Monat: Juni 2026

  • Das Oppurtunistlein und die Linke

    Cartoon: Markusszy / Wikimedia Commons

    Die Arbeiterbewegung und die aus ihr hervorgegangenen linken Organisationen haben es leider nie verstanden, sich dem zweifelhaften Charme von Obergenossen zu entziehen. Immer wieder heben sie Figuren auf den Schild, deren Programm vor allem aus ihnen selber besteht. Der Fall Jositsch ist bloss der bisher letzte einer langen Reihe.

    Grad ereifert sich die halbe Schweiz über einen Parlamentarier, den die sozialdemokratische Partei des Kantons Zürich nach fünf Amtsperioden, die letzten drei davon im Ständerat, nicht mehr für eine Wiederwahl portieren wollte, weil er zu oft von zentralen Werten der Partei abwich. Stattdessen unterstützt die Partei die Kandidatur einer Frau mit sozialem Biss und nationaler Ausstrahlung. Der offenbar Beleidigte könnte seine politische Karriere mit Anstand beenden und sich künftig auf seinen nicht schlecht bezahlten Beruf als Professor für Strafrecht an der Universität Zürich konzentrieren; er zog es vor, aus der Partei auszutreten vor den Medien zu verkünden, er werde als Unabhängiger erneut kandidieren und sich im Falle einer Wahl einer bürgerlichen Fraktion anschliessen, um wieder in Kommissionen Einsitz nehmen zu können. Das ganze Theater verbrämt mit der Klage, Leute wie er hätten in der SP keinen Platz mehr, was freilich von anderen, die wie er im weniger linken Spektrum der Partei politisieren, vehement bestritten wird. Soweit die Fakten. 

    Nun wird der Abtrünnige von Leuten gefeiert, die ihn zuvor wohl eher nie gewählt hatten. Und Journalisten, die sich lieber einfachen Stories als mühsamen Analysen widmen, greifen begeistert zu, machen den Abgehalfterten zum Star des Tages und überschütten dessen ehemalige Partei mit Häme. Selbst eine einst intelligente Radiosendung wie das «Echo der Zeit» stellt das Geschichtlein gross an allererste Stelle der Abendausgabe, als wäre nichts Wichtigeres in der Schweiz, geschweige denn in der Welt passiert.


    Immer wieder Obergenossen

    Nicht nur die jüngere Geschichte der Sozialdemokratie ist voll von derartigen Ereignissen; immer wieder machen sich Personen, die dank der Partei in öffentliche Ämter gewählt worden sind, nach ein paar Jahren selbständig, weil ihnen das Parteihemd angeblich zu eng geworden sei und weil sie glauben, dank ihrer inzwischen gewonnenen ungeheuren persönlichen Bedeutung allein oder im Verein mit einer anderen Partei noch besser zur Geltung kommen zu können. 

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    Nicht nur in der Schweiz; ich erlebe das hier in Italien ebenso, wo der einst (vielleicht zu) breite Partito Democratico (PD), ein Zusammenschluss von ehemaligen Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten und Christlichsozialen die fatale Ära Berlusconi zu beenden vermochte, nur um dann an ihrem egomanen Chef Renzi zu scheitern. Er selber gründete später mit einem kleinen Grüppchen von PD-Abgeordneten eine kleine Splitterpartei, ein Gleiches tat einer seiner damaligen Minister; beide Gruppierungen sind unbedeutend, schaffen es aber dank einfallsloser Journalisten immer wieder, sich als Zünglein an der Waage zwischen links und rechts aufzuspielen, und bezeugen damit nichts weiter als ihre eigene Unfruchtbarkeit für das Land, das ihre Diäten bezahlt.


    Als Studierter auf dem Rücken der anderen

    In der Geschichte der Arbeiterbewegung und der aus ihr hervorgegangen Organisationen gab es immer wieder Figuren, die es verstanden, sich auf den Schild heben zu lassen und ihn dann als Sprungbrett für die eigene Karriere zu nutzen. Opportunisten, in einem Wort. Ich erinnere mich gut an meinen Besuch Anfang der Siebzigerjahre beim Präsidenten der sozialdemokratischen Ortspartei meines damaligen Wohnorts Wallisellen, ich ein junger Student, er von Beruf Oberrichter und ein Sozialdemokrat, der seine Parteifreunde in aller Selbstverständlichkeit als Genossen ansprach. Sein Erstaunen über mein Beitrittsgesuch werde ich nie vergessen: In seiner mehr als zwanzigjährigen Präsidentschaft sei ich der erste, der von sich aus Parteimitglied werden wolle, sagte er mir, alle andern habe man angeworben, Agitation hiess das damals (und zum Agitationsobmann gewählt wurde ich dann auch schon an meiner ersten Parteiversammlung, nachdem ich das Ansinnen des Präsidenten zurückgewiesen hatte, gleich seine eigene Funktion zu übernehmen, die er schon seit Jahren gerne los geworden wäre). 

    Ob ich denn eine politische Karriere machen möchte, hatte mich der Präsident bei meinem Besuch gefragt. Es gebe eben immer wieder Studierte, die sich bei der SP eine einfachere Karriere versprächen als in einer bürgerlichen Partei mit höherer Akademikerdichte. Nein, sowas hatte ich wirklich nicht im Sinn gehabt, ich wollte einfach aktiv werden. Wie berechtigt seine Frage war, verstand ich erst ein paar Jahre später; tatsächlich hätte ich schon als einfacher Student unter Werktätigen bessere Chancen für eine Laufbahn gehabt, die öffentliche Aufmerksamkeit und einen gut bezahlten Job beim Staat versprach. Er selber war vielleicht einst aus eben diesem Grund der Partei beigetreten, schien aber mit seinem Richteramt, dass er der Partei verdankte, bereits zufrieden.


    Bürgerliche Demokratie zieht Karrieristen an

    Die bürgerliche Demokratie war schon immer ein Spielfeld für opportunistische Karrieristen, sie zieht Personen solchen Charakters förmlich an, während die meisten Menschen gerade deswegen nicht zu einer Kandidatur bereit sind – und leider auch nicht zu aktivem politischen Tun. Die Arbeiterbewegung und die aus ihr hervorgegangenen linken Bewegungen und Organisationen – vielleicht mit Ausnahme der anarchisch orientierten – haben es leider nie verstanden, sich dem zweifelhaften Charme von Obergenossen zu entziehen. Immer wieder lassen sie Figuren an die Spitze gelangen, deren Programm vor allem aus ihnen selber besteht; einer wie Matteo Renzi ist nur ein besonders krasses Beispiel dafür.

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