Verstockte Schweiz

Jenische in der Ostschweiz um 1900 (Autor unbekannt / Wikimedia Commons)

Die Schweiz ist noch immer ein Land, in dem die Bünzlis das Sagen haben, Pseudo-Heimatschützer, die ihr Land kaum je kritisch von aussen betrachten, obschon sie so oft in fernen Ländern ein paar Wochen Ferien verbringen, aber halt nur mit sich selber und für die schönen Föteli, die sie nachhause bringen. Der relativ knappe Sieg über die neuste fremdenfeindliche Volksinitiative der rechtskonservativen SVP ist nicht mehr als ein kurzes Aufatmen; der bis heute beschämende Umgang der Schweizer Regierung mit der jahrzehntelangen Verfolgung der jenischen Minderheit ist ein Zeichen dafür.

1848 hatte die Schweiz nach dem relativ unblutigen Sonderbundskrieg zwischen Konservativen und Progressiven etwas vollbracht, wofür andere Länder sie beneiden: eine Einigung auf eine gemeinsame Verfassung, die den besiegten Konservativen Raum und Einfluss liess. Die nie wirklich vollzogene Versöhnung hat freilich eine Kehrseite: Das mental Enge, Verstockte, gegen alles Fremde sich Abschottende ist geblieben, trotz der Zuwanderung freier Geister im Zug einer lange gepflegten Asyltradition, und hat sich unter dem Eindruck der Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturen für eine wachsende Industrie noch verfestigt. Dass die im Kern fremdenfeindliche jüngste Volksinitiative der SVP 45 Prozent der Stimmen erreichen konnte, macht das einmal mehr deutlich. Alle Volksinitiativen gegen «das Fremde» haben in der Schweiz immer fast die Hälfte der Stimmen erhalten, zweimal sogar eine knappe Mehrheit.

Die unerträgliche Unfähigkeit der bürgerlich dominierten Regierung, die jahrzehntelange Vernichtungspolitik gegen die jenische Bevölkerungsminderheit endlich aufzuarbeiten und sich dafür zu verantworten, passt zu dieser verschlossenen, halsstarrigen Mentalität. Die Jenischen («Zigeuner») sollten bis vor fünfzig Jahren nicht zur Schweiz gehören (und dürfen noch immer nicht so recht dazu gehören), genau so wenig wie einst bis vor etwa 150 Jahren die Juden – entweder sie gingen, sie passten sich an, oder sie wurden schikaniert. 

Es ist gut, dass die neuste Initiative der SVP an der Urne gescheitert ist; doch die Ewiggestrigkeit, die das Land verdunkelt, ist damit nicht behoben. 


Zur vertiefenden Lektüre empfohlen:

WOZ (11.06.2026): «Verfolgung der Jenischen. Warum wird das so kleingehalten?»

Isabella Huser (2021): «Zigeuner». bilgerverlag, Zürich, ISBN 978-3-03762-093-9 

Josef Lang und Pirmin Meier (2016): «Kulturkampf. Die Schweiz des 19. Jahrhunderts im Spiegel von heute.» Verlag Hier und Jetzt, ISBN 978-3-03919-398-1


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