
Was haben wir im Deutschen doch für ein schönes, klares Wort dafür! En deux, a pezzi, en dos, em dois – nein: entzwei und gut ist. Oder meinetwegen atwain oder asunder, doch gilt beides als etwas veraltet.
Auch wenn Deutsch nicht die schönste Sprache ist – nach meinem Wissensstand ist das Italienisch –, ist es doch die Sprache, in der sich Gedanken mit grosser Klarheit und ohne Schnörkel fassen lassen; es war nicht von ungefähr bis zum Siegeszug des Englischen eine führende Sprache in der Wissenschaft.
Entzwei, also. Den Teller hab ich vor etwa fünfundzwanzig Jahren in der ehemaligen Backstube im Keller des Hauses an der St. Galler Tschudistrasse gefunden, wo wir damals wohnten. Drei Teller gleicher Art waren es, deren schlichte Anmut mich angesprochen hatte und auf denen ich seither, an wechselnden Wohnorten, ungezählte Frühstücke zelebrierte. Einer zerbarst vor geraumer Zeit nach dem Fall auf den Küchenboden. Jetzt bleibt mir nur noch einer, der heil ist; ich beherrsche die japanische Kunst des Porzellanflickens nicht. Welchen Teller setz ich nun Gästen zum Frühstück vor? Das feine alte Geschirr meiner Mutter hab ich mich bisher nur selten aus dem Schrank zu holen getraut; es könnte ja zerbrechen…
Entzwei: so viele Beziehungen, so mancher Traum; sie liegen alle fein behütet in meiner Erinnerung, ungekittet, mit Bruchkanten, die noch leise schmerzen, bevor ich sie sorgsam zurücklege und mich wieder dem zuwende, was ist. Und es ist viel und gut.
Noch kann ich den Teller nicht wegwerfen.
Zuerst publiziert am 11.06.2023 auf Facebook.
Inzwischen sind die zwei Teile längst im Restmüll gelandet, weil ich keinen Hintergrund finden konnte, der so gut gepasst hätte wie der alte Garten-, jetzt Küchentisch im Bild. Die Erinnerung bleibt.
Reaktionen auf Facebook (2023):
Nora: Und ich empfehle dir, Gäste mit dem feinen alten Geschirr der Mutter zu beglücken, solange das noch möglich ist: Welchen Zweck sollte es sonst haben – den einer musealen Devotionalie? Dass es zerbrechen, entzweigehen könnte, wirst du wohl in Kauf nehmen müssen. Denn wie du selbst schreibst: So vieles geht entzwei, n‘est ce pas?
Christian: Sekundenkleber! Ich geniesse Essen seit Jahren aus mehreren geleimten Prachtstücken.
Andrea: Eben… Kintsugi. Selber machen ganz einfach.
Herta: Schlicht und einfach schön. Trotzdem würde ich jetzt das für spezielle Gelegenheiten reservierte Geschirr für den Alltag hervorholen und einfach jeden Tag ein wenig Sonntag zelebrieren.
Susanne: Sehr schöne Erinnerung und schöne Teller! Geht mir übrigens auch so. Wobei ich nie neues Geschirr hatte: alles aus verschiedenes Händen geerbt. Die feinsten, dünnste japanische Moccatässchen, dünne Gläser, sie könnten ja zerbrechen – so liess ich sie im Buffet. Jetzt, am Vorabend meines Lebens, präsentiere ich sie meinen seltenen Besuchern.
Rosi: Geht mir auch so. Ich verwende jetzt solche liebgewonnenen Hälften als Blumenbeeteinfassungen.
Agnes: Wie war das noch mit dem eins und zwei? https://de.wikipedia.org/wiki/Gingo_biloba
Jeanine: Liebe Grüsse. Ein Werk von mir. Circa ein Jahr alt.

Thomas: Ich hab auch noch so einen, der Rand schon ein bisschen blasser.
Urs: Angeblich ist Deutsch die Sprache, in der man sich – aufgrund des grossen Wortschatzes – am präzisesten ausdrücken kann.
Billo: Der Wortschatz ist meines Wissens bei allen westeuropäischen Sprachen in etwa gleich gross – ausser jener des Englischen, der erheblich umfangreicher ist, vielleicht zum Ausgleich für dessen rudimentäre Grammatik.
Fritz: Deine Gedanken und Erlebnisse kenne ich auch.
Arno: Dieser Teller mit Kintsugi-Technik repariert, Baumlack (Urushi) und Pudergold ist nachher viel schöner und wertvoller als vorher.
Billo: Es geht eben hier gerade nicht ums Flicken, Arno…
Doris: Überhaupt nicht wegwerfen. So geht es uns mit einem uralten Römertopf, den wir verwenden, um unser Brot zu lagern. Neulich ging das obere Teil kaputt. Oh weh. Aber nur in zwei. Vielleicht benutzt du an einem Tag die eine Hälfte dieses Tellers und am nächsten die zweite.
Billo: Der entzweite Teller wird wohl eher als ready-made an einer meiner Wände hängen (Tip von Jeanne) denn im Abfall landen…
Daniela: Ich verstehe den Schmerz. Der Teller war wunderschön. Und ich verstehe dein Zögern, die Scherben wegzuwerfen. Denn er ist immer noch wunderschön. Schlicht. Elegant. Nobel und doch bescheiden. Mein Beileid.
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