Die dünne Schicht der Kultur

Interessantes Radio-Feature [1] über die Geschichte des Zürcher Schauspielhauses, erst nach der Machtergreifung der Nazis zum einer Internationale renommierten Sprechbühne geworden war, dank eines gewitzten Unternehmers und Direktors des damals noch privaten Hauses, vor allem aber dank der von ihm engagierten Schauspieler, die als Juden oder anderswie Verfemten in Deutschland nicht mehr auftreten durften.

Bemerkenswert unter anderem, dass sich der Schweizer Schriftstellerverband wegen Konkurrenzängsten gegen die Exilanten stellte und einige von ihnen sogar an die Fremdenpolizei verpfiff. Zu jenen, die sich gegen die erfolgreiche «Exilbühne» am Zürcher Pfauen stellten, gehörte auch der inzwischen für hochheilig gehaltene Max Frisch, damals noch Architekturstudent, der dann selber schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges diese Bühne mit eigenen Stücke bespielen durfte.

Mein Vater, ein rechtsliberaler Patriot und Militarist, hatte Frisch im Militärdienst kennen gelernt und spottete später uns Jungen gegenüber über dessen Opportunismus. Ich empfand das damals als billige politische Kritik an Frischs nonkonformistischer Schreibe; nachträglich denk ich, dass mein Vater vielleicht doch nicht unrecht hatte. Jedenfalls ist die Haltung vieler Schweizer Schriftsteller zu jener Zeit ihren emigrierten Kollegen gegenüber ein Warnzeichen: Die dünne Kruste der Kultur ist selbst in Kulturkreisen nicht dicker.


[1] Radio SRF (05.05.2026): «Flucht vor den Nazis: Das Schauspielhaus wird zur Exilbühne» (26′)



Reaktionen auf Facebook:

Fritz: Abwehr aus Konkurrenz?

Bruno: Man muss gar nicht so weit zurückgehen. Was im Zusammenhang mit den Corona-Massnahmen durch Köpfe und Medien rauschte, wie der Begriff Solidarität missbraucht und Rechte eingeschränkt wurden, davon will man heute nichts mehr hören. Es wird die nächste Generation sein, die das aufarbeiten und sich dabei moralisch überlegen fühlen wird.

Erich: Max Frisch hat als Architekt das Letzi-Bad in Zürich entworfen und gebaut. Es steht noch heute. Als Kind war es unsere Badi. Sein schriftstellerisches Werk kenne ich nicht. Das ist für mich als Zürcher ein Armutszeugnis, mit dem ich leben muss!


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