Über die demokratische Kontrolle von grossen NGOs

Claude Martin, CEO WWF International 1993-2005

Der WWF gerät zunehmend in die Kritik. Je mehr er wächst, desto öfter wird ihm vorgeworfen, mit den grossen Konzernen zu packeln. Die vom WWF geschaffenen Zertifikate FSC (Holz) und MSC (Fisch) stehen im Verdacht, industriellen Raubbau an der Natur grün zu bemänteln. Den gleichen Verdacht nähren die vom WWF mitgetragenen Rundtische für nachhaltige Produktion von Palmöl, Soja usw. Würde der WWF besser daran tun, sich mit grossen Konzernen gar nicht an einen Tisch zu setzen? Nein, es ist im Gegenteil absolut wichtig, mit big players zu verhandeln – die Frage ist allerdings, in welchem Verhandlungsziel.

Um es plakativ zu sagen: Strategien à la Greenpeace scheinen mir erstens wirkungsvoller und zweitens kohärenter mit den Werten, die der eigenen Basis wichtig sind. Das heisst: Erst mal auf den Putz hauen, die Untaten eines big players mit spektakulären Aktionen öffentlich machen, bis dieser nicht anders kann, als Verhandlungen zu suchen, um sich aus der Schusslinie zu nehmen. Der WWF macht es eher umgekehrt: er sucht Verhandlungen mit big players und geht an die Öffentlichkeit mit einem Resultat, welches zwangsläufig näher bei den Interessen der Grossen Spieler liegt. Der Journalist Wilfried Huismann stellt in seinem «Schwarzbuch WWF» [1] einige dieser enttäuschenden Resultate vor.

Das schrieb ich vor zwei Tagen. Heute bin ich zufällig auf ein Interview aus dem Jahr 2006 gestossen, welches onlinereports.ch [2] mit dem ehemaligen WWF-International-CEO Claude Martin geführt hatte. Ich empfehle es zur Lektüre. Es zeigt das strategische Denken, das zu Werkzeugen wie FSC und MSC oder diversen Sustainable Roundtables geführt hat. Hier ein kleiner Ausschnitt

Frage Onlinereports.ch (23.02.2006): «Ein Beispiel für die „zu grosse Nachsicht“ des WWF sind die von Ihnen einst erforschten Regenwälder des zentralen Afrikas, die der WWF schützen will, indem er den Holzkonzernen sein Know-how anbietet. Ernst zu nehmenden Kritikern fehlt aber die permanente Kontrolle in diesen von Armut und Korruption gezeichneten Staaten. Sie sagen, die Waldvölker, Wildtiere und Landschaften im Kongo-Becken würden so unter den Augen des WWF dem Fortschritt geopfert. Warum hält sich der WWF so zurück?»

Antwort Claude Martin: «Ich glaube, diese Kritik geht komplett an den Tatsachen vorbei. Es ist doch nicht der WWF, der die Kontrolle über Korruption oder den Abbau der Armut in diesen Ländern übernehmen kann. Wir können im besten Fall durch unsere Länderoperationen zu einer Besserung beitragen. Ausserdem müssen wir in den Verhältnissen arbeiten, die wir vor Ort antreffen. Es ist auch absurd zu behaupten, wir würden die Wälder und Waldvölker dem Fortschritt opfern, wenn wir dafür sorgen, dass ein Netzwerk von Schutzgebieten entsteht, und die umliegenden Waldgebiete nachhaltig genutzt werden.»


Gute Ziele führen zu weniger guten Taten, wenn Bosse allein entscheiden

Der Denkansatz ist nicht falsch; der Fehler liegt vermutlich vor allem im Fehlen einer starken Instanz, welche die Resultate im Feld kritisch mit dem strategischen Ziel konfrontiert. Ich denke dabei nicht an eine externe Beratungsagentur, deren Unabhängigkeit durch Interesse an weiteren Aufträgen aus dem Hause WWF begrenzt ist. Was dem WWF zu wünschen wäre, ist eine Kontrollinstanz im Innern, die von der Führung unabhängig frei prüfen und urteilen kann.

Eine der Stärken des WWF liegt in dessen Präsenz in den Regionen, dank zahlreicher Freiwilligen. Diese engagierten Menschen sind manchmal frustriert über den Widerspruch zwischen dem WWF-Bild, das sie in ihre Umgebung tragen, und Massnahmen, die  fern von ihnen auf CEO-Ebene beschlossen werden. Ich erinnere mich an den Zorn in den Augen der Leiterin einer WWF-Regionalgruppe, als sie erfuhr, dass unter dem vm WWF geförderten MSC-Label [3] auch mit Grundscheppnetzen gefischt werden darf. Oder an jenen WWF-Aktivisten, der aus Zorn darüber, dass der CEO des WWF Schweiz sich in einer Abstimmungskampagne öffentlich auf die Seite der rechtsbürgerlichen SVP stellte, seine Spende seither Greenpeace zukommen lässt.


Demokratische Kontrolle muss zu einem Spendenkriterium werden

Auf lange Sicht sind es die Freiwilligen, die den WWF tragen – oder eben nicht mehr. Diesen Menschen müsste der WWF die Kompetenz geben, auf nationaler und internationaler Ebene direkt ins Steuer einzugreifen und so der CEO-Kultur, die sich v. a. am Wachstum der Instrumente orientiert, ein Korrektiv entgegenzusetzen.

Das gilt nicht nur für den WWF, sondern für alle Grossorganisationen, welche die Zivilgesellschaft als Vehikel beanspruchen [4], für Greenpeace,  Amnesty International und viele weitere. Ob freiwillig für eine NGO tätige Menschen Einfluss auf die Übereinstimmung zwischen Zielen und Resultaten nehmen können, müsste zu einem Kriterium für die eigene Spendenbereitschaft werden.


Zuerst publiziert am 02.06.2012 auf Facebook


Quellen:
[1] Wilfried Huismann (2012): «Schwarzbuch WWF», ISBN 978-3-579-06631-8
Zusammenfassung auf Deutsch — Summary in English
[2] Onlinereports.ch (23.02.2006): Interview von Ruedi Suter mit mit Claude Martin, Ex-CEO WWF International (1993-2005)
[3] Zur Kritik am Fischlabel MSC
[4] Zum Demokratiedefizit in grossen NGOs


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