
Ich könnte es mir einfach machen und das Porträt eines ukrainischen Schriftstellers, der vom Pazifisten zum Soldat geworden ist, einfach unkommentiert lassen. Doch das geht nicht, es berührt mich zu sehr.
Dass in Deutschland die Grünen, eine einst aus der Friedens- und Umweltbewegung hervorgegangene Partei, an vorderster Front die Bewaffnung der Ukraine und ganz Europas vorantreiben, zusammen mit einer Sozialdemokratischen Partei, die zumindest in Teilen ebenfalls pazifistische Wurzeln hat, ist für mich ein Skandalon, das sich, wenn auch weniger extrem, in ganz Europa ausbreitet, so auch in weiten Teilen des linken Zentrums in Italien, wo ich seit vierzehn Jahren lebe. Was wollen diese vermeintlich einstigen Weggefährten denn verteidigen, einmal angenommen, sie würden statt der Computertastatur tatsächlich eine Waffe in die Hand nehmen? Gegen wen?
Gesetzt der irrwitzige Fall, Russland würde tatsächlich Europa angreifen, wie es ein paar «Experten» vorausbefürchten und viele blindlings glauben: Ich würde sicher nicht in meine alte Heimat zurückkehren, um die Pfründe der reichen Säcke in der Schweiz zu verteidigen, in der Illusion, für meine von diesen Säcken abhängigen, also sehr relativen Vorteile als Schweizer zu kämpfen. Ich hätte es auch vor vierzig Jahren nicht getan, als ich noch knapp im «wehrfähigen» Alter war und im Land lebte; vermutlich wäre ich weggegangen, um nicht in einen Krieg gezogen zu werden, der mit mir nichts zu tun hat.
Ich abonniere den Newsletter von Billo.
Ähnlich gilt das für meine geliehene neue Heimat Italien: nicht mein Krieg; bloss bin ich inzwischen zu alt, um nochmals auszuwandern, und man beriefe mich ja auch nicht mehr ein. Ich würde versuchen, mich in den Verhältnissen einzurichten, so gut es eben geht. Anders sähe es freilich aus, wenn die italienische Gesellschaft wie vor hundert Jahren von innen her angegriffen würde; vermutlich würde ich die Partisanen unterstützen, auch und gerade als Pazifist.
Ich kann nachvollziehen und will nicht dagegen polemisieren, dass Artem Tschapaj [1] sich als Freiwilliger gegen den russischen Angriff mobilisieren liess; aber die Frage bleibt: was genau verteidigt er in diesem globalpolitisch verdeckten Bürgerkrieg? Er hätte sich, wie er sagt, samt Familie ins Ausland absetzen können mit der Ausrede, die Ukraine sei ein korruptes Land – für wessen Freiheit kämpft er nun, wenn er die eigene aufs Spiel setzt? Kann ein von wem auch immer aufgezwungener Krieg (und das ist aus der Perspektive des einzelnen Menschen jeder Krieg) irgendein Problem lösen, kann er mehr Freiheit für die Menschen erringen?
Ja, wenn Freiheit und Rechte des einzelnen Menschen mit Füssen getreten werden, sollen und müssen sie sich zur Wehr setzen. Doch getreten werden sie lange vor jenen Ereignissen, die wir Krieg nennen und die ja erst möglich werden, weil sich die meisten Menschen nicht rechtzeitig für ihre Freiheit und ihre Rechte eingesetzt haben.
Pazifismus ist das nicht endende Engagement für gesellschaftliche Verhältnisse, die Kriege verunmöglichen, weil niemand ein Interesse hat, daran teilzunehmen.
[1] Radio SRF, 10.08.2026: «Warum ein ukrainischer Pazifist in der Armee kämpft»
Kommentare, Fragen
bitte an mich senden an, samt der Angabe, ob ich den Kommentar hier unter deinem Namen veröffentlichen darf.