
Der Leuchtturm des investigativen Journalismus in Italien, die Sendung REPORT des öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehanstalt RAI, tritt mehr oder weniger Grossen in Politik und Wirtschaft empfindlich auf die Füsse. Manch einer von ihnen mag sich schon lange gewünscht haben, dass REPORT die Flügel gestutzt werden. Woher der Wind weht, hat die Nummer 2 der Republik Italien, Senatspräsident Ignazio La Russa, ein alter Neofaschist, unlängst anklagend auf den Punkt gebracht: Von den in REPORT-Folgen kritisierten Personen gehörten nur 1,3 Prozent zum Mitte-Links-Lager – eine Statistik mit Boomerang-Effekt; denn wenn sie stimmt, zeigt sie vor allem eines: Dreck am Stecken haben in Italien überwiegend Leute rechts bis weit rechts der Mitte.
Nun scheinen eben diese Leute es geschafft zu haben: Unter ihrem Druck, aktiv unterstützt von der gleichermassen ausgerichteten Regierung in Rom, macht sich die Direktion der RAI daran, den REPORT-Chef Sigfrido Ranucci von seinem Posten entfernen.
Ranucci ist einer der gefeiertsten Journalisten des Landes, dem ein undurchsichtiges Attentat von letztem Herbst auf sein Haus zur Last gelegt wird, anscheinend in Auftrag gegeben von Valter Lavitola, einem zwielichtigen und glücklosen Journalisten und Medienunternehmer mit Verbindungen zu Sozialisten und Berlusconi und in zahlreiche politische Manöver verwickelt. Lavitola und Ranucci sollen sich in den letzten Jahren öfter und zunehmend freundschaftlich getroffen haben; in Untersuchungshaft verstrickte sich Lavitola in widersprüchliche Begründungen für das Attentat: er habe den Bekanntheitsgrad von Ranucci so erhöhen wollen, dass er danach hätte als Staatspräsident kandidieren können, oder, er habe mit dem Attentat Druck ausüben wollen, damit der Staat Ranucci eine grössere Sicherheitseskorte stelle, und dergleichen mehr. Das war für die Meute das Signal zum Angriff auf das Opfer, das in einer noch nie so gesehenen Medienschlacht zum Täter umfunktioniert wurde.
Fakt ist, dass eine von Neofaschisten, Nationalisten und Rechtsliberalen gebildete Regierung dem kritischen Journalismus einen Maulkorb verpassen möchte. Damit das nicht so offenkundig sei, soll die RAI Ranucci einen anderen, «ebenbürtigen» Posten anbieten, doch der denkt nicht daran. Eines der Angebote: Ranucci möge die Leitung der RAI-Journalistenschule in Perugia übernehmen. Sein sarkastischer Kommentar: «Sie versetzen Ranucci, weil er ihnen nicht passt, und setzen ihn als Lehrer ein, um weitere 100 Ranucci auszubilden. Und was machen sie dann mit denen, versetzen sie die auch?»
Der Fall Ranucci/REPORT ist nur ein besonders auffälliges Beispiel für eine Regel, die in allen Ländern des Wertewestens gilt: Haben sich die Rechten einmal als Regierung etabliert, wird kritischer Journalismus nach Kräften bekämpft, weil er schädlich ist für das eigene Geschäft.
Hintergrund:
«La Rai cerca l’exit strategy per Ranucci»
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