte, wird es schon anders aussehen, dann hat Israel schon mehr Grund, auch Schritte zum Frieden zu setzen. Das Problem liegt ja auch darin, dass die Orthodoxen und die Siedlerbewegung einfach sehr sehr mächtig sind. Dieser dauernde Ausnahmezustand kann für die Menschen dort doch nicht ideal und wünschenswert sein.
Dass es für beide Seiten unvorstellbar ist, gemeinsam unter einem Dach zu leben, zeigt doch, wie armselig der Mensch immer noch ist. Wobei ich die Araber besser verstehe, die immerhin dort seit Jahrhunderten und Jahrtausenden lebten. Sich auf die Bibel zu berufen, ist nicht gerade ein Zeichen von Intelligenz. Wobei es ja von Shlomo Sand mit seinem Buch «Die Erfindung des jüdischen Volkes: Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand» durchaus interessante Thesen zu der ganzen Sache gibt.
Walte: Trotzdem steht der Westen nach dem Holocaust in der Pflicht, dem jüdischen Volk eine sichere Heimstätte zu garantieren. Dieser Punkt ist für mich schon unverhandelbar (weshalb ich mir übrigens auch etwaige Antisemitismus-Vorwürfe nicht bieten lassen müsste), und zwar auch bei bloss durchschnittlicher Intelligenz der Betroffenen.
Roman: Diese Garantie sollte aber nicht Unterdrückung eines anderen Volkes legitimieren, das ist zutiefst unmoralisch! Israel knechtet die Palästinenser, das kann durch nichts gerechtfertigt werden!
Walter:S ag ich ja auch. Genau darum müssen wir (mindestens vorerst mal im Denken) neue und auch unkonventionelle Wege beschreiten (auch wenn Realisten und solche, die sich dafür halten, erst mal darüber schmunzeln.
Roman: Dir ist schon klar, dass das Vertreibung bedeuten würde. Vielleicht nehmen wir Graubünden, Vorarlberg und Baden… wirklich schräg.
Walter: Nein, es würde heissen, dass die betroffenen Gebiete unter eine neue Verwaltung kämen, wahrscheinlich aber weiterhin in Rahmen der EU. Selbstverständlich wären Gebiete dafür auszuscheiden, die erstens genügend Raum für ein definiertes Mass von Neuansiedlungen bieten und zweitens bereits einen Bezug zum Judentum aufweisen (wie etwa die Schweizer Gemeinden Lengnau AG und Endingen).
Roman: Bitte, das ist kompletter Schwachsinn, undurchführbar, menschenrechtswidrig, zu spät, und entbehrt jeglicher Grundlage. Warum sollten z. B. iranische Juden oder ostrussische, maghrebinische oder spanische Juden, die jetzt in Israel leben, und niemals Opfer des Holocaust waren, sowas in Anspruch nehmen können? Wahrscheinlich wäre die einzige Lösung, entweder alle aus diesem Sandkasten rauszuschmeissen und einen Bibel-Erlebnispark für Kerzerlschlucker aus den USA draus zu machen, oder alle auf den Mond zu schiessen.
Walter: Natürlich wären auch Spanien und Russland eingeladen, bei einem solchen Programm mitzumachen, ganz sicher auch die USA, und wenn sie wollen auch die Iraner.
Roman: Lustig. Ja machen wir einfach eine Liste, wer von wem wann vertrieben wurde, und machen wir eine Bestandsaufnahme mit Stichjahr 476, oder noch ein bisserl früher. Ein paar DNA-Tests, und schon kann man alle wieder dorthin schicken, wo sie mal waren. Sind Magic Mushrooms in der Schweiz legal? Anders kann ich mir solche wahnwitzigen und grenzdebilen Fantastereien nicht erklären.
Irmy: Walters Idee ist rein theoretisch nicht so schräg… allerdings würden wieder neue Reibereien (gelinde ausgedrückt) dazukommen … und das «Perpetuum mobile÷ wär perfekt.
Roman: Bitte, das überhaupt zu diskutieren ist der blanke Hohn. Bitte die USA wieder entleeren, alle nach England und Deutschland, Polen und Italien, Irland und Russland zurückschicken. Lächerlichst. Afrika hab ich natürlich ganz vergessen, bei den USA.
Irmy: Diskutieren kann man viel, manch Gedankenspiel regt trotzdem, wenn schon nicht im Realen, so doch zum weiträumigen, fiktiven Überlegen an… einfach zum Nachdenken über Ungerechtigkeiten zum Beispiel.
Roman: Das Leben ist ungerecht, das war es, das ist es, und das wird es immer sein.Man kann nicht nach 67 Jahren so einen wahnsinnigen Plan auch nur andenken. Und eben: warum nur bei den Juden? Armenier zurück in die Türkei, Griechen detto, vertriebene Türken nach Griechenland, etc. etc., die unendliche Liste.
Irmy: Agree bis auf das «Andenken». Denkverbot ist immer schlecht
Roman: Ist ja nicht verboten, aber das kann man nicht ernst meinen, daher mein Widerstand.
Abschliessend möchte ich noch sagen, dass es ja nicht ginge, weil man sich auf die Bibel beruft, auf die geheiligte Wüste, und jeden noch so verschrumpelten Olivenbaum als Land von Mose und Nachfahren sieht. Das geht in einem x-beliebigen Landstrich Europas nicht, und der Madagaskar-Plan ging schon mal daneben
Irmy: Die Diskussion bringt gute Gedanken auf den Tisch, wie ich finde. Hätte Walter nix Derartiges geschrieben, wären keine sinnvollen Gegenargumente besprochen worden. Auch die «Ausschlussmethode» ist eine…
Roman: Aus meiner Sicht gibt es nur zwei Varianten: Entweder die Herrschaften einigen sich und leben in einem Land gemeinsam oder in zweien getrennt. Die Unterschiede sind ja marginal. Beschnitten wird dort und da, sie beten zum gleichen Gott, sie sehen gleich aus, wo ist das Problem?
Walter: Das Problem ist, dass beide Seiten auf Gebietsansprüche verzichten müssen. Das kann man leicht als «marginal» bezeichnen, wenn es weit weg ist und einen selber nicht betrifft.
Ich behaupte nicht, meine Idee wäre machbar. Die bisher vorgebrachten Gegenargumente finde ich aber ausgesprochen schwach. Sie zeigen vor allem eines: Bei Gebietsabtretungen, die uns Europäer selber betreffen würden, hört der Spass ganz schnell auf.
Ich würde deshalb durchaus so weit gehen, zu sagen, dass keiner das Recht hat, Israelis und Araber zu kritisieren oder deren Intelligenz zu qualifizieren, wenn er nicht (mindestens experimentellerweise) bereit ist, darüber nachzudenken, was er selber abzutreten bereit wäre.
Roman: Du vergleichst Äpfel mit Garnelen, nicht mal mit Birnen! Die Araber waren schon immer da und wurden von Immigranten vertrieben. Daher ist dein «Europäer, gebt den Juden Land!»-Plan sinnlos. Warum du dieses Unrechtsregime verteidigst, würde mich interessieren. Soll der Judenmord eine Entschuldigung und Rechtfertigung für Unterdrückung, Enteignung und Apartheid sein? Augen auf, Unrecht hat kein Mascherl, und Moral trägt keine Kippa.
Billo: Ich komm eben erst zurück und lese eben, was da an Diskussion schon alles läuft. Gut so. Danke für alle Beiträge!
Miklós: Nein, ich stelle die Existenz Israels nicht in Frage (keine Ahnung, wie Du das aus meinen Zeilen liest).
Wenn wir nicht von Realitäten ausgehen, machen Diskussionen über die Auflösung von Problemen, die sich aus diesen Realitäten ergeben, wenig Sinn. Ich wäre der Letzte, der fordern würde, dass Israel von der Landkarte verschwinden müsse – aber ich bin zugleich der Letzte, der akzeptieren mag, dass für die Sicherung der Existenz Israels Millionen andere Menschen von ihrem Land vertrieben oder unterdrückt wurden und werden. Diese Dinge müssen offen benannt und aufgearbeitet werden, damit sie die Zukunft nicht länger verbauen. Da hilft es wenig, einem linken Kritiker der zionistischen Landnahme und Apartheid den Gebrauch «faschistischer Propagandabegriffe» vorzuwerfen, wie Edi dies auf seiner Wall mir gegenüber tut. Genau so wenig wie es angeht, für alles Leid der Menschen im Nahen Osten einfach «den Juden» die Schuld zu geben.
Auflösen lässt sich diese extrem verhockte Situation nur, wenn mehr und mehr Menschen auf beiden Seiten Abschied nehmen von einer höchst unglücklichen Geschichte, die sich nicht zurückdrehen lässt, und einander die Hand reichen und zugleich die Verkrampften auf ihrer eigenen Seite in die Schranken weisen. Ich weiss, dass es in ganz Palästina Menschen gibt, die das tun, aber wie die Wahlen auf beiden Seiten zeigen, ist ihre Zahl noch bescheiden. Umso mehr zählt jeder einzelne Mensch, auch hier und überall auf der Welt. Und eben darum enttäuscht es mich immer wieder, wenn ein Mensch wie Edi, den ich sehr schätze, bei Kritik an Israels Politik fast so reagiert, als hätt ich ihn persönlich kritisiert.
Walter: Roman, hältst du es denn für richtig oder falsch, dass man nach dem 2. Weltkrieg beschlossen hat, dem jüdischen Volk Land für die Gründung eines eigenen Staates zu geben?
Roman: Nein, aber man hat sicher nicht gewollt, dass das in Kriegen, Massenenteignung, Deportationen usw. endet. Das hat es aber. Mit welchem Recht kann ein persischer Jude das Haus eines Arabers in Besitz nehmen, dessen Familie seit Ewigkeiten da wohnt? Das Recht hat keiner, ob Moslem, Jude oder Christ. Auch kein KZ-Überlebender hat das Recht, andere zu vertreiben. Oder bist du dieser Meinung? Durch Israels Selbstgründung wurde viel Leid verursacht. Du magst es kaum glauben, aber es gibt kein Monopol auf Leid und Vertreibung.
Billo: Aus meinem eben Gesagten folgt dann auch, dass Planspiele der Art, wie Walter sie vorschlägt, zu keiner lebbaren Lösung führen können. Alles, was einen Umweg um die Versöhnung von seit zwei Generationen bestehenden Situationen zu gehen versucht, wird nur noch mehr Leid verursachen, statt altes Leid aufzulösen. Sowenig es richtig war, dass Araber aus Palästina vertrieben wurde, um für Juden Platz zu machen, so falsch wäre es, in Palästina geborene und real da lebende Juden anderswo anzusiedeln, um Platz für zurückkehrende Araber zu schaffen. Ohne Teilen und mehr oder weniger Nebeneinander und fallweise Miteinander wird es sich nicht ausgehen.
Roman: Natürlich finde ich es nicht falsch. Aber die Art und Weise. Billo, du triffst den Nagel auf den Kopf. In Israel hat, wie so oft, eine radikale Minderheit eine gemässigte Mehrheit in Geiselhaft!
Billo: Das stimmt allerdings auch für Gaza, ja: für die Geschichte der Palästinenser/innen seit der Gründung Israels. Die Falken beider Seiten sind reziprok.
Roman: Sowieso. Die Lage stachelt an und schaukelt sich auf. Wir können aus dem Ohrensessel alle grosse Reden schwingen, nachvollziehen wird man das alles schwer können. Man wird sehen, wie es weitergeht im Sandkasten, angesichts der Umbrüche rund um Erez Israel
Walter: Dass die Falken beider Seiten Oberhand haben, könnte eben auch die Folge einer objektiv unlösbaren Problemstellung sein. Und diese Situation hat nicht Israel durch seine «Selbstgründung» geschaffen, sondern die UNO ist mindestens mitverantwortlich, speziell die USA und Europa. Deshalb will ich diese Kräfte nicht aus der Pflicht entlassen. Im übrigen habe ich in keinster Art und Weise von Zwangsumsiedlungen geredet. Teilen, Nebeneinander und Miteinander ist schön und gut, aber ich finde es doch ein wenig merkwürdig, wenn wir vom sicheren Europa aus das den Israeli und Palästinensern predigen und hoffen, dass ihr Geist an unseren wohlgemeinten Anregungen gesunden möge.
Roman: Bitte Geschichte lernen. Ben-Gurion hat Israels Staatsgründung erklärt, natürlich von den USA gedeckt. Aber bitte, natürlich ist Israel schuld am Leid der Araber. Aber das willst du nicht erkennen, weil du denkst dass die Juden dank des Dritten Reichs einen Freibrief haben sollen. Sags einfach wie es ist. Du denkst, dass die Israelis tun und lassen können, was ihnen gefällt, Vertreibungen sind für dich okay, weils eben von.den Juden gemacht wird. Schlimm.
Walter: Wie kommst du denn darauf, dass ich das nicht erkennen will? Der einzige Unterschied scheint mir der zu sein, dass ich an dem Punkt, wo dein Denken aufhört, erst richtig damit anfange.
Billo: Nun ist aber gut, ihr beiden. Ihr kennt euch nicht und ahnt wohl gar nicht, wie nah ihr euch bei Eurer Einschätzung eigentlich seid. Die Differenz beschränkt sich auf die Frage, ob der Konflikt durch einen Kompromiss in der Region selbst gelöst werden kann, oder ob die einen oder die andern anderswohin ziehen müssen. Wie Irmy es weiter oben schon gesagt hat: Denken darf nicht verboten werden – aber es darf auch nicht behauptet werden, der eine habe aufgehört zu denken, bloss weil er des andern Gedanken nicht teilt.
Persönlich sehe ich nicht, wohin Juden/Jüdinnen oder Palästinser/innen denn ziehen sollten. Der Kompromiss in Palästina wäre möglich, wenn sich die andern Länder endlich aus dem Konflikt zurückzögen – in erster Linie USA und Europa (das wäre echt ein Beitrag der Sühne für das, was den Juden vor und während des Zweiten Weltkriegs angetan wurde und teils bis heute angetan wird), aber auch arabische und russische Despoten.
Martin: Der Thread begann doch eigentlich, wie Billo schrieb, mit seiner Kritik an Cohn-Bendits Unfähigkeit, einen Orban von einem Chavez zu unterscheiden. Klar es ist ganz normal und auch oft interessant, wenn aus dem Thread heraus ein anderes Thema entsteht. aber es gibt Leute, denen gelingt es, krampfhaft und systematisch jedes Thema auf Israel zu lenken. Das finde ich sehr mühsam.
Ein normaler Mensch, als einer, der nicht besondere Beziehung zu diesem Konflikt hat, weil er z. B. Jude oder Araber ist, kann hier nichts lernen, nicht mitdiskutieren. Die Positionen sind zu verhärtet. Man hält, was ja normal falsch ist, in diesem Fall lieber das Maul. Traurig
Billo: Lieber Martin, ich versteh dich gut. Aber ich will eben gerade nicht das Maul halten, denn die verbockte Situation im Nahen Osten betrifft auch mich als Goi im gar nicht so fernen Europa. Solange dieses Pulverfass nicht endlich wieder zu einem Land wird, in welchem die Menschen, die nun mal dort sind, einigermassen friedlich leben dürfen, besteht stets die Gefahr, dass ein Krieg daraus entsteht, der uns allen sehr auf den Kopf fallen wird.
Eben seh ich, dass Edi mir die FB-Freundschaft wieder angetragen hat, freu mich darüber und erwidere sie gern!
Walter: Zu Billos «Persönlich sehe ich nicht, wohin Juden/Jüdinnen oder Palästinser/innen denn ziehen sollten»: Meines Wissens gibt es beispielsweise in der jüdischen Bevölkerung der Schweiz immer wieder welche, die von hier nach Israel ziehen oder wieder zurück. Meine Überlegungen bezwecken keineswegs irgendwelche neue Vertreibungen, aber ich denke, dass man die ohnehin stattfindende Mobilität durch politische Rahmenbedingungen sehr wohl beeinflussen kann. Israel befindet sich nach wie vor in einer starken Expansion und beansprucht dafür, wie wir alle wissen, palästinensische Gebiete auf der Westbank. Alternativen dazu liessen sich überall auf der Welt finden, besonders aber in Europa und in den USA. Historisch gesehen wurde die Gründung des Staates Israel nötig, nachdem es in Europa für die Juden «keinen Platz» mehr hatte. Eigentlich hätte man nach dem Zweiten Weltkrieg ja auch den Europäern auftragen können, wieder mit dem jüdischen Volk zusammenzuleben. Stattdessen hat man das Problem auf Kosten der Paläsinenser zu lösen versucht. Nachdem das nun 67 Jahre lang konstant nicht funktioniert hat, fände ich es schon an der Zeit, sich zu überlegen, ob der israelische Siedlungsdruck nicht auch woanders als in den Palästinensergebieten aufgenommen werden könnte. In den USA gäbe es nach wie vor Platz zum Versauen, aber ich denke, auch Westeuropa könnte ohne weiteres zwei, drei Millionen Leute zusätzlich aufnehmen. In der Schweiz gab es ja zu Max Frisch’s Zeiten Ideen, im Mittelland eine neue Stadt zu planen. Wenn man wollte, könnte man das durchaus wieder aufgreifen und dann halt zwei oder drei Gemeinden bewusst der Urbanisierung «opfern».
Billo: Spontane Kurzantwort vorm Schlafengehn: Warum soll man zwei Fehler (die Ausweisung der Juden aus Europa und die Ausweisung der Araber aus Palästina) dadurch korrigieren, dass man weitere Fehler programmiert? Übrigens: Das Angebot Israels an die Juden auf Kosten der dort lebenden Bevölkerung war nicht nur eine feige Mischung von schlechtem Gewissen und Endlösung mit anderen Mitteln, sondern zugleich ein imperialistisches Projekt: Brückenkopf des Westens in der Erdölregion.
Nun sind die Menschen mal, wo sie sind – entscheidend ist, sie selber zu fragen, ob sie denn anderswo leben möchten. Wenn beide Völker dort bleiben wollen, muss die Welt sie dabei unterstützen, neben- oder miteinander auszukommen, und jede Aktion dagegen muss geächtet werden, egal, ob sie von den USA, von Zionisten, von arabischen Staaten oder wo immer her kommt.
Stefan: Ich verstehe jetzt, warum Edi dich entfreundet hat, Billo. Sorry, aber «die Ausweisung der Juden aus Europa» – in Deutschland würdest du allein wegen diesem Satz unter Rechtsradikale fallen. Die europäischen Juden wurden, wie du weisst, nicht ausgewiesen, sondern in ganz Europa und sogar in Nordafrika eingefangen, von überall her nach Auschwitz und an ähnliche Orte transportiert und ausgerottet. Ach so, «ein Fehler» war das? Gute Nacht.
Billo: Stefan, Kritik an Israel scheint auch bei dir das Sichtfeld dramatisch einzuengen. Wenn Du meine obige Antwort an Walter mehr als nur flüchtig liest, wirst du erkennen, dass du mir eine Ungeheuerlichkeit unterstellst. Ich spreche von der Zeit nach dem Holocaust, mein Lieber. Mag sein, dass ich ich Deutschland und anderswo Haue kriege dafür, dass ich die Lösung der «Judenfrage» nach 1945 zulasten Palästinas unverblümt als «Ausweisung der Juden aus Europa» bezeichne – aber bestimmt nicht, weil sie als rechtsradikal wahrgenommen würde.
Stefan: Gut, dann ist es nicht rechtsradikal, sondern nur blöd. Wer hat sie denn ausgewiesen, eigentlich?
Billo: Wenn Europa Palästina zum Abschuss freigibt, um die Juden dorthin los zu werden, ist es ja nicht blöd, dies in Kurzform als «Ausweisung» zu bezeichnen, halt eine Ausweisung mit andern Mitteln.
Keine Ahnung, was dich treibt, mir unbedingt was Negatives unterstellen zu wollen – welchen Nerv hab ich bei dir denn getroffen, dass du unter der Gürtellinie schreibst?
Stefan: Wahrscheinlich hast du den Stammtisch-Nerv getroffen. Reagiert bei mir manchmal ziemlich allergisch.
Billo: Dann ist ja gut. An Stammtischen verkehr ich nicht, kann dir da also nicht weiterhelfen.
Martin: Natürlich ist es gut, dass du nicht das Maul hältst, Billo. Mir fehlen offenbar einfach die Nerven
Billo: Auch ich halte sogar manchmal das Maul, aus den nämlichen Gründen.
Irmy: Ich wurde auf Edi’s Seite mittlerweile als «Brandstifter» bezeichnet … ohne irgendeine Beleidigung oder Unterstellung von mir gegeben zu haben. Das sind Schienen, da verschlägt es einem ganz einfach die Sprache. Kein Wunder, wenn man seine Energie nicht mehr bei Schwarz-Weiss-Denkern verschwenden möchte. Hält nun auch das Maul…
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