
Als ich vor etwas mehr als drei Wochen nach der Notaufnahme in die Degenze eingeliefert wurde, die Etage der Bettlägerigen vor oder nach einer Operation, war ich erstaunt, nur zwei Betten im Zimmer vorzufinden; später erklärte mir eine Pflegerin dass das Vier-Bett-Zimmer, in dem ich letzten Dezember für drei Nächte lag, hier die Ausnahme sei. Und ich hatte Glück: das freie Bett lag bei den zwei grossen Fenstern mit Blick in die Weite.
¨Im anderen Bett lag ein Mann in meinem Alter mit imposanten Schädel und beneidenswert vollem, dunkel gelockten, grau meliertem Haar. Wir wechselten wenige Worte zur Begrüssung; sein Gesicht schien mir zu verraten, dass er gerne genoss und gerne ein Unternehmen geführt hatte oder vielleicht noch führte. Gegen Abend bekam er Besuch von einer Frau, mit der er sich angeregt, aber mit rücksichtsvoll leiser Stimme unterhielt. Ich konnte dennoch nicht weghören und versuchte, zu erraten, in welchem Dialekt sie miteinander sprachen. Einige Wendungen erinnerten mich ans Spanische, von dem ja auch Spuren hier an der Küste zu finden sind, etwa Calle statt Stradina oder Vicolo in einigen Triestiner, Gradeser oder Venezianer Vierteln. Doch dann wird mir bewusst: Die reden Spanisch miteinander, wenn auch ein ungewohnt weiches.
Einer kam aus Argentinien
Nachdem er wieder alleine ist, sprech ich ihn darauf an, und so entwickelt sich in den zwei Tagen, die wir im selben Zimmer verbringen, ein gegenseitiges Erzählen. Er und seine Frau und die kleinen Kinder hatten Anfang der achtziger Jahre die Aussichtslosigkeit in Argentinien verlassen und waren ins Friaul eingewandert, von wo die Vorfahren seiner Frau einst nach Argentinien gezogen waren. Hier im äussersten Nordosten Italiens scheint es ihnen gut ergangen zu sein; der Mann schwärmt von seinen Kindern und Enkeln, der ganzen Familie und den vielen Festen, die sie zusammen feiern. Seine eigenen Vorfahren waren vor ein paar Generationen aus Deutschland nach Südamerika ausgewandert, zuerst nach Brasilien, und als es dort für Ausländer enger wurde, nach Paraguay und schliesslich in die Gegend von Buenos Aires; sozusagen eine Völkerwanderung après la lettre. Der vermeintliche Vollblutitaliener muss jedes Jahr für ein paar Monate nach Argentinien zurück: leben möchte er nicht mehr dort, vermissen tut er’s dennoch sehr. (Darum vorgestern ihm zu Ehren zwei Tangostücke auf meiner wall mit dem genialen iItalienischen Bandoneonisten Pietrodarchi.)
Ein anderer aus der Ukraine
Das Bett neben mir war nur einen Tag leer, dann kam Wiktor, Anfang 70, samt Frau und Sohn. Aus ihrer leisen Unterhaltung vermutete ich, sie könnten Flüchtlinge aus der Ukraine sein. Ja, bestätigte der Sohn meine spätere Frage: aus Charkiw. Sein Vater sei schon länger an Parkinson erkrankt, und vor zwei Wochen habe er sich hier einer schweren Darmoperation unterziehen müssen. Noch ein Leidenskollege; aber mir stand der Eingriff ja erst anderntags bevor.
Mit dem etwa 40-jährigen Sohn kann ich mich gut auf Englisch unterhalten; Italienisch geht nur in Bruchstücken, aber er ist dabei, die Sprache zu lernen. Die Eltern sprechen ausschliesslich Ukrainisch und Russisch, eine echte Herausforderung für das Personal. Mutter und Sohn wechseln sich an Wiktors Bett ab, mal bleibt der Sohn über Nacht und die Mutter tagsüber, mal umgekehrt; sie müssen ihn ja auch füttern, er kann nicht mehr selber essen. Wenn der Sohn da ist und die Pflegerin kein Englisch kann, übersetz ich auf Italienisch und zurück. Die Mutter, eine liebevolle und fröhliche Frau Anfang Sechzig, behilft sich mit dem Übersetzer auf ihrem Smartphone. Und gelegentlich, wenn es draufan kommt, wird eine ukrainischstämmige Pflegerin aus einer anderen Abteilung kurz in unser Zimmer geschickt, dann geht’s Schlag auf Schlag.
In den fast zwei Wochen, die wir alle zusammen hier verbringen, werde ich ein klein wenig Teil dieser Familie, tausche oft mit dem Sohn über dies und jenes aus, scheue mich aber, nach den näheren Umständen ihre Flucht zu fragen, weil ich die wachsende, aber im Grund beiderseits unfreiwillige Nachbarschaft nicht belasten möchte. Wiktors Frau, die oft lange leise mit ihrem Mann spricht, beginnt sich auch ein wenig um mich zu kümmern; wenn sie sieht, dass ich nach etwas greifen möchte, ist sie rasch zur Stelle, und nachts sorgt sie sich, ich könnte zu wenig warm zugedeckt sein.
Wiktor selber liegt wie unbeweglich immer in der selben Stellung, mit angewinkeltem Kopf, und starrt, wenn er die Augen geöffnet hat, geradeaus an die Wand gegenüber. Unsere Blicke begegnen sich selten, kurz und schüchtern, nur ein flüchtiges Lächeln huscht über seine eingefallenen Wangen, wenn ich ihn frage: Okay? Okay, flüstert er dann tapfer, obwohl ich ihm von der Seite an sehe, dass er unter der Magensonde leidet, die er beinah die ganze Zeit in der Nase dulden muss – ich hatte schon wenige Tage nach der Operation darauf beharrt, von diesem widerwärtigen Instrument befreit zu werden, da ja keine Gefahr von Übelkeit mehr bestand.
Vor zehn Tagen durfte Viktor nachhause, die Entlassung war auf vier Uhr nachmittags angesetzt. An jenem Morgen wurde ich um neun Uhr für einen einen kleinen Nachsorgeeingriff in den eine Autostunde entfernten Spital von Trieste gefahren; wegen diverser Kommunikationsprobleme und langen Wartezeiten (eine Geschichte für sich) traf ich erst nach dem Abendessen wieder in Gorizia ein – was für ein seltsamer Nichtabschied nach so langer Zeit…
Und einer aus Monfalcone
Nun lag das Bett neben mir einige Tage leer, bis eines Nachmittags ein Mann um die Fünfzig mit Halskrause, Arm in der Schlinge, Bein im Gips und Pflaster auf der Augenbraue. Roberto, Motorradunfall, schwieriger Schulter-Oberarm-Bruch, weswegen man ihn von Monfalcone hierher verlegt hatte. Wir teilten das Zimmer etwa zwei Tage, waren beide mit unseren Laptops beschäftigt, wenn wir nicht dösten, und liessen einander in aller Freundlichkeit in Ruhe; buongiorno, come va, buon appetito, buona sera…
Nach seiner Operation wurde er nicht in mein Zimmer zurückgebracht, sondern in jenes gegenüber; die Pflegerin erklärte mir, dass sie nach Möglichkeit ähnliche Fälle zusammenlegen, wegen der Arztvisiten und der etwas unterschiedlichen Arten der Pflege. Roberto ist ein orthopädischer Fall, ich ein gastroenterologischer. So kam es, dass ich wieder ein Zimmer für mich allein habe, und der nämliche Luxus wird jetzt auch ihm zuteil. Wenn ich meine dreissig Schritte tu bis zur Zimmertür, zum Bad und zurück, um wieder allmählich in Bewegung zu kommen und sicherer zu werden, und wenn Robertos Tür offen steht, grüssen wir uns fast wie alte Bekannte. Va bene?, fragen wir. Gestern gaben wir einander das selbe vage Handzeichen zur Antwort: Es geht so. Heute frage ich ihn: Va meglio? Er zeigt mit dem Daumen nach oben und nickt. Ich tue es ihm gleich, füge lachend hinzu, das müsse wohl am Sonntag liegen, und er lacht zurück.
Zuerst publiziert am 05.06.2022 auf Facebook.
Folge #4– Folge #6
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Ausgewählte Reaktionen auf Facebook:
Bibi: Danke für diese schöne Erzählung!
Christine: Ich lese Deine Berichte immer mit grossem Genuss, auch wenn Du natürlich so schnell wie möglich wieder aus dem Krankenhaus kommen sollst. Zudem beneide ich Dich ob Deiner Kenntnisse der vielen Sprachen, vor allem des Italienischen. Schnelle Besserung und Frohe Pfingsten!
Thomas: Es gelingt dir so gut zu erzählen, was du erlebst und wie du dich fühlst.
Silv: Sehr schön erzählt Billo. So geht halt auch die Zeit schneller um und du kannst dich bald auf den Austritt freuen.
Annette: Du beschreibst alles sehr schön. Bleib doch noch ein bisschen…
Billo: Unser Lateinlehrer pflegte zu sagen: Hätte Catull nicht so an der Liebe gelitten, wären wir um ein paar der schönsten Liebesgedichte in der Literatur ärmer…
Dagmar: Ich muss ja der Fortuna folgend nun Krimis schreiben. Hoffentlich endlich demnächst. Weil ich an denen gelitten habe, die meinen Tod wollten. («We fuck you to death, güera!» war noch nicht mal das Übelste, viel übler waren andere Dinge.) Als ich endlich Ideen hatte, wie ich die Übeltäter ins Nirvana befördern könnte (das war der Hemmschuh meiner literarischen Karriere, da mir nie nix einfiel, wie ich sie um die Ecke bringen könnte…), hatte ich Albträume und sagte mir: lass es bleiben. Habe seitdem lange drüber geschlafen und keine Albträume mehr. Was mich ärgert: ich wäre prädestiniert gewesen, romantische Geschichten zu schreiben, harmonisch wie impressionistische Gemälde oder pointillistische… Bisher habe ich immerhin nix verbrochen, denn noch nix geschrieben.
Ulli: Wenn du wieder zu Hause bist, dann mach ein Buch aus diesen berührenden und bewegenden Spitalsgeschichten.
(Was nun mindestens in dieser Form geschehen ist, Anm. d. Red., 25.12.2025)
João: Beautiful and very insightful stories, Billo. Get well soon.
Franziska: Schön diese Geschichten, Billo, auch weil irgendwie einzigartig. Wann sonst ist man schon in solch einer Situation mit Fremden? Irgendwie auch ein Geschenk. Gute Besserung!
Peter L.: So einfühlsam und unterhaltend geschrieben, dass man ewig weiter lesen möchte.
Peter S.: Trieste, Gorizia. Und mir schiesst sofort, auch wenn es mit dieser Geschichte nichts zu tun hat, Boris Pahor in den Kopf…
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