
Fast drei Wochen lang hatte ich mich nicht mehr mit der Politik in Italien befasst, vor ein paar Tagen las ich zum erstenmal wieder mein Leibblatt «Il Piccolo» und stellte fest: So wenig ich der politica a Roma fehlte, so wenig fehlte sie mir – alles immer die gleiche Mühle.
Heute nun hat es der Florentiner Stadtpräsident und Chef der Linkspartei (PD), Matteo Renzi, im Direktorium des Partito Democratico geschafft, dem amtierenden PD–Ministerpräsidenten Enrico Letta das Handtuch zu werfen. Renzi wird neuer Regierungschef.
Also endlich Bewegung in Italien? Weit gefehlt! Es wird alles nur noch schlimmer. Das alte italienische Karussell dreht sich einfach noch etwas schneller.
Was auch immer Renzi inhaltlich versprechen mag: Es ist heute schon klar, dass er sein Programm nicht wird umsetzen können. Er hat sein neues Amt nicht durch Vereinigung der Kräfte erreicht, sondern durch Finten, Starke–Mann–Spiele, Spaltungsmanöver und Lügen. Eine starke Einheit mit Letta hatte er noch vor kurzem versprochen und fotogen per Handdruck besiegelt – spätestens heute wissen alle, die nicht rasch vergessen, was davon zu halten war.
Grossmäulige Obermacker
Povera Italia! Das Land kommt nicht los von seinem Drama der Obermacker, die meinen, sie wüssten, wie man regieren müsse. Es ist, als hätte das Land seine diktatorischen Zeiten aus dem alten Rom, aus der Königszeit und aus der faschistischen Ära bis heute nicht überwunden. Noch immer wird den «Grossen Mäulern» gehuldigt, einem Berlusconi, einem Grillo – und nun muss sogar der Partito Democratico diese üble Mode mitmachen.
Dabei ist dieser Renzi, der stets das Maul aufreisst, anstatt sich um sein gut bezahltes Bürgermeisteramt zu kümmern, und der seit zwei Jahren als alles niederreissender Neumacher («rottamatore») allen in der Partei an den Karren fuhr, die ihm im Weg standen, einfach nur lächerlich. Genau so lächerlich wie Berlusconi oder Grillo, die viel Wind machen, aber in der Realität gar nichts bewegen für die Menschen in diesem Land. [2]
Die Zerlegung des Partito Democratico
Natürlich gibt es auch in Italien Politiker, die einigermassen brav und zuverlässig der Aufgabe nachgehen, für die sie gewählt wurden, wie ein Letta, wie sein bürgerlicher Vize Angelino Alfano, wie der greise Staatspräsident Giorgio Napolitano, der nochmals in die Hosen stieg, als die Parteien sich nicht auf seinen Nachfolger einigen konnten. In der Tragikomödie, zu welcher die Politik in Italien von Politikern, Medien und Wählern gemacht worden ist, wirken diese braven Amtsinhaber geradezu langweilig. Umso eher sind sie das Opfer von fantasielosen Journalisten und vor allem von machtgeilen Grossmäulern à la Renzi.
Für Italien ist die neuste Drehung des Karussells eine Vertiefung der Katastrophe; für den Partito Democratico dürfte sie der Anfang vom Ende sein. Freuen können sich einzig die beiden Clowns Berlusconi und Grillo, deren Aktien tendenziell steigen dürften. Zurück bleiben Wählerenen [3], die bei der nächsten Runde überhaupt nicht mehr wissen, wem sie denn noch ihr Vertrauen und ihre Stimme schenken sollen, damit das Theater endlich ein Ende hat.
Dass sogar grosse Teile der Parteilinken unter Führung des Renzi–Rivalen Gianni Cuperlo für die «Absetzung» von Letta gestimmt haben, zeigt den desolaten Zustand dieser Partei: keine Vision, keine innere Kraft mehr.
Come mai può uno della sinistra del PD votare si per il colpo di mano di uno dello stesso partito che infatti dovrebbe occuparsi della sua carica di sindaco ma invece fà tutto per impedire un altro del PD a governare nel solo intento di diventare lui stesso presidente del governo? Gianni, mi hai deluso una volta per sempre.
Die Linke innerhalb des PD ist enttäuscht vom Kniefall vor Renzi und von der Haltung Cuperlos [4].
«Es gibt einen Mörder, doch es fehlt das Motiv», kommentierte «Il Fatto Quotidiano» Renzis Handstreich [5].
Zuerst publiziert am 13.02.2014 auf Facebook, leicht redigiert am 09.02.2026
Quellen:
[1] «Repubblica», 13.02.2013: «Il Pd ‚licenzia‘ Letta, domani le dimissioni.» (Link deaktiviert)
[2] siehe dazu auch: «Rettet der „starke Mann“ Italien? Europa gar?»
[3] neutrale Form für Wählerinnen und Wähler, siehe https://blog.billo.ch/archiv/2250
[4] https://www.facebook.com/giannicuperlo/posts/231401226984128?stream_ref=10
[5] http://www.ilfattoquotidiano.it/2014/02/13/direzione-pd-renzi-seppellisce-letta-il-premier-domani-mi-dimetto/879427/
Reaktionen auf Facebook (2014):
Antonella: Ich bin in Grunde genommen mit dir einverstanden, aber ich bezweifle, dass du wirklich Angelino Alfano loben willst, der mit Mafia-Bossen befreundet war oder neuerdings in Namen von wirtschaftlichen Interessen Gefallen an Kazachstan’s Quasi-Diktator Nasarbajew machte.
Billo: «Brav» ist immer relativ; bei Alfano verglichen mit dem viel weniger braven Berlusconi…
Antonella: Verglichen mit Berlusconi weist sogar die Beulenpest positive Züge auf 😉
A propos: Die “alfaniani“ möchten jetzt das Ministero per le pari opportunità, um ihr traditionelles Bild der Familien zu verbreiten. Wenn es so wäre, tschüss Gleichstellung!
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