Schluss mit dem Verhäkseln von männlichen Legeküken

Legehennen mit erwachsenem Hahn auf einem KAGfreiland-Hof, vorn im frei zugänglichen gedeckten Auslaufbereich, hinten im Stall; die Weide ist hier nicht abgebildet. (Foto: Billo Heinzpeter Studer)

Leghennen wurden auf hohe Eierleistung gezüchtet, darum bleibt die Fleischleistung der männlichen Küken so bescheiden, dass sie gleich am ersten Lebenstag aussortiert und zu Tierfutter verhäkselt werden. Alle paar Jahre führt diese industrielle Rücksichtslosigkeit zu Protesten. Ende der 1980er Jahren wollten wir von KAGfreiland mehr tun als nur protestieren. So entstand das Projekt «Zweinutzungshuhn», das mit Zuchtlinien von Legehennen arbeitet, deren Legeleistung etwas kleiner, aber wirtschaftlich akzeptabel ist, bei gleichzeitig verbesserter Fleischleistung der Junghähne. Nach 40 Jahren hat sich das anfänglich belächelte Projekt durchgesetzt: die Schweizer Hühnerhalter verzichten auf das Töten der männlichen Küken.

Worauf sich die Schweizer Eierproduzenten geeinigt haben, ist allerdings nicht die Mast der Brüder der Legehennen. Nachdem jahrzehntelang verschiedene Wege geprüft worden waren, wie die Geburt der nicht gewünschten männlichen Küken verhindert werden könnte, hat sich die Branche dafür entschieden, das Geschlecht der Eibewohner etwa in der Hälfte der Brutzeit zu prüfen und Eier mit männlichen Embryonen auszusortieren und als Futter zu verwerten.

Auch KAGfreiland hatte nach anderen Weg gesucht. Die Lösung mit dem Zweinutzungshuhn lag zwar nahe, war aber vor allem wirtschaftlich nicht einfach umzusetzen. Zum einen musste es gelingen, die etwas geringere Legeleistung durch einen etwas höheren Eierpreis zu kompensieren. Zum andern dauert die Mast eines Junghahns rund doppelt so lang wie die Mast eines Poulets, braucht also doppelt so viel Futter und besetzt die vorhandene Fläche in Stall und auf der Weide doppelt so lange. Da die Kundschaft sich an den Preisen für Poulets orientiert, ist es kaum möglich, für Junghähne den doppelten Preis zu verlangen. 

Dennoch verzichtete KAGfreiland schliesslich auf andere Wege zur Vermeidung des Verhäkselns von männlichen Küken, genauso wie der Verband der Biobauern (BioSuisse), der die Geschlechtsbestimmung im Ei nicht erlaubt. Leider werden die meisten Bruderhähne, wie sie bei BioSuisse heissen, «so gut als möglich gemästet» zu Wurstwaren verarbeitet. Das ist schade, denn das Fleisch von Junghähnen ist jenem von Poulets im Geschmack und in der Textur weit überlegen; aber es scheint schwierig zu sein, dies eine breiteren Kundschaft nahe zu bringen. Da wird es noch viel Aufklärungsarbeit bei den Eierkonsumenten brauchen, genau wie bei der Vermarktung von alten Legehennen als Suppenhühner. 

Faustregel: Wer Eier isst, sollte auch die Tiere essen, die für die Eierproduktion ihr Leben lassen mussten: je zwei Drittel von einem Junghahn und einem Suppenhuhn pro Jahr und Konsument. Warum? Eine Henne legt rund 300 Eier pro Jahr, wird in der Regel danach geschlachtet und durch eine junge Henne ersetzt. Der durchschnittliche Eierkonsum (in Schale oder verarbeitet) liegt in der Schweiz bei 200 Eiern pro Jahr und Kopf.

Nachbemerkung: Natürlich werden auch die aufgezogenen Junghähne getötet, einfach etwa drei Monate später als beim Verhäkslen am ersten Lebenstag. So gesehen hatte ihr Leben wenigstens etwas mehr Sinn. Wer dem keinen «Sinn» abgewinnen kann, müsste in der Konsequenz auch auf das Essen von Eiern verzichten


Quellen:
[1] Das Huhn+Hahn-Projekt von KAGfreiland heute
[2] Radio DRS, 31.03.2026: «Männliche Küken dürfen nicht mehr getötet werden»

Mehr zu Legehennen und KAGfreiland in zwei Büchlein:
«Tiernutz – Tierschutz?» und
«Wie die Schweiz die Käfighaltung abschaffte»


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