Neutral und eigenständig #1: Sichere Ernährung


Warum ich als unabhängiger Linker am 27. September zweimal Ja stimme.

Bodenprobe für die regenerative Landwirtschaft (Foto: Cossacks / Wikimedia Commons)

Es ist wohl zum erstenmal, das ich bei einer Volksabstimmung gleich zweimal gar nicht einverstanden bin mit den Parolen von SP und Grünen und vielen Organisationen der Zivilgesellschaft. Ich befürworte die beiden Volksinitiativen für eine sichere Ernährung und zur Wahrung der schweizerischen Neutralität. Die Urheberschaft beider Initiativen könnte nicht unterschiedlicher sein, doch beide fördern aus meiner Sicht den Schutz der Bevölkerung in zunehmend ungewissen Verhältnissen. Für mich ist nicht nachvollziehbar, dass Linke und Grüne sich aus taktischen Überlegungen für ein doppeltes Nein einsetzen. 

Im ersten Teil meine Argumente für ein Ja zur Ernährungsinitiative [1].

«Es ist Unsinn,
sagt die Vernunft.
Es ist was es ist,
sagt die Liebe.»

Erich Fried


Stur und unrealistisch?

Eine Volksabstimmung vor exakt neun Jahren schrieb den Art. 104a über die Ernährungssicherheit in die Bundesverfassung der Schweiz: «Zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln schafft der Bund Voraussetzungen für die Sicherung der Grundlagen für die landwirtschaftliche Produktion, insbesondere des Kulturlandes.»

Heute beträgt die Selbstversorgung des Landes netto 42,5%, das heisst: mehr als die Hälfte der Ernährung in der Schweiz hängt von Importen ab. Darum setzt die Initiative als Ziel, innert zehn Jahren einen Selbstversorgung von netto 70% zu erreichen.

Die Landesregierung, alle Parteien, sämtliche Parlamentsmitglieder sind gegen die Initiative, und keine Umweltorganisation unterstützt sie – weil sie das Ziel entgegen anderslautender Studienergebnisse für unrealistisch halten, obwohl sie das Ziel generell befürworten.

Unrealistisch ist freilich, zu glauben, mit den mühsam errungenen kleinen Schrittchen in der Schweizer Agrarpolitik der letzten dreissig Jahre (ich war selber jahrelang daran beteiligt) sei irgendwann eine grundlegende Veränderung in der Schweizer Landwirtschaft zu erreichen. Zwar reden alle davon, man müsse von der extrem tierlastigen und umweltbelastenden Produktion wegkommen; doch nach wie vor fliessen 75% der Agrarsubventionen in die Produktion von Fleisch, Milch und Eiern. 

Ihr friendly fire gegen die Initiative begründen Linke, Grüne und Umweltorganisationen – selbst jene, die beim Unterschriftensammeln noch mitgeholfen hatten! – auch damit, die Initiant/innen um Franziska Herren seien stur. Stur und unrealistisch ist wohl vielmehr das Festhalten an der bisherigen Art, die Agrarpolitik mit Vorstössen zu verändern. Hier stehen sich eine zu recht ungeduldige Barfuss-Initiantin und vergleichsweise gemütliche Bedenkenträger in Parlament und Organisationen gegenüber. Dass die Initiant/innen ihre Anliegen fundiert zu vertreten wissen, haben sie in Streitgesprächen in Radio [2] und Fernsehen [3] unter Beweis gestellt.


Mehr Pflanzen, mehr Wasser

Die Initiative will einen höhere Selbstversorgung der Schweiz durch einen Verlagerung auf den Anbau von pflanzlicher Nahrung erreichen: durch eine Verlagerung der Agrarsubventionen weg von der Tierproduktion und durch mehr Marktunterstützung für pflanzliche statt nur für tierische Produkte. Es geht nicht, wie bürgerliche Gegner behaupten, um ein veganes Konsumdiktat, sondern um die Herstellung eines Gleichgewichts, um gleich lange Spiesse. Von den 40% der landwirtschaftlichen Nutzfläche, die sich für Ackerbau eignet, wird heute gut die Hälfte für den Anbau von Futter genutzt; die Initiative betrifft also nur rund 20% der gesamten Nutzfläche, während sie die tierische Nutzung von Hügel- und Grasland (50% der Nutzfläche) gar nicht in Frage stellt.

Dass die Entwicklung noch heute in die falsche Richtung geht, zeigt der jüngste Beschluss der zuständigen Kommission des Ständerats, die den Widerstand der Bauern gegen das Freihandelsabkommen mit Südamerika (Mercosur) mit einer Aufstockung der Agrarsubventionen um von 517 Mio. Franken brechen will. Die Hälfte davon soll für Investitionskredite genutzt werden, um Ställe zu modernisieren – sprich: um die tierische Produktion auf hohem Niveau fortzusetzen. [4] Die treffendere Antwort auf sie befürchtete Billigkonkurrenz mit Fleisch aus Brasilien und Argentinien hat die Initiative: mehr auf Pflanzen- statt Tierproduktion setzen!

Die Initiant/innen machen geltend, dass der Anbau pflanzlicher Nahrung 10x mehr Kalorien pro Fläche erbringt, bei 10x geringerem Einsatz von Pestiziden und Dünger. Damit werden gleichzeitig Gewässer und Grundwasser geschützt, die heute unter grossem Druck durch die tierische Produktion stehen. Genügend und sauberes Trinkwasser sind eines der Kernziele der Initiative.


Trend zu weniger Fleisch

Fleischkonsum wird durch die Initiative nicht «verboten», der Entscheid über den persönlichen Einkaufskorb bleibt unangetastet. Dass der heutige Fleischkonsum mit 47 kg pro Person und Jahr (in früheren Zeiten war er sogar höher) auch aus gesundheitlichen Gründen problematisch ist, sagt sogar das Bundesamt für Gesundheitswesen, das höchstens 18 kg pro Jahr empfiehlt. Die Folgekosten des hohen Fleischverzehrs für Umwelt und Gesundheit beziffert das Initiativkomitee auf 32 Milliarden Franken pro Jahr – sozialisierte Kosten, verursacht durch Tierproduktions-Subventionen von rund 3 Milliarden Franken jährlich.

Der Konsum von Fleisch nimmt schon unter und trotz der aktuellen Agrarpolitik ab. Immer mehr Menschen entscheiden sich, Fleisch teilweise durch andere Produkte zu ersetzen, aus gesundheitlichen Gründen, zum Schutz von Umwelt und Klima oder um die Zahl der leidenden Tiere zu verringern. Die Initiative liegt durchaus im Trend und verstärkt ihn, und das ist gut so. Und eine wachsende Zahl von Bauernhöfen überlegt sich den Ausstieg aus der tierischen Produktion und schafft ihn mit fachlicher Beratung [5].

Ich persönlich unterstütze die Initiative, weil ich daran interessiert bin, dass sie einen möglichst hohen Ja-Stimmenanteil erreicht – eine deutliche Nein-Mehrheit hingegen würde die bisher ineffiziente Agrarpolitik nur bestärken.


Quellen:

[1] Initiativkomitee, Argumente

[2] Tagesgespräch Radio SRF, 31.08.2026

[3] Arena Fernsehen SRF, 04.09.2026

[4] Echo der Zeit, Radio SRF, 04.09.2026

[5] Radio SRF, 09.09.2026: Ein Bauernhof verabschiedet sich von der Tierhaltung


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