Italienische Bürokratie, Abteilung Banken

Das ist keine Werbung für irgendeine Bank; der Schriftzug dient hier nur zur Illustration der im Text behaupteten «Kindlichkeit».

Uff! Nach ein paar Wochen ohne Zugriff auf mein Bankkonto in Italien hab ich endlich wieder eines… und erst noch völlig unkompliziert und gebührenfrei.

Nachdem wir 2012 nach Monfalcone gezogen waren, hatten wir ein Konto bei einer Regionalbank eröffnet. Es war umständlich, verursachte einen ganzen Stapel Papier und benötigte zig Unterschriften, wie immer in Italien, und wie immer wusste die Angestellte keine Antwort auf meine übliche Frage, wer das denn einst alles lesen werde. Aber immerhin: das Konto funktionierte jahrelang tadellos. Einzig die hohen Gebühren erstaunten stets: 5 Euro pro Monat für die Kontoführung, 1 Euro pro Überweisung – dabei mach ich ja alles selber, online.

Vor geraumer Zeit wurde «meine» Bank einer grösseren, national tätigen einverleibt. Ein paar Monate später wurde mir mitgeteilt, dass das kleine Kästchen, auf welchem ich jeweils den Bestätigungscode für eine Überweisung eingeben konnte, in Bälde aus dem Verkehr gezogen werde, weshalb man mir anbiete, eine Gratis-App herunterzuladen und auf meinem Smartphone zu installieren. Ich teilte der Bank umgehend mit, dass ich weder ein Smartphone besässe noch gedächte, mir eines zuzulegen, weshalb ich darum bäte, mir den Code jeweils einfach auf mein Handy zu senden, wie dies andere Banken tun. Keine Antwort. Einen Monat später erneute Einladung, danach erneute Mitteilung meinerseits, erneut keine Antwort. So ging das ein paar Monate, bis die Bank auf ihrer Webseite die Kundschaft wissen liess, dass auch eine Mitteilung des Codes aufs Handy möglich sei; allerdings sei dies mit einmaligen Kosten von zehn Euro sowie mit den anfallenden SMS-Gebühren verbunden.

Also bat ich die Bank, mir dies einzurichten. Es funktionierte nicht. Nach meiner Reklamation lud mich die lokale Filiale ein, vorbeizukommen. Nach langem Hin und Her war die Verbindung hergestellt, doch zuhause klappte sie erneut nicht. Nächster Termin in der Bankfiliale, alles nochmals neu aufsetzen, und ciao. Bloss: zuhause funktionierte es noch immer nicht. Anruf bei der Hotline der Bank; endlich findet jemand heraus, dass der Fehler bei meinem Schweizer Handy Provider liege: der akzeptiere keine kostenpflichtigen SMS. Anruf dort: Okay, wir beheben das! Erneuter Versuch, erneuter Fehler. Zweiter Anruf, netter Typ: Ah, das hat mein Kollege falsch korrigiert, jetzt ist es richtig. Dritter Versuch; ich krieg noch immer keine SMS. Dritter Anruf; ich werde mehrmals weiterverbunden und erhalte schliesslich die Auskunft, kostenpflichtige SMS seien auf meinem alten Schweizer Handy-Abo leider nicht möglich, man empfehle mir ein neues Abo, das würde allerdings mehr kosten, es könne dafür aber auch mehr. Ich will nicht mehr, ich will nur endlich ein kostenpflichtiges SMS empfangen können! (Ja, die Schweizer kriegen hier auch ihr Fett weg, die mache nämlich immer dann Bürokratie, wenn sie einen über den Tisch ziehen wollen.)

Es reicht. Ich will zu einer Bank wechseln, die unkompliziert, ohne Gebühren und ohne Smartphone arbeitet. Ich finde online ein paar Angebote und entscheide mich für eines davon, fühle das Online-Formular aus und sende es ab. Zur Verifikation werde ich eingeladen, entweder eine bestimmte Summe auf das neue Konto zu überweisen oder aber mich bei der nächsten gelegenen Bankfiliale auszuweisen. Eine Überweisung ist nicht möglich, da mein bestehendes Konto mir ja keinen Zugriff erlaubt. Also Reise nach Trieste, mit ausgefülltem Formular (26 Seiten, 7 Unterschriften, jeweils mit Ort und Datum) und Personaldokumenten. Die Dame am Schalter muss sich erst informieren, was sie denn nun zu tun hat. Dann stellt sie in dem von mir online ausgefüllten Formular einen kleinen Fehler fest; sie anerbietet sich, ihn online zu korrigieren. Geht aber nicht. Sie ruft die zuständige Kollegin in Milano an, die ihr zu verstehen gibt, dass ich die ganze Registrierung zuhause nochmals neu erfassen und dann wieder vorbeikommen müsse. Das war’s. Ich verabschiede mich freundlich, die Dame am Schalter kann ja nichts dafür, gebe aber zu verstehen, dass ich das Angebot einer anderen Bank nutzen werde.

Dann halt Widiba. Klingt zwar etwas kindlich und gehört obendrein zur ältesten und marodesten Bank Italiens, der vom Staat mit Milliarden gestützten Monte dei Paschi; doch was soll’s. Aber meine Registrierung wird mittendrin unterbrochen: Ich hätte ein Feld nicht ausgefüllt. Ah, so? Da ist aber kein leeres Feld. Reklamation auf der Facebook-Seite der Bank. Superrasche Antwort, man werde die zuständige Abteilung informieren. Nach zwei Tagen Anruf: wo’s denn klemme? Die nette Stimme bietet mir an, mich beim Registrieren zu begleiten. Nichts zu machen, wieder die Meldung, es fehle ein Feld; es ist aber kein leeres da. Ich frag mich, ob’s am Browser liegt, und siehe da: mit Firefox taucht das Feld auf. Das war zwar noch nicht ganz die letzte Hürde, aber der Rest war fast ein Kinderspiel, ohne Papier, ohne zig Unterschriften, fast unitalienisch, und endlich hab ich wieder ein Konto, über das ich verfügen kann und das mich obendrein wirklich keine Gebühren kostet, ausser bei ¨einer Überweisung in die Schweiz, weil die zwar zum SEPA-Raum gehört, aber eben doch nicht so richtig zu Europa, vero, no?


Zuerst publiziert am 10.05.2019 auf Facebook


Nachtrag 2026: Gebührenfreiheit hat ihren Preis. Nachdem «meine» Bank wiederholt nicht in der Lage oder willens war, mich vor missbräuchlichen Abbuchungen von meiner VIsa-Karte zu schützen, eröffnete ich ein Konto bei der grossen Unicredit, ein erstaunlich aufwendiger Vorgang, und als nicht minder kompliziert erwies sich wenig später der Zugang zum Online-Banking, bei erstaunlich hohen Gebühren für die Überweisungen, die ich ja selber tätigte. Nach drei Monaten sagte ich addio und war froh, das Widiba-Konto noch nicht gekündigt zu haben. Das Problem mit der Visa-Karte war inzwischen eh längst gelöst: Da es sich um eine Prepaid-Karte handelt, die nur bis zu dem auf der Karte verfügbaren Betrag belastet werden, belasse ich den Betrag nahe bei Null und lade jeweils nur den Betrag auf die Karte, den ich für eine gleichzeitig getätigte Online-Bestellung benötige – wer immer hernach versucht, sich an meiner Karte zu bedienen, guckt in die Röhre. Es gibt Dödelfirmen, die versuchen das dennoch jeden Monat…!
Übrigens hab ich inzwischen längst ein Smartphone. Auch gegen ein Handy hatte ich mich einst mannhaft gewehrt. Aber irgendwann zieh ich auf eine einsame Insel und korrespondier nur noch per Flaschenpost, ich schwör’s!



Reaktionen auf Facebook (2019):

Barbara: Der Weg in die bargeldlose Gesellschaft wird vorangetrieben. 

Meia: Schweizer leisten noch etwas mehr Widerstand… Deshalb geht der Fortschritt der Sixt und dem Apple zu langsam! Aber die italienischen Banken waren schon immer (z. B. 1986) krass… Und ich gehe extra niemals an die Selfcheck-Kassen.

Jürg: Die gute alte Postcard. Ist zwar sauteuer. Klappt aber einwandfrei in ganz Europa. Nur überweisen von Post auf Bank dauert halt ewig. Geheimtyp: auf das PC-Konto der Bank. Die hassen das zwar, können aber nix machen, 1 Tag später auf dem Konto, auch Samstag, Sonntag., Feiertag.

Martin: Das ist ja noch schlimmer als in Brasilien. Auch ich will keine «apps», und ich will auch kein Online-Banking. Immerhin ist es noch möglich, Geld normal an den Bancomaten rauszulassen – zumindest manchmal.

Raffaele: Auch in der CH wird’s schwer. Alles soll online via Handy laufen. Oft weiss ich nicht mal, wie anfangen! Und es gibt Ältere, die nur die alten Händies haben, oder keines!

Ralf: Da war das früher doch alles so viel einfacher! 

Billo: genau so ist es. Die ganze Automatisierung und Computerisierung ist eine fiese Mogelpackung, und sie funktioniert nur rum so gut, weil wir’s immer erst dann merken, wenn sie wieder einemal nicht funktioniert. Das Auslagern zu irgendwelchen Heinzelmännchen ist nichts anderes als das IKEA-Ssytem: die Heinzelmännchen sind niemand anders als wir und unsere angeblich eingesparte Zeit.
Bei den Banken kommt erschwerend hinzu, dass im Lauf der Jahre alles viel komplizierter geworden ist als ein IKEA-Bastelsatz, weil so viele Politiker/innen mit Blick a) zum Gipfel (ihre Wiederwahl) und b) in den Abgrund (der drohende Zusammenbruchs des Finanzsystems an sich selbst) erkannt haben: Sie müssen die Banken vor uns schützen, und darum muss unser Zugang zu unserem Geld hochsicherheitsmässig ausgestattet sein, am besten so, dass wir im Zweifelsfalls so, dass wir gar nicht mehr dran kommen, und darum ma besten gleich auch das so höllisch unkontrollierbare Bargeld abschaffen; denn wir sind ja alle potentielle Schieber, Mafiosi und Geldspekulanten, und da’s von denen schon mehr als genug gibt, lässt’s die Politik bei denen bewenden, die’s schon sehr gut können, und sperrt uns alle aus. Rein prohylaktisch, natürlich…
Im zarten Alter von 30 Jahren eröffnete ich ein Postcheckkonto, um bessere Kontrolle über mein damals plötzlich sehr knappes Einkommen zu bekommen. Ich rief beim zuständigen Postcheckamt Zürich an, wurde mit einem resoluten älteren Herrn verbunden, der sich meine Personalien notierte und, nachdem ich ihn um eine gute, leicht merkbare und sinnstiftende Kontonummer bat (das hab ich von meiner Mutter), mir die Ziffernfolge 80-36459-9 nannte; mehr könne er mir nicht bieten. Ich war etwas enttäuscht, aber froh, das Bürokratische so rasch hinter mich gebracht zu haben. Erst einige Wochen später realisierte ich die Genialität dieser Ziffernfolge: 80 war eh klar, für Zürich, aber dann: Neunerreihe vom Feinsten: 36:9=4 plus 45:9=5 ergibt die Summe von 9, und um den Divisor nicht zu vergessen, wird er in der Prüfziffer am Ende genannt!
Ja, so unkompliziert und kundenfreundlich war das damals, als das noch nicht als «Postfinance» daherkam. (Schweren Herzens musste ich das Konto mit der feinen Nummer vor ein paar Jahren gegen ein anderes tauschen; doch die Ziffernfolge und den netten Herrn, den ich später hin und wieder für Fragen anrief, aber nie getroffen habe, werd ich mein Leben lang nie vergessen!)

Morgana: In der Schweiz gibt es Ähnliches: Ich habe mal zwei Monate lang versucht, ein Postkonto zu eröffnen, für einen kirchlichen Dienst, bei dem ich damals arbeitete. Das Problem war, dass es sowas in der Post-Denke nicht gibt; es ist keine Privatperson, keine Firma, kein Verein… Ein öffentlich-rechtlicher Dienst hat keine Vereinsstatuten, keinen Handelsregistereintrag, keinen Personalausweis… Nach wochenlangem Hin und Her und unzähligen Telefonaten gab ich auf und ging zur Kantonalbank. 5 Minuten später hatte ich das gewünschte Konto.

Marina: Kafka im Hier und Jetzt.


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