Meine Bemerkungen unlängst über die hiesige Spitalkost scheinen bei vorbelasteten Leserinnen Bilder von Schlangenfrass provoziert zu haben. Das tut mir leid; ganz so übel ist es denn doch nicht. Es gibt sogar hin und wieder positive Überraschungen auf dem Tablett, das mir mittags und abends auf den Tisch beim Fenster gestellt wird.
Ob ich mir denn nicht von Freunden Mahlzeiten ins Spital bringen lassen könnte? Auch mein Lieblingsarzt hier hat mir das vorgeschlagen, als ich vor sechs Tagen endlich Normalkost essen durfte. Abgesehen davon, dass dem in meinem Fall ein paar Hindernisse entgegenstehen: Ich zweifle, dass dies der richtige Weg wäre. Denn so würde die Dreiklassenmedizin nur noch gefördert: Oben die vermögenden Privatversicherten, hier der grosse Rest und darunter jene, die noch nicht ganz durch das soziale Netz gefallen sind und keine Freunde haben, die es auf sich nähmen, was Feines herzubringen, oder sich ein Catering nicht leisten könnten. Auch darum gehört genesungsfördernde Kost zu den Kernaufgaben eines Spitals.
Heute bin ich schon drei Wochen im Spital. Und ich bin sehr froh, hatte ich bei meiner Hausärztin darauf bestanden, im Spital von Gorizia aufgenommen zu werden, und nicht etwa in Monfalcone, war noch immer mein steuerlicher Wohnsitz liegt. Das menschliche Klima in Gorizia sei einfach deutlich angenehmer, sagte ich, vielleicht, weil die Struktur nicht zu gross und unübersichtlich sei. Monfalcone ist eben eine Industriestadt, sagte sie. Verdienen denn verletzte oder erkrankte Arbeiter weniger Zuwendung? Vielleicht vor allem jene, die aus mehr oder weniger fernen Ländern stammen? Bei 20 Prozent liegt der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung, fast so hoch wie in der Schweiz, dreimal so hoch wie im italienischen Durchschnitt, und die lokale Politik tut sich schwer damit, populistisch geifernd die Rechte, Probleme negierend die Linke.
Nach halb sechs Uhr früh beginnt der Betrieb zu brummen. Da in italienischen Spitälern die Zimmertüren meist offen stehen, kriege ich alles mit: die Pflegerinnen, die von Bett zu Bett eilen, um Temperatur, Blutdruck und Sauerstoffsättigung zu messen, und die ersten Patienten, die wach werden und zu schwatzen beginnen. ¨
Was für ein feiner Film, was für schön sich einprägende Bilder, wie viel Mitmenschlichkeit in einer Zeit, in der wir sie weniger vermutet hätten als heute, wo’s doch jetzt schon schlimm genug ist…
Videostill aus dem Film
Werner Herzogs frühen Film über die Geschichte von Kasper Hauser hab ich damals 1974 verpasst und danach vergessen; dank Veit Stauffers Hinweis hab ich ihn jetzt endlich gesehen und bin sehr begeistert vom Spiel, der Darstellung und immer wieder von den Bildern. Die spanischen Untertitel – gesprochen wird Deutsch – in der einzigen in voller Länge auf YouTube verfügbaren Version vermögen den gewaltigen Eindruck nicht zu schmälern.
Es gibt Tage wie heute, an denen ich mich nicht rasiere, manchmal mit Absicht und manchmal einfach so, wie ich mir einbilde – obwohl ich es doch besser weiss: Ich fürchte vernichtende Kritik an meinem Unvermögen, die Stoppeln so akkurat zu stutzen, dass selbst die zarteste Hand keinen Widerstand spüren könnte, würde sie mich denn streicheln wollen.
So also sah das aus in meiner Blase, wie ein kleines rosafarbenes Algenbällchen. So zeigte es mir der Urologe, den ich im November für eine Zweitmeinung in Zürich konsultiert hatte, bevor ich dem Eingriff in Italien zustimmen mochte, während der Blasenspiegelung und meinte dann trocken: Es handelt sich um Krebs; aber Sie haben Glück, dass er so früh erkannt wurde.
Ich kann mich an kein Buch über eine Fischart erinnern, das mich je derart berührt und begeistert hat. Das «Evangelium» im Titel mag zunächst irreführen. Was der schwedische Kulturjournalist Patrik Svensson auf 253 Seiten ausbreitet, ist randvoll von wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Lebenszyklus dieser Fische, die in der fernen Sargassosee östlich von Florida als kleine Larven an der Oberfläche auftauchen, sich von den Strömungen an die europäische Küste treiben lassen, als junge Glasaale in die Flüsse aufsteigen und dort in Gewässern oft viele Jahre lang im Verborgenen leben, bis sie eines Tages den Drang verspüren, die weite und beschwerliche Reise zurück an ihren Ursprungsort auf sich zu nehmen, um sich dort zu paaren und zu sterben.(mehr …)
Die ökonomischen Argumente des Schweizer Biobauern-Verbands «Bio Suisse» gegen die Trinkwasser-Initiative haben einen wahren Kern: Der vorwiegend industriell organisierte Absatzmarkt würde gerne Bio in grösserer Menge und Vielfalt anbieten, aber bei tendenziell sinkenden Produzentenpreisen, während die Margen für Migros, Coop usw. tendenziell weiter steigen.
Ich hab den geschleckten Typen und ihren Versprechungen schon immer misstraut. Heut hab ich wieder mal hautnah erlebt, wie gut mein Riecher damals war. Mehr Wettbewerb, weniger Bürokratie? Im Gegenteil!
Die Weltbevölkerung wächst weiter. Die landwirtschaftlichen nutzbaren Flächen nehmen weiter ab. Sorgsamer Umgang mit dem Agrarland wäre angesagt. Doch reiche Länder wie China lösen ihr Nahrungsproblem im Weltsüden…
Schulstreik gegen den Klimawandel am 15. März 2019 in Bad Mergentheim(Holger Uwe Schmitt / Wikimedia)
Wenn Kritik an den Aussagen der überwiegenden Mehrheit der Klimaforscher, dann bitte aus berufenem Mund und mit seriöser wissenschaftlicher Argumentation. Ein gutes Beispiel hierfür ist ein 2010 gehaltener Vortrag [2] des ehemaligen Leiters des Instituts für Meteorologie an der Freien Universität Berlin, Prof. Horst Malberg. Die 33 Minuten Zuhören sind gut investiert, weil sie das kritische Denken fördern.
Ursprünglich publiziert am 11.03.2021 auf Facebook
Frauen in einem abgelegenen Fischerdorf im Süden des Senegals, die sich auf die Aussicht freuten, dank der Zusammenarbeit mit fair-fish einen Zugang zum europäischen Markt und damit ein besseres Einkommen zu bekommen. Das Projekt ist leider gescheitert. (Foto: Billo Studer, 2006)
Tamara Funiciello, die Präsidentin der Schweizer Jusos, deren klare Haltung und pointierte Stellungnahmen ich schätze, schrieb kürzlich in einer Kolumne über unbezahlte Tätigkeiten von Frauen einen Satz, der mich hellhörig gemacht hat: «Die sogenannte unbezahlte Sorgearbeit (eben das Putzen, das Kindergrossziehen etc.), die heute vor allem von Frauen geleistet wird, muss rentenbildend werden.»
Irgendwer hatte mir während einer Diskussion zugeraunt: Übrigens BLAU, dieses Buch würde Dir sehr gefallen, und aus dem Zusammenhang heraus ging ich von einem Buch übers Meer aus, denn was könnte überwältigender blau sein als das Meer? Und was könne mich mehr interessieren als alles, was mit der Lebenswelt von Fischen zu tun hat? Also bestellte ich mir das Buch, out of the blue sozusagen, und entnahm bald darauf einem Paket ein seltsames Ding, weder Blau noch Violett, jedenfalls für mich nicht, eher eine Beleidigung für meinen Farbsinn im allgemeinen noch gar für Blau, eine meiner Lieblingsfarben.
Dieser Spielfilm von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1960 erzählt die an sich beliebige und insofern völlig uninteressante Geschichte eines Liebesabenteuers in der jungen Generation der italienischen Bourgeoisie zur Zeit des industriellen Wiederaufschwungs nach dem zweiten Weltkrieg. Wie auch in anderen seiner Filme zeichnet Antonioni ein schonungsloses Bild der inneren Orientierungslosigkeit vor einer modern-kalten Kulisse scheinbaren Fortschritts – so später vor allem in «L’Eclisse» (1962), der die «Trilogie der Kontaktunfähigkeit» abschliesst, zu der «La Notte» (1961) sowie eben «L’Avventura» gehören, und in «Deserto Rosso» (1964), alle drei mit der unvergleichlichen Monica Vitti in Hauptrollen.
Muss man als Linker tolerant sein gegenüber der Verschleierung von eingewanderten muslimischen Frauen, weil die Rechten dagegen hetzen? Eine lokale Betrachtung.
Sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen gehört seit langem zu meinen beliebten Wortwendungen. Als Bub verschlang ich die legendären Geschichten von oder über Münchhausen; dieses eine Bild hat sich mir früh eingeprägt, viel nachhaltiger als etwa des Edelmanns filmreifer Ritt auf der Kanonenkugel: Mit der Kraft des eigenen Willens kann es also möglich sein, einer ausweglosen Situation zu entkommen, wenn auch kaum so plakativ wie der Lügenbaron.
Mehr wusste ich nicht über diese wohl (selbst-) erfundene Figur, bis ich von Tina Breckwoldts Buch hörte. (mehr …)
Das beschauliche Konstanz am Bodensee, in grauer Vorzeit Austragungsort eines Jahre dauernden Konzils, von dessen ganz unkatholischen Verlustierungen ein frivoles Kunstwerk am Hafen zeugt, wird aus heiterem Himmel zum Schauplatz der Apokalypse. Dabei schien alles so wohlvorbereitet für eine grosse Kundgebung der Klimajugend in der Universitätsstadt, mit einer Ansprache der deutschen Greta als Höhepunkt. Den aber setzten finstere Kräfte: Schwerbewaffnete Rechtsextreme, die unvermutet aus ihren Verstecken auf den Plan traten mit der Absicht, den Anlass zu zerstören und die mediale Wirkung für ihre brutale Botschaft zu nutzen. (mehr …)
Niemand kann alles lesen, kaum ist es erschienen. Darum sind Bücher eine wahre Rettung – ich kann sie auch viel später lesen, wenn sie zum Klassiker geworden sind, so wie Alex Capus’ Roman «Léon und Louise», auf den ich erst Jahre nach dessen Erstauflage zufällig aufmerksam geworden bin. Was der Autor hier ausbreitet, ist ein über die beiden Weltkriege hin angelegter Bilderbogen, der die Schrecknisse und Wirrnisse aus der Perspektive eines Manns und einer Frau schildert, die sich jung verlieben und aller erzwungenen Trennungen und persönlichen Verstrickungen zum Trotz bis ans Ende ihres Lebens nie verlieren.
Der Buchtitel ist etwas reisserisch, der scheinbar alles Essbare umfassende Untertitel gar irreführend – es geht in Krieners Magenbetrachtungen «nur» um Fleisch und Fisch sowie um deren künstliche Alternativen, als Zugabe zudem um Zucker und Wein. Gemüse, Obst und Getreide – alles nur Beilagen zu toten Tieren? – werden bestenfalls in Nebensätzen erwähnt, vor allem in den Kapiteln, die sich erfrischend kritisch mit Bio-Siegeln und Superfood auseinandersetzen.