Tierbeobachtung, künstliche «Intelligenz» und Tiernutzung

Illustration: Irmy Algader [2]

Hightech, Roboter, big data und künstliche «Intelligenz» werden in der Landwirtschaft zunehmend eingesetzt, um optimales Wachstum von optimierten Pflanzen sicherzustellen, von der automatisierten Saat bis zur automatisierten Ernte. Ja, auch in der biologischen Landwirtschaft. Die meisten Bio-Tomaten werden in China angebaut und weltweit exportiert, und der big-data-Konzern Amazon hat nicht von ungefähr Whole Foods aufgekauft, den grössten Biovermarkter der USA. Kritische Gedanken nach einem Dokumentarfilm.

Auch Nutztiere werden wohl bald von Robotern versorgt und von ausgeklügelten Programmen gefüttert, bei Laune gehalten und rund um die Uhr überwacht. Aber nicht nur die Tiere in Ställen und Zuchtbecken. Die technischen Möglichkeiten werden mittlerweile auch dazu eingesetzt, um herauszufinden, was Tiere in Freiheit tun, wenn wir sie vermeintlich nicht nutzen. Zum Beispiel, um am Verhalten von Tieren ablesen zu können, dass ein Erdbeben bevorsteht – um also Tiere als Frühwarnsystem zu nutzen. Oder um Schiffskapitäne auf Wale zu warnen, damit sie ihnen ausweichen können. Das sind zwei Beispiele im Dokumentarfilm «Das geheime Wissen der Tiere» [1].


Mit welcher Absicht beobachten wir Tiere?

Tiere beobachten, um sie besser zu verstehen und ihnen angemessen zu begegnen: ja, auf jeden Fall. Für Naturvölker ist das selbstverständlich. Doch zum Beobachten von Tieren in der Absicht, sie «ethischer» nutzen zu können, hab ich mittlerweile ein grosses Fragezeichen, obschon ich mich jahrzehntelang genau hierfür eingesetzt habe. Denn inzwischen wird das «Tierwohl» immer mehr zu einem Geschäftsmodell. Man forscht mit dem Ziel, den Tieren möglichst viel von dem zu ermöglichen, was zu ihrem arteigenen Verhaltensrepertoire gehört, und lässt meist weg, was zu hohe Kosten verursacht. Je ernster man es mit dem Ermöglichen nimmt, desto eher kommt man den Bedürfnissen der Tiere entgegen, vor allem dann, wenn man auch die individuellen Bedürfnisse jedes Tiers wahrnimmt und befriedigt. Ja, Tiere und sogar Pflanzen sind Individuen, soweit ist die Wissenschaft inzwischen vorgestossen in ihrem Verständnis. Aber selbst bei grösstem Bemühen bleibt das so hergestellte «Wohl» ein Kompromiss, bei dem das Tier oder die Pflanze weniger zu sagen haben als der Mensch.


Kann mein Beobachten von mir unabhängig sein?

Wenn wir das Verhalten von Tieren mittels raffinierter Technik beobachten und auswerten lassen, ohne dass wir je in Sichtkontakt mit den Tieren stehen, kann das zur Annahme verführen, das Experiment des Beobachtens sei von uns unabhängig, die Resultate seien also sozusagen klinisch rein und von Wertungen unbeeinflusst. Es gibt jedoch in der Wissenschaft grundsätzlich kein vom Beobachter unabhängiges Experiment. Sind wir vielleicht sogar umso mehr Teil der Beobachtung, je mehr Technik und Distanz wir einsetzen? Weil wir, umgeben von all der schlauen Apparatur, eben doch ein wenig Krone der Schöpfung sind und irgendwie auch ausserhalb der Natur stehen?

Damit stellen sich ethische Fragen an den Akt des Beobachtens. Ist es in Ordnung, wenn ich Personen durchs Schlüsselloch beobachte? Natürlich nicht. Ist es in Ordnung, wenn ich auf das Handy einer anderen Person eine App schmuggle, dank der ich immer weiss, wo sie ist und was sie tut? Natürlich nicht. Warum ist es dann in Ordnung, Tiere mit Sendern zu versehen, um ihnen möglichst viel von ihrem Wissen zu entreissen? Weil wir uns weigern, sie als Personen mit eigenen Rechten und eigener Privatsphäre zu sehen? Ich weiss nicht, was der Igel [3] macht, den ich drei Monate lang aufgepäppelt und kürzlich wieder freigelassen hab; ich weiss nur, dass er frisst, was ich ihm vorläufig und in abnehmender Menge hinstelle. Inwiefern hätte ich ein Recht, mehr zu wissen? Und ja, es würde mich enorm wundernehmen, wo sich meine Katze ausserhalb der Wohnung rumtreibt und warum sie manchmal lange ausbleibt; ich hatte bereits Angaben über Minikameras mit Halsband studiert, dann aber entschieden: das geht mich nichts an, das verletzt die Freiheit meiner Katze. Vermutungen hab ich ja, auch gestützt auf Forschungen, die mit solchen Kameras gemacht worden sind, also muss ich das nicht auch noch erforschen. Ich muss «die Natur» nicht unter Kontrolle bekommen.


Wie verwenden wir das Beobachtete?

Glauben wir wirklich, dass wir unsere Lebensumwelt vor Schaden bewahren, wenn wir den Tieren ihr Wissen entreissen? Pharmafirmen bedienen sich ungeniert am uralten Wissen von Naturvölkern, um neue Wirkstoffe zu gewinnen und nachzuahmen und Geld damit zu verdienen; die Naturvölker werden nicht am Erfolg beteiligt. Diese Erfahrung macht skeptisch; die Tiere werden noch viel weniger vom Gewinn unseres dank ihnen vermehrten Wissens haben; sie werden bestenfalls etwas weniger leiden, zum Beispiel, wenn die Schifffahrt besser auf Wale Rücksicht nehmen kann; das ändert aber nichts am gigantischen Ausmass der Schifffahrt, die nicht nur das Leben der Wale beeinträchtigt, sondern auch das vieler anderer Wasserlebewesen, die bei der Walbeobachtung gar nicht berücksichtigt werden.

Nimmt mich wunder, wie ihr darüber denkt.


Quellen:
[1] Film «Das geheime Wissen der Tiere», ARD, 15.04.2024 (44’), leider in der Mediathek nicht mehr verfügbar
[2] aus dem Buch «Tiere nutzen? Und Pflanzen?»
[1] siehe meine «Igel-News»



Reaktionen auf Facebook:

Ralf: Ich kann nur wiederholen. Ob Tiere oder Pflanzen, wir müssen alle achten, sie dürfen nicht leiden. Nur gemeinsam funktioniert unsere Welt.

Charlotte: Für den Moment kann ich nur sagen: Danke für diese wichtigen Fragen!


Möchtest du über neue Artikel in diesem Blog informiert werden? Schick die Nachricht «1x pro Monat» an billo@billo.ch
Would you like to be informed about new articles on this blog? Send the message ‘once a month‘ to billo@billo.ch


Stichworte in diesem Artikel:

Kommentare, Fragen

bitte an mich senden an, samt der Angabe, ob ich den Kommentar hier unter deinem Namen veröffentlichen darf.

Suche

Übersetzen · Translate

Kategorien


Alle Stichwörter · Keyword list

Afrika Automatisierung Bedingungsloses Grundeinkommen Berlusconi Burka Bürokratie democracy Demokratie Deutschland EU Europa Evolution Faschismus fascism Freihandel Gewichtsverlust Graz Igel Iran Israel Italien Ivan Illich künstliche Intelligenz Landwirtschaft Lega Meloni Migration Monfalcone NATO Neutralität Politik Schweiz Populismus Salvini Schweiz Spanien Spitalalltag Traum Trump Ukraine USA Verschleierung Zionismus ÖBB Österreich öffentlicher Verkehr


Artikelarchiv · Articles by date