
Foto rechts: Die aktuelle Fresswinterschlafeinrichtung.
Moritzli und ich haben eine Menge gelernt in den zweieinhalb Wochen seit meinen letzten News, mit Rat von Fachpersonen auf Websites oder per E-Mail – und mit viel trial & error.
Eines Morgens Anfang Februar fand ich auf dem Boden des Zimmerchens, in welchem mein stachliger Gast haust, fäkalische Spuren einer nächtlichen Exkursion. Ich suchte den Igel in allen Zimmerecken, unter allen Möbeln, vergeblich; dabei hörte ich ihn atmen. Schliesslich fand ich ihn in einer Tragetasche mit diversen Dingen, die schon lange auf Reparatur warten. Keine Ahnung, wie er da hineingelangt ist, jedenfalls hatte er es sich in einem Schuh bequem gemacht. Zwei Tage später gleiches Spiel; diesmal steckt Moritz in einer kleinen Plastikkiste voller Elektromaterial, wo er sich unter Kabeln schlafen gelegt hatte.
Dem Tip eines Igelkenners folgend hatte ich das Häuschen danach mitten in die Kiste gestellt, damit der Igel nicht mehr übers Dach aus der Kiste steigen könne. Ein paar Tage später fand ich doch wieder zwei kleine Scheissdreckli auf dem Zimmerboden. Mannmannmann. Ich suchte überall; der Igel lag derweil friedlich in seinem Häuschen, er muss es also in der hörbar wilden Nacht aus der Kiste auf den Zimmerboden und später wieder in die Kiste geschafft haben, 27 cm hoch über eine senkrechte, strukturlose Plastikwand! Ich staune noch heute.
Am Morgen danach präsentierte sich mir die gleiche Szenerie erneut. Ich beschloss, das Gefängnis den vermuteten Bewegungsbedürfnissen des Igels anzupassen: Der Kerl braucht mehr Auslauf! Ich besorgte mir eine zweite, gleich grosse Kiste und ein paar Bretter und Leisten, verband die zwei Kisten miteinander, füllte sie grosszügig mit Katzenstreu, um Moritzli mehr zu bieten als nur ein paar Lagen Papier, und bastelte eine Rennbahn von einer Kiste in die andere, die er übers Dach seines Häuschens erreichen können sollte.
Gross war die Freude des Erfinders, als ich zwei Tage später eine stachelige Kugel in der zweiten Kiste fand: Heureka, es funktioniert, wenigstens der Hinweg! Doch wie lange mochte der Igel schon in der zweiten Kiste gelegen haben, und warum fand er nicht zurück? Ich setzte ihn auf die Rennbahn, damit er wieder zum Futternapf und in sein Häuschen käme; als ich aber etwas später nach ihm sah, lag er zusammengerollt neben dem Anfang der Rennbahn. Also setzte ich ihn auf die Fortsetzung der Bahn in der ersten Kiste und wartete, bis er sich zu bewegen beginne, musste dann aber erkennen, dass er eher vom Brett zu fallen drohte. Also setzte ich ihn in die Kiste, wo er stracks im Häuschen verschwand, den Erfinder etwas ratlos zurücklassend…
Vollends ratlos war ich, weil Moritzli zwar täglich gut 80 Gramm Katzenfeuchtfutter mit hohem Fleischanteil verputzte, sein Gewicht aber stets um 260 Gramm verharrte (als ich ihn am 24. Jänner im Garten gefunden hatte, wog wer knapp 200, eine Woche später 260 Gramm). Besorgt holte ich mir neuen Rat: Bis 120 Gramm Futter pro Tag geben, Zeitungen statt Katzenstreu, die der Igel fressen könnte, und ihm noch ein paar Wochen Winterschlaf gönnen vor dem für Mitte Mai geplanten Auswildern. Klingt nach Quadratur des Kreises. Vor dem Auswildern muss ein noch nicht ausgewachsener Igel mindestens 550 Gramm wiegen, besser deutlich mehr; pro Woche sollte er etwa 50 Gramm zulegen; Moritzli müsste also allermindestens noch sechs Wochen lang gefüttert werden, da bleibt nicht viel Zeit für Winterschlaf…
Beim Nachdenken kam ich auf die Idee, Moritzlis Bewegungsdrang könnte allein der Suche nach einem wärmeren Unterschlupf dienen. Also legte ich ihn im Häuschen auf Fetzen eines alten Frotteetuchs und bedeckte ihn mit weiteren Fetzen. Die Wirkung verblüffte mich: ausser zum Fressen verlässt er seinen Schlafplatz seither gar nicht mehr; er macht also sozusagen einen Fresswinterschlaf, und dazu genügt ihm die eine Kiste vollauf. Seither wasche ich Frotteefetzen; Moritzli scheisst wirklich auf alles. Um die Wärmewirkung zu verstärken, legte ich meinen besten Wollschal unter die Kiste. Und schliesslich hab ich jetzt die Streu durch mehrere Lagen Zeitungspapier ersetzt.
Gestern morgen wog Moritzli immer noch 260, abends aber plötzlich 297 und heute morgen 307 Gramm. Es scheint, wir sind endlich auf der richtigen Spur, hey!
Folge #06 — Folge #08
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(Ursprünglich publiziert auf Facebook)
Einige Reaktionen auf Facebook:
Agnes: Wie schön, daß Igeli so lebendig ist. Das führt ja zwar zu vermehrtem Putzaufwand, aber das Tier ist offenbar quietschfidel, das ist doch bestens.
Katrin: So eine Freude, zu lesen, wie Du mit Moritzli gemeinsam kleine Abenteuer erlebst, ihn mehr und mehr verstehst und ihn dabei so toll unterstützen kannst, im Mai wieder in die Selbständigkeit entlassen zu werden.
Rosetta: Die coolste Igel-Story ever und sowas von Tag-aufheiternd. Danke!
Anita: Herrlich! Du bist ein prima Igelpapa! Lass ihn doch abends ein paar Stunden frei herumlaufen, falls er doch wieder Bewegungsdrang zeigt. Es spricht ja kaum was dagegen. Mein Herr/ eigentlich Frau Nigel liebte das.
Daniela: Ich bin erleichtert, dass er keine Warmflasche braucht (darauf wäre ich zuerst gekommen).
Billo: Da las ich eher Empfehlungen dagegen, jedenfalls auf Dauer… Kann mich an die Begründung nicht mehr erinnern, nur an die Nichtempfehlung.
Charlotte: Was mir so gut gefällt, ist, wie du nach Antworten suchst, Fachmeinungen einholst und intuitiv zu Lösungen findest. Weiterhin viel Glück für Moritzli.
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