
Nachdem die ÖBB die Bahnverbindung von Graz nach Westen Jahr um Jahr ausdünnen und die zweitgrösste Stadt Österreichs zunehmend an den Tropf aus Wien hängen, dürfte erwartet werden, dass wenigstens in dieser Intensivstation seriös gearbeitet werde. Leider nein; den Patienten, pardon: den Passagieren, die partout nach Graz reisen wollen, werden in Wien sportliche Höchstleistungen abverlangt, die keiner der ÖBB-Bosse je erbringen könnte. Oder Sie, Herr Kern? Die Wette gilt!
Hintergrund siehe auch hier
Einladung zu einer Wette
ÖBB-Holding AG
Herr Mag. Christian Kern
Vorstandsvorsitzender
Wienerbergstraße 11
1100 Wien
Graz, 21.12.2011
Sehr geehrter Herr Kern!
Seit gut zwei Jahren pendle ich zwischen Winterthur und Graz, mindestens einmal monatlich hin und zurück. Ich hab noch den direkten Zug Graz–Bregenz erlebt, danach die mühsame Umsteigerei in Salzburg und neuerdings die Streichung fast aller direkten Verbindungen zwischen Graz und dem Westen.
Vergangenen Samstag hatte ich das Vergnügen, noch Tickets für eine einzige halbwegs zumutbare Verbindung aus der Schweiz nach Graz zu ergattern, mit Umstiegen in Bregenz, Feldkirch, Salzburg und Wien. Ich hatte bereits beim Studium des wegen Sparschiene verbindlichen Fahrplans meine Zweifel, aber sportlich stellte ich mich der Herausforderung: Wien Westbahnhof an 18:44, U6 ab 18:51. Zu meiner Erleichterung traf der RailJet pünktlich ein, es blieben mir also 7 Minuten – innerhalb welcher ich mich bis zum Abgang zur U-Bahn voranzuschieben vermochte… Selbst wenn ich es bis zum Fahrkartenautomat geschafft hätte, wär ich spätestens dort an der Traube der Menschen hängen geblieben, die ebenfalls nicht als Schwarzfahrer ertappt zu werden gedachten. Sogar bei unbehindertem Lösen eines Tickets wär fraglich geblieben, ob ich die U6 um 18:51 erreichen würde – und die nächste hätte mir nichts genützt, denn sie wäre noch später als 18:57 in Wien Meidling eingetroffen, so dass ich den IC um 19:02 nach Graz eh verpasst hätte.
Ich weiss nicht, an wessen bequemem Schreibtisch die hirnverbrannte Idee dieses Umstiegs im Westbahnhof entstanden ist. Ich weiss nur: er ist keinesfalls zu schaffen. Darum setze ich eine Erlebnisfahrt Graz-Winterthur-Graz 2. Klasse als Preis aus und wette mit Ihnen, dass Sie diesen Umstieg ebenfalls nicht schaffen werden. Ich gewähre Ihnen gerne Ihre Vorteile an geringerem Alter und besserer Ortskenntnis, besteh aber auf folgenden Regeln:
- Reisegepäck bestehend aus einem Rollkoffer (15 kg), Laptoptasche (5 kg) und Tasche (2 kg);
- kein Anrempeln von Personen, auch wenn die auf dem Bahnsteig und in der Bahnhofshalle zahlreich und überall im Weg stehen;
- Ticket für die U-Bahn muss während des Umstiegs am Automaten gelöst werden.
Ich würde mich freuen, wenn Sie die Wette gewännen und ich Ihnen auf der Erlebnisfahrt dann dies und jenes zeigen dürfte. Doch ich verstehe natürlich, wenn Sie keine Lust auf diese Wette haben, und schlage Ihnen für diesen Fall gern eine einfachere Lösung vor: Lassen Sie doch den RailJet nicht im Westbahnhof enden, sondern führen Sie ihn zügig bis Meidling weiter, damit dort der IC nach Graz noch erreicht werden kann; oder führen Sie den IC nach Graz ab Westbahnhof. So vermeiden Sie, dass Ihre Kundschaft sich zwischen zwei Wiener Bahnhöfen abhetzen und am Ende doch auf den übernächsten Zug nach Graz warten muss.
Sehr geehrter Herr Kern, es ist mir absolut bewusst, dass Sie vor anderthalb Jahren ein Erbe angetreten haben, welches von Politik und früheren Bahnchefs jahrzehntelang verscherbelt statt gepflegt worden ist. Völlig klar, dass da nicht plötzlich alles wieder rund laufen kann. Und angesichts mangelnder Mittel kann niemand erwarten, dass Sie Graz und der Steiermark Verbindungen bereitstellen, für welche deren Regierungen nicht einmal halbherzig kämpfen (von der Bundesregierung ganz zu schweigen, die betrachtet Graz eh nur als entlegenen Vorort von Wien). Ich hoffe einzig, Ihr Interesse für ein paar Verbesserungen geweckt zu haben, welche auch ohne Politiker umsetzbar sind.
Beste Wünsche zum Jahreswechsel und freundliche Grüsse
Billo Heinzpeter Studer
Nachtrag 03.01.2012
Sehr geehrter Herr Kern!
Diesmal ist mir gar nicht mehr nach Wette zumute. Bei der Bestellung einer neuen Vorteilscard wurde mir eben am Schalter beschieden, es könne zwei Monate dauern, bis sie mir zugestellt werde. Wegen Wechsel des Kartenherstellers, schob die Dame rasch nach, als sie der Hebung meiner Augenbraue gewahr wurde. Es hat schon vor zwei Jahren geschlagene vier Woche gedauert, damals ohne Ausrede. Ein technisch sicher anforderungsreicherer biometrischer Pass hingegen wird selbst in Österreich innert 5 Tagen ausgestellt! Offensichtlich hat man bei den ÖBB nicht einmal die rudimentärsten bürokratischen Abläufe im Griff. Ja, wie soll denn in Ihrem Hause ein vernünftiger Fahrplan entstehen?
Eben erhalte ich den ÖBB-Vorteilscard-Newsletter und lese: «Wir haben natürlich auch ein optimales Fahrplanangebot nach Graz, Klagenfurt, Villach, Wr. Neustadt und vielen weiteren Destinationen. Unser Fahrplan im Nah- und Fernverkehr ist optimal vertaktet. Damit bieten wir Reisenden perfekte Anschlussmöglichkeiten.»
Das mag aus beschränkter Wiener Optik sogar stimmen. Fürs ganze Land stimmt es freilich nicht, wie ich Ihnen am 21. Dezember dargelegt hab. Im Ernst, manchmal frag ich mich, ob die südlichen und westlichen Bundesländer bei vergleichbarer Behandlung damals für den Verbleib bei Österreich votiert hätten…
Unverändert gute Wünsche für 2012 und freundliche Grüsse
Billo Heinzpeter Studer
Antwort von Christian Kern, 01.02.2012
Sehr geehrter Herr Studer!
Ich bedanke mich für Ihr Interesse an den ÖBB und entschuldige mich für die längere Bearbeitungsdauer Ihres Schreibens.
Wie Sie sicher diversen Medienberichten entnehmen konnten, befinden sich die Arbeiten am neuen Wiener Hauptbahnhof in der finalen Phase. Die Fertigstellung und Inbetriebnahme wird schon in naher Zukunft zu vielen Verbesserungen für unsere KundInnen führen. So wird es uns möglich sein, den Fernverkehr in Wien-Meidling bzw. Wien-Hauptbahnhof zu bündeln und damit die von uns und Ihnen gewünschten, unmittelbaren Umsteigemöglichkeiten zwischen Westbahn und Südbahn herzustellen.
Leider bestehen aufgrund der infrastrukturellen Gegebenheiten derzeit diese Optionen nicht, da uns aufgrund der Dichte des Zugangebots in der Wiener Kernzone nicht die erforderlichen Trassen zur Verfügung stehen, um lückenlose Anschlüsse zwischen der Westbahn- und der Südbahnstrecke gewährleisten zu können. Doch planen wir weitere Innovationen für unsere Fahrgäste. So werden wir schrittweise den Zweistundentakt auf der Strecke von Wien über Salzburg nach Zürich komplettieren.
Zu ihrer Kritik am Fahrplan zwischen Graz und Salzburg kann ich Ihnen mitteilen, dass wir kontinuierliche Fahrgasterhebungen über die Auslastung durchführen. Die ÖBB-Personenverkehr AG ist als wirtschaftlich zu führendes Unternehmen verpflichtet, bei der Verkehrsplanung und Angebotserstellung so vorzugehen, dass Verluste vermieden werden. Dies bedeutet auch, dass Verbindungen, die wirtschaftlich ein sehr schlechtes Ergebnis bringen, nicht mehr weiter gefahren werden können. Von Änderungen betroffen sind hauptsächlich jene Nah- und Fernverkehrszüge, die über besonders niedrige Auslastung verfügen und für die keine entsprechende Leistungsbestellung durch die Gebietskörperschaften vorliegt.
Aufgrund der geringen Auslastung zwischen Graz und Salzburg sind Anpassungen im Fahrplan 2012 erforderlich. Jene sechs Direktzüge pro Tag, die bereits über das Grundangebot gesichert sind, fahren auf jeden Fall weiterhin. Im Gesprächen haben sich die ÖBB mit den Bundesländern und Steiermark und Salzburg für das Fahrplan Jahr 2012/13 auf ein Modell geeinigt, das attraktive Zusatzleistungen zur Verbesserung des ohnehin bereits gesicherten Grundangebotes zwischen Salzburg und Graz bringt.
Ich bedanke mich für Ihre Anregungen und wünsche Ihnen weiterhin gute Fahrt mit den Zügen der ÖBB.
Mit freundlichen Grüssen
Christian Kern
Nachtrag 10.06.2012:
Herr Kern, nehmen Sie den Hut!
Sehr geehrter Herr Kern
Seit zweieinhalb Jahren fahre ich mehrmals monatlich mit der Bahn aus der Schweiz nach Graz und zurück. Was ich in dieser Zeit beobachtet hab, spottet jeder halbwegs vernünftigen Bahnpolitik. Genauer: Es ist das Bild einer mutwilligen Demontage der Bahn.
Ein «Schnellzug» von Salzburg nach Graz, zusammengestellt aus angegrautem Rollmaterial ohne jeden Fernreise-Komfort, das allenfalls für kürzere Vorortsstrecken taugen mag, kann ja nicht Stand der Dinge für eine vierstündige Reise sein. Und täglich nur zwei Verbindungen zwischen diesen beiden Landeshauptstädten, teils gar mit Umsteigen, kann nicht Ihr Ernst sein! Wer den von Ihnen weiter vorangetriebenen Abbau der Bahnverbindungen von Graz, der zweitgrössten Stadt Österreichs, konsequent weiterdenkt, kommt zum Schluss: Sie wollen offenbar, dass Graz mit dem Westen nur noch via Wien verbunden sein wird – oder anders gesagt: dass mit dem Auto fährt, wer westwärts muss…
Kommen Sie endlich von Ihrer Wiener RailJet-Fixiertheit herunter! Es gibt auch weniger lange, weniger teure und weniger schwere Züge, mit welchen sich Passagiere für ein paar Stunden angenehm transportiert fühlen würden. Züge mit Barwagen, Federung, Steckdosen an den Plätzen, Bord-WLAN und Ruheabteilen sind Standard, wenn die Bahn auf solchen Strecken gegen ihre Konkurrenz bestehen will.
Und es müssen ja nicht um jeden Preis die schweren Normalspurtrassen sein. Die bestehende Trasse Salzburg-Graz ist offensichtlich mit vernünftigen Kosten niemals dazu zu bringen, die lediglich xxx Kilometer lange Strecke in einer für Schnellzüge akzeptablen Zeit von unter zwei Stunden zurückzulegen. Dies aber ist die Latte, die Sie unterschreiten müssen, um der Strasse den Verkehr wegzunehmen. Das geht nur mir einem Neubau, der mit einem kompletten Umdenken in den Köpfen der alten Bahnfürsten (oder mit deren Wegdenken) möglich ist: mit einer Hänge- oder Gleitbahn auf einer rasch und günstig erstellbaren Einspur-Betontrasse. Verbunden mit einem neuen, flexiblen Konzept der Zugskomposition aus beliebig vielen Wagen, je nach Passagieraufkommen. Um dies planen zu können, stellen Sie das bisherige Buchungssystem auf den Kopf: Wer bis einen Tag vor der Fahrt bucht, erhält Rabatt und eine Reservation, die er beim Betreten des Wagens jederzeit mit einem andern freien Platz tauschen kann, der ihm besser zusagt – die Reservation wird automatisch geändert. Auf der Zahl der Buchungen basiert die Komposition, wer am Tag der Fahrt ein Ticket kauft, bezahlt Aufschlag und riskiert, keinen passenden Sitzplatz zu ergattern.
Vielleicht wissen Sie dies alles ja nicht; dann wären Sie allerdings am falschen Platz. Oder vielleicht wissen Sie’s, setzen es aber nicht durch. Dann ebenfalls.
Wie? Sie möchten es durchsetzen, aber man hindert Sie daran? Das hab ich mir auch gedacht. Da kann ich Ihnen nur dringend raten, das marode Unternehmen mit lautem Getöse zu verlassen. Erstens im eignen Interesse, damit das üble Ende nicht an Ihnen hängen bleibt – noch tragen Sie einen klingenden Namen und können ihn anderswo versilbern. Und zweitens im Interesse der Bahn, der höchstens ein sehr mutiger und sehr öffentlichkeitswirksamer Schritt des Chefs noch helfen kann, endlich die Aufmerksamkeit und die Notinvestitionen der Nation zu erhalten, wie sie der maroden nationalen Fluggesellschaft zuteil wurden.
In diesem Sinne, sehr geehrter Herr Kern: nehmen Sie den Hut, aber so laut wie möglich!
Nachtrag 24.12.2025
Vier Jahre später hat Christian Kern tatsächlich den Hut genommen, und nicht eben leise: Im Mai 2016 wurde er als Nachfolger des zurückgetretenen Werner Faymann Parteichef der SPÖ und Bundeskanzler der Republik Österreich, Nach der Wahlniederlage der SPÖ im Oktober 2017 gegen die vom kurzzeitigen Überflieger Sebastian Kurz geführte ÖVP und dessen Koalition mit der FPÖ endete Kerns Kanzleramt Ende 2017, ein Jahr später gab er auch den Fraktionsvorsitz im Nationalrat auf und wurde wieder Manager im Tech- und Bahnbereich.
Die ÖBB haben sich inzwischen sehr verbessert und wurden im Nachtzugbereich europaweit führend. Inwieweit das auch ein Resultat von Kerns sechsjährigem Wirken an der Bahnspitze ist, lässt sich im Nachhinein schwer beurteilen. Noch schwerer, ob meine Philippika (auch hier) ein klein wenig zu den Verbesserungen beigetragen haben mag.
Kommentare, Fragen
bitte an mich senden an, samt der Angabe, ob ich den Kommentar hier unter deinem Namen veröffentlichen darf.