Kategorie: Ein&Zufälle

  • WaldLeben? Eine Reise in meine Vergangenheit

    Kürzlich wurde ich unerwartet in meine eigene Vergangenheit entführt. Verena Rothenbühler und Oliver Schneider, beide Zürcher Historiker, recherchierten Quellen zum Thema Waldsterben und waren dabei auch auf den Verein «WaldLeben» gestossen, den ich zusammen mit ein paar Freunden 1983 gegründet hatte – für die Erhaltung des Waldes überall auf der Welt.

    Wir hatten nicht einfach auf dem plötzlichen Medienhype mitreiten und die üblichen Forderungen aus ökologischer Sicht stellen wollen, sondern eigenverantwortliches Handeln fördern und damit Glaubwürdigkeit und Machbarkeit solcher Forderungen an Politik und Wirtschaft beweisen. Unser Ziel war es gewesen, mindestens 100’000 Menschen in der Schweiz zu finden, die sich freiwillig bereit erklärten, ihre Autofahrten auf ein Minimum zu beschränken, ihre Wohnung bis höchstens 19 °C zu heizen – und von den Behörden auf allen Ebenen Taten zu fordern. 

    Ob ich Zeit für ein paar Fragen hätte? Ja, sicher; aber ich musste mich erst einmal in meinem Archiv wieder in unsere damaligen Aktivitäten einlesen, es war so viel geschehen für mich seither. Was ich auf Anhieb fand, war ein Ordner mit den Ausgaben der Zeitschrift «Luftpost», die wir von 1984 bis 1990 herausbrachten und die ich redigiert und gestaltet hatte. Und während ich durch die 32 Ausgaben blätterte, staunte ich immer wieder, was wir damals alles getan und geschrieben hatten. Es ging längst nicht nur ums Auto, auch wenn dessen Gebrauch im Zentrum stand. Einzelne Aktionen hatte ich vergessen, auch deren Zahl und Vielfalt. Waldbegehungen zusammen mit Förstern, Tourneen zu Fuss oder mit Ross und Wagen durch die Dörfer, kulturelle Veranstaltungen im öffentlichen Raum, Sternwanderung aus allen Regionen der Deutschschweiz aufs Rütli, Demonstration für saubere Luft in St. Gallen mit 4000 Menschen, kurze Besetzung der Quaibrücke oder von Parkplätzen in Zürich, Vorstösse an Krankenkassen wegen der Folgen der Luftverschmutzung, und so weiter. Grössere Aktionen hatten wir jeweils zusammen mit verschiedenen nationalen und regionalen Organisationen geplant und umgesetzt.

    Aus den Wurzeln verschiedenster Gräser

    Die Art unseres Tuns hingegen war mir sogleich wieder vertraut. Der Verein «WaldLeben» zählte nur wenige Mitglieder, personell viel wichtiger waren die Menschen in den verschiedenen Regionen der Deutschschweiz, die sich autonom unter dem Motto «WaldLeben» zusammenfanden und aktiv wurden, graswurzelartig und ohne Direktiven von einer Zentrale. Meine Aufgabe als Initiant beschränkte sich auf die Redaktion der Zeitschrift als Mittel der Kommunikation untereinander und gegenüber einer interessierten Öffentlichkeit, auf Koordination soweit gewünscht und auf Gedankenanstösse. Die lose organisierten Gruppen in den verschiedenen Regionen bestanden aus Menschen, die sich aus anderen Zusammenhängen bereits kannten; einige von ihnen hatte ich zu Beginn kontaktiert, weil ich sie von früheren gemeinsamen Tätigkeiten kannte, beim Förderverein für Umweltschutzpapier und Selbstverwaltung, bei der Leser Zeitung, beim M-Frühling und ähnlichen Gelegenheiten.

    Trainingslager für die Erderwärmung?

    Das anderthalbstündige Gespräch mit meinen beiden Interviewern war auch für mich selber sehr aufschlussreich, weil ihre Fragen wie Scheinwerfer in eine Zeit meines Lebens leuchteten, die längst vergangen schien. Mir wurde etwa bewusst, dass die damals heftige Diskussion um das Waldsterben und die damit verbundenen Aktionen beider Lager (Autoverzicht versus «Mein Auto fährt auch ohne Wald») rückblickend betrachtet als Trainingslager für die weit bedeutendere und heftigere Debatte um die Erderwärmung hätte dienen können. Wir hätten nur am Thema dran bleiben brauchen, als der Hype in den Medien vorüber war. Reportagen über den Zustand des Waldes in der Schweiz und in anderen Ländern wären auch zehn, zwanzig, dreissig Jahre später nötig und interessant geblieben; denn nur weil inzwischen Autos mit Katalysatoren und Industrieanlagen mit Abgasfiltern ausgerüstet werden mussten, waren die Ursachen der Luftverschmutzung und des Waldsterbens ja nicht an der Wurzel behoben worden. Die zunehmende Erderwärmung war für einigermassen informierte Zeitgenossen zwar schon damals als drohendes Hintergrundrauschen wahrnehmbar; aber es schien noch so fern, dass der thematische Bogen vom Waldsterben bis dorthin wohl zu weitgespannt schien, zumal damals die Kräfte schon zur Bekämpfung des sauren Regens sehr beschränkt waren. Hätten wir in unserem damaligen Aktivismus so langfristig gedacht, wie wir es von den Förstern bei den Waldbegehungen eigentlich gelernt hatten, dann hätten wir nicht nochmals von vorne beginnen müssen, als der Streit um die Erderwärmung begann.

    Rationierung der Brennstoffe?

    Der Verein WaldLeben hatte sich nach ein paar Jahren nicht aufgelöst, weil das Problem in den Medien kaum mehr präsent war, und auch nicht wegen steter Geldknappheit. Wir gaben aus inhaltlichen Gründen auf. 1988 hatten wir die Idee für eine Volksinitiative zur Rationierung von Treibstoffen lanciert und zahlreiche Organisationen zur Stellungnahme und Mitarbeit eingeladen. Bei den Umweltorganisationen stiessen wir allerdings auf schroffe Ablehnung, einzig Greenpeace und die Schweizerische Energie-Stiftung begrüssten unseren Vorschlag. In einer Luftpost-Leserumfrage sprach sich eine knappe Mehrheit für die Idee aus. Auch die Mitgliederversammlung stand mehrheitlich hinter der Idee, beschloss aber, sie mangels Partnern fallen zu lassen. Gleichzeitig beschlossen wir die Auflösung des Vereins, da wir dessen Anliegen inzwischen wenigstens teilweise von anderen Organisationen wahrgenommen sahen. Der Name WaldLeben ging an die seit Jahren aktive Gruppe in Zürich über, die Luftpost wurde als unabhängige Zeitschrift weitergeführt und diente als Organ für den 1986 gegründeten Verein freund/innen/der/erde (Schweizer Mitglied im des Internationalen Verbands Friends of the Earth International), bis sich dieser sich Ende 1990 auflöste. (Später wurde Pro Natura zum Schweizer Mitglied von FOEI).

    Brückenschlag von links-grün bis bürgerlich-konservativ

    Meine Interviewer fragten, warum für uns das Auto im Zentrum unserer Argumentation gestanden hatte. Ich bin nicht sicher, ob wir uns das damals explizit überlegt hatten; vielleicht hatten wir das einfach intuitiv so entschieden. Jedenfalls ist das Auto, gerade in einem Land der Wohnungsmieter wie der Schweiz, für viele der einzige private Raum, über dessen Gebrauch sie einigermassen frei entscheiden können. Also war das Auto der beste Ansatzpunkt für die freiwillige Selbstbeschränkung, auf der wir aufbauen wollten. Mieter dagegen können bestenfalls ihren individuellen Konsum einer bestehenden Heizung beeinflussen; Werktätige haben so gut wie keinen Einfluss auf den Verbrauch fossiler Energie an ihrem Arbeitsort. 

    Weiter wollten sie wissen, ob denn WaldLeben vor allem Menschen links der Mitte angesprochen habe. Nein, ich erinnere mich an gute Begegnungen auf unseren Wanderungen von Dorf zu Dorf und, unter Führung lokaler Förster, durch die Wälder, mit bürgerlich, konservativ eingestellten Menschen, nicht zuletzt die Förster selbst, die schon für ihren Beruf eine konservative Haltung mitbringen müssen, um Bäume mit einer Lebensdauer von fünf oder mehr Menschengenerationen zu hegen und zu schützen. Und ich erinnere mich an ein Treffen mit dem damaligen, oft als stockkonservativ belächelten Bundesrat Alphons Egli, der eine Abordnung von uns empfing, während unsere bunte Truppe mit Ross und Wagen vor dem Bundeshaus wartete. Nach Ablauf der geplanten Viertelstunde wurde Eglis Sekretär nervös und zeigte immer wieder auf die Uhr; doch Egli wischte protokollarische und terminliche Bedenken beiseite: Ich will jetzt mit diesen jungen Menschen reden, denn das ist wichtig, was sie tun – und er entliess uns erst nach einer Dreiviertelstunde. Auch wenn dieser intensive persönliche Austausch hernach in der Politik kaum Folgen zeigte, vielleicht auch, weil Egli nach einer Amtsperiode schon wieder zurücktrat, zeigten diese und viele andere Begegnungen, dass das Waldsterben Menschen in allen Schichten und politischen Lagern betroffen machte, auch einen Freund, der damals der Autopartei nahestand, und auch meinen Vater, der mit den links-grünen Überzeugungen seiner Kinder grosse Mühe hatte, die persönliche Erklärung zur Reduktion seines Autogebrauchs aber unterzeichnete und ernst nahm.

    Ja, wenn es uns gelungen wäre, diesen Brückenschlag mit Schwung weiterzutragen, auch über die Sprach- und Landesgrenzen hinaus, dann wäre die Gesellschaft vielleicht besser vorbereitet gewesen für die viel grösseren Herausforderungen durch die Erderwärmung, die heute immer mehr Menschen bewusst werden, viele aber auch hilflos machen. Kann sein, dass wir zu uns zu sehr dagegen sträubten, feste Strukturen für unser Tun zu schaffen. Allerdings glaube ich bis heute nicht daran, dass klar strukturierte und zentral geführte Bewegungen wirklich jene Veränderung bewirken, die notwendig ist, damit immer mehr Menschen lernen, anders miteinander und mit der Welt umzugehen.

    PS: 
    Menschen anregen und befähigen, selber Schritte zu machen, hat mich immer besonders interessiert, auch später. Bei WaldLeben die «Persönliche Erklärung», in der M-Frühling-Zeitschrift Tips für Alternativen zum üblichen Konsum, bei KAGfreiland die Drehscheibe, über die sich Konsumenten und Bauern leichter finden konnten, bei fair-fish die leicht merkbare Formel «Fisch max. 1x im Monat» und für jene, die es genauer wissen möchten, den Fischtest.
    Die Veränderung im Grossen wird nicht nachhaltig sein, wenn sie nicht im Kleinen gelebt wird.

  • Entzwei.

    Was haben wir im Deutschen doch für ein schönes, klares Wort dafür! En deux, a pezzi, en dos, em dois – nein: entzwei und gut ist. Oder meinetwegen atwain oder asunder, doch gilt beides als etwas veraltet.

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  • Dieser Familie verdanke ich mein  Leben

    Schon in meinem ersten Lebensjahr bin ich gefeiert worden, vor 76 Jahren. Die Foto ohne Datum aus dem Familienfundus muss von meinem Vater wohl nach meiner Taufe geknipst worden sein – ein Anlass, der mich aber nicht kirchlich zu prägen vermochte.

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  • Rückblick auf den Alltag im Spital #23

    Spital Gorizia

    Heute vor 24 Tagen wurde mein Dickdarm in einer grösseren Operation wiederhergestellt. Nachdem ich in der Zwischenzeit alle 24 Türchen der Rekonvaleszenz geöffnet hab und mirakulöserweise alles wieder einigermassen so funktioniert wie von der Natur vorgesehen, wag ich mich an den hoffentlich letzten Rückblick dieser Art; mein persönlicher Jahresabschluss, sozusagen.

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  • Alltag nach dem Spital #21

    Foto: Irmy Algader

    Nach zwei Nächten zuhause, schon etwas erholt dank zweimal langen tiefen Schlafs mit einer an meiner Schulter eingerollten, überglücklichen Zizzi, wag ich einen ersten kleinen Ausgang in Irmys fürsorglicher Begleitung. Kaffee ist mir leider noch verboten, wie manch anderes auch, doch Grüntee ist nicht minder fein.

    Mehr später, auch die Rasur; noch brauch ich viel Ruh. Alles gut.



    Zuerst publiziert am 17.12.2022 auf Facebook.
    Folge #20 – Folge #22 
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    Auswahl aus vielen Glückwünschen auf Facebook:

    Christine: Weiterhin beste Besserung. Schön, dass Irmy für dich da ist!

    Stella: Sei fuori, sei a casa. Vedo un accenno di sorriso. Le fusa dei gatti sono taumaturgiche. Buon recupero!

    Miriam: Mit zusammengerollt Katze an der Schulter kann es ja nur besser werden, Hexerich!

    Norbert: Hoppla, was war los? Du siehst gut aus, wie ein Mitt-Sechzigjähriger, der aktiv Sport betreibt und eine gute Lebensführung aufweist… Gute und schnelle Genesung, was auch immer dich beeinträchtigt, lieber Billo!

  • Alltag im Spital #20

    Die Zeit im Spital nach einer Operation geht zäh vorüber, während der Körper sich durch Liegen und Dösen nur langsam erholt. Und da jedes Spital eine Maschine ist mit Ihren eigenen industriellen Abläufen, ist an konzentrierte Ruhe bestenfalls nachts zu denken, nicht vor zehn Uhr abends und nicht nach sechs Uhr früh, vor allem nicht hier, wo alle Zimmertüren immer offen stehen.

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  • Alltag im Spital #19

    Frankfurt am Main, Rossmarkt, 2015 (Foto: Dietmar Rabich / Wikimedia Commons)

    Hab heut zum erstenmal seit achteinhalb Monaten gesch… pardon, auf anständiges Spitalitalienisch heisst das andare di corpo, es geht also etwas aus dem Körper hinaus, und je nach Satzstellung ist nicht immer ganz klar, ob es nicht ich selber bin, der den Körper verlässt. Vielleicht daher rührt die gepflegte Formulierung se ne è andato, wenn jemand gestorben, also weggegangen ist.

    Ärztin und Krankenschwestern haben mich soeben mit strahlenden Augen beglückwünscht, als wär ich ein Baby, das zum erstenmal die Windel vollmacht. Das kleine Bisschen in der Kloschüssel wäre lächerlich, würde es nicht beweisen: Jetzt kann es wieder losgehen! Und das schon am fünften Tag nach der Wiederherstellung des Darms. Ein Hoch auf die Chirurgie und die Umsorgung hier im Spital Gorizia!– Mehr später mal; ich bin noch zu erschöpft.


    Zuerst publiziert am 12.12.2022 auf Facebook.
    Folge #18 – Folge #20 
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    Auswahl auf Kommentaren auf Facebook:

    Walter: Darf ich bei dieser Gelegenheit mal ein bisschen mit meinen Französischkenntnissen hausieren? Also: „Une défécation réussie vaut mieux qu’un coït sans inspiration.“

    Markus: Erst jetzt realisiere ich diese hinterhältige doppelbödige Bezeichnung vom Stuhlgang… mea culpa mea culpa mea maxima culpa…

    Bibi: Wie schön! Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich jemals so gefreut hätte, wenn jemand mir erzählte, er hätte Stuhlgang gehabt. Aber nachdem ich die ganze Geschichte kenne, bin ich froh über das Andare Di Corpo!

    Katrin: Hurrah, ich freu mich sehr über Deinen kuriosen wie unglaublich erleichternden Bericht! So ein Geburtstag zwischendurch irgendwie! Einen sehr langen, harten Weg gut gemeistert. Glückwunsch und weiterhin gute Genesung .

    Marcel: Ich kann es Dir gut nachfühlen, nach meinem Unfall hatte ich ebenfalls Probleme, die körperlichen «Geschäfte» wieder zu erlernen.

    Roland: Von ganzem Herzen beste Besserung, lieber Billo! Mach keinen Sch… wäre sicher das Falscheste, das man jetzt grad sagen könnte. Ich drücke… die Daumen.

    ¨Fritz: Gute Erholung Billo, deine Beschreibungen sind etwas vom Interessantesten, das ich auf FB lese!

    Lothar: Nee – also – so schlimm wie auf dem Foto sieht es noch nicht in den meisten Kliniken des Rhein-Main-Gebiet aus, auch wenn da einiges zum Himmel stinkt. Und z. B. aus der Hochtaunusklinik hast du je nach Zimmer schönere Aussichten als in der Frankfurter Innenstadt.

    Fevziye: Ein kleiner Haufen für die Menschheit , ein grosser Fortschritt für dich.

    gute und schnelle Genesung 

  • Alltag nach dem Spital #16

    Durch diese Hohle Gasse muss er kommen (Foto: Nikater/Wikimedia

    Gestern bin ich zur Abwechslung einmal zu einem Opfer der Spitalpolitik und -Bürokratie geworden. Nachdem vor einem Jahr (2021) ein geübter Ultraschallspezialist in meiner Blase einen kleinen Krebs im Anfangsstadium entdeckt hatte, den ein nicht minder geübtes Team vor Ende Jahr während eines kleinen Eingriffs vollkommen entfernt hatte, verschrieb man mir als vorsorgliche Nachbehandlung eine Chemotherapie, der ich mich in den ersten Monaten dieses Jahres unerfreut, aber brav unterzog.

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  • Alltag nach dem Spital #15

    Bild: Der Koloss des Spitals Cattinara oberhalb Trieste.

    Erst drei Monaten sind vergangen, seitdem ich aus dem Spital nachhause gekommen war, schwach und froh um jede Hilfe. Heute morgen fragte mich ein Freund am Telefon nach meinem Befinden. Gut, sagte ich, sehr gut sogar, und gleichzeitig wurde mir der Kontrast bewusst zwischen meinen Worten, meinem Zustand noch vor kurzem und der Tatsache, dass ja noch nicht alles wie zuvor ist, und ich füge bei:

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  • Aufreger statt Verbundenheit

    Illustration: https://www.empathyarchitects.life/services/mitakuye-oyasin.-heart-of-native-spirituality

    Die überhitzten Debatten über Bewusstsein künstlicher Intelligenz – und über political correctness, Gender-Sterne, kulturelle Aneignung und weitere Aufreger – sind Ausdruck einer Gesellschaft, in der die Einsicht in das Zusammenhängen von allem mit allem verloren gegangen ist. «Mitakuye Oyasin» nennen es nordamerikanische Ureinwohner, (for, to) all my relations. Noch haben einige von ihnen überlebt und könnten der bigotten und brutalen Gesellschaft, die ihre Völker ausgerottet hat, den Ausweg aus hyperaktivem Rechthabenwollen zeigen.

    Nichts ist ohne alles das, was meine Vorfahren dachten und taten, nichts ist, ohne dass ich es mit allen Wesen teile, nichts wird gewesen sein, wenn meinen Nachkommen kein Denken und Tun mehr bleibt. Rücksicht im Umgang mit allem ist die Lehre daraus. Wenn ich alles, was mir zur Verfügung steht, achtsam behandle und mit Rücksicht auf andere nutze, ist es vollkommen unerheblich, ob ein Computer eine Seele hat.


    Zuerst publiziert am 31.07.2022 auf Facebook


    Reaktionen auf Facebook (2022)

    Johannes: Spitze! Sticht aus den unzählige Kommentaren wohltuend hervor.

    Ralf: Danke, Billo. Ich bin auch nur noch sprachlos. Es begann vereinzelt mit Trump, Bolsonaro, Orban und einigen anderen. Nun breitet sich ein Irrsinn immer weiter aus und das dann auch noch auf verschiedenen Wellen. Irrsinn, Blödheit oder was auch immer es ist. Und diese Menschen meinen, etwas Besseres zu sein, mehr zu wissen! Dabei zerstören sie alles, sind nicht bereit, nachzudenken (oder können es nicht). Es ist wie ein Virus in verschiedenen Varianten. Ich merke immer wieder live, wie viel wir von anderen, insbesondere von diesen «Primitiven» lernen können. Sie sind uns weit voraus!

    Erich: Ein Hauptproblem ist, dass jeder eine eigene Meinung hat, aber keine eigene Bildung. 

    Reaktionen auf Facebook (2026)

    Reingard: Du sprichst mir aus dem Computer oder aus der Seele vieler menschlicher Sichtweise: Rücksicht im Umgang mit allem ist die Grundlage. Es braucht dazu nichts als die Fähigkeit, die Umgebung und Stimmungen wahrzunehmen. Eine Art Kommunikationsbereitschaft und Verbundenheit to all my relations. Leider hat der Konkurrenzkampf uns das abtrainiert. Wir rennen mit geschlossenen Augen und mit Stöpseln in den Ohren durch die Stadt, um den Baulärm nicht zu hören, verkabelt mit dem I-Phone und hören uns Vogelgezwitscher zur Entspannung an. Ganz verloren sind wir noch nicht, aber bald.

  • Alltag nach dem Spital #13

    An der Strandpromenade von Thessaloniki

    Schon vier Wochen wieder zuhause? Ich war doch erst noch im Spital… Die Zeit scheint mir im Rückblick viel kürzer; dabei ist so viel passiert, dass ich meinen müsste, vier Wochen reichten gar nicht hin dafür.

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  • Alltag nach dem Spital #12

    Die erforderlichen Pflegeutensilien bei künstlichem Darmausgang.

    Seit 18 Tagen bin ich wieder bei mir zuhause. Ich staune oft in dieser Zeit. Zum Beispiel darüber, dass meine Katze Zizzi mir nichts übel nimmt, nicht mein ungewohnt langes Fernbleiben während eines ganzen Monats, nicht meine schlappe Unbeholfenheit in der ersten Woche nach meiner Rückkehr.

    Oder darüber, dass das kleine Loch in meiner Bauchwand, durch welches ein Blutgerinnsel in meiner Bauchhöhle drainiert worden war, schon eine Woche nach Entfernung der beiden Katheter von selber ganz zugewachsen war. Bei meinem Alter und meiner körperlichen Verfassung hätte ich das nicht erwartet; ein gutes Zeichen, meinte die Pflegerin bei der ersten Nachkontrolle im Spital. Und bei der zweiten Nachkontrolle gestern wurde bereits eine dritte für September in Aussicht genommen; dann soll die Operation geplant werden, die meinen Darm wieder mit dem Enddarm verbinden wird. Bis dahin behelfe ich mir mit dem künstlichen Darmausgang (Stoma) auf der linken Bauchseite, in dessen täglicher Pflege ich längst Routine habe.

    Und ich staune, wie rasch ich meine physische Selbstständigkeit Stück um Stück zurückgewinne. In den ersten Tagen nach der Entlassung war ich in vielem von Irmys Unterstützung im Alltag abhängig und hätte mich ohne ihre Begleitung nicht auf kurze Gänge für Besorgungen gewagt. Nicht einmal zwei Wochen später begann ich, alleine für mich einzukaufen, nur wenig, wie ich Irmy zur Beruhigung gesagt hatte, um dann allerdings mit einem vollen Rucksäcklein und zwei vollen Tragtaschen heimzukehren. Denn ich hab Appetit und Hunger wie ein Jungspund und lege täglich gut 200 Gramm an Gewicht zu, ein veritables, aber freiwilliges Mastprogramm. Als ich aus dem Spital kam, wog ich 21 Prozent weniger als mein langjähriges Normalgewicht, inzwischen lieg ich nur noch 14 Prozent darunter.

    Vor allem aber staune ich über das schon weitgehend wiedererlangte mentale Gleichgewicht, nein, genauer: darüber, dass ich mich an ein neues Gleichgewicht gewöhne, das aus weniger Arbeit und mehr dolce far niente besteht. Mein neuer Alltag beginnt früher und endet früher, was ich alte Nachteule mir nie hätte vorstellen können. Ich weiss, dass der Weg bis zur völligen Genesung noch lang ist und Geduld und Beharrlichkeit von mir verlangt. Aber so, wie es ist, bin ich zufrieden und geniesse, wer ich bin und was mich umgibt.


    Zuerst publiziert am 28.06.2022 auf Facebook.
    Folge #11 — Folge #13
    Alle Folgen: Suchbegriff «Spitalalltag» eingeben.


    Ausgewählte Reaktionen auf Facebook:

    Sabine: Danke fürs Erzählen deiner Geschichte. Ich lese mit Interesse mit – deine Berichte sind viel besser als das meiste in den zusammengesparten Zeitungen. Und ich wünsche dir weiterhin gute Genesung.

    Ulrike: Ich lese alles von Ihnen. Ganz egal, wieviel Sie wiegen. Ihre Geschichte wiegt alles auf.

    Ralf: Die Waschmaschine gehört aber nicht zu den Utensilien dazu, nicht wahr? Dann wäre ich doch beunruhigt. Super, dass du so schnell wieder hochkommst. Das zeigt doch: «Forever Young»!

    Ulli: Du beschreibst sehr gut, wie untrennbar Körper und Geist zusammenhängen oder der Körper eben auch Geist ist und umgekehrt. Dein Staunen ist erfrischend und es macht Mut, mit potenziell auftretenden eigenen Erkrankungen geduldig umzugehen. Danke, Billo!

    Nilda: So einen begnadeter Schreiber… Das dolce far niente kommt dir diesbezüglich sehr entgegen. Ich freue mich, noch vieles von dir zu hören/lesen und unterdessen, schön Brav bliibe, gäuet Sie!

    Franca: Buon proseguimento, la calma è la virtù dei forti.

     

  • Alltag nach dem Spital #11

    Vor einer Woche bin ich nachhause zurückgekehrt, voller Optimismus und Vorfreude auf die Lebewesen, die ich einen Monat lang hatte vermissen müssen. Schwäche nach der ersten Euphorie; ich musste mich erschöpft hinlegen, froh darum, dass Irmy noch eine Weile in der Nähe blieb und sich auch weiterhin um Dinge kümmern wird, die mich noch zu sehr anstrengen. Und so verbrachte ich die ersten Tage in meiner Wohnung, zum Glück von sommerlichem Licht und Luft durchströmt: erschöpft nach jeder kleinen Anstrengung, körperlich wie geistig.

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  • Alltag nach dem Spital #10

    Zweites Frühstück auf meinem Balkon (Foto: Irmy Algader).

    Seit zwei Tagen bin ich wieder zuhause, genauer: ich versuche noch, ganz zuhause und bei mir anzukommen. Es ist viel schwieriger, als ich dachte; manchmal fühle ich mich gewisser Weise zurückversetzt in die ersten Tage nach der Operation, in ein Hinundhergerissensein zwischen ich schaff das und: bloss wie? Doch damals vor einem Monat hatte mich das das viel existenzieller getroffen, eine Geschichte, die ich bis jetzt nicht einmal mir selber von Grund auf zu erzählen wagte…

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  • Alltag im Spital #08

    Medikation eines Patienten (Foto: Elora McCutcheon / Wikimedia Commons)

    Spital: Eingeliefert – ausgeliefert
    In Spitälern bleiben unzählige Körperverletzungen ohne Entschuldigungen und ohne Entschädigungen.
    Urs P. Gasche, Infosperber,   

    Wer ein Spital betritt, setzt sich einem erheblichen Risiko aus: Jeder zehnte Patient und jede zehnte Patientin erleidet wegen Behandlungsfehlern einen gesundheitlichen Schaden. 

    Uff, da hab ich ja noch mal Glück gehabt!

    Ich hab mich allerdings auch nicht wie ein schweigendes Lamm verhalten, sondern wollte immer wissen, was das Ziel bestimmter Infusionen, Medikamente oder Massnahmen sei. Das schafft nicht nur Klarheit für mich, sondern auch einen Moment erhöhter Aufmerksamkeit bei Pflegerin oder Arzt. Vertrauen zwischen ihnen und dem Patienten setzt eben Kommunikation voraus.


    Zuerst publiziert am 10.06.2022 auf Facebook.
    Folge #7 – Folge #9
    Alle Folgen: Suchbegriff «Spitalalltag» eingeben.


    Ausgewählte Kommentare auf Facebook:

    Ralf: Die Kommerzialisierung schreitet voran, die Menschen werden nicht als solche, sondern als Humankapital betrachtet. Dieser verächtliche Ausdruck kam in den 90ern auf. In Deutschland ist zum Beispiel jede zweite Hüftoperation unnötig. Es stecken sich viele an Krankenhauskeimen an, Tausende sterben jährlich. Das Gesundheitssystem muss in der öffentlichen Hand sein.


  • Alltag im Spital #09

    Heut bin ich einen Monat hier
    und heute gehe ich nachhaus.
    Ich freu mich auf mein Katzentier,
    aus meiner Küche ersten Schmaus,
    will meiner Pflanzen Blütenpracht
    geniessen noch zur rechten Zeit,
    den Spargel noch mit seiner Macht
    verzehren, dass er mich befreit.
    Ein grosser Schritt zurück zu mir,
    zurück ins Leben – und voran.
    Respekt mischt sich in mein Plaisir:
    ob ich den Vorsatz halten kann?
    Die Zeit des Wartens war so lang…
    bin ruhig jetzt und geh es an.


    Zuerst publiziert am 10.06.2022 auf Facebook.
    Folge #8 – Folge #10
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    Ausgewählte Kommentare auf Facebook:

    Esther: Viel Geduld! Es ist manchmal nicht so einfach, wie man sich das wohlgepflegt im Spitalbett vorstellt.

    Margrit: Katzen machen vor, wie gelebt werden soll.

    Irmy:
    Da stand Herr Billo schon im Zimmer,
    Sehr rotbehost und fast wie immer,
    Kaum langsamer als sonst im Schritt,
    «Ciao tutti» und schon fuhr er mit,
    über die übliche Stradale,
    Im Panda bis nach Cividale.

    Billo: Na ja, meine Schritte sind schon noch sehr bedächtig, und treppauf bleibt’s bis auf weiteres eine Herausforderung für mich, der sich gewohnt war, mindestens zwei Stufen auf einmal zu nehmen…

    Irmy: Zwei Stufen auf einmal nehmend aus dem Spital springen – das wär dann allerdings die Patientenweltmeisterschaft, dafür hattest du ja nicht geübt.

    Susanne: Auch das Katzentier wird begeistert sein. Möge der Spargel und die eigenen vier Wände dir gut bekommen.

    Dagmar: Freu Dich auf dein eigenes Bett, falls das Katzentier dich zum schlafen mit hineinlässt!

  • Alltag im Spital #07

    Vorgestern nach dem Mittagessen waren drei Hilfspflegerinnen zu mir ins Zimmer gekommen und erklärten mir lachend, dass sie mich nun gleich in ein anderes Zimmer verlegen würden, in una camera di lusso, ganz alleine für mich! Aber ich bin ja auch hier seit Tagen alleine im Zimmer, nicht? Ja, doch die beiden Betten in diesem Zimmer brauchen wir für neue Patienten, darum. Keine Sorge, wir tragen Dir alles ins andere Zimmer, Du musst Dich um nichts kümmern.

    (mehr …)
  • Alltag im Spital #05

    Als ich vor etwas mehr als drei Wochen nach der Notaufnahme in die Degenze eingeliefert wurde, die Etage der Bettlägerigen vor oder nach einer Operation, war ich erstaunt, nur zwei Betten im Zimmer vorzufinden; später erklärte mir eine Pflegerin, dass das Vier-Bett-Zimmer, in dem ich letzten Dezember für drei Nächte lag, hier die Ausnahme sei. Und ich hatte Glück: das freie Bett lag bei den zwei grossen Fenstern mit Blick in die Weite.

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  • Alltag im Spital #04

    Blick über das Spitalgelände in Gorizia

    Meine Bemerkungen unlängst über die hiesige Spitalkost scheinen bei vorbelasteten Leserinnen Bilder von Schlangenfrass provoziert zu haben. Das tut mir leid; ganz so übel ist es denn doch nicht. Es gibt sogar hin und wieder positive Überraschungen auf dem Tablett, das mir mittags und abends auf den Tisch beim Fenster gestellt wird.

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  • Alltag im Spital #03

    Ob ich mir denn nicht von Freunden Mahlzeiten ins Spital bringen lassen könnte? Auch mein Lieblingsarzt hier hat mir das vorgeschlagen, als ich vor sechs Tagen endlich Normalkost essen durfte. Abgesehen davon, dass dem in meinem Fall ein paar Hindernisse entgegenstehen: Ich zweifle, dass dies der richtige Weg wäre. Denn so würde die Dreiklassenmedizin nur noch gefördert: Oben die vermögenden Privatversicherten, hier der grosse Rest und darunter jene, die noch nicht ganz durch das soziale Netz gefallen sind und keine Freunde haben, die es auf sich nähmen, was Feines herzubringen, oder sich ein Catering nicht leisten könnten. Auch darum gehört genesungsfördernde Kost zu den Kernaufgaben eines Spitals.

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