
Kürzlich blieb mein Blick im Geschäft meiner Wahl an riesigen weissen Gemüsezwiebeln hängen. In Erinnerung an ein einfaches, aber köstliches Gericht, das uns eine junge Bäuerin an einem kalten Januarmittag vor vierzig Jahren auf dem toskanisch-emilianischen Apennin aus dem Ofen gezaubert hatte, konnte ich nicht widerstehen, auch wenn mir bei der noch immer sommerlichen Hitze nicht gerade nach Backofen zumute war.
Gestern abend hab ich die kinderballgrosse Zwiebel geschält, vorsichtig querdurch halbiert, in eine Gratinform gelegt, mit Salz und Pfeffer, Peperoncini und Rosmarin gewürzt, mit Olivenöl begossen und mit Reibkäse bedeckt, den Boden der Form mit Bouillon bedeckt und ab in den Ofen für eine Stunde. Dazu nicht zu feste Polenta, die Zwiebel mitten drauf, und zuvor eine Portion Kimchi, bis das Mahl etwas abkühlte. Dazu eine feiner Refosco, mein lokaler Hauswein hier im Friaul. Gut war’s; aber vor vierzig Jahren war’s köstlicher, vielleicht, weil Maria mehr Übung und Wissen hatte, vielleicht wegen des Ambiente oder einfach wegen der Verklärung im Erinnern.
Meine Partnerin und ich waren damals tags zuvor mit dem Nachtzug, in dem wir Neujahr gefeiert hatten, frühmorgens in Florenz angekommen, hatten im Bahnhof einen Cappuccino und eine Brioche genossen und den nächsten Zug in den Norden genommen, dort auf ein Taxi gewartet, das uns so nah wie möglich zum ersten Ziel fuhr. Da geradeaus das Strässchen hoch, ihr werdet das erste besetzte Haus schon finden; und weg war er.
Der materielle Zweck der Reise bestand darin, den Bruder meiner Partnerin zu besuchen, der in einer der Gruppen von jungen Aussteigern lebte, die aus den Städten in den einst dichter besiedelten Apennin gezogen waren, leerstehende Häuser bewohnten und etwas Landwirtschaft betrieben. Wir brachten ihm Esswaren und Zigaretten aus der Schweiz mit, entsprechend beladen stiegen wir bergan und fanden nach einer halbstündigen Wanderung das Haus, wo wir nach kurzer Erklärung unseres Ziels wie alte Freunde begrüsst und zum Mittagessen eingeladen wurden – leider kämen wir einen Tag zu früh, denn erst anderntags würden sie das Schwein schlachten; dabei sahen sie einander an, als ob sie sich das nicht zutrauten. Nach dem Essen und einer Siesta erklärten sie uns den weiteren Weg, es sei eigentlich ganz einfach: Geradeaus weiter dem Walrand entlang, dann «a un certo punto» nach rechts und immer der rot-weiss-roten Markierung folgen, ins Bachtobel hinunter und drüben wieder bergan, das grosse Tipi neben dem Haus sei von weitem zu sehen; in knapp zwei Stunden sollten wir am Ziel sein.
So versorgt mit Nahrung, Rat und besten Grüssen ins andere Haus zogen wir mit unseren Rucksäcken hoffnungsvoll los, immer Ausschau haltend nach dem «gewissen Punkt» mit der Markierung – nichts, niente. Und kein Mensch und kein Haus weit und breit, nur endlose Kastanienwälder und Berghänge, braun in braun auf einer dünnen weissen Schicht Schnee, enorm fotogen, das schon. Vielleicht waren wir schon zu weit gegangen? Also wieder ein Stück zurück; nichts. Also doch weiter voran? Nach anderthalb Stunden und angesichts schwindenden Tageslichts beschlossen wir, zum Haus zurückzukehren. Wir wurden mit grossem Hallo begrüsst: schön, dass ihr wieder da seid, ihr könnt es ja morgen nochmals versuchen, dann kommt einer von uns, der eh auch dorthin will, der kann euch führen. Leider seien sie jetzt gleich alle zu einem Kino in der Stadt unterwegs, wir sollen es uns derweil gemütlich machen und könnten uns oben auf der Galerie zum Schlafen einrichten. Wir versprachen zum Dank, bei ihrer Rückkehr warte ein Nachtessen auf sie, oh gern, und weg waren sie. Wir heizten erst den Herd ein, füllten das Wasserschiff und ein paar Töpfe und nahmen ein Bad zu zweit in einem grossen Zuber. Dann kramten wir aus unseren Rucksäcken einige Esswaren hervor, nicht unglücklich, die Last für morgen etwas verringern zu können, kochten eine üppige Sauce und hielten einen Topf mit heissem Wasser für die Spaghetti bereit. Es wurde ein spätes, fröhliches Abendessen, bei dem wir einiges über die Geschichte und die Wiederbesiedlung der Gegend erfuhren.
Anderntags nach dem Frühstück begaben sich die Kommunarden nach draussen, um alles für die Schlachtung vorzubereiten; das Schwein stand in der Nähe, mit einem Seil um ein Hinterbein an den Zaun gebunden. Die Vorbereitungen schienen eher etwas unschlüssig voranzugehen, mit schüchternen Scherzen hin und her, wer denn nun… Als wir zum Aufbruch drängten, meldete sich sogleich einer von ihnen: er werde uns zu einem benachbarten besetzten Haus führen, wo wir unseren Führer treffen würden. Dort angekommen, war nur Maria zu sehen, vom Führer noch keine Nachricht. Daher lud sie uns und unseren Begleiter zum Mittagessen ein, zu den eingangs gelobten gratinierten Gemüsezwiebeln. Während des angeregten Gesprächs in der ofenwarmen Küche war auch die bevorstehende Schweineschlachtung in ein paar ungefähren Nebensätzen Thema. Als unser Führer am Nachmittag endlich eintraf, machten wir uns sogleich auf den Weg, während unser Begleiter zu seinen Kommunarden zurückkehrte, mit Maria im Schlepptau. Ich wurde den Verdacht los, dass sie das Schwein werde schlachten müssen; von allen, die wir bisher hier getroffen hatten, machte sie am ehesten den Eindruck, in bäuerlicher Umgebung aufgewachsen zu sein.
Unser Führer erwies sich bald als nicht viel ortsgewandter als wir; immerhin sprach er unzweifelhaft richtig und gern Italienisch, was freilich angesichts der Abwesenheit von Einheimischen wenig hilfreich war. Den «certo punto» fand auch er nicht auf Anhieb, und die rot-weiss-rote Markierung war oft nicht zu finden, so dass wir gelegentlich ein Stück des Trampelpfads zurückgehen mussten, um dessen Fortsetzung erneut zu suchen. Bei Einbruch der Dämmerung konnten wir immerhin am fernen Horizont ein Tipi erkennen; bis dort hinauf suchten wir uns in zunehmender Dunkelheit den Weg und gelangten erst in der Nacht ans Ziel. Mission accomplished, Lagerfeuer unterm Sternenhimmel und Zwiebeln im Bauch, was wollten wir mehr?
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