
Die Schweiz ist noch immer ein Land, in dem die Bünzlis das Sagen haben, Pseudo-Heimatschützer, die ihr Land kaum je kritisch von aussen betrachten, obschon sie so oft in fernen Ländern ein paar Wochen Ferien verbringen, aber halt nur mit sich selber und für die schönen Föteli, die sie nachhause bringen. Der relativ knappe Sieg über die neuste fremdenfeindliche Volksinitiative der rechtskonservativen SVP ist nicht mehr als ein kurzes Aufatmen; der bis heute beschämende Umgang der Schweizer Regierung mit der jahrzehntelangen Verfolgung der jenischen Minderheit ist ein Zeichen dafür.
1848 hatte die Schweiz nach dem relativ unblutigen Sonderbundskrieg zwischen Konservativen und Progressiven etwas vollbracht, wofür andere Länder sie beneiden: eine Einigung auf eine gemeinsame Verfassung, die den besiegten Konservativen Raum und Einfluss liess. Die nie wirklich vollzogene Versöhnung hat freilich eine Kehrseite: Das mental Enge, Verstockte, gegen alles Fremde sich Abschottende ist geblieben, trotz der Zuwanderung freier Geister im Zug einer lange gepflegten Asyltradition, und hat sich unter dem Eindruck der Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturen für eine wachsende Industrie noch verfestigt. Dass die im Kern fremdenfeindliche jüngste Volksinitiative der SVP 45 Prozent der Stimmen erreichen konnte, macht das einmal mehr deutlich. Alle Volksinitiativen gegen «das Fremde» haben in der Schweiz immer fast die Hälfte der Stimmen erhalten, zweimal sogar eine knappe Mehrheit.
Die unerträgliche Unfähigkeit der bürgerlich dominierten Regierung, die jahrzehntelange Vernichtungspolitik gegen die jenische Bevölkerungsminderheit endlich aufzuarbeiten und sich dafür zu verantworten, passt zu dieser verschlossenen, halsstarrigen Mentalität. Die Jenischen («Zigeuner») sollten bis vor fünfzig Jahren nicht zur Schweiz gehören (und dürfen noch immer nicht so recht dazu gehören), genau so wenig wie einst bis vor etwa 150 Jahren die Juden – entweder sie gingen, sie passten sich an, oder sie wurden schikaniert.
Es ist gut, dass die neuste Initiative der SVP an der Urne gescheitert ist; doch die Ewiggestrigkeit, die das Land verdunkelt, ist damit nicht behoben.
Zur vertiefenden Lektüre empfohlen:
WOZ (11.06.2026): «Verfolgung der Jenischen. Warum wird das so kleingehalten?»
Isabella Huser (2021): «Zigeuner». bilgerverlag, Zürich, ISBN 978-3-03762-093-9
Josef Lang und Pirmin Meier (2016): «Kulturkampf. Die Schweiz des 19. Jahrhunderts im Spiegel von heute.» Verlag Hier und Jetzt, ISBN 978-3-03919-398-1
Reaktionen auf Facebook:
Hans-Peter: Am vergangenen Sonntag passierte in der Schweiz nicht etwas Revolutionäres! Aber: Eine hochmobilisierte Rechte konnte gestoppt werden. 55% sagten Nein zu einen nicht nachvollziehbaren Bevölkerungsdeckel und an die flächendeckende Entrechtung von Migrant*innen. Der Teil der stimmbetechtigten Bevölkerung, die eine offene Schweiz befürwortet, hat an der Abstimmung gesiegt.
Billo: Ja, eine knappe Mehrheit; hoffen wir, dass sie Bestand habe und wachse!
Cathy: 45 zu 55 % ist knapp?
Sergio: Die Schweiz hat diese blöde, nicht durchdachte und rassistische SVP Initiative Bach ab geschickt. Und zwar nicht knapp wie immer wieder von den Medien kolportiert wird. Deutlich! Hören wir doch auf, uns (die Linken) immer kleiner zu machen als wir sind.
Billo: Um genau zu sein, Sergio, kamen die 55% ja nicht allein von der linke Seite zusammen. Und ja, Hans-Peter und Cathy, ich bin ja auch froh, wurde die Initiative von 55% und nicht von 50,1% abgelehnt; aber es ist halt doch nur eine gute Hälfte, was heisst, dass fast eine Hälfte diesen hanebüchenen, reaktionären Unsinn durchwinken wollte. Fast die Hälfte der Abstimmenden!
Eva: Die Durchschnittsschweizer sind , trotz Auslandreisli, recht stur und stolz , ohne zu wissen worauf!
Ursula: Ich hatte Angst, dass es knapper wird.
Hans-Peter: Vorausgesagt habe ich 53,5%…
Irmy: Ursula, so lang auf der vermeintlich «linken Seite» Ukraine-Unterstützer sitzen, kann von LINKS keine Rede sein! Kriegstrommler und Realitätsverweigerer sind RECHTS. So viel dazu.
Reto: Und Sie entscheiden in eigener Machtvollkommenheit, wer ein Kriegstrommler und Realitätsverweigerer ist, nehme ich an. Ist es bei einer solchen Sicht auf die Welt nicht langsam einsam auf der wahrhaftigen linken Seite gemäss Ihrem eigenen Schnittmuster?
Irmy: Die Videos der Zwangsrekrutierungen gesehen? Die Verehrung der Nazi-Figuren? Informationsmangel, Herr Schlau!
Reto: Ja, alles zur Kenntnis genommen. Wie auch viele andere Gräueltaten in diesem hirnverbrannten Krieg, den allerdings weder die Ukraine noch Europa vom Zaun gebrochen haben. Im Februar 2022 hat ein anderer seine Panzer rollen lassen… Ich verstehe daher, dass man auch eine andere als die Ihre zu diesem Krieg, der ausser Tod und Leid niemandem etwas bringt, haben kann. Auch wenn man sich selber als Linke oder Linker anschaut…
Billo: Es fragt sich m. E. schon, Reto, wie sich das Engagement für eine offene Schweiz (also z. B. gegen die jüngste SVP-Initiative oder gegen die Geringschätzung von Jensichen) verträgt mit der mehr oder weniger stillschweigenden Unterstützung links der Mitte für die schon fast hysterische Aufrüstung in Europa inkl. Schweiz gegen den neu-alten BöFei. Ist das in der Ukraine, einem noch vor kurzem als besonders korrupt kritisierten Land, wirklich «unser Krieg»? Ist es der Krieg jener zahlreichen Ukrainer, die sich ihm mit Schmiergeld oder durch Abhauen entziehen? Oder ist es nicht wie jeder Krieg einer, den Politiker und Waffenfabrikanten beschlossen haben, über die Köpfe jener hinweg, die darin zu Krüppeln oder Leichen gemacht werden? Für mich schliesst Solidarität mit Menschen den Griff zur Waffe aus.
Irmy: Jaja, Reto Voneschen, bitte ernsthaft mit Hintergründen beschäftigen… Wer die Ukraine oder Europa als Unschuldige hinstellt, hat viel Nachholbedarf. Der Krieg wird mit Gewalt weitergetrieben, «bis zum letzten Ukrainer». Von denen, die selbst nicht an die Front müssen. Wie immer.
Es ist und war die andere Seite, die vom Sieg über Russland träumt und aggressiven Eroberungswünschen à la Nazideutschland nachjagt. Der Jargon ist quasi wieder der gleiche. Ganz grosse Schande das. Und die Mitläufer klatschten einst und tun das wieder – weil sie der Propaganda zu gern glauben sprich im Kern russophob sind.
Europa und Russland könnten grossartige Partner sein. Aber nein, man lässt sich aufs tiefste Niveau herab, aufs barbarische. Weil die USA es so woll(t)en und die EU-Vasallen. Ganz vorn dabei GB. Daher platzte der Deal, der nicht lang nach Kriegsbeginn möglich gewesen wär.
Reto: Ich behaupte nicht, die Ukraine und Europa seien unschuldig an der Entwicklung bis zum Krieg. Aber Russland hat die rote Linie überschritten und zu militärischen Mitteln gegriffen (ganz sicher 2022). Übrigens: Die Abwandlung nazideutscher Propagandaparolen (Franzosen und Briten kämpfen bis zum letzten Polen, hiess das damals) machen Ihre Argumentationskette zum Verhältnis Europas zu Russland nicht wirklich überzeugender.
Billo: Rote LInien ist das Stichwort, Reto. Im west-östlichen Tauwetter, in dem die Sowjetunion als eine der Siegermächte die deutsche Wiedervereinigung erlaubte, versprachen die Vertreter des Westen, die NATO nicht nach Osten zu erweitern. Weniger Jahre später änderte man im Westen die Lesart dieses Versprechens mit dem Trick, es habe selbstverständlich jedes Land das Recht, im Interesse der eigenen Sicherheit und Verteidigung um Aufnahme in die NATO zu ersuchen. Allerdings hatte die NATO ihren Verteidigungscharakter bereits in den 90er Jahren verloren, als sie in Serbien intervenierte, und sie gab sich auch danach redlich Mühe, weltweit als Aggressionsbündnis wahrgenommen zu werden. Die vom Westen versprochene und von Russland zunehmend deutlich monierte rote Linie, zuletzt mit einem Vereinbarungsvorschlag Russlands, vom Westen als lächerlich vom Tisch gewischt, führte schliesslich zum russischen Überfall auf die Ukraine. Man kann diesen Überfall (wie ich) verurteilen und dennoch sehen, wie sehr NATO, EU und die Ukraine ihn provoziert hatten; die Ukraine nicht zuletzt durch ihren Bürgerkrieg gegen die russischsprachige Bevölkerung im Osten des Landes, dem ab 2014 bis zum russischen Überfall Tausende von Menschen zum Opfer gefallen waren.
Erich: Diese Lesart kommt mir sehr bekannt vor, insbesondere der letzte Satz! Deine Quelle?
Billo: Quellen gibt’s zuhauf, Erich, man muss sie nur zur Kenntnis nehmen, nebst allen anderslautenden, hierzulande vorherrschenden Quellen, um sich dann ein Bild zu machen, das dann halt vielleicht etwas komplexer ist.
Lekha: Jetzt haben die Jenischen noch die vielen Camper als Konkurrenz!
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