Gedichte kann ich nicht. Früher hab ich’s ein paarmal versucht, doch immer wieder verworfen. Kurzgeschichten kann ich, Essays auch; mit meinen lyrischen Versuchen war ich nie zufrieden. Und überhaupt sind mir Gedichte fremd, ich habe selten welche gelesen und – Fried, Majakowski und Pasolini ausgenommen, doch die aus politischen Gründen und vor langer Zeit – nie einen Gedichtband gekauft. Und jetzt trag ich Ruth Looslis Reiskörner seit Monaten mit mir herum, berührt gleich von den ersten Gedichten, die ich las, und tu mich schwer, diesen auch in der Gestaltung wohltuend leisen Band zu besprechen. Darf ich etwas über Gedichte sagen, wenn ich meine eigenen dichterischen Fähigkeiten für unbedeutend halte? (mehr …)
Brigitta Garcia Lopez hat unlängst ihren Job als – geniale! – Illustratorin bei der «Handelszeitung verloren. Zu einem jüngst von dieser Zeitung maschinell generierten Bild schreibt sie:
«Billige KI-generierte Bilder, die oft als unnatürlich und verstörend empfunden werden, erwecken den Eindruck, dass den Lesern nicht viel Wert beigemessen wird. Diese Bilder geben Anlass zu ernsthaften Bedenken hinsichtlich ihrer Qualität und Ästhetik und sind darüber hinaus ethisch bedenklich. Datenschutzrisiken im Zusammenhang mit dem Einsatz von KI sind ebenfalls ein Thema. Die Diskussion über den Einsatz dieser Technologie ist von grosser Bedeutung, hinzu kommt die noch nicht abschliessend geklärte Frage des Urheberrechts. Dieses Bild erinnert mich an Stile und Ästhetiken, die in der Vergangenheit mit dem Faschismus in Verbindung gebracht wurden. Was denkt ihr darüber? Seht ihr das auch?»
Ja, das war spontan auch mein Gedanke, als mich das Bild ansprang. Es gibt aber auch eine Parallele hinter dem Visuellen, und die beschäftigt mich noch mehr: Die implizite Logik der «künstlichen Intelligenz» – ein beschönigender Newspeak-Begriff, dem wir sprachlich immer entgegentreten sollten – ist jener des Faschismus verwandt und wird sich entsprechend auswirken, wenn sie nicht in demokratisch bestimmte Schranken gewiesen wird – und eben dies ist bis heute nicht in Sicht, was immer die EU und andere Staaten versuchen mögen.
Die Macht hinter den Algorithmen ist bereits grösser und konzentrierter und ferner von gesellschaftlicher Kontrolle als es je eine Macht war, und sie kann – wie bei Facebook – auf unser Mitmachen zählen, weil alles so schön bunt und bequem ist und weil uns zunehmend gar keine Wahl mehr bleibt. Am Ende sind wir vollkommen austauschbar, bis hin zur automatischen Entsorgung, wenn das System uns nicht mehr braucht. Das ist die faschistische Perversion (oder Vollendung?) des industriellen Paradieses. Ist Brigitta von der Handelszeitung gefragt worden, ob sie einverstanden sei damit, als Illustratorin durch eine Maschine ersetzt zu werden? Natürlich nicht. Eben; in einer demokratischen Gesellschaft wäre es selbstverständlich, dass sie darüber mitbestimmt.
PS: Mich beunruhigen nicht zuletzt einige der tröstenden Kommentare unter Brigittas Facebook-Post, die den Wandel für unausweichlich nehmen.
Willi Wottreng ist ein faszinierendes Buch über den politischen Kampf der Irokesen um staatliche Eigenständigkeit Ihres Bundes der Six Nations gelungen. Der Zürcher bilgerverlag hat es fünf Jahre nach dessen Erscheinen erneut beworben. Denn 2023 «jährt sich zum hundertsten Mal der Besuch des Chiefs Deskaheh in Genf, der mit einer kühnen diplomatischen Mission versuchte, 1923 vom Völkerbund die Anerkennung der Six Nations als von Kanada unabhängiger Nation zu erlangen».
Wottreng erzählt anhand von Dokumenten aus dem rebellischen Blickwinkel meiner Generation. Der Indianer ist nicht mehr der edle Wilde, als der Deskaheh damals in Europa Interesse und Unterstützung in gebildeten Kreisen fand; er verfolgt als politischer Akteur hartnäckig die Sache der Entrechteten.
Schon in meinem ersten Lebensjahr bin ich gefeiert worden, vor 76 Jahren. Die Foto ohne Datum aus dem Familienfundus muss von meinem Vater wohl nach meiner Taufe geknipst worden sein – ein Anlass, der mich aber nicht kirchlich zu prägen vermochte.
Der Spielfilm von Ettore Scola (1977) lebt von den beiden grossartigen Hauptdarstellern Sophia Loren und Marcello Mastroianni und vom abgrundtiefen Kontrast zwischen dem im Hintergrund stets hörbaren Massenaufmarsch anlässlich des Empfangs von Hitler durch Mussolini in Rom (6. Mai 1938) samt dessen Widerhall im laut aufgedrehten Radio der Blockwartin und der leisen, feinen Begegnung zweier im voluminösen Wohnblock zuhause Gebliebener: Die Frau eines faschistischen Beamten, der mit den sechs Kindern zum Umzug aufgebrochen ist, und ein wegen unangepassten Verhaltens entlassener Radiosprecher.
Heute vor 24 Tagen wurde mein Dickdarm in einer grösseren Operation wiederhergestellt. Nachdem ich in der Zwischenzeit alle 24 Türchen der Rekonvaleszenz geöffnet hab und mirakulöserweise alles wieder einigermassen so funktioniert wie von der Natur vorgesehen, wag ich mich an den hoffentlich letzten Rückblick dieser Art; mein persönlicher Jahresabschluss, sozusagen.
Still aus dem Film mit Philippe Noiret (links) und Salvatore Cascio
Eines Abends hatte ich mich mit A. kurz über zeitgenössische italienische Musik ausgetauscht. Der Name von Ennio Morricone drehte danach noch eine Weile in meinem Kopf herum, ich hörte mich durch ein paar Links auf YouTube und stiess so auf den Film «Cinema Paradiso» aus dem Jahr 1988, den ich damals verpasst hatte. Wer schon neben mir im Kino sass, weiss, dass ich bei Szenen, in denen sich Menschen in Schwierigkeiten befinden, ein ganzes Leintuch statt Taschentüchern benötige. Dieser Film gab mir reichlich Gelegenheit dafür, zumal ich die fast dreistündige Fassung erwischt hatte.
Geschafft von der Vollnarkose und dem chirurgischen Eingriff fühlte ich mich die ersten Tage im Spital unfähig, irgendetwas aus eigener Anstrengung zu tun. Das mitgebrachte Buch blieb ungelesen, eingehende E-Mails mocht ich kaum beantworten. So diente mein Laptop auf dem Krankentischchen als Konsole für Musik und Filme, die mir ohne eigenes Zutun die Zeit vertrieben, in der mir sogar zum Dösen oder Schlafen zu fad war, und die mich zudem, Stöpsel im Ohr, vor der steten Geräuschkulisse im und vor dem Zimmer abschirmten.
Nach zwei Nächten zuhause, schon etwas erholt dank zweimal langen tiefen Schlafs mit einer an meiner Schulter eingerollten, überglücklichen Zizzi, wag ich einen ersten kleinen Ausgang in Irmys fürsorglicher Begleitung. Kaffee ist mir leider noch verboten, wie manch anderes auch, doch Grüntee ist nicht minder fein.
Mehr später, auch die Rasur; noch brauch ich viel Ruh. Alles gut.
Zuerst publiziert am 17.12.2022 auf Facebook. Folge #20 – Folge #22 Alle Folgen dieser Geschichte: Suchbegriff «Spitalalltag» eingeben.
Auswahl aus vielen Glückwünschen auf Facebook:
Christine: Weiterhin beste Besserung. Schön, dass Irmy für dich da ist!
Stella: Sei fuori, sei a casa. Vedo un accenno di sorriso. Le fusa dei gatti sono taumaturgiche. Buon recupero!
Miriam: Mit zusammengerollt Katze an der Schulter kann es ja nur besser werden, Hexerich!
Norbert: Hoppla, was war los? Du siehst gut aus, wie ein Mitt-Sechzigjähriger, der aktiv Sport betreibt und eine gute Lebensführung aufweist… Gute und schnelle Genesung, was auch immer dich beeinträchtigt, lieber Billo!
Die Zeit im Spital nach einer Operation geht zäh vorüber, während der Körper sich durch Liegen und Dösen nur langsam erholt. Und da jedes Spital eine Maschine ist mit Ihren eigenen industriellen Abläufen, ist an konzentrierte Ruhe bestenfalls nachts zu denken, nicht vor zehn Uhr abends und nicht nach sechs Uhr früh, vor allem nicht hier, wo alle Zimmertüren immer offen stehen.
Hab heut zum erstenmal seit achteinhalb Monaten gesch… pardon, auf anständiges Spitalitalienisch heisst das andare di corpo, es geht also etwas aus dem Körper hinaus, und je nach Satzstellung ist nicht immer ganz klar, ob es nicht ich selber bin, der den Körper verlässt. Vielleicht daher rührt die gepflegte Formulierung se ne è andato, wenn jemand gestorben, also weggegangen ist.
Ärztin und Krankenschwestern haben mich soeben mit strahlenden Augen beglückwünscht, als wär ich ein Baby, das zum erstenmal die Windel vollmacht. Das kleine Bisschen in der Kloschüssel wäre lächerlich, würde es nicht beweisen: Jetzt kann es wieder losgehen! Und das schon am fünften Tag nach der Wiederherstellung des Darms. Ein Hoch auf die Chirurgie und die Umsorgung hier im Spital Gorizia!– Mehr später mal; ich bin noch zu erschöpft.
Zuerst publiziert am 12.12.2022 auf Facebook. Folge #18 – Folge #20 Alle Folgen: Suchbegriff «Spitalalltag» eingeben.
Auswahl auf Kommentaren auf Facebook:
Walter: Darf ich bei dieser Gelegenheit mal ein bisschen mit meinen Französischkenntnissen hausieren? Also: „Une défécation réussie vaut mieux qu’un coït sans inspiration.“
Markus: Erst jetzt realisiere ich diese hinterhältige doppelbödige Bezeichnung vom Stuhlgang… mea culpa mea culpa mea maxima culpa…
Bibi: Wie schön! Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich jemals so gefreut hätte, wenn jemand mir erzählte, er hätte Stuhlgang gehabt. Aber nachdem ich die ganze Geschichte kenne, bin ich froh über das Andare Di Corpo!
Katrin: Hurrah, ich freu mich sehr über Deinen kuriosen wie unglaublich erleichternden Bericht! So ein Geburtstag zwischendurch irgendwie! Einen sehr langen, harten Weg gut gemeistert. Glückwunsch und weiterhin gute Genesung .
Marcel: Ich kann es Dir gut nachfühlen, nach meinem Unfall hatte ich ebenfalls Probleme, die körperlichen «Geschäfte» wieder zu erlernen.
Roland: Von ganzem Herzen beste Besserung, lieber Billo! Mach keinen Sch… wäre sicher das Falscheste, das man jetzt grad sagen könnte. Ich drücke… die Daumen.
¨Fritz: Gute Erholung Billo, deine Beschreibungen sind etwas vom Interessantesten, das ich auf FB lese!
Lothar: Nee – also – so schlimm wie auf dem Foto sieht es noch nicht in den meisten Kliniken des Rhein-Main-Gebiet aus, auch wenn da einiges zum Himmel stinkt. Und z. B. aus der Hochtaunusklinik hast du je nach Zimmer schönere Aussichten als in der Frankfurter Innenstadt.
Fevziye: Ein kleiner Haufen für die Menschheit , ein grosser Fortschritt für dich.
Plötzlicher Anfall von Konsumrausch nach Tagen magerer Diät – Bunkern von lange haltbaren Lebensmitteln für die Zeit nach dem Spitalbett, in der ich dann wohl auch zuhause zunächst etwas schlapp herumhänge und keine Lust auf Einkaufstouren hab.
Für Zizzi, die schon wieder einige Tage ohne ihren Lieblingsmensch auskommen muss (was diesem fast das Herz bricht) steht jetzt ein neuer Freund in der Stube, reingeholt von der Terrasse, bevor es noch kälter wird. Den Mutterkaktus hatte Zizzis Ersatzmutter Irmy einst aus Belgrad ins Friaul gebracht; ein kleines Blatt davon steht seit diesem Frühling bei mir… ein kleines Blatt?
Zuerst publiziert am 05.12.2022 auf Facebook. Folge #17— Folge #19 Alle Folgen: Suchbegriff «Spitalalltag» eingeben.
Ausgewählte Kommentare auf Facebook:
Thomas: Dann wünsche ich dir, dass du die leckeren Dinge danach auch genießen kannst.
Irmy: So gut! Und so isses: Katzen brauchen überall Pflanzenfreunde, besonders gern Kakteen! So gewachsen das Teil, verrückt
Nachdem ich diverse bürokratischen Hürden überwunden und die unumgänglichen Voruntersuchungen bestanden habe, werden mir Chirurgen kommende Woche eine Vollnarkose verpassen, den Bauch von oben bis unten aufschneiden, den entzwei geschnittenen Dickdarm wieder zusammenfügen und mich so vom auf Dauer doch etwas umständlichen Alltag mit einem künstlichen Darmausgang befreien.
Durch diese Hohle Gasse muss er kommen (Foto: Nikater/Wikimedia
Gestern bin ich zur Abwechslung einmal zu einem Opfer der Spitalpolitik und -Bürokratie geworden. Nachdem vor einem Jahr (2021) ein geübter Ultraschallspezialist in meiner Blase einen kleinen Krebs im Anfangsstadium entdeckt hatte, den ein nicht minder geübtes Team vor Ende Jahr während eines kleinen Eingriffs vollkommen entfernt hatte, verschrieb man mir als vorsorgliche Nachbehandlung eine Chemotherapie, der ich mich in den ersten Monaten dieses Jahres unerfreut, aber brav unterzog.
Bild: Der Koloss des Spitals Cattinara oberhalb Trieste.
Erst drei Monaten sind vergangen, seitdem ich aus dem Spital nachhause gekommen war, schwach und froh um jede Hilfe. Heute morgen fragte mich ein Freund am Telefon nach meinem Befinden. Gut, sagte ich, sehr gut sogar, und gleichzeitig wurde mir der Kontrast bewusst zwischen meinen Worten, meinem Zustand noch vor kurzem und der Tatsache, dass ja noch nicht alles wie zuvor ist, und ich füge bei:
Un caffè con Irmy e Thomas in Udine (foto: Irmy Algader)
Heute vor drei Monaten bin ich aus dem Spital in Gorizia entlassen worden. Nach einem Monat liebevoller Rundumfürsorge war ich nach der ersten Freude über das Wiedersehen mit meiner Katze, meinen Pflanzen, meiner Wohnung ziemlich unsicher, wie das nun im Alltag gehen soll, so schwach, ausgemergelt, unsicheren Schrittes und immer gleich erschöpft, immer müde…
Ich weiss nicht, wie ich es in den ersten Wochen zuhause ohne die zweimal tägliche und nicht minder fürsorgliche Unterstützung von Irmy geschafft hätte. Genauso wichtig war es später, schrittweise auf diese Hilfe zu verzichten, um mehr und mehr Kraft und Autonomie zurückzugewinnen.
In den letzten Wochen spürte ich mich zunehmend in meinem Leben zurück, kräftig, sicher, zuversichtlich – nur noch ruhiger als zuvor, noch mehr abwägend, was zählt, und ganz ungeniert liegen lassend, was mir grad zu viel ist.
Wenn ich heute beim Duschen oder beim Yoga meinen Leib betrachte, die Muskeln, die sich wieder bilden, die Haut, die sich wieder mehr strafft, bewundere ich das unermüdliches Wirken der Natur noch im fortgeschrittenen Alter, nicht nur der physischen Natur, auch der geistigen und der sozialen. Im Grunde ist alles wieder gut, sogar die lange Narbe längs über meinen Bauch schreit mir nicht mehr so grell entgegen, als wär ich eben erst aufgeschnitten worden; sie wird sich wenn nicht in meine Haut, so doch immer mehr in mein Körpergefühl Integrieren. Nur das Stoma und dessen tägliche Pflege erinnern mich noch handfest an eine notfallmässige Operation, ohne die ich wohl nicht mehr hier wäre; in wenigen Monaten wird auch dieses Menetekel verschwinden, dank kundiger Medizin und unglaublicher Regenerationskraft menschlicher Physis.
Ja, ich hab oft Glück gehabt in meinem Leben, und ich geniess es grad sehr, in grosser Dankbarkeit.
Zuerst publiziert am 28.06.2022 auf Facebook. Folge #13 — Folge #15 Alle Folgen: Suchbegriff «Spitalalltag» eingeben.
Ausgewählte Reaktionen auf Facebook:
Hans-Georg: Toller Text, beglückende Aussage, begeisternde Lebenskraft, strahlendes Bild. Alles Gute und weiter so, Heinzpeter!
Roland: Du findest wieder ins pralle Leben, darauf würde ich wetten.
Karen: So ein schöner Text. Bin froh und dankbar für dich und alle, die sich ebenfalls erleichtert fühlen. Du wirst das schaffen – stay as strong as you are.
Sabine: Was für ein schönes Bild! Ich kenne dich ja nur von weitem bzw. von deinen Texten hier. Mag dir die Genesung so sehr gönnen und wünsche dir weiterhin alles Gute! Und danke fürs Erzählen deiner Geschichte. Ich lese hier aufrichtig gerne mit.
Charlotte: Gute, schöne, starke Worte und ein starkes Bild, auch für das Leben: «…dank kundiger Medizin und unglaublicher Regenerationskraft menschlicher Physis“» und deines Geistes und deiner Gelassenheit, yes. Und Irmy ist auch nicht ganz ohne.
Viola: Meine Grossmutter hat mir mal diesen Tipp gegeben:
Wenn die Zeiten schwierig sind, gehe in kleinen Schritten weiter. Tu, was du tun kannst, aber tu es langsam. Denk nicht an die Zukunft oder was morgen passieren kann. Gestalte dir ein gemütliches zu Hause. Koche dir ein leckeres Essen. Schreibe einen Brief. Lies ein schönes Buch. Gehe in die Natur und genieße die Vielfalt. Nimm ein Bad und lass die Seele baumeln. Siehst du es? Du gehst vorwärts, Schritt für Schritt. Mach einen Schritt und dann Pause. Ruh dich aus. Schätze dich selbst. Mach den nächsten Schritt. Dann noch einen. Du wirst es kaum merken, aber deine Schritte werden länger werden. Bis es soweit ist, wo du wieder an die Zukunft denken kannst, ohne zu weinen. Elena Mikhalkova
Thomas: Schön, wenn es wie oben beschrieben weiter aufwärts geht! Diesen Eindruck hatte ich jedenfalls auch live. Vermutlich wärst du der erste am Gipfel des Matajur gewesen, hättest du nicht den Termin gehabt.
Schon vier Wochen wieder zuhause? Ich war doch erst noch im Spital… Die Zeit scheint mir im Rückblick viel kürzer; dabei ist so viel passiert, dass ich meinen müsste, vier Wochen reichten gar nicht hin dafür.
Die erforderlichen Pflegeutensilien bei künstlichem Darmausgang.
Seit 18 Tagen bin ich wieder bei mir zuhause. Ich staune oft in dieser Zeit. Zum Beispiel darüber, dass meine Katze Zizzi mir nichts übel nimmt, nicht mein ungewohnt langes Fernbleiben während eines ganzen Monats, nicht meine schlappe Unbeholfenheit in der ersten Woche nach meiner Rückkehr.
Oder darüber, dass das kleine Loch in meiner Bauchwand, durch welches ein Blutgerinnsel in meiner Bauchhöhle drainiert worden war, schon eine Woche nach Entfernung der beiden Katheter von selber ganz zugewachsen war. Bei meinem Alter und meiner körperlichen Verfassung hätte ich das nicht erwartet; ein gutes Zeichen, meinte die Pflegerin bei der ersten Nachkontrolle im Spital. Und bei der zweiten Nachkontrolle gestern wurde bereits eine dritte für September in Aussicht genommen; dann soll die Operation geplant werden, die meinen Darm wieder mit dem Enddarm verbinden wird. Bis dahin behelfe ich mir mit dem künstlichen Darmausgang (Stoma) auf der linken Bauchseite, in dessen täglicher Pflege ich längst Routine habe.
Und ich staune, wie rasch ich meine physische Selbstständigkeit Stück um Stück zurückgewinne. In den ersten Tagen nach der Entlassung war ich in vielem von Irmys Unterstützung im Alltag abhängig und hätte mich ohne ihre Begleitung nicht auf kurze Gänge für Besorgungen gewagt. Nicht einmal zwei Wochen später begann ich, alleine für mich einzukaufen, nur wenig, wie ich Irmy zur Beruhigung gesagt hatte, um dann allerdings mit einem vollen Rucksäcklein und zwei vollen Tragtaschen heimzukehren. Denn ich hab Appetit und Hunger wie ein Jungspund und lege täglich gut 200 Gramm an Gewicht zu, ein veritables, aber freiwilliges Mastprogramm. Als ich aus dem Spital kam, wog ich 21 Prozent weniger als mein langjähriges Normalgewicht, inzwischen lieg ich nur noch 14 Prozent darunter.
Vor allem aber staune ich über das schon weitgehend wiedererlangte mentale Gleichgewicht, nein, genauer: darüber, dass ich mich an ein neues Gleichgewicht gewöhne, das aus weniger Arbeit und mehr dolce far niente besteht. Mein neuer Alltag beginnt früher und endet früher, was ich alte Nachteule mir nie hätte vorstellen können. Ich weiss, dass der Weg bis zur völligen Genesung noch lang ist und Geduld und Beharrlichkeit von mir verlangt. Aber so, wie es ist, bin ich zufrieden und geniesse, wer ich bin und was mich umgibt.
Zuerst publiziert am 28.06.2022 auf Facebook. Folge #11 — Folge #13 Alle Folgen: Suchbegriff «Spitalalltag» eingeben.
Ausgewählte Reaktionen auf Facebook:
Sabine: Danke fürs Erzählen deiner Geschichte. Ich lese mit Interesse mit – deine Berichte sind viel besser als das meiste in den zusammengesparten Zeitungen. Und ich wünsche dir weiterhin gute Genesung.
Ulrike: Ich lese alles von Ihnen. Ganz egal, wieviel Sie wiegen. Ihre Geschichte wiegt alles auf.
Ralf: Die Waschmaschine gehört aber nicht zu den Utensilien dazu, nicht wahr? Dann wäre ich doch beunruhigt. Super, dass du so schnell wieder hochkommst. Das zeigt doch: «Forever Young»!
Ulli: Du beschreibst sehr gut, wie untrennbar Körper und Geist zusammenhängen oder der Körper eben auch Geist ist und umgekehrt. Dein Staunen ist erfrischend und es macht Mut, mit potenziell auftretenden eigenen Erkrankungen geduldig umzugehen. Danke, Billo!
Nilda: So einen begnadeter Schreiber… Das dolce far niente kommt dir diesbezüglich sehr entgegen. Ich freue mich, noch vieles von dir zu hören/lesen und unterdessen, schön Brav bliibe, gäuet Sie!
Franca: Buon proseguimento, la calma è la virtù dei forti.
Vor einer Woche bin ich nachhause zurückgekehrt, voller Optimismus und Vorfreude auf die Lebewesen, die ich einen Monat lang hatte vermissen müssen. Schwäche nach der ersten Euphorie; ich musste mich erschöpft hinlegen, froh darum, dass Irmy noch eine Weile in der Nähe blieb und sich auch weiterhin um Dinge kümmern wird, die mich noch zu sehr anstrengen. Und so verbrachte ich die ersten Tage in meiner Wohnung, zum Glück von sommerlichem Licht und Luft durchströmt: erschöpft nach jeder kleinen Anstrengung, körperlich wie geistig.
Zweites Frühstück auf meinem Balkon (Foto: Irmy Algader).
Seit zwei Tagen bin ich wieder zuhause, genauer: ich versuche noch, ganz zuhause und bei mir anzukommen. Es ist viel schwieriger, als ich dachte; manchmal fühle ich mich gewisser Weise zurückversetzt in die ersten Tage nach der Operation, in ein Hinundhergerissensein zwischen ich schaff das und: bloss wie? Doch damals vor einem Monat hatte mich das das viel existenzieller getroffen, eine Geschichte, die ich bis jetzt nicht einmal mir selber von Grund auf zu erzählen wagte…