
Die Vorstellung, dass wenige herausragende Köpfe schon wissen, was gut für alle anderen sei, war mir immer sehr fremd. Vielleicht verdanke ich das auch meinem Vater, der bei aller Liebe und allem Freiheitsdrang manchmal recht autoritär sein konnte.
Als ich etwa 16 war, erreichte mich die vollkommen überraschende Nachricht von Hans’ Tod. Ein ehemaliger Mitschüler von Hans und mir hatte sie mir geschickt und mich zu einem kurzen Treffen aller Mitschüler im Kirchgemeindehaus eingeladen.
Es war da mal in der zweiten Klasse Primarschule was vorgefallen zwischen Hans und mir. Wir waren gute Freunde, hatten oft Spass miteinander auf dem Heimweg, ahmten das Geräusch des Motorrads seines Vaters nach, wenn er sich mit seinen Fliesenleger-Utensilien auf dem Rücksitz nähert, wenn er vorbeifährt und sich dann entfernt; Hans konnte das eindeutig besser als ich, er war ja auch damit aufgewachsen und fuhr oft mit seinen Eltern auf dem Motorrad irgendwohin, eingeklemmt zwischen dem stämmigen Vater und der fülligen, hübschen Mutter.
Aus irgendeinem Grund waren Hans und ich einmal in Streit geraten, und dabei hatte er, der Stärkere, vermutlich aber Wehleidigere, von mir eine Schramme an der Wange abgekriegt. Die Folgen waren ein aufgeregter Anruf seiner Mutter an meine, eine Schelte meiner Mutter an mich und ein Entschuldigungsbesuch von mir bei Hans, der anderntags nicht in der Schule erschienen war, mit einem kleinen Geschenk, auf dem meine Mutter bestanden hatte und das ich Hans’ Mutter mit bemühter Zerknirschung unter der Tür überreichte; Hans war nicht zu sehen.
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Ab der dritten Klasse gingen wir in zwei verschiedene Schulhäuser, und so verloren wir uns aus den Augen, obschon wir wenige Fussminuten voneinander wohnten. Und nun diese Nachricht, die mich nachdenklich und traurig stimmte und ein schlechtes Gewissen wieder wachrief. Ich wollte mich auf das Treffen vorbereiten, irgendwas mussten wir ja unternehmen, also entwarf ich ein Kondolenzschreiben an die Eltern von Hans, die ihr einziges Kind verloren hatten. Dummerweise kam ich zu spät zum Treffen, doch es schien, als hätte die schnatternde Schar nur auf mich gewartet, als würde ich, einst der Klügste der Klasse aus Sicht der Lehrerin, schon wissen, was zu tun sei. Sie verstummten sogleich, als ich einen Zettel aus der Tasche zog und vorzulesen begann. Und so wurde es dann beschlossen.
Ich habe damals intuitiv begriffen, wie Politik läuft. Hast du einen Plan, so armselig er auch sein mag, und kommst als Letzter, dann hast du die volle Aufmerksamkeit und kommst damit durch. Das hat mich erstaunt, ja: erschreckt.
*
Viele Jahre später lud mich mein Freund Hampi zu einem Interview beim Regionalradio, bei dem er als Redaktor arbeitete. Es ging um einen Beitrag über irgendeinen Vorstoss von uns Grünen. Ich folgt der Einladung zusammen mit Felix, einem der Gründer des lokalen Grünen Bündnisses, dem ich erst später beigetreten war. In der Redaktion besprachen wir kurz die Fragen, dann sagte ich: Felix wird sie beantworten. Hampi nahm mich beiseite: «Der kann das doch nicht! Du hast das schon oft und gut gemacht, warum, jetzt der Felix?» Ich entgegnete, schon wissend, dass es für Journalisten einfacher ist mit Eingefuchsten: «Wenn es immer die Gleichen machen, kommen die anderen erst recht nie zum Zug. Ich hab es selber ja nur gelernt, weil ich mal ins Wasser geworfen wurde. Und darum macht’s jetzt der Felix, der kann das schon.» Nach dem Interview konnte sich Hampi die geraunte Bemerkung nicht verkneifen, dass ich es besser gemacht hätte; ich lachte nur und war zufrieden.
Meine offizielle Politkarriere hab ich wenige Jahre danach beendet. Die von Felix hat gar nie begonnen; er wählte stattdessen die Rolle des Politberaters, und ich hoffe, ihm sei dabei diese gemeinsame Erfahrung nicht abhanden gekommen.
Abschnitt aus einem geplanten Buch über eine ganz andere Art, demokratisch zu entscheiden und zu handeln.
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